Die Zeugin

Thriller
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. Dezember 2013
  • |
  • 464 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10168-8 (ISBN)
 
Die Vergangenheit ruht nie

Rory Mackenzie steht als Zeugin vor Gericht, als es plötzlich zu einem Überfall kommt. Zwar wird dieser vereitelt, doch zeigt sich später auf dem Überwachungsvideo, dass Rory gezielt als Geisel ausgesucht wurde. Zusammen mit dem Polizisten Seth Colder geht sie der Sache nach und stößt auf ein altes Familiengeheimnis. Ihr seit Jahren verschollener Onkel soll einen Geldtransporter überfallen und eine Millionensumme erbeutet haben. Doch was hat Rory damit zu tun?

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,88 MB
978-3-641-10168-8 (9783641101688)
weitere Ausgaben werden ermittelt

1

Damals

Es war eine Nacht für Sternschnuppen. Bevor sich der Schatten erhob und die Sirenen heulten, zog ein Meteoritenschauer über den Himmel: flammende Eisstrahlen, die die Luft zerrissen. Vielleicht stürzen die Meteoriten in die Berge, dachte Rory. Oder auf die Grundschule von Ransom River. Oder auf die Chevron-Tankstelle in der Stadtmitte. Dann würde es einen gigantischen Feuerball geben. Da lohnte sich das Risiko, um ein Uhr nachts aus dem Haus zu schleichen.

Trotzdem war ihr mulmig zumute.

Im Dunkeln schnürte sie ihre Converse-All-Stars. Vor ihrem Zimmer dehnte sich endlos und gewaltig der von weißen Sternen durchlöcherte Himmel.

Im Haus herrschte Totenstille. Sie wandte das Ohr zur geschlossenen Tür, aber sie hörte nichts – kein Fernsehen, kein Reden oder Lachen aus dem Zimmer ihrer Eltern. Pepper lag in der Küche in seinem Hundebett. Alle schliefen.

Vor dem Fenster flüsterte eine Stimme: »Rory.« Seth drückte die Hände an das Fliegengitter. In seinen Augen schimmerte Sternenlicht.

»Ich such gerade meine Sachen zusammen«, wisperte sie zurück.

Sie schob ein Fernglas in ihren Rucksack und hängte ihn sich um. Das Bild der Power Rangers fühlte sich an wie ein Schild, auch wenn das helle Plastik im Schein eines Meteoriten vielleicht aufblitzen konnte. Aber Sternschnuppen konnten ja nicht ihren mit schwarzem Stift auf den Rucksack geschriebenen Namen R. Mackenzie lesen und auf sie zielen. Oder vielleicht doch? Wie sagte ihr Dad immer: Schau nicht zurück, es könnte dein Verhängnis sein.

Seth stellte sich auf die Zehenspitzen, um hereinzuspähen. »Beeil dich.«

Sie steckte die Taschenlampe ins Sweatshirt. Dann schob sie das Fliegengitter auf, stemmte sich aufs Fensterbrett und sprang hinaus.

Die Luft war frisch. Sie duckte sich neben Seth ins Gras. In der Nacht schien er nur aus blondem Haar und einem verrückten Grinsen zu bestehen. Hinter dem Rasen und dem Avocadobaum, den Tomaten ihrer Mom und der schwarzen Betonziegelwand lockte die dunkle Landschaft.

Ransom River, zumindest der größte Teil davon, lag auf der anderen Seite von Rorys Elternhaus. Die Stadt mit ihren 172 000 Einwohnern, wie auf dem Plakat in ihrem Klassenzimmer stand, schlief tief und fest. Wie eine unendliche Reihe von Weihnachtsbäumen hielten die Straßenlaternen Wache. Weiter hinten warf Los Angeles einen verschwommenen gelben Schein über die Berge. Das erinnerte sie an die postatomare Szenerie in Terminator 2 – Tag der Abrechnung, den sie ohne die Erlaubnis ihrer Eltern heimlich bei Seth gesehen hatte.

