Lebendköder

Kriminalroman
 
 
Random House ebook (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 31. Oktober 2011
  • |
  • 336 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-07137-0 (ISBN)
 
Petri Heil, Petri Tod
Erik Schwenk, der Gewässerwart des Karlsruher Angelclubs, ist tot. Die Todesursache ist alles andere als natürlich: In einem Waldstück am Rheinufer wird der kräftige Mann an einem Baum hängend gefunden. Erschlagen. Und aufgeschlitzt. Wie ein toter Fisch. Es gibt kaum verwertbare Spuren. Für Carmen Henning und Albert Schneider, die sich nicht ausstehen können, ist bei den Ermittlungen Eile geboten. Als die zweite Leiche am Fluss auftaucht, jubilieren Presse und Staatsanwaltschaft: Ein Serienkiller?


Susanne Graf arbeitet als freie Journalistin und Autorin in Karlsruhe und hat mehrere Sachbücher verfasst. 'Lebendköder' ist nach 'Der Bildermacher' ihr zweiter Roman um das Ermittlerduo Carmen Henning und Albert Schneider.
  • Deutsch
  • 0,70 MB
978-3-641-07137-0 (9783641071370)
3641071372 (3641071372)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Zwei


Jewgenij hockte sich ins feuchte Gras und zündete sich eine Zigarette an. Er war es gewohnt zu warten. Der Rheinpegel ließ zu wünschen übrig. Das Wasser brach sich an den Steinen der Buhne und sog in kleinen Strudeln winzige Blätter und Insekten in die Tiefe. Die Spitze seiner Rute machte gleichmäßige Bewegungen, während das Blei über den Grund rollte. Kein Biss. Seit Stunden. Nicht mal ein Zucken. Aber so langsam könnte er kommen - der große Fisch. Und Steidl. Steidl war selten pünktlich. Aber das machte nichts. Jewgenij hatte es nicht eilig. Steidl war es, der es immer eilig hatte. Jewgenij war es nur wichtig. Das war ein Unterschied. Eile war ihm zuwider. Wichtiger war, dass Steidl überhaupt irgendwann auftauchte. Steidl war anstrengend. Jewgenij stellte sich vor, dass der magere alte Kerl sich das alles tatsächlich fest vorgenommen hatte - es war ein Witz. Er war irr, keine Frage. Ein wirrer alter Mann, immer hektisch. Wenn Jewgenij recht darüber nachdachte, hielten sich bei Steidl wahrscheinlich Verrücktheit und unendliches Wissen die Waage - Genie und Wahnsinn -, und im Grunde war ihm gerade deswegen eben doch so ziemlich alles zuzutrauen. Dem Professor. Steidls Aufregung war Jewgenij schleierhaft. Was sollte das Ganze - solange es überhaupt noch Fische gab, war schließlich alles in Ordnung. Ob er einfach gehen sollte?

Er konnte sich keine anstrengendere Gesellschaft als die Steidls vorstellen - einerseits. Andererseits war es wenigstens Gesellschaft. Gut dosiert. Nie zu viel, darauf musste man Wert legen, wenn man mit Steidl kooperierte. Aber ohne den Professor hätte Jewgenij niemanden mehr zum Reden. Zumindest niemanden, der ihm in die Augen sah beim Sprechen. Trotz seines deformierten Gesichts. Im Fernsehen hat er mal eine Sendung gesehen über Menschen wie ihn. Bei denen die Haut an bestimmten Stellen nicht aufhörte zu wachsen. Jewgenij hätte sich eine Behandlung leisten können. Aber zum einen war er im Vergleich zu anderen Fällen lange nicht so schlimm dran mit den beiden Geschwüren im Gesicht. Und zum anderen: Er mochte es nicht, auf Teufel komm raus in die Natur einzugreifen. Er war sein Gesicht gewohnt, so, wie es war. Die Wucherungen behinderten ihn nicht, und er hatte von klein auf gelernt, dass es eben Menschen gab, die anders waren als andere.

Ein langes Frachtschiff schob sich den Rhein hinauf. Der Bug drückte das Wasser vor sich her. Machte mächtig Tempo, das riesige Ding.

