Die Spur des Schweigens

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 31. August 2020
  • |
  • 496 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-17856-7 (ISBN)
 
Journalistin Julia schlägt sich mühsam als freie Schreiberin durch und träumt von der großen, investigativen Story. Sie erhält einen Hinweis auf mögliche sexuelle Übergriffe in einem renommierten Forschungsinstitut. Der Me-too-Debatte überdrüssig, geht sie dem Verdacht zunächst nur halbherzig nach. Als sich aber die erste Betroffene bei ihr meldet und Julia den attraktiven Hauptverdächtigen kennenlernt, ist ihr Reporterinnen-Instinkt geweckt.Am Institut stößt sie auf ein gefährliches Gemisch aus Machtmissbrauch, Schweigen und Vertuschung - und auf eine schockierende Verbindung zu ihrem Bruder Robert, der zwölf Jahre zuvor spurlos verschwunden ist. Plötzlich muss Julia sich unangenehme Fragen stellen: Was hat Robert mit dem Selbstmord einer chinesischen Doktorandin zu tun? Warum wurde seine Leiche nie gefunden? Hat sie all die Jahre etwas übersehen?
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,81 MB
978-3-641-17856-7 (9783641178567)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Amelie Fried, Jahrgang 1958, wurde als TV-Moderatorin bekannt. Alle ihre Romane waren Bestseller. Traumfrau mit Nebenwirkungen, Am Anfang war der Seitensprung, Der Mann von nebenan, Liebes Leid und Lust und Rosannas Tochter wurden erfolgreiche Fernsehfilme. Für ihre Kinderbücher erhielt sie verschiedene Auszeichnungen, darunter den »Deutschen Jugendliteraturpreis«. Zusammen mit ihrem Mann Peter Probst schrieb sie den Sachbuch-Bestseller Verliebt, verlobt - verrückt?. Bei Heyne erschien zuletzt der Roman Paradies. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in München.

2007

Der Tag, der Julias Leben für immer verändern sollte, begann mit dem Kreischen einer Motorsäge. Julia hatte in der Nacht lange gearbeitet und war erst wenige Stunden zuvor ins Bett gegangen. Das Kreischen wurde lauter, drang schmerzhaft in ihren Kopf und verwandelte sich in das Klingeln eines Telefons. Sie hoffte, es würde wieder aufhören. Aber es hörte nicht auf. Schlaftrunken angelte sie nach ihrem Handy.

»Julia, bist du's? Papa hier.«

Ruckartig richtete sie sich auf. Die Stimme ihres Vaters versetzte sie sofort in einen Alarmzustand. Er rief nie an, außer wenn etwas passiert war. Als ihre Großmutter gestorben war. Als Knolle, der Familienhund, überfahren worden war.

»Papa! Was ist los?«

»Kannst du bitte nach Hause kommen?«

»Was ist passiert?«

Ihr Vater blieb einen Moment stumm. Dann sagte er: »Dein Bruder ist . verschwunden.«

»Robert?«, fragte sie überflüssigerweise. Sie hatte nur einen Bruder.

Sie wusste, dass er zum Trekking nach Norwegen gefahren war, irgendwo in die Region Sognefjord. Allein, wie so oft auf seinen Reisen, mit Rucksack und Zelt. Er liebte es, in der Natur unterwegs zu sein, zu wandern, zu klettern, Ski zu fahren. Er war ein erfahrener Traveller, vorausschauend und vorsichtig. Nie wäre sie auf den Gedanken gekommen, dass ihm etwas zustoßen könnte.

»Was heißt denn . verschwunden?«

»Komm bitte nach Hause«, bat ihr Vater noch einmal. »Die Polizei ist da und will uns befragen.«

Wie in Trance zog sie sich an und fuhr zu ihren Eltern. Dort ließ sie die zahllosen Fragen der Beamten über sich ergehen, erzählte ihnen immer und immer wieder das wenige, was sie über ihren Bruder und sein Umfeld wusste.

Sie hatten sich in letzter Zeit selten gesehen. Er hatte sich kaum noch bei ihr gemeldet, und sie war meistens mit sich selbst beschäftigt gewesen. Jobs, Partys, Männergeschichten. Irgendwas war immer.

