Glaube Liebe Tod

Kriminalroman
 
 
Ullstein Taschenbuchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Mai 2017
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1474-7 (ISBN)
 

Woran kann man glauben in einer Welt voller Verbrechen?

Ein Polizist steht auf der Duisburger Rheinbrücke und will sich in die Tiefe stürzen. Der Seelsorger Martin Bauer soll ihn daran hindern. Er klettert einfach über das Geländer und springt selbst. Überrumpelt springt der Beamte hinterher, um Bauer zu retten. Gemeinsam können sie sich aus dem Wasser ziehen. Bauer hat hoch gepokert, aber gewonnen. Doch wenige Stunden später ist der Polizist tot, nach einem Sturz vom Deck eines Parkhauses. Ein klarer Fall von Selbstmord, gegen den Beamten wurde wegen Korruption ermittelt. Bauer weiß nicht, was er glauben soll. Und er sieht die Verzweiflung in der Familie des Toten. Auf der Suche nach der Wahrheit setzt er alles aufs Spiel ...

weitere Ausgaben werden ermittelt
Peter Gallert wurde 1962 in Bonn geboren. Seit den 90er Jahren Drehbuchautor für TVSerien von Krimi bis Krankenhaus (in Zusammenarbeit mit Jörg Reiter). Er ist Karate- Kindertrainer, hat drei Töchter und lebt mit seiner Familie in Köln.

Jörg Reiter wurde 1952 in Düsseldorf geboren. Seit 1992 freier Autor: Sachbuch, Rateshow, Dokumentarfilm. Dann Drehbücher für TV-Serien von Krimi bis Krankenhaus (mit Peter Gallert). Der Autor lebt in Köln.

01 Er schwitzte. Der Kragen der Uniformjacke scheuerte an seinem Hals. In den Fingern hatte er kein Gefühl mehr. Die Kälte war aus dem Metall in seine Hände gekrochen und fraß sich nun in die Knochen. Er schaffte es nicht loszulassen. Aber das musste er auch nicht. Irgendwann würden seine verkrampften Muskeln schon aufgeben. Er starrte in die Tiefe. Der Fluss zog gleichgültig in Richtung Meer. Ein Boot der Wasserschutzpolizei hielt seine Position gegen die starke Strömung. Es sah aus wie das Spielzeug, das er seinem Sohn einmal zu Weihnachten geschenkt hatte. War das wirklich schon zwölf Jahre her?

Es herrschte Stille auf der Brücke. Vollsperrung in beide Richtungen, mitten in der Rushhour. Wahrscheinlich hatte er das halbe Ruhrgebiet lahmgelegt. Er konnte die Kollegen nicht hören, sie hielten den Abstand, den er gefordert hatte, aber er wusste, dass sie ihn verfluchten. Wieder Überstunden, wieder einmal zu Hause anrufen: Schatz, es wird später. Wie lange hielt eine Ehe das aus? Wie lange hatte seine das ausgehalten? Wann war sie zerbrochen? Warum hatte er es nicht gemerkt? Er hatte keine Ahnung.

Dann hörte er wieder ein Martinshorn. Er blickte sich um. Ein Zivilfahrzeug mit Aufsetzblaulicht jagte über den Standstreifen auf die Brücke zu. Wen karrten sie jetzt noch ran? Einen Psychofritzen? Nein, der Mann, der aus dem Auto sprang, trug ebenfalls Uniform. Egal, es spielte keine Rolle mehr. Keunert lehnte sich weiter vor, die Unterkante des Geländers schnitt in seine Achillessehnen. Er stand auf der falschen Seite. Und er konnte nicht mehr zurück.

Am Anfang hatte Martin Bauer versucht, Gott einen Handel unterzuschieben: weniger Tote, weniger Zigaretten. Die Toten waren in all den Jahren nicht weniger geworden. Trotzdem hielt sich Bauer bis heute an sein Versprechen. Tage ohne Sterben, ohne Todesnachricht waren für ihn Tage ohne Zigaretten.

Der Mann auf der Brücke lebte - noch: Walter Keunert, Polizeimeister, verheiratet, ein Kind. Bauer ließ sich über Funk die Personalakte vorlesen, während Verena Dohr den Dienstwagen über den Standstreifen der A 40 jagte, vorbei an dem kilometerlangen Stau. Gesichter wischten vorüber. Bauer glaubte, den Ärger in ihnen erkennen zu können. Er beendete das Funkgespräch.

