Gestatten: Elite

Auf den Spuren der Mächtigen von morgen
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2013
  • |
  • 255 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-85071-0 (ISBN)
 
»Es gibt Menschen, sagte er, die sind oben; das sind Gewinner. Und Menschen, die sind unten; die Verlierer.« Und wenn man sich weigert, das zu akzeptieren? »Dann«, sagte der Coach, »heißt es ganz schnell EDEKA: Ende der Karriere.« »Deutschland braucht wieder Eliten«, heißt es von allen Seiten. Wer oder was aber ist heute Elite? Julia Friedrichs begibt sich auf eine Reise zu den angesehensten Eliteschmieden des Landes.
Julia Friedrichs ist fünfundzwanzig, als McKinsey ihr ein lukratives Job-Angebot unterbreitet - sie soll künftig zur Elite des Landes gehören. Was man sich darunter vorstellt, erlebt sie bei einem Edel-Assessment-Center - und ist geschockt. Doch das Wort »Elite« lässt sie nicht mehr los. Sie schlägt den Job aus und recherchiert ein Jahr lang an Elite-Universitäten, Elite-Akademien, Elite-Internaten. Sie taucht ein in eine Welt, in der Menschen, die weniger als siebzig Stunden pro Woche arbeiten, »Minderleister« heißen, in der zwanzigjährige Eliteanwärter Talkshow-Auftritte trainieren und Teenager Karriereberatungen buchen. - Ein kluges und kritisches, ein aufregendes Buch über die Zukunft unseres Landes.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 2,45 MB
978-3-455-85071-0 (9783455850710)
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Julia Friedrichs, geboren 1979, studierte Journalistik in Dortmund. Heute arbeitet sie als freie Auto-rin von Fernsehreportagen und Magazinbeiträgen, u.a. für die WDR-Redaktionen "Monitor", "die story" und "Aktuelle Dokumentation". Für eine Sozialreportage wurde sie 2007 mit dem Axel-Springer-Preis für junge Journalisten und dem Ludwig-Erhard-Förderpreis ausgezeichnet. Julia Friedrichs lebt in Berlin. Bei Hoffmann und Campe veröffentlichte sie den Bestseller Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen (2008) und Deutschland dritter Klasse. Leben in der Unterschicht (mit Eva Müller und Boris Baumholt, 2009).

Die Besten oder die Reichsten?


Ich kann die Augen kaum offen halten, denn es ist früh, und die Deutsche Bahn hatte es gut gemeint und den Regionalexpress 514 Richtung Koblenz auf gefühlte dreißig Grad geheizt. Mit einer Reisetasche in der Hand laufe ich durch die nach einem warmen Herbst noch gelben Weinberge. Ich blicke auf den Rhein, über die Nebelfelder, die an diesem Morgen in den Tälern hängen. »Idyllisch«, denke ich, als mich der BMW-Mini überholt und in der langen Schlange am Straßenrand parkt. Eine Studentin steigt aus. Schräg vor mir steht ein BMW-Cabrio, Sportwagen mit doppeltem Auspuff – vermutlich das Modell für den Herrn. Es ist unverkennbar, dass ich zurück an der EBS bin. Ungewöhnlich ist allerdings, dass heute zwischen den schnittigen Autos auch gediegene Familienkutschen parken. Aus einer steigen gerade Vater und Sohn. Sie kommen aus der Nähe von Bremen, sind über vierhundert Kilometer gefahren, um hier dabei sein zu können. Denn heute lädt die European Business School zum »Campus Day«. Heute sollen die Oberstufenschüler lernen, dass ein Studium hier »die richtige Karriere-Entscheidung« ist.

In meiner Erinnerung sind Tage der offenen Tür an Universitäten lustige Veranstaltungen. Ich war an der ehrwürdigen Wilhelms-Universität in Münster. Wir sind erst ein wenig eingeschüchtert, dann immer vergnügter durch die Gänge gelaufen, haben in einer Linguistik-Vorlesung Menschen zugesehen, die mit abenteuerlichen Verformungen der Lippen die Entstehungsgeschichte von Wörtern veranschaulichen wollten, und haben akzeptiert, dass dies die geheimnisvolle Welt der Akademiker sein muss. Danach haben wir uns in die Cafeteria abgesetzt und fühlten uns unendlich cool und studentisch, als wir einen Milchkaffee tranken, der damals in unserer Kleinstadt noch eine echte Rarität war.

