Unsere unendlichen Tage

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 29. Juli 2021
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-99927-4 (ISBN)
 
Peggy Hillcoat ist acht Jahre alt, als ihr Vater James mit ihr zu einer langen Reise aufbricht. Was als Abenteuerurlaub beginnt, entpuppt sich nach einem heftigen Gewitter als ihre einzige Chance. Denn der Rest der Welt ist untergegangen, erzählt der Vater, der als Prepper längst auf das finstere Ende vorbereitet ist. Eine verfallene Hütte im Bayerischen Wald wird Peggys Zuhause. Ein stummes Klavier, das ihr Vater baut, der einzige Halt inmitten der stolzen, launischen Natur. Licht und Finsternis liegen in dieser düster schimmernden Fabel in der Tradition von Marlen Haushofer eng beeinander. Und so hat Peggys Überleben einen fürchterlichen Preis. »Fuller beschwört die Schönheit der Natur herauf, aber auch ihre Brutalität.« Independent
weitere Ausgaben werden ermittelt
Claire Fuller, 1967 in Oxfordshire geboren, kam erst mit vierzig Jahren zum Schreiben. Ihr Debüt "Unsere unendlichen Tage" wurde auf Anhieb mit dem Desmond Elliott Prize ausgezeichnet und in 11 Sprachen übersetzt. Nach "Eine englische Ehe" und "Bittere Orangen" erscheint es nun auch auf Deutsch.

2


In dem Sommer, als das Foto gemacht wurde, baute mein Vater unseren Keller zu einem Atombunker aus. Ich weiß nicht, ob er den Plan damals im Juni mit Oliver Hannington besprochen hatte, während die beiden im Garten in der Sonne lagen, redeten, rauchten und lachten.

Mitten in der Nacht schwebte Utes Klavierspiel melancholisch und melodisch durch unser Haus. Ich wälzte mich im Bett unter dem Laken, klebrig vor Hitze, und stellte mir Ute vor, im Dunkeln am Klavier, die Augen geschlossen, mit sich wiegendem Oberkörper, betört vom eigenen Spiel. Manchmal hörte ich meine Eltern noch lange, nachdem Ute den Deckel zugeklappt hatte. Auch mein Vater hatte oft Mühe zu schlafen, aber bei ihm waren es, glaube ich, die Listen, die ihn wach hielten. Ich stellte mir vor, dass er den Block und den Bleistiftstummel unter seinem Kopfkissen hervorzog. Ohne das Licht anzuschalten, schrieb er: 1. Allgemeine Liste (3 Personen), unterstrich das einmal, dann:

 

  • Streichhölzer, Kerzen
  • Radio, Batterien
  • Papier und Bleistifte
  • Generator, Dynamo, Taschenlampe
  • Wasserflaschen
  • Zahnpasta
  • Wasserkessel, Töpfe
  • Pfannen, Seil, Band
  • Nähgarn, Nadeln
  • Stahl und Feuerstein
  • Sand
  • Toilettenpapier, Desinfektionsmittel
  • Zahnpasta
  • Eimer mit Deckel

 

Die Liste las sich wie ein Gedicht, und die Schrift war eine jugendliche Version des besessenen Gekritzels meines Vaters in späteren Jahren. Wenn er die Wörter im Dunkeln geschrieben hatte, überlagerten sie sich oft oder standen zu eng zusammen, als hätten sie in seinem nächtlichen Kopf um Platz gerangelt. Auf anderen Listen waren die Wörter vom Blatt gerutscht, weil mein Vater beim Schreiben eingeschlafen war. Die Listen hatten alle mit dem Atombunker zu tun: wichtige Dinge, die der Familie über Tage, vielleicht sogar Wochen hinweg das Überleben sichern konnten.

Damals, als mein Vater seine Zeit mit Oliver Hannington im Garten verbrachte, beschloss er, den Keller für vier Personen auszustatten. Er fing an, seinen Freund in die Mengenkalkulation von Besteck, Blechbechern, Bettwäsche, Seife und Nahrungsmitteln, ja sogar von Toilettenpapier einzubeziehen. Ich saß auf der Treppe und hörte zu, wie er und Ute miteinander in der Küche sprachen, während er seine Pläne ausarbeitete.

