Festspielfieber

Kriminalroman
 
 
Emons Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. Mai 2016
  • |
  • 192 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-86358-986-8 (ISBN)
 
Schauspielerin und Diva Natascha Gessler, die Hersfeld nicht von Helmstedt unterscheiden kann, liegt tot in ihrer Garderobe der Stiftsruine. Kommissar Daniel Rohde und sein Team ermitteln mit Witz und Geschick - und stellen bald fest, dass die Spur zum Mörder weit in die Vergangenheit zurückreicht . . .
  • Deutsch
  • Köln
  • |
  • Deutschland
  • 3,77 MB
978-3-86358-986-8 (9783863589868)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Nach seiner Ausbildung bei einem schwäbischen Lokalradio arbeitet Tim Frühling jetzt seit über 20 Jahren beim Hessischen Rundfunk. Er moderiert bei der Radiowelle hr1 und präsentiert die Wettervorhersage im hr-Fernsehen und in der ARD. Geboren in Niedersachsen, aufgewachsen in Stuttgart, lebt er seit 1997 in Frankfurt und ist mittlerweile im Herzen Hesse.

2

Der Sommer 1992 war in den neuen Bundesländern eine unruhige Zeit. Immer mehr Menschen verloren ihre Jobs, die blühenden Landschaften, die der Kanzler noch zur Wiedervereinigung versprochen hatte, schienen in unerreichbarer Ferne. An vielen Orten war die Euphorie verflogen, das alte Regime ohne Blutvergießen in die Knie gezwungen zu haben. Stattdessen machte sich in weiten Teilen der Bevölkerung eine tief greifende Ernüchterung breit. Ältere Menschen sehnten sich zum Teil den Sozialismus mit seinen klar gegliederten Strukturen zurück, jüngere fingen zunehmend an, sich zu radikalisieren.

Zielscheibe ihrer Wut waren häufig Ausländer, aber auch Homosexuelle, Intellektuelle und Andersdenkende. In Hoyerswerda waren schon im Jahr zuvor Asylbewerber und Arbeiter mit Migrationshintergrund Opfer der rechten Hatz geworden, in Rostock-Lichtenhagen bekam die Polizei die Ausschreitungen am »Sonnenblumenhaus« tagelang nicht in den Griff. Natürlich waren diese Pogrome nur die Spitze des Eisbergs. Viele kleine Taten fanden nicht ans Licht einer breiten Öffentlichkeit oder wurden schlicht niemals aufgeklärt.

Auch die Vorgänge in der Nacht auf den 22. Juli 1992 im sächsischen Crimmitschau sind heute weitgehend vergessen. Eine Truppe junger Schauspieler aus West-Berlin hatte sich in den Süden der ehemaligen DDR aufgemacht, um den Brüdern und Schwestern in der Provinz großstädtische Inszenierungen zu präsentieren. Nachmittags gaben sie für die Kinder Stücke des linken Berliner GRIPS-Theaters, die Erwachsenen bekamen abends auf einer improvisierten Bühne Stücke von Bertolt Brecht oder Wolfgang Borchert zu sehen. Alle Mitwirkenden hatten eine gehörige Portion Idealismus in das Projekt gesteckt. Sie wollten mit ihrer Tour gegen die ersten Theaterschließungen ankämpfen, zu denen sich manch klamme Kommune im Osten schweren Herzens entschlossen hatte.

Im Anschluss an eine mittelmäßig besuchte Aufführung der »Mutter Courage« saßen die Darsteller am Lagerfeuer und philosophierten mal wieder über Weltanschauungen, Politik und die Entwicklung des Theaters in Deutschland. Nach dem Genuss einiger Flaschen Wein und einem Joint, der die Runde gemacht hatte, verzogen sie sich in die hölzernen Bauwagen, die sie am Ufer der Pleiße im Halbkreis um ihre notdürftige Bühne postiert hatten.

Um kurz nach Mitternacht verstummten das Geflüster und das leise Lachen in den bunt bemalten Wagen. Zu diesem Zeitpunkt mussten die Angreifer schon in den Büschen gelauert haben.