»Nicht viel, womit ich arbeiten kann«, stellte Bauer fest.

»Es muss reichen.« Die junge Hauptkommissarin bremste hart ab. Sie kamen am Anfang der Brücke zum Stehen, keinen Meter vor den quergestellten Streifenwagen. Bauer sprang aus dem Auto, ehe Verena den Motor abgestellt hatte. Die Beamten nickten ihm zu. Einige kannte Bauer seit Jahren. Die anderen reagierten auf seine Jacke. Sie unterschied sich nur durch die Schulterklappen von ihren Uniformen: zwei kleine Kreuze anstelle von Dienstgradsternen. Die Polizisten im Revier respektierten Bauer. Es hatte eine Weile gedauert, aber er war einer von ihnen geworden. Er kannte ihre Dämonen. Es waren längst auch seine.

Der Einsatzleiter löste sich aus der Gruppe und kam auf ihn zu. Doch Bauer schüttelte nur den Kopf und eilte zwischen den Streifenwagen hindurch.

»Soll ich mitkommen?«, hörte er Verena rufen.

»Nein.« Er drehte sich nicht um. Keunert stand auf dem Scheitelpunkt der Brücke, auf der falschen Seite des Geländers. Aus der Entfernung war es nur eine winzige Bewegung, doch Bauer war sicher: Der Polizeimeister lehnte sich nach vorn. Bauer fing an zu rennen. Er hatte die Brücke schon unzählige Male mit dem Auto überquert, im fließenden Verkehr, in nicht mal einer Minute. Doch nun war sie leer. Er war allein. Er spürte das Dröhnen seiner Schritte auf dem Asphalt. Die Steigung, die er im Auto nie bemerkt hatte, kam ihm auf einmal wie ein Berg vor, die Fahrspurmarkierungen, die sonst in einem Wimpernschlag vorbeiflogen, kosteten ihn bald schon mehrere keuchende Atemzüge, die Fahrbahn wirkte breiter als der Fluss unter ihnen, und der Weg bis zu dem Mann, der sich seinem Tod entgegenlehnte, schien endlos. Bauer lief am Limit.

Aber das Gefühl, auf der Stelle zu treten, wuchs mit der Angst, zu spät zu kommen. Dieses Rennen konnte er nicht gewinnen. Nicht so. Abrupt verlangsamte er sein Tempo. Er sah, dass Keunert ihn beobachtete. Gut. Er spürte die irritierten Blicke der Beamten in seinem Rücken. Egal. Bauer ging nun nur noch, zügig, aber ohne Hast, und mit jedem Schritt wurde sein Atem ruhiger. Er wurde ruhiger.

Als er die Mitte der Brücke erreichte, hatte er keine Angst mehr. Noch zehn Meter. Keunert ließ ihn nicht aus den Augen. Noch fünf.

»Bleiben Sie stehen!«

Bauer setzte über die Seitenleitplanke hinweg.

»Ich meine es ernst!«

Bauer blieb stehen, direkt am Brückengeländer, keine drei Meter mehr von Keunert entfernt. Er sah den Schweiß auf der Stirn des Polizisten, den dunklen Rand am Kragen seiner Jacke, die weißen Knöchel seiner verkrampften Hände auf dem Geländer. Unter den geröteten Augen lagen tiefe Schatten, als hätte er lange nicht geschlafen. Oder lange getrunken. Aber der Blick war klar.

Bauer kannte den Mann. Er war nicht gut mit Namen, aber ein Gesicht vergaß er nie. Dieses hier hatte er erst vor einer Woche gesehen. Bei einer Razzia in einem Bordell im Vulkanviertel hatte sich eins der Mädchen aus dem Fenster gestürzt. Sie war vier Stockwerke tief gefallen und direkt vor den Füßen eines Polizeimeisteranwärters auf der Straße aufgeschlagen. Sie starb in seinen Armen, ohne noch einmal das Bewusstsein zu erlangen. Man hatte Bauer gerufen. Als er ankam, kümmerte sich ein erfahrener Beamter um den Neuling. Bauer hatte nicht nach dem Namen des Älteren gefragt. Jetzt wusste er ihn: Keunert.