»Wenn du diesen ganzen Zirkus schon anstellen musst, dann nur für uns drei«, sagte sie aufgebracht. Man hörte ein Rascheln, als die Papiere zusammengeschoben wurden. »Es behagt mir nicht, dass Oliver dabei sein soll. Er gehört nicht zur Familie.«

»Einer mehr spielt doch keine Rolle. Außerdem gibt es keine Doppelstockbetten für drei«, sagte mein Vater. Ich hörte ihn zeichnen, während er sprach.

»Ich will ihn da unten nicht. Ich will ihn nicht im Haus haben«, sagte Ute. Das Kratzen von Bleistift auf Papier war nicht mehr zu hören. »Er verhext unsere Familie - es schauert mich, wenn er da ist.«

»Schaudert«, sagte mein Vater und lachte.

»Schaudert! Meinetwegen schaudert!« Ute mochte es nicht, wenn man sie korrigierte. »Ich möchte nicht, dass der Mann in mein Haus kommt.«

»Darauf läuft es immer hinaus. Dein Haus.« Die Stimme meines Vaters klang jetzt schärfer.

»Es ist von meinem Geld bezahlt.«

Ich konnte hören, wie ein Stuhl über den Boden geschoben wurde.

»Ah, wir wollen dem Geld der Familie Bischoff danken, das die berühmte Pianistin unterstützt. Und, Herr im Himmel, lass uns nicht vergessen, was für ein strenges Arbeitspensum sie hat«, sagte mein Vater.

Ich stellte mir vor, dass er sich verneigte und dabei die Handflächen aneinanderdrückte.

»Wenigstens habe ich einen Beruf. Was machst du denn, James? Den ganzen Tag liegst du im Garten mit deinem gefährlichen amerikanischen Freund.«

»An Oliver ist nichts gefährlich.«

»Etwas stimmt nicht mit ihm, du willst es nur nicht sehen. Er stiftet Unruhe.« Ute stapfte aus der Küche und ging ins Wohnzimmer.

Um nicht entdeckt zu werden, kroch ich eine Stufe höher.

»Was nützt es, Klavier zu spielen, wenn die Welt untergeht?«, rief mein Vater hinter ihr her.

»Und was nützen zwanzig Dosen mit Kochschinken, kannst du mir das mal sagen?«, schrie Ute zurück. Ich hörte das Geräusch von Holz auf Holz, als sie den Deckel aufklappte, dann schlug sie mit beiden Händen einen tiefen Akkord in Moll an. Als die Töne verklungen waren, rief sie: »Peggy wird nie im Leben Kochschinken essen«, und obwohl niemand mich sehen konnte, legte ich die Hand vor den Mund, weil ich kichern musste. Dann spielte Ute die siebte Sonate von Sergei Prokofjew - schnell und wütend. Ich stellte mir vor, wie ihre Finger, Vogelkrallen gleich, über die Tasten sprangen.

»Als Noah die Arche baute, hat es nicht geregnet«, brüllte mein Vater.

Später, als ich wieder ins Bett gekrochen war, endete beides, der Streit und das Klavierspiel, und dann hörte ich andere Laute, die eher nach Schmerz klangen, aber auch mit acht Jahren wusste ich schon, was sie bedeuteten.

 

Es gab eine Liste, auf der Kochschinken stand. Es war die Liste 5. Lebensmittel etc. Unter die Überschrift schrieb mein Vater: 15 Kalorien pro Pfund Körpergewicht, 2 Liter Wasser pro Tag, ½ Tube Zahnpasta pro Monat, und dann:

 

  • 70 Liter Wasser
  • 10 Tuben Zahnpasta
  • 20 Dosen Hühnersuppenkonzentrat
  • 35 Dosen Baked Beans
  • 20 Dosen Kochschinken
  • Trockenei
  • Mehl
  • Hefe
  • Salz
  • Zucker
  • Kaffee
  • Cracker
  • Marmelade
  • Linsen
  • Dicke Bohnen
  • Reis

 

Die Liste hatte etwas Zufälliges, als würde mein Vater das Spiel »Ich gehe in den Laden und kaufe .« allein spielen. Bei Kochschinken fiel ihm Schinken ein, was ihn auf Eier brachte, die ihn an Eierkuchen erinnerten und damit an Mehl.

