Das Zehn-Minuten-Projekt

Roman
 
 
eBook Berlin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 5. Oktober 2015
  • |
  • 208 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8270-7773-8 (ISBN)
 
Eigentlich dachte Chiara, ihr Leben sei perfekt. Sie lebt mit ihrer Jugendliebe in einem Landhaus vor den Toren Roms und schreibt eine erfolgreiche Kolumne für ein Magazin. Doch so gut bisher alles lief, so heftig wird ihr plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen: Ihr Mann verlässt sie für eine Jüngere und ihre Kolumne wird gestrichen. Plötzlich steht die Vierunddreißigjährige mit leeren Händen da, zumal sie sich jetzt auch das Landhaus nicht mehr leisten kann, in dem sie geboren wurde. Chiara fühlt sich wie ein Schiff ohne Kompass auf dem Ozean. Mit dem Ratschlag ihrer Therapeutin kann sie deshalb zunächst nur wenig anfangen: Sie soll den ganzen Dezember hindurch zehn Minuten täglich etwas Neues probieren, etwas Kleines, das bisher nie in Frage kam oder das sie sich nicht getraut hat. Chiara beginnt mit der Idee zu experimentieren. Sie trägt fuchsiafarbenen Nagellack auf, backt Pancakes mit Nutella, obwohl sie normalerweise schon an Spaghetti scheitert, hört sich für zehn Minuten die Sorgen ihrer Mutter an, läuft rückwärts durch die Straßen, stiehlt Lippenstift im Supermarkt, schaut sich auf Youporn Videos an, ruft bei der Telefonseelsorge an, verkleidet sich als Weihnachtsmann oder gibt einem wildfremden Menschen einen Kuss. Und das Überraschende geschieht: Chiara beginnt die Trennung zu verschmerzen und das Leben wieder mit neuen Augen zu sehen. Sie entdeckt Möglichkeiten, von denen sie sich nie hätte träumen lassen, befreit sich aus festgefahrenen Gewohnheiten und von ihrem alten, selbstbezogenen Ich. Während ihr Mann wieder reumütig zu ihr zurück will, lässt Chiara ihr früheres Leben hinter sich. Sie nimmt den achtzehnjährigen Waisenjungen Ato aus Eritrea als Adoptivsohn bei sich auf und macht mit ihm und ihrem schwulen sizilianischen Freund Giampiero etwas, das früher undenkbar gewesen wäre: gemeinsam und ausgelassen Weihnachten feiern.
  • Deutsch
  • Munich
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  • Deutschland
Berlin Verlag
  • 0,50 MB
978-3-8270-7773-8 (9783827077738)
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Montag, 3. Dezember

Sonnenaufgang 7:20 - Sonnenuntergang 16:40

Pinkfarbener Nagellack

Die Praxis von Dr. T. befindet sich im Zentrum Roms, nicht weit von dem Haus entfernt, in das Mein Ehemann und ich zweieinhalb Monate vor seinem Anruf aus Dublin gezogen waren.

Zwischen der Praxis und unserer Wohnung liegt der Schönheitssalon Isla, geführt von Cristina und Tiziana, den einzigen Menschen, die mir sofort vertraut geworden sind in einer Stadt, die mir immer leicht feindselig erschienen und die, seit Mein Ehemann mich verlassen hat, zu einer konstanten Bedrohung geworden ist.

Mein ganzes bisheriges Leben hatte ich in Vicarello verbracht, einem winzigen Ort eine Stunde von Rom entfernt, der schläfrig und gelangweilt an seinem kleinen See liegt. Dort habe ich viel durchlebt: Traurigkeit, Glück, einen Pagenschnitt, lange Haare, kurze Haare, Masern, schmutzige Knie, die Albträume einer Zehnjährigen, die schlimmen Geheimnisse einer Fünfzehnjährigen, die Enttäuschungen einer Zwanzigjährigen und die Verwunderung einer Fünfundzwanzigjährigen. Sämtliche Dummheiten der Zehn-, Fünfzehn-, Zwanzig- und Fünfundzwanzigjährigen habe ich begangen, während um mich herum meine Mutter kochte, mein Vater aus dem Haus ging und wiederkam, mein Bruder geboren wurde, eine Katze herumlief, dann ein Hund und noch ein Hund, ein Mitbewohner, noch ein Mitbewohner und noch einer, ich mich verliebt habe, meine Liebe erwidert wurde und dann wieder nicht, ich verlassen wurde und dann wieder nicht, ich angeödet war, schlecht gelaunt, gewollt, verloren, ein Trottel, eine Ehefrau.

Dabei jedoch stets und ständig behütet:

Vor der brutalen Wirklichkeit, behauptete ich.

Vor der Verantwortung, richtig erwachsen zu werden oder zumindest so einigermaßen, behaupteten die anderen. Solange du nur durch einen Gemüsegarten musst, um zu deinem Elternhaus zu kommen, ist alles bloß eine Farce, verstehst du das nicht?

