Trevellian und der Mann, der den Henker betrog

 
 
Uksak E-Books (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. Juli 2020
  • |
  • 122 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7389-4233-0 (ISBN)
 
»Mein Sohn«, sagte der Reverend, »sei zuversichtlich...« Der Höllenlärm in der Death Row schnitt ihm das Wort ab. In dem Moment, in dem Adam Wilenberg mit dem Geistlichen und den Aufsehern den langen Korridor betrat, begannen sie in den Todeszellen zu brüllen und zu schlagen. Sie schrien sich die Angst aus dem Leib, und sie schlugen mit allem los, was sie hatten - mit Stuhlbeinen oder Gürtelschnallen, gegen Stahlgitter oder Wände. Sie alle waren irgendwann an der Reihe. Sie alle würden den Weg beschreiten, den jetzt Wilenberg nahm. Er tat es grinsend. Und in der Mitte des Korridors handelte Adam. Er, der bis zuletzt friedliche Bursche, sprang den Pfarrer an. Ein raubtierhafter Satz. Zu schnell für die Aufseher. Adam Wilenberg stülpte dem Mann im Talar die Arme über und preßte ihm das Stahlgelenk der Handschellen gegen den Kehlkopf. Der Pfarrer gurgelte. Seine Bibel fiel klatschend auf den Fliesenfußboden. »Gleich weißt du, wie es in der Hölle aussieht!« fauchte Wilenberg. Er riß den Reverend herum, so daß er die Uniformierten ansehen konnte. Sie waren zu viert. Zwei hatten die Smith & Wessons schon aus dem Leder. Doch sie wagten nicht, die Revolver in Anschlag zu bringen.
  • Deutsch
  • 0,38 MB
978-3-7389-4233-0 (9783738942330)

2


Wir fuhren mit offenen Seitenfenstern und hörten die Reifen schmatzen. Die Sonne mußte sich ernsthaft vorgenommen haben, den Asphalt an diesem Tag noch zum Kochen zu bringen.

Die Main Street von Mercerville war menschenleer. Wie zur Zeit der Siesta in südlicheren Breiten. Doch dies war New Jersey, Nachbarstaat von New York, und Milo und ich hatten den Vorort von Trenton über den US-Highway 130 erreicht.

Beiderseits der Fahrbahn schienen die schräg geparkten Limousinen und Pick-ups in der Sonne zu glühen. Die Fahrer hatten sich in die Klimaanlagenkälte von Coffee Shops und Restaurants zurückgezogen. Unser Zielpunkt war mit seinen zehn Stockwerken nicht zu übersehen. ' Die Gebäudefassade stammte aus den 30er Jahren. Ich konnte mir vorstellen, wie es dahinter aussah.

Als wir ausstiegen, hatte ich das Gefühl, als blieben meine Schuhe im Asphalt kleben. Es war wie eine Rettung, die träge quietschende Drehtür zu erreichen und in das Halbdunkel der Lobby gespuckt zu werden.

Milo stöhnte mitleiderregend. Man kriegte einen Hammerschlag vor den Kopf. Alte Teppiche und alte Wandtäfelungen rochen von der Hitze verstärkt nach Reinigungsmitteln. Der Clerk hinter dem Reception Desk sah so aus, wie der ganze Laden roch - frisch gereinigt und gebügelt, aber in 20 Jahre alten Klamotten.

Das Hotel mochte in den 50er Jahren zuletzt renoviert worden sein. Der Angestellte hatte seinen Anzug, das Hemd mit Stärkekragen upd die hawaiigemusterte Krawatte in den 60ern gekauft. Wenn die Politiker aus dem Bundesstaat im nahen Tr.enton .zusammenkamen, verirrten sich nur noch wenige zur Übernachtung ins Hotel >Garden State Star< in Mercerville. Trenton, die Hauptstadt von New Jersey, hatte inzwischen selbst genug Hotels.

Milo und ich schoben unsere Silberadler vor die Nase des Clerks. Er hob den Kopf und sah uns aus staubgrauen Augen an. Keine Spur von Überraschung. Er war an die 60, und es gab in seinem Leben wohl nichts, was er noch nicht erlebt hatte. Die Brillantine in seinem Haar mochte aus einem Vorrat stammen, den er sich vor langer, langer Zeit angelegt hatte.

»Gentlemen?« sagte er geistesabwesend. Sein Blick wollte zu seinem Kreuzworträtsel zurückkehren.

Ich erklärte ihm, wer wir waren und was wir vorhatten.