»Wie geht es Ihrem jungen Kollegen?«

»Fragen Sie ihn selbst«, gab Keunert zurück. »Hauen Sie ab, und fragen Sie ihn!«

Bauer blickte in die Tiefe. »Warum nehmen Sie nicht Ihre Knarre? Das wäre sicherer.«

»Haben Sie mal gesehen, was das für eine Sauerei macht?«

Bauer nickte langsam. »Letzte Weihnachten, bei einem kleinen Mädchen. Oben in Marxloh.«

Eine Familientragödie, der Fall hatte Schlagzeilen gemacht.

»Sie waren da?« Keunert wirkte fast betroffen. »Ein Kollege von uns auch. Tut mir leid für Sie.«

»Ihnen muss doch nichts mehr leidtun.«

Keunert schnaubte. »Sie haben keine Ahnung.« Er starrte aufs Wasser.

»Erzählen Sie's mir!«

Keunert schwieg. Seine Kiefermuskeln arbeiteten. Dann blickte er Bauer an und sagte ganz ruhig: »Sie sollten jetzt wieder gehen.«

Bauer sah es in den Augen des Mannes auf der anderen Seite des Geländers: Es gab für ihn nur noch einen Weg - den in die Tiefe. Ohne nachzudenken, zog Bauer seine Jacke aus.

»Was machen Sie da?«

Bauer legte seine Hände fest um das Geländer. Es war kalt. Er stemmte sich hoch und hob ein Bein darüber.

»Was soll der Scheiß?«

Dann zog er das zweite Bein hinterher und ließ sich auf der anderen Seite wieder hinunter. Nur seine Fußspitzen fanden Halt auf dem schmalen Sims.

»Sind Sie verrückt?«

Bauer drehte sich zum Wasser. Er musste umgreifen. Als er eine Hand löste und sich herumschwang, spürte er den Sog der Tiefe fast angenehm schwer im Bauch. Mit der freien Hand erwischte er knapp das Geländer hinter sich und krallte seine Finger darum.

»Sie sind verrückt!«

»Und Sie trauen sich nicht loszulassen«, gab Bauer zurück. »Sie warten drauf, dass Sie sich nicht mehr halten können, stimmt's? Sie haben eine Scheißangst.«

»Sie nicht? Glauben Sie, Ihr Gott beschützt Sie?«

»Glauben Sie, es gibt einen?«

Keunert sah Bauer irritiert an. »Sie sind der Pfaffe, sagen Sie's mir!«

Bauer zuckte mit den Schultern. »Wir werden sehen.«

»Wieso wir?«

Bauer antwortete nicht. Er blickte hinunter auf den Fluss. Er war verdammt weit unten. Stumm standen die beiden Männer vor ihrem Abgrund. Alles schien innezuhalten, nur das Wasser strömte dahin, gleichmäßig und unaufhaltsam. Bauer hätte nicht sagen können, ob Sekunden oder Minuten vergangen waren, als das Polizeiboot warnend sein Signalhorn ertönen ließ. Er hörte den Frachtkahn, bevor er unter seinen Füßen auftauchte. Der Partikulier machte große Fahrt, der Schiffsdiesel pumpte hart und in einem Rhythmus mit Bauers Herz. Dann war der Kahn vorübergezogen, und es wurde wieder still.

»Sie sind kein Selbstmörder«, sagte Bauer. »Selbstmörder sind Egoisten. Junge oder Mädchen?«

»Was?«

»Sie wollen als Leiche nicht aussehen wie eine Schlachtplatte. Den Anblick wollen Sie Ihrem Kind ersparen. Ist es ein Sohn oder eine Tochter?«

Keunert schluckte. Bauer hatte einen Treffer gelandet.

»Sohn«, presste Keunert hervor. »Fünfzehn. Er braucht mich nicht mehr.«

»Das ist Blödsinn.«

Keunert schwieg.

»Sie wollen doch gar nicht sterben«, sagte Bauer.

»Ich springe trotzdem.«

»Aber Sie werden nicht sterben.«

»Was soll das heißen?«

»Sie sind Polizist .«

»War ich vielleicht mal«, unterbrach Keunert ihn bitter.

Doch Bauer schüttelte unbeirrt den Kopf. »Das wird man nicht los. Nicht einer wie Sie. Sie retten mich.«

»Wie, retten? Was reden Sie für einen Müll?«

»Ich hoffe, Sie sind ein guter Schwimmer. Ich bin's nämlich nicht.« Bauer versuchte ein Lächeln und ließ das Geländer los. Keunerts Augen weiteten sich vor Schreck. Einen kurzen Moment stand Bauer in der Schwebe. Dann sprang er ab.

Fassungslos sah Keunert, wie der...

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