Eine Geschichte von Sturm und Stille

 
 
Urachhaus (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Februar 2020
  • |
  • 128 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8251-6213-9 (ISBN)
 
Als Mano auf einem Flüchtlingsschiff das Meer überquert, geht er bei einem Sturm über Bord. Schwimmen kann er nicht, und so sinkt er wehrlos
in die Tiefe. Gerade will er sich seinem Schicksal ergeben, da kommt es auf dem Meeresgrund zu einer unerwarteten Begegnung, die Manos Blick
auf das Leben für immer verändert.
Alexandra Friedmann ist ein kleines Meisterwerk gelungen, in dem ein junger Mann auf der Flucht nichts geringeres findet als den Mut, ein neues Leben zu beginnen.
  • Deutsch
  • Stuttgart
  • |
  • Deutschland
  • 1,13 MB
978-3-8251-6213-9 (9783825162139)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Alexandra Friedmann wurde 1984 in Gomel, Weißrussland geboren. 1989 wanderte ihre Familie aus und gelangte auf Umwegen nach Deutschland. Nach dem Abitur studierte sie in Paris Literatur, Kommunikation und deutsch-französischen Journalismus an der Sorbonne. Es folgte ein Praktikum
bei der taz in Berlin, wo sie inzwischen als Autorin, Lektorin und Journalistin mit ihrem Mann und zwei Töchtern lebt. 2014 debütierte sie mit ihrem Roman "Besserland", 2019 folgte ihr zweiter Roman "Sterben für Anfänger".

»UM HERAUSZUFINDEN, WER DU BIST und wo dein Koffer ist, musst du zuerst verstehen, was du hier tust«, sagte der Fisch.

Mano dachte nach. Er wollte nichts Dummes sagen, denn der Fisch war kein herkömmlicher Gesprächspartner. Er erinnerte Mano ein wenig an seinen Vater, der auch oft in Rätseln gesprochen hatte.

Trotzdem waren die Menschen immer wieder zu ihm gekommen, um ihn um Rat zu fragen. Am Abend, wenn es gerade dunkel wurde, klopften sie an die Haustür. Beladen mit Süßspeisen und Sorgen traten sie ein, stellten ihre Schuhe vorsichtig in eine Ecke des Flures und blickten verlegen um sich, während Manos Mutter sie zum Tisch führte. Mano war zu jener Zeit noch ein Kind, und manchmal, wenn sein Spiel ihn zu langweilen begann, schlich er sich ins Zimmer und lauschte. Immer duftete es süßlich nach gezuckertem Schwarztee, den seine Mutter für die Gäste kochte, und immer saß sein Vater in gleicher Haltung am Tisch. Seine linke Hand ruhte in seinem Schoß, während seine rechte Hand sich vorsichtig um das Teeglas legte. Hin und wieder nippte der Vater daran und nickte, während die Menschen ihre schlimmsten Ängste und Sorgen vor ihm ausbreiteten wie kostbare Stoffe, die es zu begutachten galt. Manche wurden laut, andere weinten oder fluchten, und oft stritten die Menschen mit sich selbst. Manos Vater aber blieb die ganze Zeit über stumm. Es ging eine Ruhe von ihm aus, die durch nichts erschüttert werden konnte. Ihr Schmerz, ihre Furcht, ihr Gezeter waren ihm nicht zuwider, und seine dunklen Augen schimmerten wie der Tee in seiner Hand.

