Du kamst zu mir wie aus einem Traum

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. April 2015
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-96541-5 (ISBN)
 
An den Stränden des zauberhaften Küstenstädtchens Siculiana wiederholt sich jedes Jahr aufs Neue ein Schauspiel von einzigartiger Schönheit. Hunderte winziger Meeresschildkröten schlüpfen aus ihren Schalen und drängen ans Licht und ins Wasser. Noch nie hat die junge Sizilianerin Lucia dieses Ereignis verpasst, doch als ihr eine große Zeitung in Rom ein dreimonatiges Volontariat anbietet, sagt sie zu - auch wenn ihr die geliebte Nonna Marta fehlen wird, das Meer und ... Rosario, ihr Jugendfreund und Verlobter.
Nur eines hat Lucia nicht bedacht - einen charmanten Zufall in Gestalt ihres neuen Kollegen Clark, einem Amerikaner in Rom. Die beiden verlieben sich Hals über Kopf, und bei Spaziergängen in der Villa Borghese und lauschigen Vollmondnächten kommt man sich bald näher.
Doch das Schicksal hat andere Pläne und konfrontiert Clark mit einer schier unlösbaren Aufgabe: Lucia, die nur für ein paar Tage zu ihrer Familie zurückkehren wollte, hat einen Autounfall, und die Tage in Rom sind wie ausgelöscht. Clark bleibt keine andere Wahl, als zu versuchen, Lucia ein zweites Mal in sich verliebt zu machen. So reist er ihr nach in die kleine Stadt Siculiana, wo bereits eine Hochzeit vorbereitet wird ...
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Piper ebooks in Piper Verlag
  • 2,03 MB
978-3-492-96541-5 (9783492965415)
Diego Galdino, geboren 1971, lebt mit seiner Familie in Rom. Der stolze Vater von zwei Töchtern ist Barista aus Leidenschaft und betreibt eine kleine Caffè-Bar. Keiner weiß, woher er die Zeit zum Schreiben nimmt - seine zweite große Leidenschaft neben der Zubereitung eines perfekten Kaffees. Mit seinem Debütroman »Der erste Kaffee am Morgen« eroberte er die Herzen der Leser im Sturm. Weitere Romane folgten.

2

Flausen im Kopf

Die ersten Tage waren derart mit Arbeit vollgepackt, dass Lucia tatsächlich kaum zum Atemholen kam. Zudem war sie damit beschäftigt, ihre angeborene Schüchternheit zu überwinden und im Kreis der Kollegen mehr aus sich herauszugehen. Die waren zwar alle recht sympathisch und interessant, hatten aber auch ihre Eigenheiten.

Allen voran Romina, die als Sekretärin im Nachrichtenressort arbeitete und der sie in weniger als einer Woche nach und nach die wichtigsten Tipps und Tricks entlockt hatte, die nötig waren, um in der Redaktion zu überleben. Bereits am zweiten Tag hatte Romina sie gebeten, sie auf die Damentoilette zu begleiten, um ihr Make-up aufzufrischen (Lucia schminkte sich kaum, Romina dafür umso mehr). Und während die Kollegin unter Lucias interessierten Blicken ihre Kriegsbemalung erneuerte, war sie gleich mit dem wichtigsten aller Geheimnisse herausgerückt. Ihrem Tonfall nach zu schließen, war jedoch klar, dass inzwischen offenbar jeder darüber Bescheid wusste: Einem seltsamen akustischen Phänomen war es nämlich zu verdanken, dass man von einer der drei Toilettenkabinen aus die Gespräche derjenigen belauschen konnte, die rauchend oder telefonierend draußen auf der kleinen Terrasse standen. Im Lauf der Zeit waren so einige Informationen von allerhöchster Bedeutung durchgesickert.

»Nur um ein Beispiel zu nennen: Sergio, der Grafiker, du weißt schon, der Typ, der aussieht wie Bruce Willis, ich zeig ihn dir nachher, wenn du nicht weißt, wen ich meine, also, Sergio hat was mit Giovanna Loria am Laufen. Ja, genau, die Kochrezept-Tante, die im Übrigen verheiratet ist und zwei Kinder hat. Gut, gut, so was soll vorkommen«, plapperte Romina, während die Grundierung sich auf ihrem Gesicht verfestigte. »Als Roberta vom Sportteil mir das erzählt hat, also, da konnte ich es zuerst gar nicht glauben, aber dann hab ich die beiden selbst erlebt, als ich abends noch länger in der Redaktion war. Sie dachten, sie wären die Einzigen, die noch da sind. Na ja. Aber irgendwie tröstet mich das mit den beiden. Offenbar kann man auch noch jenseits eines gewissen Alters seinen Spaß haben, oder? Ah, aber die zwei sind beileibe nicht die Einzigen hier, meine Liebe! Hast du 'ne Ahnung! Hier laufen Sachen, die du dir gar nicht vorstellen kannst.«

Romina zwinkerte Lucia unter ihrem roten Pony hervor zu, zupfte am Saum ihres kurzen Rocks und betrachtete sich eingehend im Spiegel, bevor sie ihren Monolog fortsetzte.

