Man darf nicht leben wie man will

Tagebücher
 
 
Residenz (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Februar 2019
  • |
  • 264 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7017-4609-5 (ISBN)
 
Wer war Gerhard Fritsch? Einer der bedeutendsten österreichischen Autoren der Nachkriegszeit, in einem Atemzug zu nennen mit Hans Lebert oder Thomas Bernhard? Ein reger Literaturfunktionär, der als Rezensent, Herausgeber, Lektor und Mitglied zahlreicher Jurys den Betrieb seiner Zeit maßgeblich beein?usste? Ein Getriebener, der dreimal verheiratet und Vater von vier Kindern war und sich schließlich in Frauenkleidern erhängte? Der früh verstorbene Autor von "Moos auf den Steinen" und "Fasching" war all das und noch mehr: Seine Tagebücher gewähren uns erstmals Einblick in Schaffenskrisen, Höhen?üge und private Travestieträume. Vor allem aber zeigen sie uns Gerhard Fritsch als unermüdlich Schreibenden und ermöglichen eine völlig neue Lektüre seines Werks.
  • Deutsch
  • Salzburg
  • |
  • Österreich
  • 0,52 MB
978-3-7017-4609-5 (9783701746095)
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Gerhard Fritsch,geboren 1924 in Wien, gestorben 1969 in Wien. Nach der Rückkehr aus dem Zweiten Weltkrieg studierte er Geschichte und Germanistik. Verlagslektor, Bibliothekar, ab 1958 freier Schriftsteller und Literaturkritiker. Er erhielt zahlreiche Literaturpreise und veröffentlichte mehrere Gedichtbände sowie die Romane "Moos auf den Steinen" (1956) und "Fasching" (1967), postum erschien "Katzenmusik" (Residenz, 1974).

Klaus Kastberger, geboren 1963 in Gmunden, studierte Germanistik und Geschichte in Wien. 1996-2015 arbeitete er am Literaturarchiv der ÖNB, seit 2015 Professor für neuere deutschsprachige Literatur am Franz-Nabl-Institut sowie Leiter des Literaturhauses Graz. Klaus Kastberger ist derzeit Mitglied der Jury des Bachmann-Preises.

Stefan Alker-Windbichler, geboren 1980 in Wien, studierte Germanistik, Publizistik und Theaterwissenschaft und ist Leiter der Fachbereichsbibliothek Germanistik, Nederlandistik und Skandinavistik der Universität Wien. Er hat ausführlich zu Gerhard Fritsch geforscht und publiziert.

Heft I


Juni 1956 - Jänner 1957
Juni 1957


13. Juni 1956

In einem stinkenden Vorstadtkaffeehaus (mein »schöpferisches« Milieu) nach einer »Dichterstunde Ferdinand v. Saar« am Stadtrand in Favoriten. Schlechter Mokka, triste Burschen, Tiefparterre eines der ersten Gemeindebauten am Gürtel. Bei Saar waren 5 (!) ganze Zuhörer - und Christl hat sich durch die Steinklopfer gequält. Aber das ist eigentlich nicht so wichtig: ich habe heute - vor dem Vortrag - die Helmut-Story satt bekommen - und damit viel mehr! Auf wie lange? Ich werde es ja sehen. Eigentlich müßte man sich schon freimachen können von seinen Perversionen: und wenn nicht freimachen, sich doch ein wenig distanzieren. Nicht immer gleich nachgeben. Mit dem Nichtnachgeben beginnt jede Leistung. - Das Radio kreischt und Billardkugeln krachen, ich könnte jetzt gut und leidenschaftslos schreiben, mehr sehen und darstellen, aber ich muß bald heim, Mirli wartet.

Oft sehne ich mich nach bindungsloser Einsamkeit - töricht, denn ich sehne mich nach Bindung. Und Mirli ist das beste, was ich in meinem Leben erreicht habe: ein Mensch. Vor einigen Tagen begann sich das wirkliche Gespräch mit ihr nach langer Zeit wieder fortzusetzen. Ich bin gewiß zu egoistisch. Die Überwindung des Egoismus ist aber nicht zuletzt eine Zeitfrage.

