Mrs. Harris reist nach New York

Roman
 
 
Aufbau (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Februar 2020
  • |
  • 120 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8412-1690-8 (ISBN)
 
Die Abenteuer von Ada Harris gehen weiter! Auch mit ihren sechzig Jahren scheut die Raumpflegerin Ada Harris kein Abenteuer und so setzt sie es sich zum Ziel den verschollenen Vater des kleinen Henry zu suchen, der unglücklich bei Pflegeeltern lebt. Kurzerhand schmuggelt sie den Steppke an Bord des Kreuzfahrtschiffes und begibt sich mit ihm auf eine abenteuerliche Schiffsreise nach New York. Inmitten des Großstadttrubels suchen die beiden nach seinem Vater, der leider auf den Allerweltsnamen George Brown hört. Doch als sie ihn endlich finden, zerplatzen alle Träume wie Seifenblasen...

Paul Gallico wurde in New York als Sohn der österreichischen Violinistin Hortense Erlich und des italienischen Komponisten, Musiklehrers und Pianisten Paolo Gallico geboren, die 1895 in die Neue Welt ausgewandert waren. 1916 begann Gallico ein Studium an der Columbia University, das er 1921 mit dem akademischen Grad eines Bachelor of Science abschloss. Danach arbeitete er als Sportjournalist bei den New York Daily News, wo er ab 1923 auch eine eigene Kolumne hatte.

In den 30er Jahren wandte er sich zunehmend vom Sport ab und verfasste Kurzgeschichten, von denen viele in der Saturday Evening Post erschienen. Viele seiner Erzählungen und Romane wurden später für Kino und TV verfilmt.

Paul Gallico war viermal verheiratet und hinterließ mehrere Kinder. Er starb am 15. Juli 1976 in Antibes im Alter von 78 Jahren.

1


Mrs. Ada Harris und Mrs. Violet Butterfield, Willis Gardens Nr. 5 und 7, Battersea, London, tranken ihre abendliche Tasse Tee in Mrs. Harris' sauberer, mit Blumen geschmückter kleiner Wohnung im Kellergeschoss von Nr. 5.

Mrs. Harris war eine jener tatkräftigen Londoner Reinemachefrauen, die täglich ausziehen, um die größte Stadt in der Welt aufzuräumen, und ihre alte Busenfreundin, Mrs. Butterfield, arbeitete stundenweise als Köchin und Zugehfrau. Beide hatten eine vornehme Kundschaft in Belgravia, wo sie den Tag über allerlei erlebten und hier und dort kleine Brocken Klatsches von den komischen Leuten auflasen, bei denen sie arbeiteten. Und abends tauschten sie bei einer letzten Tasse Tee diese Neuigkeiten aus.

Mrs. Harris war sechzig, klein und zierlich, mit roten Apfelbäckchen und beinahe frechen kleinen Augen. Sie war sehr tüchtig und praktisch, neigte aber dennoch zu Romantik und Optimismus und sah das Leben schwarz oder weiß. Mrs. Butterfield, ebenfalls sechzig, eine rundliche, freundliche, schüchterne Frau dagegen war ein Pessimist, wie er im Buche steht, der alle Menschen und auch sich selbst beständig am Rande eines drohenden Unglücks sieht.

Die beiden guten Damen waren schon lange Witwen. Mrs. Butterfield hatte zwei verheiratete Söhne, die sie beide nicht unterstützten, was sie auch gar nicht überraschte. Es hätte sie erstaunt, wenn sie es getan hätten. Mrs. Harris hatte eine verheiratete Tochter, die in Nottingham lebte und ihr jeden Donnerstagabend schrieb.

Die beiden Frauen führten ein nützliches, tätiges und interessantes Leben, stützten einander äußerlich und innerlich und trösteten sich gegenseitig in ihrer Einsamkeit. Mrs. Butterfield war es gewesen, die vor etwa einem Jahr für eine Zeit Mrs. Harris' Kundschaft übernommen und ihr dadurch den aufregenden und romantischen Flug nach Paris ermöglicht hatte, den sie nur unternahm, um ein Kleid von Dior zu kaufen. Diese Trophäe hing jetzt in Mrs. Harris' Schrank als tägliche Erinnerung daran, wie wunderbar und abenteuerlich das Leben sein kann, wenn man es mit etwas Energie, Beharrlichkeit und Phantasie dazu macht.