Zusammengekauert wie ein Soldat im Einsatz, deutete sie auf schwarze Hügel im Norden, die die Sterne schluckten. »Am besten sehen wir von den Pinnacles aus.«

Seth gluckste. »Das ist kein Gefängnisausbruch.«

»Meine Eltern bringen mich um, wenn sie mich beim Rausschleichen erwischen.«

Mom würde sie besorgt und enttäuscht betrachten. Dad würde sie mit finsterem Gesicht antreten lassen und sie streng ermahnen: Aurora Mackenzie, so ein Benehmen ist absurd. Und sie würde rot anlaufen und sich nach einer gestotterten Entschuldigung in ihrem Zimmer verkriechen.

Doch nicht heute Abend. Sie liefen über das kühle Gras. Vor der hinteren Mauer sprang Seth hoch, um die Kante zu erreichen, und zog sich nach oben. Rory war dicht hinter ihm.

Auf der Schotterstraße auf der anderen Seite tauchten Scheinwerfer auf, die Seths Silhouette in die Nacht zeichneten.

Er erstarrte. Die Scheinwerfer gehörten zu einem schweren Fahrzeug, das noch ungefähr hundert Meter entfernt war. Eine Art Lieferwagen, der langsam auf sie zuschaukelte.

Seth zögerte keine Sekunde. »Komm, wir schaffen es, bevor er hier ist.«

Rory packte ihn am Bein. »Warte.«

Es gab keinen Grund, um ein Uhr morgens vor einem großen, alten Lieferwagen über die Straße zu laufen. Bloß dass Seth Colder es wollte. Als Mutprobe. Ratternd näherte sich der Transporter. Seth schaute sie an, und sein Gesichtsausdruck war wie eine Verheißung. Von Abenteuern. Rory kletterte nach oben.

In diesem Moment schalteten die Scheinwerfer auf Fernlicht. Seth leuchtete auf wie ein paranormales Wesen.

Rory sprang wieder nach unten und riss so heftig an seinem Bein, dass er sich nicht länger halten konnte. Sie landeten zusammen im Gras. Auf der anderen Seite der Mauer kam der Lieferwagen knirschend zum Stehen. Mit lautem Knarren öffnete sich die Tür.

»Mist«, zischte Seth.

Rory drückte sich an die Mauer. »Wir sind in meinem Garten, das kann uns niemand verbieten. Das ist das Grundstück der Mackenzies.«

»Und wenn es der UPS-Bote ist?«

Der Motor gurgelte. Vorsichtig stellte sich Rory auf die Zehenspitzen, um hinüberzuspähen. Das Blut gerann ihr in den Adern. Nur wenige Meter entfernt auf der Schotterstraße wartete der Lieferwagen. Davor ragte der Umriss einer breitbeinigen Gestalt auf. Der Mann stand einfach da und schaute sich um.

Schnell zog Rory den Kopf ein. »Was will der Kerl?«

»Was will Freddy Krueger?«

Ihre Haut begann zu sirren, als hätte sie mit nassen Fingern in eine Steckdose gefasst. »Los, zum Baumhaus.«

Sie selbst hatte Freddy Krueger noch nie gesehen, aber Seth hatte drei ältere Brüder und war öfter dabei, wenn sie was anstellten. Freddy Krueger hatte Messer als Finger und brachte Teenager um. Geduckt rannte Rory an der Mauer entlang zum Avocadobaum. Dunkel und glatt glänzten die Blätter im Licht der Sterne. Mit Seth an ihrer Seite huschte sie unter die Äste. Hinter der Mauer wummerte noch immer der Lieferwagen.

»Bist du sicher, dass es Freddy ist?«, fragte Seth.

»Will ich gar nicht so genau wissen.«

Sie kletterte den Baumstamm hinauf. Flink wie ein Eichhörnchen folgte ihr Seth. Im Baumhaus kauerten sie sich auf die ächzenden Bretter und lugten durch die Blätter. Die Scheinwerfer des Transporters erfassten die obere Hälfte des Baums.

