Räume weiten

Kirchenrenovierung als liturgischer Aufbruch
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 20. November 2019
  • |
  • 168 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7504-7257-0 (ISBN)
 
Mit der Renovierung entstand 2012 in den alten Mauern der 1910 eingeweihten Heidelberger Friedenskirche das "visionärste Gotteshaus der Region" (Rhein-Neckar-Zeitung).
Dieser Band dokumentiert, wie die Neugestaltung des Kirchenraumes zu einer fortschreitenden Erneuerung des Gottesdienstes führt. Kirchenrenovierung, so der Grundgedanke dieses Bandes, heißt nicht nur Erhalt, sondern auch Aktualisierung eines Gottesdienstortes auf Gegenwart und Zukunft hin.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 1,44 MB
978-3-7504-7257-0 (9783750472570)
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I. Das Kreuz im Kirchenraum


Gerd Theißen:


Das Kreuz Jesu - Sühnetod und Ärgernis. Seine
Deutungen damals und heute


Manche Wissenschaftler meinten, Jesus habe nicht gelebt. Aber keiner zweifelt daran, dass er gekreuzigt wurde. Trotz aller Skepsis gilt das als gesichertes Datum der Jesusforschung. Paulus nennt das Kreuz ein Ärgernis für Juden und eine Torheit für Griechen, eine Beleidigung von Weisheit, Bildung und Geschmack. Er hörte darin die Botschaft: Gott identifiziert sich mit dem, was Menschen verachten und verwerfen, und zeigt damit allen, die in der Welt verworfen werden, dass er auf ihrer Seite steht. Die literarisch Gebildeten schüttelten damals den Kopf über diese Botschaft. Der Philosoph Kelsus hielt (ca. 180 n.Chr.) den Glauben an Jesus für eine Zumutung, weil Jesus "auf ehrlose Weise gefangen und in allerschändlichster Form hingerichtet wurde" (Or c.Cels. 6,10). Aber auch einfache Menschen verspotteten den Gekreuzigten. Um 200 hat in Rom jemand aus der Unterschicht einen Christen durch ein Graffitto verspottet, in dem er zeigt, wie er einen Gekreuzigten mit Eselskopf anbetet. Darunter steht als Inschrift: "Alexamenos betet Gott an".19

Der Tod Jesu war schon in der Antike ein Ärgernis. Die Christen gaben ihm aber nicht nur den Sinn, dass Gott anders denkt als Menschen. Sie deuteten ihn auch positiv - in einer Weise, die man in der Antike akzeptieren konnte: als ein Sterben für andere, als Sterben "für unsere Sünden" oder "für uns". Dahinter steht die Vorstellung eines Sühnetods. Paulus benutzt zwar nur einmal den Begriff SÜHNE, aber er tut es an einer zentralen Stelle im Römerbrief:

"(Wir) werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. Den hat Gott für den Glauben hingestellt als SÜHNE in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt ..." (Röm 3,24f)

Paulus kannte beide Deutungen des Todes Jesu - als Sühne und als Ärgernis. Interessant ist: Wo er vom Tod Jesu als Ärgernis und Skandalon spricht, tritt der Sühnegedanke zurück. Wo er umgekehrt vom Sühnetod spricht, fehlt das Stichwort "Ärgernis". Das ist kein Zufall: Dass man den Göttern zur Sühne (d.h. zur Besänftigung ihres Zorns) Opfer brachte, war in der Antike eine vertraute Vorstellung. Die Vorstellung der SÜHNE war kulturkonform. Diese Vorstellung ärgerte niemanden. Durch Sühnopfer wurde das Verhältnis zu den Göttern "entstört", bereinigt, wieder hergestellt. Dass Gott selbst diese Beziehung stört, indem er ein ÄRGERNIS schafft - das Ärgernis des Kreuzes, das allen Maßstäben der Welt widerspricht -, das war damals eine Provokation. Diese Deutung widersprach der damaligen Kultur.20

Heute ist es genau umgekehrt: Dass das Kreuz ein ÄRGERNIS ist, entspricht in einem Punkt unserer Kultur: In ihr kommunizieren wir gerne durch Provokationen. Wenn eine religiöse Botschaft durch eine Provokation vermittelt wird, widerspricht das nicht unseren kulturellen Werten. Jede große moderne Dichtung enthält Provokationen. Die Vorstellung einer SÜHNE durch das Sterben eines anderen Menschen, ist dagegen heute für viele fremd. Schon gegen Ende des 16. Jahrhundert begann die Kritik am Sühnetod Jesu. Fausto Sozzini veröffentlichte 1578 ein Buch De Jesu Christe salvatore, in dem er die These vertrat, dass Gott frei sei, jedem Menschen zu vergeben, wenn er wolle, er sei dazu nicht auf ein stellvertretendes Opfer angewiesen. Ferner müsse jeder Mensch für sich Gottes Willen erfüllen und Strafe für Ungehorsam erleiden. Polen war seit der Warschauer Konföderation von 1573 das erste Land mit echter Religionsfreiheit. In Polen konnten daher die Sozinianer, Vorläufer der Aufklärung, eine Zeit lang eine Kirche bilden. Liberale Christen folgten den Sozinianern in ihrer Kritik. Heute greifen vor allem feministische Theologen diese Kritik auf. Alle wiederholen die beiden Argumente der Sozinianer. Erstens: Der Sühnetod widerspricht unserem Gottesbild. Gott ist frei zur Güte, ohne dass ein anderer sterben muss. Zweitens: Der Sühnetod widerspricht unserem Menschenbild. Schuld und Strafe muss jeder für sich tragen.