Ob dieses »intime« Tagebuch ehrlich wird? Und mehr als Geschwätz? Ich bin kein Gide - nicht einmal ein Schidsky (unser Name für Saiko). Ob sich ein Mensch wirklich objektiv beurteilen kann? Wohlgefällige Selbstenthüllungen. Masochismus = die »Erfindung« eines Schriftstellers - und Österreichers. - Man sollte in der Konsequenz des grammatisch richtigen Satzes denken können. Assoziativ = vegetativ (meine Veranlagung) birgt reichlich Gefahren. In der Literatur und im Leben. Die Pseudophilosophien wuchern wie Unkraut.

Ein Heft, ein schönes Heft, lockt zu Bekenntnissen. Ich bin untauglich für Priester und Psychoanalytiker. Ich beichte (vielleicht!) dem Papier. Und das in Bruchstücken. Da fällt mir das Beichtprotokoll Okopenkos ein. Er ist einwandfrei ein Narziß. So wichtig nehme ich mich nicht, das kann ich ziemlich sicher behaupten. Oder nehme ich nur die Welt nicht so wichtig?

In der Früh sah ich das Plakat zum Film »Wie herrlich, eine Frau zu sein«. Sophia Loren - Identifikationssehnsucht und Wissen um den Pubertätsappell der echten und falschen Gummibusen. Der Gummibusen als Symbol der Zeit, die mit ihrer Pubertät nicht mehr fertig wird. Wir nehmen das alles viel zu wichtig. Weil wir keine Religion haben, haben wir auch keinen Begriff der Sünde, nur halb oder drei viertel soziologische Ersatzbegriffe. -

Daß ich mich einmal in die marxistische Haltung hineinsteigern konnte - unwahrscheinlich! Dem Frei sagte ich, aus Protest. Am ehesten läßt es sich so sagen, ist aber auch falsch. -

Jetzt ginge das so weiter, halbautomatische Schrift, aber ich muß heim. In der Tasche die 2 Prellböcke für Michel (er sagt Brennböcke!) - es ist gut so!

14. Juni 1956

Nach der Saarstunde im Salon Freisler - nach dem Anhören zweier »Dichterinnen«, einer baltischen Baronin und einer Hysterikerin - wieder in einem Beisel. Die Stunde der Besinnung nach allem (auch + !). Der Saar war heute besser, die 20 Zuhörer und die Atmosphäre haben mein Gerede beschwingt - Und am Nachmittag war Luise in der Zentrale: Luise Myerson! Im Vorgarten des Kaffee Rathaus gestand sie mir, naja, es war wirklich wie in einem Roman. Gesucht habe sie mich in all den Jahren usw. Ich saß da und sprach papierern Trost. Sie sei so verzweifelt gewesen, als sie erfuhr, daß ich glücklich verheiratet wäre. Aus Amerika geflohen sei ich die einzige Hoffnung gewesen - usw. Ach ja, ein bißchen gestellt und hübsch viel wahr (nicht weil es mir schmeicheln könnte). Ich saß da und hätte die Helmut-Story weiterschreiben wollen - dem gestrigen zum Trotze (der schwüle Sommer, er allein in der großen Wohnung, die Stimmung hinter den Jalousien hätte mich sehr gereizt), ich saß da, horchte und sagte: ja, damals 42 und dann den ganzen Krieg hindurch . sie war meine erste Liebe - Sie sei zu jung gewesen damals, hätte nicht verstanden, aber jetzt . Ich sagte Kameradschaft: und sonst zu spät (was sollte es auch!) - you are my secret love (sie am Weg zur Stadtbahn), viel Erinnerung, manchmal nah, manchmal wie an ein fremdes Leben - und doch sehr, sehr berührt. Auch wenn man den Schwindel abzieht, bleibt noch genug: auf alle Fälle ein Schicksal, ein schweres echtes Schicksal. Und: sie war meine erste Liebe. Wie du antrittst, so . Das ist wohl wahr! Und im Juli wieder. Seelengymnastik, muß aber wohl sein. Ich sage hart wie ein Romanheld: einmal im Monat - und Kameradschaft. Das andere ist vorbei. Ist es auch. Nur die scheußliche Wehmut! Während der Verabschiedung habe ich eine schmerzhaft volle Blase und der erste Weg nachher führt im Laufschritt ins Pissoir. Das Leben, Luise! Meinen Roman hast du auch mit. - Wann wird Jutta = Christiane wieder auftauchen? Sentimental, aber wahr ist das alles.