Nach etwa einer halben Stunde schlichen vier maskierte Männer aus dem Ufergebüsch auf die Wagengruppe zu. In einer großen Sporttasche klirrte es leise. Acht Flaschen hatten sie mit Benzin und Lappen zu Molotowcocktails umgerüstet. Zwei für jeden Wagen, das war ihr Plan. Ohne zu sprechen, teilte sich die Gruppe auf. Zwei Vermummte sollten die Brandsätze in die Wagen auf der rechten Seite werfen, zwei kümmerten sich um die Bauwagen weiter links.

Die nächtliche Ruhe in der Pleiße-Aue wurde durch einen leisen Pfiff zerschnitten. Das vereinbarte Zeichen, die Molotowcocktails zu zünden und durch die geöffneten Fenster in die Schlafwagen der Schauspieltruppe zu werfen.

Alles ging blitzschnell: In zwei Wagen gab es gewaltige Verpuffungen, eines der hölzernen Gefährte wurde von den Brandsätzen komplett zerstört. Über die zwei anderen Wagen muss ein Schutzengel seine Hand gehalten haben: Die Benzin-gefüllten Flaschen sorgten zwar für ein mächtiges Feuer, sie explodierten aber nicht. Offenbar waren sie beim Hineinschleudern auf eine Bettdecke oder einen weichen Teppich gefallen, jedenfalls brachen die Flaschen nicht auseinander und verhinderten damit die gefährliche Detonation.

Aus den zwei anderen Wagen aber schallten markerschütternde Schreie. Die Opfer des Anschlags rannten wild umher, einerseits wollte man den Verletzten helfen, andererseits vielleicht noch einen der Täter schnappen. Die hatten nämlich einen entscheidenden Fehler gemacht: Sie hatten sich nicht abgesprochen, wie ihre Flucht aussehen sollte.

Ein eher kurz geratener, drahtiger Maskierter rannte nicht auf dem kürzesten Weg aus dem kleinen Park heraus, sondern wählte die lange Strecke, an den drei anderen Bauwagen entlang. Als er gerade am hintersten vorbeirennen wollte, sprang ihm ein Mitglied der Schauspieltruppe in den Weg. Mit einem gezielten schnellen Griff wurde der Sehschlitz der Sturmhaube nach unten gezerrt. Für einen kurzen Moment war neben den Augen auch die Mund- und Nasenpartie des Angreifers zu sehen, verzogen zu einem kalten Lächeln, aber doch unverkennbar. Zwischen Nase und Oberlippe verlief eine senkrechte Narbe, die typischerweise entsteht, wenn im Säuglingsalter eine Hasenscharte geschlossen wird.

Ein Bild, das sich im Schatten zweier lodernd brennender Holzwagen für ein Leben lang einbrennt. Und der einzige Anhaltspunkt, der jahrelang als Phantombild in einem Fall verwendet wurde, der bis heute nicht aufgeklärt werden konnte.

* * *

Wolli Angerstein gefiel seine Aufgabe als Festspielreporter immer besser. Der Chefredakteur hatte sein ironisches Porträt über die launische Valerie Prohaszka ausdrücklich gelobt - und ihm vier Sonderseiten in der übernächsten Samstagsausgabe in Aussicht gestellt. Von allen sonstigen Aufträgen war er befreit worden und konnte sich so voll auf die Vorgänge in der Stiftsruine konzentrieren.

Normalerweise waren Reporter bei den Proben verboten oder zumindest nicht gern gesehen. Da die »Osthessische Landeszeitung« aber schon seit Jahrzehnten mit den Festspielen kooperierte - heutzutage nennt man in der Werbewelt so was »Premium-Medienpartner« -, genoss Wolli das Privileg, sich fast zu jeder Zeit an nahezu jedem Ort aufhalten zu dürfen.