»Meinst du, er kann uns sehen?«, flüsterte sie.

Seth schüttelte den Kopf.

Die dunkle Silhouette des Unbekannten bewegte sich. Wie ein Klotz, der den Strahl der Scheinwerfer teilte. Langsam drehte er sich im Kreis und stoppte mit dem Gesicht zum Baum.

»Oh«, entfuhr es Rory.

»Wir haben nichts gemacht«, meinte Seth.

»Meinst du, das interessiert Freddy Krueger?«

Sie verharrten reglos, die Hände um den Rand des offenen Baumhausfensters gekrallt. Dann bemerkte Rory andere Lichter in der Ferne.

Zuerst dachte sie, dass eine glühende Sternschnuppe auf den Boden gestürzt war. Weit, weit hinten auf der Landstraße in die Berge, in der Nähe der Autobahn nach Los Angeles, durchschnitten grelle weiße Lichter das Dunkel. Doch es war kein brennender Meteoritenkrater. Es waren große Lampen, wie sie von Bauarbeitern benutzt wurden, wenn sie nachts Highways reparierten.

Und diese Lichter waren umgeben von einem roten und blauen Blitzen.

»Seth.«

Er folgte ihrem Blick. Kurz darauf zuckte er die Achseln. »Weiß nicht.«

Aber Rory wusste es. Polizei und Feuerwehr. Vielleicht Krankenwagen. Sie parkten dort draußen beim Highway unter starken Scheinwerfern. Wie nach einem Riesenunfall.

»Unheimlich«, zischte sie.

Seth wandte sich wieder diesem Freddy auf der Schotterstraße zu. »Er sucht nach was. Vielleicht will er wohin.«

Sie beugte sich nah zu ihm. Das Ninja-Turtles-Shirt hing ihm lose um die mageren Schultern. Der Unbekannte ging anscheinend zurück zu seinem Wagen.

Dann kam vom Fuß des Baumes ein schlimmes Geräusch. Ein Kläffen.

Sie fuhr herum und lehnte sich durch die Falltür. »Pepper, schsch.«

Unten legte der kleine Hund die Pfoten an den Stamm. Sein Schwanz wedelte im Mondschein. Erneut bellte er.

»Pepper, nein«, flehte Rory.

Seth zupfte an ihrem Sweatshirt. »Sei still.«

Sie zog sich zurück ins Baumhaus. Der Mann im Scheinwerferlicht hatte gestoppt. Dann marschierte er wieder auf sie zu. Sie machten sich ganz klein.

Der Mann keuchte wie eine Mumie, die durch ihre Hülle atmete. Seine Schritte waren langsam und unregelmäßig. Sie hörten, wie er stolperte und unwillkürlich ächzte.

»Scheiße«, knurrte er.

Rory bekam heiße Ohren. Seth machte keinen Mucks.

Der Mann stöhnte. Er war da, gleich hinter der Mauer. »Verdammte Scheiße.«

Nach einem Klacken leuchtete der Strahl einer Taschenlampe durch das Baumhausfenster.

»Er weiß, dass wir hier sind.« Rory bebte.

Pepper bellte weiter. Der Strahl erstarrte. Freddy hustete schleimig und spuckte geräuschvoll aus.

Plötzlich hörten sie die Sirene. Fein wie ein Zirpen, vielleicht dort draußen bei den grellen Lampen und den roten Polizeilichtern am Highway.

»Ist er hinter uns her?«, wisperte Rory, dann schüttelte sie den Kopf. »Aber warum sollte er?«

»Keine Ahnung. Du bist doch das Genie.«

Sie boxte ihn auf den Arm. »Was soll der Quatsch?«

Er sah sie an. »Keine Sorge. Ich bin da.«

»Was soll das heißen?«

Er wirkte gekränkt. »Du weißt schon. Ich beschütze...

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