In unserem Keller goss er einen neuen Zementboden, verstärkte die Wände mit Stahl und brachte Batterien an, die man aufladen konnte, indem man auf einem fest stehenden Fahrrad zwei Stunden lang in die Pedale trat. Er installierte einen Herd mit zwei Platten, der an eine Gasflasche angeschlossen war, und baute Nischen für die Doppelstockbetten, die er mit Matratzen, Laken und Wolldecken ausstattete. In die Mitte des Raumes stellte er einen Tisch mit Resopalplatte und vier passende Stühle. Entlang der Wände hatte er Borde angebracht, auf denen er die Lebensmittel, Wasserflaschen, Kochgeräte, Spiele und Bücher verstaute.

Ute weigerte sich mitzumachen. Wenn ich aus der Schule kam, sagte sie, sie habe den ganzen Tag Klavier geübt und »dein Vater hat im Keller gespielt«. Sie klagte, dass ihre Finger steif und aus der Übung seien und sie Schmerzen in den Handgelenken hätte, und weil sie sich fortwährend zu mir herunterbücken müsse, habe sie jetzt eine schlechte Haltung am Klavier. Ich fragte nicht, warum sie öfter Klavier spielte als früher. Wenn mein Vater aus dem Keller nach oben kam, das Gesicht hochrot, sein nackter Rücken schweißnass, konnte man denken, er würde gleich in Ohnmacht fallen. Er trank Wasser aus dem Hahn am Spülbecken, steckte dann den Kopf unter den Strahl und schüttelte die Haare wie ein Hund, womit er Ute und mich zum Lachen bringen wollte. Aber sie verdrehte nur die Augen und setzte sich wieder ans Klavier.

 

Wenn mein Vater die Mitglieder der North London Retreaters zu uns nach Hause einlud, durfte ich die Haustür aufmachen und das halbe Dutzend haariger und ernst dreinblickender Männer in Utes Wohnzimmer führen. Ich mochte es, wenn unser Haus voller Menschen und Gespräche war, und bis zu dem Moment, da ich ins Bett geschickt wurde, blieb ich unten und versuchte, der Diskussion zu folgen, die sich um die statistischen Chancen, Ursachen und Folgen von etwas rankte, das die Gäste die »verdammte Apokalypse« nannten. War es nicht »der Russe«, der eine Atombombe über London abwerfen und es innerhalb weniger Minuten dem Erdboden gleichmachen würde, dann waren es die Grundwasservorräte, die mit Pestiziden verseucht wurden, oder die Weltwirtschaft, die zusammenbrach, worauf die Straßen mit hungrigen Plünderern überschwemmt würden. Zwar witzelte Oliver, die Briten hinkten den Amerikanern so weit hinterher, dass sie beim Einbruch der Katastrophe noch im Schlafanzug herumsäßen, während die Amerikaner schon seit Stunden alles täten, um ihre Häuser und Familien zu sichern, aber mein Vater war stolz, dass die Gruppe eine der ersten - vielleicht die erste überhaupt - in England war, die sich traf, um Überlebensstrategien zu besprechen. Ute jedoch war sauer, weil sie nicht Klavier üben konnte, wenn die Männer bis spät in die Nacht im Wohnzimmer herumsaßen, tranken und eine Zigarette nach der anderen rauchten. Mein Vater liebte Diskussionen und kannte sein Thema gut. War der Alkohol ein paar Stunden geflossen und die Tagesordnung abgearbeitet, ging das Treffen von der geordneten Diskussion in heftige Streitgespräche über, bei denen sich die Stimme meines Vaters regelmäßig über die der anderen erhob.

Bei dem Lärm warf ich die Bettdecke zurück und schlich barfuß nach unten, wo ich um die Ecke ins Wohnzimmer guckte und mir der Geruch...

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