Hier ist das anders. Schulklassen suche ich vergeblich. Vor mir laufen Gespanne, die dem aus Bremen ähneln: Vater und Sohn, ganz selten Vater und Tochter. Der Nachwuchs läuft fast bei allen Duos ein wenig schüchtern hinter dem alten Herrn, der forsch voranschreitet. Er prüft die zum Kauf gebotene Ware. Schließlich wird er hier, bis das Kind den Master hat, knapp 45000 Euro lassen – nur für die Gebühren. Ich überschlage, dass selbst ein relativ sparsames fünfjähriges Studentenleben – mit monatlichem 700-Euro-Budget – ohnehin schon über 37000 Euro kostet. 80000 Euro also, und damit hat der Sohn noch keinen BMW-Cabrio vor dem Campus parken.

Die Studienberater sind gute Verkäufer. Sie wissen, dass es ihre Aufgabe ist, diese Investition schmackhaft zu machen. Sie schwärmen von hundertvierzig Partneruniversitäten, natürlich auch in attraktiven Wachstumsregionen, in Hongkong, Schanghai oder Seoul. Sie berichten von Studenten aus dem dritten Semester, die bereits Traumpraktika in Investmentbanken ergattern konnten, und erzählen von Kontaktabenden, zu denen Firmenvertreter in den hochschuleigenen Weinkeller geladen werden. Sie preisen »Lerneffektivität«, »Effizienz« und das tolle Betreuungsverhältnis. Vierunddreißig reguläre und elf Juniorprofessoren sorgen sich hier um das Wohl der tausendzweihundert Studenten – also gut einundzwanzig Studenten pro Lehrkraft. An einer führenden öffentlichen Universität seien es einundzwanzig Professoren für viertausend Studenten, also einer für hundertneunzig Studenten.

Damit liegt das Angebot auf dem Tisch. 10000 Euro pro Jahr. Im Gegenzug wird das Kind vor den Zuständen an der überfüllten Massenuniversität bewahrt. Das beeindruckt. Ihren größten Trumpf haben die Studienberater aber noch gar nicht ausgespielt. Per Beamer werfen sie wenig später Statistiken an die Wand, die auch die letzten Zweifler vom Sinn dieser Investition überzeugen sollen. Ich lese:

Durchschnittliches Alter bei Abschluss des Studiums: 24.

Einstiegsgehalt eines Absolventen: 50752 Euro.

Noch Fragen? Erst mal keine. Oder doch. Eine noch. Nachdem die Eltern begriffen haben, dass sich die Investition lohnen wird, treibt sie nun um, was zu tun sein wird, damit das eigene Kind die Aufnahme, den Sprung unter die »Top 200«, schafft. Die Eltern interessiert, was auch ich wissen will: Wie wählt die EBS die zukünftige unternehmerische Elite aus?

Bei der Auswahl der besten zweihundert spielt die Abiturnote der Bewerber keine Rolle. Die Hochschule stellt einen Mathe-, einen Englisch- und einen Intelligenztest. Zum Üben bekommen wir Beispielaufgaben in die Hand gedrückt. »Wie lauten die nächsten beiden Glieder der Folge 2, 7, 17, 32 …? Das geht, denke ich und notiere: 52 und 77. Nr. 2: Anja und Sven sind zusammen achtzehn Jahre alt. Verdreifacht man Svens Alter und addiert noch zwei Jahre hinzu, so erhält man das Fünffache von Anjas Alter. Wie alt sind Anja und Sven?«

Ich schreibe zum ersten Mal seit Langem wieder Gleichungen, addiere zu drei x die fünf Negativen der Gegenseite und erinnere mich an das schöne Gefühl, das man hat, wenn eine Rechnung glatt aufgeht. Sven ist also elf Jahre alt und Anja sieben. Bei Binomen und Logarithmen muss ich aber passen. Dieses Mathematikunterrichtswissen habe ich, falls jemals vorhanden, gründlich verdrängt. Ich blättere weiter zum Englischtest. Hier muss man ankreuzen, was der Satz It would be far better bedeuten könnte. Ich entscheide mich für That would be a great improvement und sehe, dass auch die anderen »Fragetypen«, wie es heißt, zu schaffen wären.