Sie wusste nicht, was er außerhalb der Arbeit machte, mit wem er sich traf, wer seine Freunde waren. Sie kannte nur die Mitbewohner in seiner WG und ein paar seiner Bekannten, denen sie dann und wann dort begegnet war. Sie wusste noch nicht einmal, ob ihr Bruder eine Freundin hatte. Ob er jemals eine Freundin gehabt hatte. Oder einen Freund.

Als Kinder hatten sie regelrecht aneinandergeklebt, die große Schwester und der kleine Bruder. Sie hatte ihn beschützt, er hatte zu ihr aufgeblickt. Sie hatte sich Spiele ausgedacht, er hatte folgsam getan, was sie von ihm verlangte. Er mochte es, wenn sie ihm Anweisungen gab, und sie übte sich darin, Befehle zu erteilen. Wenn Robert krank war, ging es Julia schlecht. Wenn Julia bei einer Freundin übernachtete, schlief Robert in ihrem Bett. Siamesische Zwillinge hatten ihre Eltern sie im Scherz genannt. Dabei lagen drei Jahre zwischen ihnen.

»Sie waren sich wohl nicht so nahe«, sagte die Polizistin, die sie befragte.

Wieso waren, dachte Julia. Er ist doch nicht tot, er ist nur gerade nicht auffindbar. Wie ein Gegenstand, den man verlegt hat und der plötzlich, in einem völlig unerwarteten Moment wiederauftaucht. Dann, wenn man gar nicht damit rechnet. Auch Robert würde wiederauftauchen, da war sie sich ganz sicher.

»Er ist mein Bruder«, sagte Julia. »Und natürlich sind wir uns nahe, auch wenn wir uns nicht alle paar Tage sehen.«

»Verzeihung«, sagte die Polizistin und blickte auf ihre Notizen. Einen Moment lang blieben beide stumm.

»Was glauben Sie, was passiert ist?«, fragte Julia.

»Wir überprüfen alle Möglichkeiten«, sagte die Frau. »Nach dem, was wir von den norwegischen Kollegen wissen, erscheint ein Unfall am wahrscheinlichsten.«

»Ein Unfall?«

Die Polizistin zählte auf, was die norwegische Polizei herausgefunden hatte: Robert hatte ein Zimmer in einer kleinen Pension bezogen und zwei Tage in dem Ort verbracht. Dann hatte er ein Busticket für eine Fahrt ins Fjordgebiet gekauft und war mit einem Rucksack für zwei Tage aufgebrochen. Sein übriges Gepäck war in der Pension geblieben. Als er am vierten Tag nicht zurückgekommen war, hatte der Pensionswirt die Polizei verständigt. Die hatte Ermittlungen aufgenommen. Die Gegend abgesucht, in die er gefahren war, Zeugen befragt, die Krankenhäuser der Umgebung überprüft. Keine Spur von Robert.

Julia kannte Bilder der Landschaft, in der er unterwegs gewesen war. Hohe Schluchten, raue Felsen, schmale Wege, auf denen man leicht einen falschen Schritt tun, ausrutschen und den Halt verlieren konnte. Ein Sturz in das eisige, tiefblaue Wasser eines Fjords, das Versagen des Kreislaufs durch den Schock, Ertrinken. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Nein, an so was wollte sie gar nicht denken. Er war kein Draufgänger und auch kein Idiot. Er kannte sich in den Bergen aus, besaß alles, was man für eine solche Exkursion brauchte. Die richtige Ausrüstung, Erfahrung, Besonnenheit.

»Erzählen Sie mir von Ihrem Bruder«, forderte die Polizistin sie auf. »Was . ist er für ein Mensch?«

Julia hatte ihr kurzes Zögern bemerkt. Starr blickte sie vor sich hin.

Wie sollte sie ihren Bruder beschreiben? Schüchtern? Introvertiert? Stur? Das waren bloß Worte. Sie sagten nichts darüber aus, wie er war und was er für sie war. Er war ihr Bärchen, ihr Stinker, ihr Baby. Sie hatte ihm als Kind die Flasche gegeben, ihm ihre Sachen angezogen, ihn gekitzelt und mit ihm geschmust. Sie hatte mit ihm Laufen geübt und ihn aufgefangen, wenn er zu fallen drohte.