Fest steht jedenfalls, dass ich niemals von dort weggegangen wäre, wenn die Elektrik nicht völlig marode gewesen wäre und mein Haus in Vicarello nicht mit seinem ganzen Selbst nach einer Sanierung geschrien hätte. Doch die brauche Zeit, erklärten die Handwerker, viel Zeit.

Warum mieten wir dann nicht einfach für ein paar Jahre eine Wohnung in Rom, verkaufen irgendwann das Haus in Vicarello und leisten uns was in der Stadt?, hatte Mein Ehemann gefragt. Das heißt, wenn du endlich eingesehen hast, dass es sich dort viel besser lebt, nämlich weit weg von Mama und Papa statt nur einen Tomatenwurf entfernt und endlich mittendrin statt außen vor (und sei es nur, weil ich, statt mit dem Auto zwei Stunden zur Kanzlei und wieder zurück zu brauchen, zu Fuß zur Arbeit könnte und du, die keinen Führerschein hat, nicht mehr dein halbes Leben im Zug verbringen müsstest).

Okay, hatte ich gesagt.

Wenn ich Vicarello ohnehin verlassen und ins Exil musste, war mir ein Ort so recht wie der andere, Hauptsache, Mein Ehemann war bei mir.

Doch nach nicht einmal drei Monaten sollte er mich alleinlassen in diesem verfluchten Haus, diesem verfluchten Viertel, dieser verfluchten Stadt.

Aber dass der Schönheitssalon Isla tatsächlich eine Insel ist in diesem römischen Lärm, der einem so sinnlos erscheinen kann, wenn man nicht mehr weiß, wer man ist, und dass Cristina und Tiziana nichts von der eilfertigen Freundlichkeit, dem netten, aber unpersönlichen Gebaren haben, zu dem einen das Arbeiten in dieser Gegend zwingt, habe ich sofort gemerkt.

Tiziana sieht immer vergnügt aus, auch wenn sie gerade ernst ist, sie hat große Augen und ein Gesicht, das ständig in Bewegung ist, wodurch sie wie eine lustige Comicheldin wirkt. Doch ohne dass man es merkt und gerade weil man es nicht merkt, erinnert sie einen auch an die ernsten Dinge des Lebens, an das Paradox des menschlichen Wesens, an Gott.

Cristina ist die Besitzerin des Schönheitssalons, sie hüllt sich oft in langes Schweigen. Ihr Blick ist dunkeläugig und intelligent, sie liebt es zu lesen und auf Tauchgang zu gehen, im Meer wie in sich selbst.

Sie ist es, die mir aufmacht, als ich dort klingele, kaum dass ich die Praxis meiner Therapeutin verlassen habe.

»Kannst du mich einschieben?«, frage ich.

»Wie viel Zeit brauchst du denn?«

»Nur zehn Minuten.«

Der Vorwurf, den ich von Cristina und Tiziana ständig zu hören bekomme, ist, dass ich mich nie zu einer radikalen Körperenthaarung oder einer exotischen Massage durchringen kann, kurz, zu etwas, das einer Kosmetikerin eine Sternstunde verschaffen könnte, eine Befriedigung, die darüber hinausgeht, der Kundin zum gewerkschaftlich festgelegten Minimum an Ansehnlichkeit verholfen zu haben.

»Okay, komm rein«, sagt Cristina.

Sobald ich ihr das Zehn-Minuten-Spiel erklärt habe, fangen ihre Augen gefährlich an zu leuchten. Sie macht sich daran, in einer Schublade zu wühlen, und holt schließlich ihre Sammlung an Nagellackfläschchen hervor.

Ich bekomme es mit der Angst zu tun.

Sie wählt einen pinkfarbenen Nagellack aus. Mit Glitzer.

Meine Angst wächst. »Aber nicht die Hände!«

»Oh doch«, erwidert sie. »Hände und Füße. Vielleicht brauchen wir ein bisschen länger als zehn Minuten, aber das macht doch nichts, oder? Zieh dir die Schuhe aus und setz dich.«

Ich ziehe mir die Schuhe aus und setze mich.

Der einzige Nagellackfarbton, den ich jemals für mich in Erwägung gezogen habe, ist Schwarz, und auch das nur unter Vorbehalt:

Weil du Bücher schreibst und deshalb nicht für ein flatterhaftes Ding gehalten werden möchtest, das Geschichtchen erzählt, um sich selbst zu verstehen, sondern dich als strenge und engagierte Intellektuelle ausweisen willst, die ernsthaft und blass auszusehen hat, haben Cristina und Tiziana immer gesagt.

Weil leuchtende Farben der so beängstigenden Wirklichkeit scheinbar die Erlaubnis erteilen, einfach so weiterzumachen wie bisher, habe ich immer gesagt.

Weil dein Vater als erstgeborenes Kind gern einen Jungen gehabt hätte und du ihn nicht auf ganzer Linie enttäuschen willst, sagte Mein Ehemann immer.

Cristina fängt an, mir eine transparente Grundierung auf die Zehennägel zu pinseln.

»Und was soll das bringen, dieses Zehn-Minuten-Spiel?«, will sie wissen.