In den Tests bräuchte man die Note 2,7, sagt die Studienberaterin. Damit qualifiziere man sich für die Einzelgespräche und eine Diskussionsrunde, in der man seine Persönlichkeit beweisen müsse. Wer nach den schriftlichen und mündlichen Tests zwischen Platz 1 und 200 gerankt wird, darf das Studium an der EBS beginnen. »Den mündlichen Teil schaffen fast alle«, erklärt die Studienberaterin. Der Knackpunkt seien die schriftlichen Prüfungen. Da schnellt die Hand eines Vaters aus der ersten Reihe hoch. »Sie steht in Mathe zwischen Zwei und Drei«, sagt er und zeigt auf seine Tochter. »Wir haben uns die Beispielaufgaben im Internet durchgelesen. Da sagt sie: ›Papa, das kann ich gleich vergessen.‹ Das kann doch nicht Ihr Ziel sein, dass die Bewerber hier an Mathe scheitern, wo Soft Skills in der Wirtschaft doch immer wichtiger werden.«

Die Studienberaterin redet beruhigend auf ihn ein. Schlechter als 2,7, das bedeute nicht automatisch das Aus. Es gäbe immer Grauzonen. Und wer in denen lande, wer Ergebnisse zwischen 2,7 und 3,7 habe, der könne Vorbereitungskurse an der Hochschule belegen. 475 Euro kostet der Mathekurs, 1450 der Englischkurs, plus Anreise, Unterkunft und Verpflegung. »Das belastet nur den Geldbeutel Ihrer Eltern, Sie sollte das aber weniger belasten«, erklärt sie der Tochter des aufgeregten Vaters lächelnd. Aber wer im Mathetest schlechter als ausreichend abschneide, den könne man leider wirklich nicht annehmen. »Wir suchen Studenten mit überdurchschnittlicher Lern- und Leistungsbereitschaft«, schließt sie.

Bei 3,7 liegt die Hürde, die man auf keinen Fall reißen darf. Ich bin überrascht. Ich hätte es mir weitaus schwieriger vorgestellt, das Ticket zu lösen, das zu einem Studium an einer selbst ernannten Elitehochschule berechtigt. Viele staatliche Universitäten wählen ihre Studenten nach der Abiturnote aus. Wer Betriebswirtschaft an der Universität Münster studieren will, brauchte im Wintersemester 2006/2007 einen Schnitt von 1,7, an der Technischen Universität München war eine 1,6 nötig, sogar an der Freien Universität Berlin, die in Rankings eher mittelmäßig platziert ist, mussten Studienanfänger im Abitur mindestens eine 2,3 geschafft haben.

Es melden sich erste Zweifel. Die Tests, die uns die Studienberaterin vorgelegt hat, sind zwar nicht banal, aber auch nicht nur für intellektuelle Cracks zu schaffen. Ist für eine Aufnahme an der European Business School die allergrößte Hürde vielleicht eher, ob man die 10000 Euro pro Semester zahlen kann und will? Schließlich scheitern die allermeisten Eliteanwärter nicht am Test der EBS, sondern bewerben sich gar nicht erst. Nach Angabe des Statistischen Bundesamts gab es 2006 in Deutschland rund 400000 Abiturienten. 23500 von ihnen schrieben sich für ein BWL-Studium ein. Aus diesem Pool wollen gerade einmal achthundert zur EBS. Jeder vierte Bewerber wird also angenommen. Diese Quote deutet nicht auf ein besonders hartes Auswahlverfahren hin.

Während der Präsentation haben sich hinter uns Studenten aus dem ersten Semester versammelt. Sie werden uns gleich den Campus zeigen. Eine Führung von Deutschlands zukünftigen Führungskräften, denke ich – und bin sofort still. Vor mir steht ein riesiger, durchtrainierter Junge, der es mit ein wenig Glück auch in der Kategorie »Aussehen« unter die »200 Top-Studenten in Deutschland« schaffen könnte. Seine exakt geschnittenen Haare kräuseln sich im Nacken, die...

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