»Chiara, zum Beispiel. Du weißt doch, die, die in der Beilage über Design und so schreibt. Wieso, glaubst du wohl, hat sie so schnell eine Festanstellung bekommen, während wir anderen uns von Volontariatsstellen über Praktika, Projektarbeiten und was es sonst noch alles an befristeten Arbeitsverträgen gibt, durchschlagen mussten?« Lucia war sich nicht sicher, ob sie wirklich Einzelheiten wissen wollte. Deshalb war sie erleichtert, als Romina endlich Anstalten machte, mit fertig bemaltem Gesicht und geglättetem Pony an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren.

Aber auch ohne Rominas Klatschgeschichten und den bärbeißigen, aber umso wertvolleren Tipps, die sie von Franca bekam, waren Lucias erste Tage bei der Zeitung angefüllt mit Neuem und Unbekanntem: Es gab tausend neue Dinge zu lernen und zahllose Hände zu schütteln, und sie musste sich unzählige neue Namen und Gesichter merken. Ein ganzes Universum tat sich vor ihr auf, das ihr in Kürze hoffentlich ebenso vertraut sein würde, wie es der altmodische und verstaubte Redaktionsraum der Voce di Sicilia in Palermo gewesen war, wo sie als feste Freie mehrmals in der Woche ihre Artikel fertiggestellt hatte.

Eigentlich hatte Lucia in der Zeitungsredaktion in Rom seriöse, um nicht zu sagen, »erwachsene« Mitarbeiter erwartet, stattdessen fühlte sie sich in ihre Schulzeit zurückversetzt. Der einzige Unterschied zum Gymnasium war der, dass hier tatsächlich gearbeitet wurde und dass auch die seltsamsten Vögel (und davon gab es mehr als genug!) letzten Endes bis zur Erschöpfung schufteten, weil sie genau wussten, dass die Konkurrenz keine Gnade kannte.

Ein prominenter Vertreter dieser seltsamen Vögel war Samuele Rossi, der König des Wissenschaftsjournalismus, mit seiner obskuren Theorie des »Messias Reloaded«. Schon rein äußerlich fiel er aus dem Rahmen: flackernder Blick, zwischen Erschrecken und Erregung schwankend, vergrößert durch dicke Brillengläser, ein kahler Hinterkopf, über den wirre, schwarze Haarsträhnen verteilt waren. Sein hagerer, knochiger Körper war permanent in Bewegung, und mit seinem leichten Buckel und dem vorgereckten Hals war er alles andere als ein schöner Mann. In seiner Freizeit beschäftigte Rossi sich am liebsten mit Verschwörungstheorien aller Art. Die Phase Prophezeiung der Maya samt drohendem Weltuntergang hatte er bereits durchlaufen, ebenso Fox Mulder und die Akte X. Momentan beschäftigte ihn das Thema Ufo über dem Pentagon: Lüge oder Wahrheit. Jeder Zufall, ob numerisch oder zeitlich, war Teil einer großen Verschwörung, und für jedes Gegenargument hatte er eine ausgeklügelte Theorie parat. Wie er unter diesen Voraussetzungen glaubhaft und seriös über neueste Erkenntnisse in der Wissenschaft berichten konnte, war allen schleierhaft.

Nachdem ihre Kollegen sie in den ersten Tagen immer wieder bedrängt hatten, hatte Lucia schließlich nachgegeben und ihn nach seiner berühmt-berüchtigten Theorie des Wiedergeborenen Messias gefragt. Rossi senkte den Kopf, runzelte die Stirn und schaute sie über den Rand seiner Brille hinweg misstrauisch an.

»Woher weißt du davon? Hast du irgendwo etwas darüber gelesen?«, flüsterte er, ehe er bemerkte, dass die anderen sie gebannt beobachteten. »Ah . klar. Die lieben Kollegen. Ja, lacht ihr nur, ihr werdet schon sehen!«

Lucia, die nicht wollte, dass er glaubte, sie würde sich über ihn lustig machen, sah ihn beschwichtigend an.