Jewgenij musste an seine Mutter denken. Die hatte ihm früher - wie Steidl heute - auch immer ins Gesicht geschaut. Und sie hatte gesagt: »Jewgenij, Leute wie du machen das Leben bunter und interessanter. Stell dir vor, alle Menschen wären gleich. Das wäre doch so was von langweilig! Die Menschen brauchen immer etwas zum Reden. Jedes Mal, wenn dich jemand komisch anguckt, sich umdreht und anfängt, mit einem anderen zu tuscheln, musst du dir denken: Ha! Jetzt habe ich wieder jemandem eine Geschichte geliefert, die er heute Abend zu Hause beim Essen erzählen kann. So musst du das sehen, Jewgenij. Immer! Die Leute sind eben so. Wenn sie anders wären, könnten alle Zeitungen dichtmachen. Und morgen fällt eine andere Kuh in den Bach.«

Plötzlich zuckte die Rutenspitze. Hastig stand er auf und packte die Angel. Ein harter Anschlag. Adrenalin schoss in seinen Kopf. Und - ja. Da hing er. Jewgenij hob die Rute kraftvoll nach oben. Wieder das Zucken. Sehr hart. Ein Stampfen. Tak, tak, tak. Der Fisch schlug heftig mit der Schwanzflosse. Wand sich. Kämpfte. Aber er hatte keine Chance. Jewgenij war stärker. Der Drill dauerte keine zwei Minuten. Dann hob er den Fisch ans Ufer. Ein kleiner Zander. Ganz schön kräftig für so einen Winzling. Nicht der Rede wert, dieser Fisch. Aber er würde gut in die Pfanne passen.

»Petri, Jewgenij - Jewgenij!« Jemand klopfte ihm auf die Schulter. Es war Steidl. Jewgenij hatte ihn nicht kommen hören.

»Danke.« Jewgenij legte den zappelnden Fisch ins Gras und kramte nach seinem Knüppel.

»Hast du lange gewartet? Ich hatte noch was zu erledigen - erledigen.« Steidl stelzte wie ein Reiher an Jewgenij vorbei, balancierte über die Steine hinunter zum Wasser und fing an, sich die Hände zu waschen. Die paar grauen Haare auf seinem Kopf standen in alle Himmelsrichtungen ab. »Aber jetzt ist alles in Butter, Jewgenij. In Butter.«

»Gut«, sagte Jewgenij. Er holte aus. Der Knüppel sauste herunter. Der Fisch zuckte, als das Holz auf seinen Schädel knallte. Jewgenij hatte Mühe, ihn festzuhalten.

»Der arme Fisch«, sagte Steidl und kletterte über die Steine zurück. »Du wirst ihn doch auch essen, oder?«

»Ich bin Russe«, knurrte Jewgenij und schlug noch einmal zu. Dann griff er nach seinem Messer. »Du weißt doch, was man über Russen sagt?«

Steidl stemmte die mageren Hände in seine knochigen Hüften. »Nein? Was sagt man über Russen - Russen?«

Jewgenij legte den Fisch auf den Rücken und setzte die Messerspitze zwischen den Brustflossen an. »Dass sie alles fressen. Russen fressen alles, sagt man.« Dann stieß er zu. Langsam quoll das Blut aus dem kleinen Schnitt. Jewgenij hatte das Herz genau getroffen.

»Sagt man das?«

»Ja, das sagt man«, antwortete Jewgenij und warf den Fisch neben seine Tasche ins Gras.

Steidl zog seine Jacke aus, breitete sie auf dem Boden aus und setzte sich darauf. Er zog die Knie an und umschlang sie mit seinen dürren Armen. »Jewgenij, hast du schon mit ihm gesprochen?«

»Mit wem?« Jewgenij wusste genau, wen Steidl meinte.

»Mit Alois. Hast du mit ihm gesprochen - gesprochen?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Keine Zeit.«

Steidl seufzte. Er riss einen Grashalm ab und begann, ihn unruhig zwischen den Fingern zu drehen. »Du wirst es mir sagen, wenn du mit ihm gesprochen hast?«

»Ja.« Jewgenij holte aus. »Vorsicht, geh beiseite.«

Steidl lehnte sich nach rechts. Jewgenij konzentrierte sich kurz. Nahm die Rute noch weiter nach hinten. Der kleine Köderfisch baumelte kurz in der Luft. Surrend sauste die Schnur von der Rolle.