»Weiß nicht, das hat mir meine Therapeutin nicht gesagt. Ich glaube, es soll vor allem mein Gehirn beschäftigen, die Leere in mir ausfüllen und Ordnung in die Verwirrung bringen, die an die Stelle meines Lebens getreten ist.«

»Leere und Verwirrung sind immer noch besser als dein Exmann.« Cristina ist nie eine glühende Anhängerin meiner Ehe gewesen. »Schon als du zum ersten Mal hier warst, mit ihm per SMS gestritten hast und nicht erklären konntest, worüber eigentlich, war mir klar, dass es zwischen euch nicht mehr lange halten würde.«

Ich habe noch nicht den Mut gefunden, Cristina zu gestehen, dass Mein Ehemann seit drei Monaten eine Wiederannäherung probiert, auf seine Art.

Sagen wir mal so: Er ist endlich aus Dublin zurück.

In Wirklichkeit war er nur drei Wochen dort. Dann begann Siobhan, die Dolmetscherin, die er bei seinem Master kennengelernt hat, ihn zu langweilen. Also flog er nach New York, ließ sich eine Zeit lang sanft zwischen Leben und Sterben treiben und crushte den Sommer über in einem Jazz-Club Eis für die Mojitos, bis der September kam. Da war der Urlaub zu Ende, er mietete ein Zimmer bei einem Kollegen und verwandelte sich zurück in den brillantesten Anwalt seiner Kanzlei.

Ein paar Tage darauf erblickte er im Gericht die Tochter eines Angeklagten, den er verteidigte. Sie hatte lange Zöpfe, Angst in den Augen und presste eine Plüschgiraffe an sich, als sei die das einzige Wesen auf der Welt, das ihr Vertrauen verdiente und ihr noch Hoffnung gab. Sein Herz begann wie verrückt zu schlagen, Schweiß rann ihm über die Schläfen, dann wurde alles um ihn herum dunkel und er kam auf dem Boden wieder zu sich, während sein Mandant ihm die Beine hochhielt: Er hatte eine Panikattacke erlitten.

Dieses Mädchen hatte ihn plötzlich an jemanden erinnert.

Und dieser Jemand war seine Frau.

Wir lernten uns kennen, als wir beide achtzehn Jahre alt waren, Mein Ehemann und ich.

Unser Gymnasium nahm damals an einem Projekt des Kultusministeriums teil, das in den Schulen die Anwesenheit eines Psychologen testete. Einmal im Monat mussten die Lehrer in jeder Klasse mindestens einen Schüler bestimmen, der ihrer Meinung nach psychologische Hilfe brauchte.

Wir zwei gehörten zur ersten Gruppe, die ausgewählt wurde.

»Und, warum bist du dabei?«, fragte er mich.

»Weil ich finde, dass ich zu viel esse, meine Eltern und die Lehrer aber überzeugt sind, dass ich überhaupt nichts esse. Und du?«

»Weil meine Mutter sich in ihre Kartenlegerin verliebt und mich und meinen Vater verlassen hat.«

»Oh, das tut mir leid.«

»Mir nicht, es ist mir total egal.«

»Und warum wurdest du dann ausgewählt?«

»Weil meine Lehrer glauben, dass es mir nicht total egal ist. Jedenfalls hast du verdammt lange Zöpfe.«

»Und du hast gelbe Augen.«

Da war es schon um uns geschehen.

Wir sind miteinander gewachsen: So dachten alle, und so dachten auch wir.

Doch in Wahrheit wächst man nicht einfach so oder durch pure Zauberei miteinander. Man muss dabei im Gegenteil sehr achtsam bleiben. Wenn einer von beiden auch nur um einen halben Bewusstseinsgrad schneller wächst als der andere und der ihm das, statt...

»Chiara soll den Dezember hindurch zehn Minuten täglich etwas Neues ausprobieren, das sie noch nie gemacht hat. Aber hilft es gegen den Liebeskummer, Pancakes zu backen, wenn man normalerweise schon an Spaghetti scheitert?«, Dolomiten, 12.03.2016
 
»Ein wunderbares Buch, bei dem man Spaß hat und über die Geschichte nachdenkt. Mich hat es dazu gebracht, dass Projekt unbedingt auch mal ausprobieren zu wollen.«, leseengel.wordpress.com, Marjana Engelbrecht, 30.12.2015
 
»Ein sehr bezauberndes Buch. Eine neue, frische Idee, ein einfaches Prinzip zu präsentieren.«, bn Bibliotheksnachrichten, Martina Stiegler, 01.12.2015
 
»Sollten Sie kennenlernen: Die Italienerin Chiara Gamberale rät ihrer Protagonistin in 'Das 10-Minuten-Projekt', einen Monat lang täglich etwas Neues auszuprobieren, und wenn es nur für zehn Minuten ist.«, GLAMOUR, 01.11.2015
 
»Ein Spiel gegen den Weltschmerz«, Freundin DONNA, 01.11.2015
 
»Ein Mutmach-Bestseller aus Italien.«, MAXI, 01.11.2015

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