»Zimmer 834«, fügte ich hinzu. »Der Mann ist doch da?«

Der Clerk drehte sich kurz um und spähte zu den Schlüsselfächern. »Ja, Sir. Es ist sowieso seine übliche Geschäftszeit. Mr. Marshal empfängt den ganzen Tag über Kunden, bis abends um sechs.«

»In Ordnung«, sagte ich und steckte meine ID-Card mit dem FBI-Adler ein. »Mein Kollege bleibt bei Ihnen und sieht Ihnen auf die Finger.«

Der Angestellte blieb unbeeindruckt. In einem zehn Stockwerke hohen Hotel mußte er auch diese Verhaltensweise von Ermittlungsbeamten schon des öfteren erlebt haben.

»Fragen Sie mich was!« schlug Milo vor. »Mal sehen, ob ich's weiß.«

»Was?«

Milo tippte vor seinen blinzelnden Augen auf das Kreuzworträtsel. »Das, Mister. Fragen Sie mich, wenn Sie etwas nicht wissen!«

Ich stand schon vor dem rumpelnden Fahrstuhl und überlegte, ob ich mich dem Ding anvertrauen sollte. Der Clerk wurde wacher und fragte meinen Freund begeistert nach einem großen europäischen Fluß mit fünf Buchstaben. Mir fielen gleich drei ein, während ich den nach jahrzehntealtem Staub riechenden Fahrstuhl betrat.

Milos Rätselerfolg bekam ich nicht mehr mit, denn die Falttür schloß sich scheppernd. In dem engen Kasten war die Hitze noch unerträglicher als in der Lobby. Bis in den 8. Stock schien es eine Ewigkeit zu dauern. Der Kasten rumpelte und krachte in seiner Aufhängung, und ich dachte darüber nach, wie hoch die Lebensdauer von Stahlseilen angesetzt wird.

Oben in einem Korridor mit altem, aber blitzblank gebohnertem Linoleum herrschte Rekordhitze. Ich war überzeugt, daß ich es nur ein paar Sekunden lang durchhalten würde, hier zu atmen.

Zimmer 834 lag ganz hinten am Ende des Korridors.

Es gab eine von diesen Drehklingeln aus Messing. Ich bewegte den schmetterlingförmigen Griff, und das Ding gab ein häßliches Schnarren von sich. Unter meinem Jackett fing alles an zu kleben - das Hemd und die Lederriemen der Schulterholster. Nach einem Schlurfen verdunkelte sich der Spion.

»Wer ist da?« sickerte die Stimme durch das Türholz.

»Calvin«, brummte ich. »John Calvin. Hab' heute morgen angerufen.«

Er war vorsichtig, öffnete nur einen Spalt breit und ließ sich meinen Führerschein zeigen. Vielleicht wußte er nicht, daß die FBI-Requisitenkammer alles vorrätig hat, was man für kleine Alltagstricks braucht. Möglich, daß es ihm bei der Hitze zu anstrengend war, noch mehr Mißtrauen an den Tag zu legen.

Ich durfte eintreten. Wieder hatte ich das Gefühl, einen Hammer vor den Kopf zu kriegen. Joe Marshal war einen halben Kopf kleiner als ich. Eine Zigarette hing zwischen seinen Wulstlippen, und die Daumen hatte er hinter seine Hosenträger gehakt. Unter seinem Bauch stand der oberste Hosenknopf offen.

Jalousien verdunkelten das Zimmer. Früher mochte es zu den besseren Suiten gehört haben. Neben dem Vorhang, der die Garderobennische abteilte, gab es eine Tür zu einem weiteren Raum.

Heute verpestete Joe Marshal die Luft zwischen den vier Wänden, indem er eine Zigarette nach der anderen qualmte und Luncheonette-Tüten mit ausströmendem Frittengeruch auf dem Nachttisch stehen ließ. Ein nierenförmiger Couchtisch und dünnbeinige Sessel aus der Musikbox-Ära dienten Marshal als Büromobiliar und Sprechstundenausrüstung in einem.

Er wies mir den Besucherplatz an, schnaufte, als er mir gegenüber in seinem Sessel landete, und riß eine Dose Bier auf. Er hielt sie mir einladend hin. Ich schüttelte den Kopf. Er schlürfte selbst, stellte die Dose zwischen Schnellhefterberge, nuckelte seine Zigarette bis zum Filter auf und wischte sich mit einem Handtuch die Halbglatze und das schweißnasse Rundgesicht trocken.