Heute standen die ersten Szenen aus »Gezeiten« auf dem Probenplan, der Reporter der »OLZ« machte es sich dazu in der dritten Reihe mit Sitzkissen und Thermoskanne gemütlich. Aus journalistischer Sorgfalt hatte er das ganze Skript schon gelesen. Es war, wie erwartet, nicht sein Fall. Das ewige Hin und Her zwischen dem Mann und seinen beiden Gespielinnen langweilte ihn, der Transformationsprozess hin zu seinen zwei Traumfrauen erschien ihm nicht perfide genug. Außerdem hatte Wolli den Eindruck, dass ein Textbuch mit nur achtundvierzig Seiten reichlich dünn war für ein zweistündiges Bühnenstück.

Während der Proben wurde ihm klar, wie Valerie Prohaszka - nicht nur Autorin und Intendantin, sondern eben auch Regisseurin des eigenen Werkes - den Mangel an Text zu kompensieren gedachte: indem Hans Hofstede die beiden Frauen abwechselnd minutenlang schüttelte. Zuerst fasste er Juli Blum mit beiden Armen um die Hüfte, schüttelte sie nach vorn, nach hinten, nach rechts und dann nach links, während er finster dreinblickte und sie jämmerlich wimmerte. Dann wechselte er zu Natascha Gessler, griff sie unsanft an den Schultern und schüttelte sie ebenfalls in alle Himmelsrichtungen.

Der Unterschied zur Schüttelei mit der Blum bestand allein darin, dass nun Hofstede und Gessler eine gute Minute lang so laut schrien, dass feine Spucketröpfchen den Bühnenboden und die erste Reihe der Zuschauer benetzten.

Wolli war sich sicher, dass das Hersfelder Publikum an dieser Stelle gehen oder zumindest buhen würde. Auf jeden Fall bot die Nummer genügend Stoff für einen interessanten Artikel nach der Premiere.

Während Frau Prohaszka eine kleine Pause ausrief, um die »Intensität« und die »Affektivität« der soeben gespielten Szene zu loben, nutzte Wolli Angerstein die Ruhe, um sich ein paar Gedanken über die Mimen auf der Bühne zu machen.

Weswegen Juli Blum das Engagement in Bad Hersfeld angenommen hatte, lag auf der Hand: Für sie war es das Sprungbrett, um ins seriösere Fach zu wechseln. Bekannt geworden war sie durch eine Vorabendserie rund um eine Surfer-Clique, bei der es mehr um schöne Bilder und schöne Körper als um schöne Dialoge ging. Danach war sie für einige Jahre am Max-Reinhardt-Seminar in Wien gewesen, um die Schauspielerei noch mal von Grund auf zu lernen. Ihre Bemühungen trugen Früchte: Im Anschluss an ihre Ausbildung durfte sie in einem dreizehnteiligen DDR-Drama eine junge Frau spielen, die nach einem Fluchtversuch in die Fänge der Stasi geriet. Für diese Rolle hatte sie vor zwei Jahren sogar eine Goldene Kamera bekommen und fühlte sich seither bereit für die höheren Weihen des Bühnenspiels.

Wolli konnte nicht bestreiten, dass die schlanke, blonde Endzwanzigerin einen gewissen Reiz hatte, allerdings verspürte er in ihrer Nähe den ständigen Drang, ihren gerade abgeschnittenen und in die Stirn gekämmten Pony beiseitezuschieben. Er hatte diese Frisur schon bei manchen Models gesehen und fand sie urbanen Mist. Selbst nach den permanenten Schütteleien, die das Stück vorsah, schlossen die Haare wieder akkurat mit den Augenbrauen ab - und Frauen ganz ohne Stirn waren Wolli einfach suspekt.

Natascha Gessler trug ihre grau melierten Haare streng zu einem Knoten nach hinten gebunden. Das passte einerseits zu dem intellektuellen Frauenbild, das sie in »Gezeiten« zu verkörpern hatte, andererseits aber auch zu ihrem sehr schmalen Gesicht. Sie trug privat ausschließlich graue und schwarze Kleidung, auf der Bühne hatte die Prohaszka sie in einen gestrickten dunklen Einteiler ohne Ärmel, aber mit Rollkragen gesteckt. Rechts und links ragten zwei Ärmchen aus dem Wollberg heraus,...

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