Die beiden Frauen saßen behaglich beim Schein der Lampe in Mrs. Harris' blitzsauberer Wohnung, mit der heißen, duftenden Kanne Tee unter der geblümten Haube vor sich, die Mrs. Butterfield für Mrs. Harris zu Weihnachten gestrickt hatte, und plauderten über die Ereignisse des Tages.

Das Radio war angestellt, und eine Reihe schauerlicher Laute kam heraus. Es war eine Schallplatte von Kentucky Claiborne, einem echten amerikanischen Hillbilly-Sänger.

»Und so sagte ich zu der Gräfin: >Entweder ein neuer Hoover, oder ich gehe<«, erzählte Mrs. Harris. »>Das Ding taugt nichts mehr.< - >Liebe Mrs. Harris<, sagte sie, >können wir das nicht auf nächstes Jahr vertagen?< Das könnte ihr so passen. Jedesmal, wenn ich das elende Ding anfasse, bekomme ich einen Schlag bis in die Zehen hinunter. Ich stellte ihr ein Ultimatum: >Wenn morgen früh kein neuer Hoover hier ist, dann werfe ich die Schlüssel durch die Tür<«, schloss Mrs. Harris. Die Wohnungsschlüssel durch den Briefkastenschlitz werfen, war die klassische Kündigungsform der Reinemachefrauen.

Mrs. Butterfield trank einen Schluck Tee. »Es wird keiner da sein«, sagte sie düster. »Ich kenne diese Sorte. Sie geben jeden Penny aus, um sich selbst zu behängen, und alles andere ist ihnen gleich.«

Aus dem Lautsprecher des kleinen Tischrundfunks grölte Kentucky Claiborne:

»Küss mich zum Abschied, alte Kajuse.

Küss mich, du altes Pferd.

Verweigere es nicht!

Schlechte Menschen haben mich angeschossen -

Ach, ich fürchte, sie haben mich getroffen!

Küss mich zum Abschied alte Kajuse.«

»Huh«, sagte Mrs. Harris, »ich kann diese Katzenmusik nicht mehr ertragen. Würdest du sie bitte abstellen?«

Mrs. Butterfield beugte sich gehorsam hinüber, stellte das Radio ab und sagte: »Es ist wirklich traurig, angeschossen zu sein und zu wünschen, dass sein Pferd ihn küsst! Nun werden wir nie erfahren ob es das getan hat.«

Dennoch sollten sie es erfahren, denn die Leute in der Nachbarwohnung waren offensichtlich begeisterte Anhänger des amerikanischen Schlagersängers, und die Ballade von Tod und Liebe im Wilden Westen sickerte durch die Wand. Noch ein anderer Laut drang in die Küche, in der die beiden Frauen saßen, ein dumpfer Schlag und dann ein Schmerzensgewimmer, woraufhin sofort der Rundfunk nebenan lauter gestellt wurde, so dass die Klänge der Gitarre und Kentucky Claibornes nasales Gegröle die Schreie übertönten.

Die beiden Frauen erstarrten, und ihre Gesichter wurden grimmig und bekümmert zugleich.

»Die Teufel«, flüsterte Mrs. Harris. »Sie prügeln den kleinen Henry schon wieder.«

»Ach, das arme Lämmchen«, sagte Mrs. Butterfield, und dann: »Ich höre ihn gar nicht mehr.«

»Sie haben den Rundfunk so laut gestellt, damit wir es nicht hören.« Mrs. Harris ging an eine Stelle der die Häuser trennenden Mauer, wo sie, weil es dort anscheinend einmal eine Durchstiegluke gegeben hatte, dünner war, und trommelte mit den Knöcheln dagegen. Fast unmittelbar darauf ertönte ein ebenso starkes Getrommel auf der anderer Seite.

Mrs. Harris hielt ihren Mund dicht an die Wand und schrie: »Hören Sie auf, das Kind zu schlagen! Wollen Sie, dass ich die Polizei rufe?«

Worauf klar und deutlich von drüben eine Männerstimme herüberschallte: »Waschen Sie sich erst einmal Ihre Ohren! Wer schlägt denn hier jemand?«

Die beiden Frauen standen beklommen lauschend dicht an der Wand, aber keine weiteren Klagelaute waren zu vernehmen, und bald wurde auch der Rundfunk wieder leiser.