»Allright«, sagte er, legte die Hände ineinander und sah mich einen Moment lang grinsend an. Seine Miene war die eines Mannes, der schon alles über mich weiß. »Und nun suchen wir die letzte Chance, wie?« Er steckte sich eine neue Zigarette an und ließ sich Dosenbier in den Hals laufen.

Ich versuchte, seinen Gesichtsausdruck nachzuahmen. »Haben Sie Ihre schon gehabt?«

Er nickte und stellte die Bierdose weg. »Ohne Erfolg. Die Frau, die es mit mir aushält, hat es nicht gegeben und wird es auch nicht geben. Ich bin kein wandelndes Beispiel dafür, daß meine Vermittlungen funktionieren.«

Ich zog die Stirn kraus und tat, als müßte ich über seine Worte nachdenken. Umständlich zog ich den Ausschnitt der New York Daily News mit seiner kleinen einspaltigen Anzeige aus der Jackentasche.

Letzte Chance gesucht? Hoffnung über 609-7382121.

Ich las den Text wie jemand, der ihn noch nicht richtig verstanden hat, und stopfte das zerknitterte Papier zurück in die Tasche. »Ehrlich gesagt, Mr. Marshal, als ich anrief. da. da hab' ich was vorgetäuscht. Ich meine, ich hab' so getan, als ob ich was gegen meine einsamen Tage tun will.«

Er pumpte Rauch aus seinem Glimmstengel und war kein bißchen überrascht. Mit der freien Hand klatschte er auf einen Stapel Schnellhefter. Staub puffte ringförmig weg wie bei einer kleinen Explosion.

»Das hier, Mr. Calvin. alles einsame Herzen. Nichts, was sich den großen Agenturen anvertraut. Bei mir zählt der persönliche Kontakt, wissen Sie. Die Ladys, die mehrere Enttäuschungen hinter sich haben, wollen nicht mehr mit einer roten Rose in den Coffee Shop und all diesen Quatsch. Sie verstehen? Bei mir können sie darauf bauen, daß ich mit Fingerspitzengefühl den richtigen aussuche.«

Er war der wandelnde Widerspruch zu seiner Behauptung.

»Begriffen«, sagte ich. »Deshalb haben Sie kein festes Büro. Sie gehen dahin, wo das Geschäft zu machen ist.«

Er lachte mit kratziger Stimme und stampfte seinen Zigarettenrest in den Kippenberg im Aschenbecher. »Ich kann Ihnen folgen, Mr. Calvin, ich kann Ihnen folgen. Sie haben angefangen, anzudeuten, daß Sie nicht der holden Weiblichkeit auf der Spur sind. Das haben Sie vorgeschoben, um sich an mich heranzutasten. Gewissermaßen. Richtig?«

»Wir kommen uns näher«, grinste ich. »Ich meine, es gibt ja auch andere Situationen, in denen man eine letzte Chance sutfht.«

»Das haben Sie fein ausgedrückt«, entgegnete Marshal und steckte sich seine nächste Zigarette an. »Jetzt wollen Sie leise weinend rauskriegen, was ich sonst noch so vermittle. Von der Steuerfahndung sind Sie nicht, was?« Er lachte schallend.

Ich lachte mit. Sein Mißtrauen war nicht unangebracht. Ich hatte bei der zuständigen Finanzbehörde nachgefragt. Sein Gewerbe war als Heiratsvermittlung angemeldet. Nichts weiter. Der Gewerbeschein auf seinen Namen galt für die Bundesstaaten New York und New Jersey. Ein Reisender im Dienst einsamer Herzen.

Ich wußte, daß das Wortgeplänkel mit ihm noch Stunden dauern konnte. Bevor er wirklich zur Sache kam, würde er mir mit trickreichen Fragen auf den Zahn fühlen, die sich in seinem Job bewährt hatten.

»Sie können mir einen privaten Teck auf den Hals hetzen«, sagte ich. »Tankstelleninhaber, ledig, keine Vorstrafen. In dem Punkt habe ich Ihnen nichts vorgeflunkert.«

Er nickte. »Okay, Calvin. Was ist es? Steht Ihnen das Wasser bis zum Hals? Finanziell? Suchen Sie den Partner mit Geld, der Ihnen die letzte Chance gibt?«

»Zum Glück nicht.« Ich schüttelte den Kopf. »Man muß ja nicht unbedingt für sich selbst suchen, oder?«

»Muß man nicht, muß man überhaupt nicht.« Marshal lehnte sich zurück, daß der dünnbeinige Sessel knackte. Sein...

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