15. Juni 1956

Luise, Rudi, Erna, Mara, Christiane, Anneliese. Dann war es aus. Mirli hat mich wirklich verändert. Aber was lag alles zwischen den Namen, die ich da aufgeschrieben habe! Halt, halt: nur nicht zuviel einbilden darauf. Zores genug übrigens auch, von Anfang an.

Mitten in die Arbeit platzte der Bisinger - ob aus ihm einmal ein Dichter wird? Auch Rilke begann als Dill[l]etant (ich kanns im Moment gar nicht richtig schreiben!). Was man draus macht, das ist wichtig. Den nötigen Schuß Sentiment(alität) bringen alle mit.

Die Kameradschaft beim mittäglichen Kaffee. Sandeln: ein herrliches Wort, die Philosophie des Sandlers war damals fast ebenso gut wie neulich der Plan zu dem österreichischen Bauernroman »Salome Grasspointner«. Manchmal ist der skeptische Humor wirklich das Beste.

17. Juni 1956

Am Freitag, vorgestern, nach Christl Gedichte und die Wassilij-Stellen vorgelesen (St.B. 24, also nebenan!) - in völliger Einsamkeit - totale Isolierung. Nachher Rikki und Eugen bis 11h bei uns - unergiebig.

Ein ruhiger, spießbürgerlicher Samstag, müde - dann mit M + M spazieren, in Hetzendorf sind schon die elektrischen Leitungen der Südbahn fertig verspannt.

Anschließend allein im »Tivoli«: »Welterfahrung« aus der Illustrierten .

Im Bett »Die Stundentrommel« ausgelesen: sehr beeindruckt von Thema und Gestaltung, der Athos - das Antifaustische Prinzip! »Ich bin gekommen, die Werke des Weiblichen aufzuheben« (Christus nach dem »Evangelium des Ägypters«) - Leben in reiner, das ist fruchtloser Anschauung - das Buch Erhart Kästners sollte man besitzen (welch Widerspruch zur These des Athos), es wird mir lange nachgehen.

M + M. fahren in der Früh mit Mirlis Mutter im »Postsonderzug« nach Berndorf. Ich mach eine halbe Stunde + - und wie ein Traum verweht es, sobald . Und ist wiedergekehrt nach einer Stunde!

Im Kaffee Eos ein Gedicht wiederentdeckt: aus der »schwarzen Scheune der Nacht« eine »dumpfe Scheune« gemacht - und, m. Meinung, wesentlich verbessert. Die Genauigkeit der Attribute! Schmied, Pound!

Den Nachmittag in Simmering: 3 Buchbesprechungen. Im Radio der Fußball-Länderkampf Öst.-Jugoslawien, im Zimmer nebenan die Keppeleien zwischen Mutter und Großmutter.

In 48 Stunden sind wir in Kärnten. Wiesen und Heu .

18. Juni 1956

Vormittag mit Christl im Festsaal der R XVI gelesen. Ein schauriger Raum, der Stil von 1890 - auf ärarisch! Man mußte schreiend lesen.

Vorher war Hakel da, die Unzulänglichkeit meines Romans beklagend und im gleichen Atemzug die Nachdichtung etlicher mittelhochdeutscher Genesisstellen verlangend. Und ich hab ihn nicht einmal hinausgeworfen! Im Gegenteil, er spielt irgendwie überzeugend den Meister. Außerdem tut er mir immer leid .

In großer Eile den Schreibtischinhalt geordnet. Noch gar keine Urlaubsfreude. Immer die Hast. Ich werde die »Termine« auch im Urlaub nicht los werden.

20. Juni 1956

Und der Urlaub drängt alles weg, alle Termine sind fern, unwesentlich, nur mehr eine undeutliche Bedrängnis. Ob...

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