»Die Teufel«, zischte Mrs. Harris noch einmal. »Das Schlimme ist, dass sie ihn nicht so heftig schlagen, dass man Striemen sieht, sonst könnten wir den >Verein zum Schutz der Kinder vor Grausamkeit< anrufen. Ich werde ihnen aber morgen früh gründlich Bescheid sagen.«

Mrs. Butterfield sagte traurig: »Das wäre nicht gut, denn sie lassen's dann nur an ihm aus. Gestern habe ich ihm ein Stück Kuchen gegeben, das ich noch vom Tee übrig hatte. Aber da stürzte sich die ganze Gusset-Brut auf ihn und riss es ihm weg, bevor er auch nur einen Bissen davon gegessen hatte.«

Zwei Tränen der Enttäuschung und Wut erschienen plötzlich in Mrs. Harris' blauen Augen, und sie erleichterte sich selbst durch eine Reihe sehr unfeiner und nicht für den Druck geeigneter Worte, mit denen sie die Familie Gusset von nebenan beschrieb.

Mrs. Butterfield klopfte ihrer Freundin auf die Schulter und sagte: »Nun, nun, Liebe, reg dich nicht so auf. Es ist eine Schande, aber was können wir dagegen tun?«

»Wir können etwas tun«, erwiderte Mrs. Harris leidenschaftlich. Dann wiederholte sie: »Ja, wir können etwas tun. Ich kann das nicht aushalten. Er ist ein so lieber kleiner Kerl.« Ihre Augen funkelten. »Ich wette, wenn ich nach Amerika führe, würde ich seinen Vater schnell finden. Irgendwo muss er doch schließlich sein, und sein Herz verzehrt sich sicher nach seinem Kleinen.«

Mrs. Butterfield machte ein entsetztes Gesicht. Ihr Doppelkinn begann zu beben, und ihre Lippen fingen an zu zittern.

»Ada«, stammelte sie, »du denkst doch nicht daran, nach Amerika zu fahren?« Sie hatte es noch frisch im Gedächtnis, dass Mrs. Harris verkündet hatte, sie begehre nichts mehr in der Welt als ein Kleid von Dior, und dass sie dafür zwei Jahre lang geknausert und gespart hatte. Dann war sie nach Paris geflogen und triumphierend mit dem Kleid zurückgekehrt.

Zu Mrs. Butterfields großer Erleichterung waren ihrer Freundin aber Grenzen gesetzt, denn Mrs. Harris jammerte: »Wie kann ich das? Aber es bricht mir das Herz. Ich kann es nicht ertragen, zusehen zu müssen, wie ein Kind misshandelt wird. Er ist so dürr und mager, dass er nicht einmal auf einem Fleischpolster sitzen kann.«

Alle in Willis Garden kannten die Geschichte des kleinen Henry Brown und der Gussets. Eine Tragödie der Nachkriegszeit, wie es sie nur leider allzu oft gab.

Im Jahre 1950 hatte George Brown, ein auf irgendeinem amerikanischen Luftstützpunkt in England stationierter Flieger, eine Kellnerin aus der in der Nähe gelegenen Stadt geheiratet, ein Mädchen namens Pansy Cott, und sie hatten einen Sohn bekommen, den sie Henry tauften.

Als George Brown seinen Militärdienst beendet hatte und in die Vereinigten Staaten zurückkehren sollte, weigerte sich die Frau, ihn zu begleiten. Sie blieb mit dem Kind in England und verlangte von ihrem Mann, dass er sie unterhielt. Brown schickte ihr aus Amerika für das Kind wöchentlich einen Dollarbetrag in Höhe von zwei Pfund und ließ sich von seiner Frau scheiden.

Pansy und Henry zogen nach London, wo Pansy eine Stellung bekam und einen anderen Mann kennenlernte, der sie heiraten wollte. Aber er wollte von dem Kind nichts wissen, und der Preis dafür, dass er sie zu seiner Ehefrau machte, war, dass sie sich von dem Jungen trennte. Pansy gab darauf sofort den damals drei Jahre alten Henry in eine Familie namens Gusset (die in Willis Gardens lebte und in der es schon sechs Kinder gab), heiratete ihren Geliebten und zog in eine andere Stadt.

Drei Jahre lang zahlte Pansy pünktlich jede Woche das Pfund, das sie für des kleinen Henrys Unterhalt den Gussets zu zahlen versprochen hatte (wodurch ein Pfund für sie selber übrigblieb), und wenn...

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