»Ja, die anderen haben mir davon erzählt, Samuele, aber keine Angst, ich will dich nicht um deinen Knüller bringen. Ich bin nur neugierig und würde gern alles über deine Theorie erfahren 

Samuele packte sie am Arm und zog sie mit sich fort. »Nicht hier, nicht vor den anderen«, zischte er. »Gehen wir einen Kaffee trinken.«

Angeregt vom Koffein verstärkte sich Samueles Bewegungsdrang, und mehr als üblich begleitete er seine Worte mit wirren Gesten.

»Es gibt so etwas wie einen universellen Masterplan, musst du wissen. Ich bin gerade dabei, das alles schriftlich zusammenzufassen. Nur dauert das noch eine Weile. Aber erst mal so viel: Alles um uns herum ist nur Fiktion, und in Wahrheit ist die Geschichte der Welt seit langem vorherbestimmt. Und Zeichen dieser Vorherbestimmung finden wir in dem, was wir Zufall nennen. Manchmal sind darin sogar handfeste Hinweise verborgen. Man muss die Zeichen nur lesen können. So bin ich zum Beispiel überzeugt, dass in den nächsten Jahren ein neuer Messias erscheinen wird. Und ich weiß auch bereits, wo.«

Lucia schwirrte der Kopf. Einige ihrer Kollegen schlenderten auffallend oft zum Kaffeeautomaten und konnten sich kaum halten vor Lachen.

»Wo denn?«, fragte sie höflich.

»In Mailand. 2017. Aber mehr kann ich dir jetzt noch nicht verraten. Andere Zufälle sind nichts als Ablenkungsmanöver, mit denen sich die grauen Eminenzen die Zeit vertreiben, um Verwirrung zu stiften oder sich über uns lustig zu machen.«

»Aha. Das klingt . äh . interessant.«

Samuele monologisierte weiter. Die Wörter sprudelten aus ihm heraus wie aus einem römischen Brunnen, und Lucia, unfähig, in diesem unaufhörlichen Redestrom auch nur irgendeinen Sinn zu erkennen, nickte ergeben und wartete verzweifelt darauf, dass er endlich Luft holte und sie sich abseilen konnte. Als Samuele schließlich abrupt verstummte, weil er sich an seinem Kaffee verschluckt hatte und fast erstickt wäre, gelang es Lucia unter dem Vorwand, sie müsse dringend ein wichtiges Telefongespräch führen, hinaus auf die kleine Terrasse zu flüchten - dem Refugium der Raucher -, wo sie erst einmal tief Luft holte.

Draußen stand wie üblich der undurchsichtige Giovanni Folli (Todesanzeigen und Nachrufe). Er paffte mit düsterer Miene und sah so aus, als wohne er seinem eigenen Begräbnis bei. Keiner konnte eine Zigarette langsamer rauchen als Folli - mit abwesendem Blick und ohne ein Wort für seine Kollegen übrig zu haben.

Im Handumdrehen war Lucia von den drei Grazien umringt: Romina, Roberta und Rebecca aus der Anzeigenabteilung. Die Damen kicherten und wollten unisono von ihr wissen, wie es denn gelaufen sei.

»Das werdet ihr mir büßen!«

»Ach komm! Haben dir Gollums Theorien nicht eine völlig neue Welt eröffnet?«, meinte Giulio Crespi, Politik, berühmt-berüchtigt für seinen mangelnden Widerstand alkoholischen Getränken gegenüber und für seine Leidenschaft für Comic-Hefte.

»Gollum? Oh, ihr seid wirklich gemein!«

»Sieht er nicht aus wie Gollum? Also, wenn ihr mich fragt - er ist es!« Die anderen lachten ausgelassen.

Lucia beschlich plötzlich eine Ahnung. »Und wenn er uns von der Toilette aus belauscht? Der Ärmste!«

»Nein, nein«, beschwichtigte Giulio sie. »Das Ohr des Dionysos gibt es nur bei den Damen. Und außerdem weiß man gar nicht, ob es in beide Richtungen funktioniert.«

Romina versetzte ihm einen scherzhaften Stoß in die Rippen. »Woher kennst du dich auf der Damentoilette eigentlich so gut aus?«

»Ich halte mich eben auf dem Laufenden. Außerdem bin ich...

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