Später hatte sie ihn aus ihrem Zimmer geworfen und ihn gleich darauf reumütig wieder eingelassen, wenn er versprach, ruhig zu sein, während sie mit ihren Freundinnen telefonierte. Er hatte stundenlang auf ihrem Bett gelegen und Bildbände über Vulkane, Pflanzen und Meerlandschaften betrachtet, die Zunge in den Mundwinkel geklemmt, die Augen rund vor Neugier. Mit großer Ernsthaftigkeit hatte er ihr die Fotosynthese erklärt und warum manche Kakteenarten blühten und andere nicht.

Er war so gänzlich anders als sie, und Julia hatte ihn staunend beobachtet, als wäre er ein Wesen von einem fremden Planeten, das in ihrem Zimmer gelandet war, abgeworfen vom Klapperstorch, wie ihre Eltern ihr anfangs weisgemacht hatten. Während sie viel redete, schwieg er meistens. Wenn sie Besuch von anderen Kindern hatte, saß er dabei und hörte zu. Wenn die Jungen aus der Nachbarschaft ihn zum Kicken abholen wollten, bat er Julia mitzukommen. Sie schluderte ihre Hausaufgaben so schnell wie möglich hin, er gab sich Mühe damit. Ihr waren Noten egal, er konnte sich tagelang über eine verpatzte Klassenarbeit ärgern.

»Er ist eher ein ruhiger Typ«, sagte Julia schließlich. »Nachdenklich und vernünftig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich leichtfertig in Gefahr begeben hat.«

Die Polizistin schwieg.

»Er bereitet seine Reisen akribisch vor und überlässt nichts dem Zufall«, fuhr Julia fort. »Völlig anders als ich. Wenn ich reise, lasse ich alles auf mich zukommen. Meistens weiß ich morgens noch nicht, wo ich abends landen werde.«

»Hat Ihr Bruder jemals geäußert, dass es ihm nicht gut geht, dass er Ängste oder Depressionen hat?«

Julia machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. »Sie meinen, ob er suizidgefährdet ist? Kein bisschen. Er ist gern allein, aber er ist nicht einsam oder gar schwermütig.«

Sie überlegte, welche Beschreibung auf Robert zutreffen würde, und ihr kam das Wort genügsam in den Sinn. Sie sah ihn vor sich, wie er als kleiner Junge einen Turm aus Bauklötzen baute, Stein auf Stein, ohne sich auch nur eine Sekunde ablenken zu lassen. Auf seinem Gesicht lag ein zufriedener Ausdruck, und er schien mit sich und der Welt im Reinen zu sein. Auch später war er am glücklichsten, wenn man ihn in Ruhe ließ und er sich konzentriert mit dem beschäftigen konnte, was ihn gerade interessierte.

»Hätte er sich bei Ihnen gemeldet, wenn er Probleme gehabt hätte?«

»Auf jeden Fall«, sagte Julia im Brustton der Überzeugung. »Wenn es etwas Ernstes gewesen wäre, hätte ich davon gewusst.«

Nach Stunden zog die Polizei endlich ab. Julia und ihre Eltern saßen schweigend um den Esstisch. Ihr Vater hatte den Laptop vor sich stehen und scrollte durch Seiten mit Berichten über Vermisste.

»Jeden Tag werden zweihundertfünfzig bis dreihundert Menschen in Deutschland als vermisst gemeldet, aber die Hälfte taucht schon nach einer Woche wieder auf«, sagte er, den Blick auf den Bildschirm gerichtet.

»Seit wann ist Robert denn genau verschwunden?«, fragte Julia.

»Das wissen wir nicht«, sagte ihre Mutter.

Julia rechnete im Stillen nach. Es musste weit über eine Woche her sein. Der Pensionswirt hatte Robert nach vier Tagen als vermisst gemeldet, dann hatte die Suche vor Ort begonnen, erst danach waren die deutschen Behörden informiert worden. Die hatten die Information an die für ihr Viertel zuständige Polizeidienststelle weitergegeben, und heute waren die Beamten bei ihnen aufgetaucht.

»Nach...

»Spannende Auseinandersetzung mit "Mee Too".«
 
»Packend!«
 
»Um das große Schweigen, Verschweigen, auch von Familiengeheimnissen und anderen Dingen, geht es in diesem spannenden Buch. Sehr lesenswert.«

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