Mano wunderte sich immer wieder über diese Menschen. Obwohl sie gekommen waren, um Rat zu erbitten, schienen sie gar nicht zu bemerken, dass die meiste Zeit nur sie selbst redeten, während Manos Vater schwieg, an seinem Tee nippte und hin und wieder nickte. Manchmal, wenn die Menschen genug geredet hatten und endlich der Stille erlaubten, sich mit an den Tisch zu gesellen, legte Manos Vater das leergetrunkene Glas aus der Hand und sagte einige wenige Sätze, die wie Rätsel klangen. Mano verstand sie nicht, und er war sich sicher, dass auch die Menschen, an die sie gerichtet waren, sie nicht verstanden. Zumindest nicht gleich. Und doch nahm Mano an den Menschen eine Veränderung wahr. Ihre Stimmen wurden leiser und sanfter, ihre Gebärden behutsamer. Wenn sie sich erhoben und das Haus wieder verließen, war es, als hätten sie ihre Sorgen zwischen den bunten Süßigkeiten vergessen, und an ihrem Gang konnte man sehen, dass ihre Herzen leichter waren als zuvor.

»Was sagst du zu den Menschen, das sie so glücklich macht?«, hatte Mano seinen Vater einmal gefragt. Der Vater hatte ihm in die Augen gesehen, Manos Kopf in seine großen Hände genommen und sich zu ihm gebeugt.

»Was ich ihnen sage, Mano, ist ganz unwesentlich. Ich tue es nur, weil sie es von mir erwarten.«

»Aber warum kommen sie dann zu dir?«

»Sie kommen, um ihre wahre Stimme zu hören. Ich sitze nur da, trinke meinen Tee und schenke dieser Stimme Raum.«

»Haben sie denn zu Hause keinen Raum?«, fragte Mano verwundert.

Da musste Manos Vater lachen.

»Manchmal nimmt das Leben allen Raum ein, der um einen herum ist, auch wenn man in einem riesigen Schloss lebt. Und manchmal ist ein kleines Zimmer wie dieses hier groß genug, um das Echo der Wahrheit zu vernehmen.«

Mano hatte noch immer nicht verstanden, doch sein Vater beugte sich erneut zu ihm und küsste ihn auf die Stirn, und das war etwas, das Mano sehr wohl verstand.

Mano ließ seine Hand durch das Wasser gleiten und tastete mit den Fingerkuppen an seine Stirn. Ihm war, als spürte er den Kuss seines Vaters ganz deutlich, so als hätten seine Lippen diese Stelle gerade erst berührt. Auch wenn sie seine Worte nicht verstanden, haben die Menschen meinem Vater vertraut, dachte Mano, vielleicht sollte auch ich dieses Risiko eingehen und dem Fisch mein Vertrauen schenken?

Mano hing seinen Gedanken nach und merkte nicht, dass er die Frage des Fisches ganz vergessen hatte. Der Fisch wartete geduldig, und als Mano ihm nicht antwortete, wiederholte er sie mit ruhiger Stimme.

»Was tust du hier, Mano?«

»Ich glaube, ich ertrinke gerade«, hörte Mano sich selbst sagen.

»Ist das so?«, fragte der Fisch. »Du musst wissen, dass ich noch nie einen Ertrinkenden getroffen habe, der sich mit mir unterhalten hätte.«

»Wie meinst du das?«, wollte Mano wissen.

»Ich meine, dass ich noch nie einen Ertrinkenden traf, der sich mit mir .«

»Ja, das habe ich verstanden. Was ich wissen will, ist nur, ob du glaubst, dass ich vielleicht gar nicht wirklich ertrinke, oder .«

». oder ob du ein ganz besonderer Ertrinkender bist?«

»Genau«, sagte Mano und hoffte, Ersteres möge der Fall sein. Was nützte es ihm, etwas Besonderes zu sein, wenn er tatsächlich ertrank! Würde er dann doch in wenigen Sekunden gar nicht mehr hier und - wer wusste das schon mit Sicherheit - vielleicht überhaupt nicht mehr sein.

»Nun«, sagte der Fisch nachdenklich, »ich glaube nicht, dass ich eines von beidem gemeint habe. Ich habe nur etwas ausgesprochen, das mir in dem Moment wahr erschien.«

»Also ertrinke ich wohl tatsächlich«, stellte Mano traurig fest.