Wenn man heute über das Kreuz als Sühne und Ärgernis spricht, muss man also viele Vorbehalte überwinden. Ich möchte aber nicht mit diesen Vorbehalten beginnen, sondern beginne mit einer historischen Skizze, wie die Vorstellung vom Sühnetod Jesu im Urchristentum entstanden sein könnte. Etwas historisch verstehen ist ein Weg, etwas sachlich angemessen würdigen zu können.

Danach diskutiere ich die grundsätzlichen Einwände, die seit den Sozinianern gegen diese Vorstellung eingewandt werden. Man kann vom Neuen Testament her auf diese Einwände eingehen. Aber es bleibt ein Argument, das erst in der Gegenwart stark wurde: Das Kreuz symbolisiert Gewalt. Wir ächten Gewalt. Wir verehren sie nicht.

In einem dritten Teil versuche ich zu zeigen, dass die Vorstellung vom Sühnetod gerade wegen dieses Gewaltmotiv eine tiefe Weisheit enthalten könnte - auch für aufgeklärte und moderne Christen. 21

1. Wie kam es zur Vorstellung vom Sühnetod Christi?

Als die Jünger mit Jesus nach Jerusalem zogen, erwarteten sie nicht, dass Jesus dort hingerichtet wird. Das LkEv erzählt: "...er (sc. Jesus) war nahe bei Jerusalem, und sie (sc. die Jünger) meinten, das Reich Gottes werde sogleich offenbar werden" (Lk 19,11). Jesus hatte immer gesagt: Das Reich Gottes ist nahe. Es kommt zeichenhaft in meinem Handeln. Musste es jetzt nicht endlich für alle erfahrbar werden? Dasselbe Lukasevangelium erzählt dann, wie die Emmausjünger nach Jesu Hinrichtung völlig ratlos sind. Sie sagen: "Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde" (Lk 24,21). War das ein Irrtum gewesen? Der unerkannte auferstandene Jesus, dem sie auf dem Weg nach Emmaus begegnen, belehrt sie dann mit Hilfe des Alten Testaments darüber, dass sein Tod einen Sinn hat. Er sagt ihnen: "Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?" (Lk 24,26). Nach diesen Überlieferungen fanden die Jünger erst nach dem Tode Jesu einen Sinn in der Kreuzigung Jesu - und das auch nur aufgrund einer Begegnung mit dem Auferstandenen. Diese Darstellung

des LkEv mag von legendarischen Motiven durchzogen sein, aber sie zeigt, dass die Sinndeutungen des Todes Jesu erst nach dem Tode Jesu einsetzten.

Schon bald erzählten die Anhänger Jesu zwar, sie hätten eigentlich schon alles vorher wissen können, warum Jesus sterben musste - Jesus habe es ihnen vor seinem Tod vorausgesagt, aber sie hätten es nicht verstanden. Dieses Jüngerunverständnis gegenüber den Leidensankündigungen wird im ältesten Evangelium, im MkEv, immer wieder betont. Dadurch ist dieses Evangelium ein indirektes Zeugnis dafür: Zum Verstehen des Sinns seines Todes kamen die Jünger erst nach Ostern.

Auch das jüngste der vier kanonischen Evangelien, das JohEv lässt diesen Zusammenhang erkennen. Jesus weissagt, dass der Tempel abgebrochen und wieder neu errichtet wird. Das JohEv bezieht das auf seinen Tod und seine Auferstehung. Aber niemand versteht das. Danach kommentiert der Evangelist: " Als er nun auferstanden war von den Toten, dachten seine Jünger daran, dass er dies gesagt hätte, und glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesagt hätte." (Joh 2,22).

Wie kamen nun die Jünger darauf, seinem Tod ausgerechnet die Deutung zu geben: Er ist für unsere Sünden gestorben? Ich skizziere drei Erkenntnisse, die darin ineinander verwoben und verarbeitet sind:

a) Die erste Erkenntnis: Wir sind schuld!

Ein japanischer Doktorand, Shin Yoshida, schrieb vor kurzem in Heidelberg über die Deutung des Todes Jesu eine hoch interessante Arbeit, in der er die Entstehung der Sinndeutung des Todes Jesu so erklärt.22 Er sagt: Die Jünger hatten allen Grund, sich am Tode Jesu schuldig zu fühlen. Einer von ihnen hatte Jesu Aufenthaltsort verraten. Ein anderer hatte ihn verleugnet. Alle waren geflohen. Ergänzen kann man: Als Pilatus zwei Todeskandidaten dem Volk alternativ zur Freilassung anbot, Barabbas oder Jesus, da waren die Jünger nicht anwesend. Keiner schrie: Er ist unschuldig. Keiner hatte den Mut, Jesu Freilassung zu verlangen. Am Anfang der Sinndeutungen des Todes Jesu stand wahrscheinlich das schlechte Gewissen der Jünger: Wir sind an seinem Tod mitschuldig. Er ist wegen unserer Sünden, d.h. durch unser Versagen gestorben. Die Begegnung mit dem Auferstandenen in visionären Erlebnissen muss für sie wie eine Sündenvergebung gewesen sein: Jesus wendet sich ihnen trotz ihres Verrats zu. Sie dürfen sein Werk fortführen.

b) Die zweite Erkenntnis: Viele sind mitschuldig!

Von Anfang an aber war klar: Die Jünger waren nicht die einzigen, die am Tode Jesu schuld waren. Die zweite Erkenntnis...

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