»Jewgenij?«

»Ja?«

»Frag ihn nach den Protokollen - Protokollen.«

Er fing wieder mit den Protokollen an. Wie sollte Jewgenij nach Protokollen fragen, ohne dass es Alois komisch vorkam. Steidl wollte es einfach nicht kapieren. »Professor, wie oft noch .«

Steidl erhob sich und fing an, hinter Jewgenij auf und ab zu gehen. »Wo ist das Problem - Problem?«

Jewgenij zündete sich eine Zigarette an. Der Rauch verteilte sich beißend in der Lunge. Er rauchte zu viel am Wasser.

»Jewgenij, nur diese drei Protokolle - Protokolle!«

»Professor, ich habe dir die alten besorgt. Du hast gesagt, alles in Butter. Wozu die neuen?«

»Weil ich sie brauche. Weil wir alle sie brauchen.«

»Wer sind wir alle?«

»Du, ich, alle. Jeder Mensch. Die Welt braucht diese Protokolle - Protokolle.«

»Jaja, die Welt.« Manchmal fragte er sich schon, warum er sich überhaupt mit Steidl abgab. Das Einzige, das er konnte, war, allen auf die Nerven zu gehen. Aber er tat Jewgenij auch leid. Er verfluchte sich für seine Schwäche für bemitleidenswerte Leute. Diese beschissene soziale Ader. Wer außer ihm befasste sich sonst noch mit Steidl? Kein Schwein. Zumindest nicht freiwillig. Gut, er wollte ja nichts Böses. Er war eben durchgeknallt. Weiter nichts. Und außerdem hatte Steidl nichts gegen ihn, gegen den komischen Jewgenij, den andere Leute nur stumm anglotzten und dabei die Luft anhielten. Steidl hatte keine Angst vor Jewgenij. Vielleicht war es Dankbarkeit. Dafür, dass Steidl ihm einfach in die Augen sah, wenn er mit ihm redete, und nicht ständig auf die beiden riesigen Geschwüre starrte, die zwischen Nase und Mund und am linken Auge wucherten. Ja, die Freaks mussten wahrscheinlich zusammenhalten. Steidl nannte ihn auch nicht »Blumenkohl«. Das war die Art der wenigen Leute, mit denen er sonst zu tun hatte, mit seinem entstellten Gesicht irgendwie pseudohumorvoll umzugehen. Der Blumenkohl und der Professor. Das Dream-Team. Sei's drum. Das Leben war komisch.

Steidl ging weiter auf und ab. »Ich brauche die Protokolle - Protokolle.«

»Und was genau machst du dann damit?«

Steidl blieb abrupt stehen. »Auswerten! Ich werte sie aus, überprüfe sie, checke gegen - gegen. Deshalb brauche ich ja die neuen! Es bringt mir nichts, wenn ich alte Protokolle habe. Ich muss sie doch mit meinen eigenen Ergebnissen vergleichen - vergleichen.«

»Verstehe.«

Steidl ging zu dem toten Fisch und hob ihn hoch. »Sieht gut aus. Er sieht wirklich gut aus. Ein schöner, gesunder Fisch, wie es scheint. Du wirst ihn doch wirklich essen - essen?«

Jewgenij hob den Kopf. Wenn irgendwer dort oben im Himmel saß und auf sie herunterblickte, irgendwer, der die Macht hatte, Steidl für einen Moment zum Schweigen zu bringen - Herrgott, warum tat er es nicht einfach? »Ja, Professor, ich werde ihn essen.«

»Versprochen?« Steidl lächelte.

»Versprochen. Du weißt doch, ich bin Russe!«

»Russen fressen alles, hm?«

»Ja.«

»Gut. Die Haut sieht gut aus. Gibst du mir die Innereien - Innereien?«

»Wenn du willst.«

»Ja. Ich brauche sie für .«

». für deine Untersuchungen, ich weiß.«

»Ja. Hier, tust du sie mir hier in die Schüssel - Schüssel?« Er zog eine kleine Plastikbox aus seiner Umhängetasche.

Jewgenij stand auf und nahm das Messer. Ein sauberer Schnitt vom After zur Kehle. Als er den Fischkörper entlang des Schnittes auseinanderzog, zuckte er zusammen. Steidl stieß einen schrillen Schrei aus. »Ah! Da! Siehst du, Jewgenij! Siehst du? Also doch! Ich...

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