»Ich bin nur ein Fisch und kann das nicht beurteilen«, sagte der Fisch. »Aber solange du mit mir sprichst, bist du zumindest noch nicht ganz ertrunken.«

Das stimmte. Es erschien Mano nun klug, sich noch eine kleine Weile mit diesem seltsamen Fisch zu unterhalten. Er musste sich etwas überlegen, damit der Fisch nicht auf die Idee kam, einfach weiterzuschwimmen. Doch was fragt man einen Fisch, den man kaum kennt und dem man an einem so befremdlichen Ort unter der Meeresoberfläche begegnet ist?

»Wo kommst du her, Fisch?«, fragte Mano, weil ihm nichts Besseres einfiel.

»Ich komme aus dem Großen Strom«, antwortete der Fisch, ohne lange nachzudenken.

»Und du? Woher kommst du und was führt dich hierher?«, wollte er von Mano wissen.

Mano verstand nicht ganz, was der Fisch meinte, doch er war erleichtert. Es schien dem Fisch also nichts auszumachen, ihre Unterhaltung fortzusetzen.

»Ich bin auf der Flucht vor einem Ungeheuer, das die Menschen Krieg nennen«, sagte Mano. »Oder besser gesagt, ich war es«, fügte er leise hinzu.

»Was für ein Zufall!«, rief der Fisch aus. »Mit Flucht kenne ich mich aus, musst du wissen.«

»Du? Wovor musst du denn fliehen?«, fragte Mano erstaunt.

Er schaute sich erschrocken um. Um ihn herum war alles so friedlich, und ihm schien sogar, als würde er hier und dort kleine goldene Funken wahrnehmen, so als versuchte jemand, unter Wasser ein Streichholz anzuzünden, dessen Flamme wie durch Zauberei kurz aufflackerte, bevor sie sich den Naturgesetzen beugte und wieder erlosch.

Doch Mano wusste, dass selbst ein stiller, freundlicher Ort wie dieser niemals sicher vor Zerstörung war. Auch seine Heimat war einmal so ein Ort gewesen, und Mano konnte sich gut daran erinnern, wie er als Kind unbekümmert in den Straßen gespielt hatte, wie er sich sicher gefühlt hatte an Orten, an denen sich seit einiger Zeit die Todesengel tummelten.

»Keine Sorge!«, entgegnete der Fisch, als hätte er Manos Gedanken gelesen. »Hier gibt es keinen Krieg. Aber es gibt größere Fische als mich. Das Meer ist mein Lebensraum und auch der ihre.«

Erst spürte Mano Erleichterung. Doch dann wurde ihm klar, was das für den Fisch bedeuten musste, und in ihm regte sich Mitgefühl für sein Los.

»Ist das nicht im Grunde dasselbe?«, dachte Mano laut. »Du fliehst vor Raubfischen, die dich fressen wollen, und ich vor einem Ungeheuer, das meine Heimat verwüstete, mir meine Familie raubte und auch mich fast mit seinen blutrünstigen Krallen zerfetzt hätte. Wir beide fliehen vor dem Tod und suchen das Leben. Vielleicht ist dein Los sogar noch schrecklicher als meines, denn ich lebe erst seit einigen Jahren in Angst vor diesem Ungeheuer. Du aber weißt seit dem ersten Tag deiner Existenz, dass es größere Fische als dich gibt. Dein ganzes Dasein besteht aus Flucht, und du lebst jede Sekunde in Angst.«

»Du irrst dich«, antwortete der Fisch. »Ich lebe nicht in Angst.«

»Aber du sagtest doch, deine Feinde seien überall und könnten dich jederzeit kriegen .«

»Das stimmt«, gab der Fisch zurück. »Aber ich denke nicht an sie, solange sie nicht in meiner Nähe sind. Wenn sie nicht in meinem Blickfeld sind, vergesse ich, mich vor ihnen zu fürchten. So bin ich frei von ihnen.«

»Und was passiert, wenn so ein Fisch vor dir...

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