Kein Tod auf Golgatha

Auf der Suche nach dem überlebenden Jesus
 
 
C.H. Beck (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 25. Januar 2019
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  • 189 Seiten
 
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978-3-406-73153-2 (ISBN)
 
Was wissen wir zuverlässig über Jesus? Dass er gelebt hat und um das Jahr 30 gekreuzigt wurde, gilt als Minimalkonsens. Der renommierte Historiker Johannes Fried geht noch einen Schritt weiter: Medizinische Erkenntnisse legen nahe, dass Jesus die Kreuzigung überlebt hat. Von hier aus begibt sich Fried auf eine höchst spannende Spurensuche nach dem überlebenden Jesus, die von den Evangelien über Fragmente "häretischer" Schriften bis zum Koran führt.
Folgt man dem nüchternen Kreuzigungsbericht des Johannes, erlitt Jesus bei der Folterung eine Lungenverletzung und fiel am Kreuz in eine todesähnliche Kohlendioxidnarkose.Nur eine gezielte Punktion kann das Leben retten, und genau dafür sorgte der Lanzenstich eines römischen Kriegsknechts. Jesus wurde ungewöhnlich früh vom Kreuz abgenommen, ins Grab gelegt und bald darauf lebend gesehen. Johannes Fried beschreibt, wie sich in der Folge im Römischen Reich die Theologie vom auferstandenen Gottessohn verbreitete, während Jesus in Ostsyrien als Mensch und Gesandter Gottes verehrt wurde. Diese Lehre wurde verketzert und ist nur noch in Fragmenten greifbar, aber gerade hier könnten sich Spuren von Jesu weiterem Wirken außerhalb des Zugriffs der römischen Staatsgewalt finden, die bis zur Frühgeschichte des Islams führen.
  • Deutsch
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mit 11 Abbildungen und 1 Karte
  • 4,76 MB
978-3-406-73153-2 (9783406731532)
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Johannes Fried ist Professor em. für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Frankfurt und wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Deutschen Historikerpreis (1995) und dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa (2006).

Inhalt Vorwort 1. Jesu Tod und Auferstehung durch zweitausend Jahre Das Ringen der Theologie Der Jünger, den Jesus liebte 2. Medizinische Beobachtungen und ihre Konsequenzen Die Zweifel der Chirurgen Jesu Sterben im Johannesevangelium Das leere Grab Paulus und die frühen Glaubensbekenntnisse Fazit 3. Auferstehung Kreuzigung Die Auferstehungsbotschaft 4. Himmelfahrt Aus Jerusalem verschwinden Die Helfer Konkurrierende Geschichten

2. Medizinische Beobachtungen und ihre Konsequenzen


Die Zweifel der Chirurgen


Gibt es also neue Ansätze, um der Gestalt des Jesus «von Nazareth» näher zu kommen? Führten die Zweifel bislang in die falsche Richtung, nämlich von einem angeblich gewissen Tod am Kreuz zur angeblichen Vision des Auferstandenen? Verließ man sich auf in die Irre führende Erzählungen? Ist gerade der Tod ungewiss und war das «Aufstehen» ganz real? Mediziner sollen endlich das Wort erhalten. Auch das ist nicht ganz neu, gleichwohl nicht selbstverständlich.

Der Einsatz der Naturwissenschaften in den Geistes- und Kulturwissenschaften stößt in Deutschland weithin auf Ablehnung; andernorts sieht es besser aus. Zu viele Spekulationen könnten geweckt werden, so scheint man in Deutschland zu fürchten, wenn Disziplinen ins Spiel kommen, die der Historie fremd sind. In der Tat, so viel über das «Turiner Tuch» oder das «Schweißtuch der Veronica» aufgrund ausgiebiger naturwissenschaftlicher Analysen geschrieben wurde, so viele Urteile gibt es auch dazu. Gewissheiten scheinen - so ein verbreitetes Vorurteil - auf diesem Wege nicht möglich zu sein; doch überwiegt die Skepsis hinsichtlich der Echtheit des «Turiner Tuchs». Christi Tod am Kreuz aber wird relativ einheitlich beurteilt. Es lassen sich zwar nur wenige antike Kreuzigungsberichte zum Vergleich heranziehen - die Archäologie steuerte den durchnagelten Fuß eines Opfers bei -, aber die Folgerungen aus diesen Befunden klingen mehr oder weniger gleich: Ein Gekreuzigter erleide einen Kreislaufkollaps und ersticke, das Sterben ziehe sich mitunter tagelang hin.[1]

Traf das auch auf Jesus Christus zu? Den eingeborenen Gottessohn? Theologen und Historiker müssen die Konsequenzen der medizinischen Urteile prüfen. Kann das gutgehen? In den Geisteswissenschaften herrschen, wie gesagt, erhebliche Zweifel hinsichtlich der Kooperation mit den Naturwissenschaften. Wie sollte auch die Medizin in die Vergangenheit zurückführen und sie ohne körperliche Überreste einigermaßen realistisch beleuchten können? Kein Befund von heute kann die Sachverhalte von damals zweifelsfrei klären, so möchte man meinen. Und wenn die fraglichen Zeugnisse Glaubensdokumente sind, wie sollte da die Medizin nach zweitausend Jahren Gewissheit schaffen können! Liefe da nicht alles weiterhin auf Spekulation hinaus? Bestenfalls auf vage Hypothesen?

Indes, keine Vergangenheit, kein menschliches Leben, keine gesellschaftliche Komplexität von einst ist vollständig durch erhaltene Überlieferungen, Gegenstände, Sachverhalte oder Gedächtnisprotokolle zu erfassen. Immer finden sich nur Einzelspuren; sie sind durch Hypothesen miteinander zu verbinden, doch bleiben immer Lücken. Das gilt auch für Jesus. Bestenfalls gestattet eine eindringliche Spurensuche mehr oder weniger erfolgreiche Annäherungen an das einstige Ganze. Historiker verfügen immer nur über unterschiedlich dicht vorhandene Indizien, die sie kritisch betrachten und miteinander verbinden müssen, um in sich widerspruchsfreie Vergangenheiten oder genauer: mehr oder weniger zutreffende Annäherungen an solche konstruieren zu können. Mehr als Konstrukte liefern sie in keinem Fall. Unter diesen Umständen können aber auch medizinische Befunde von heute als Indizien für frühere Sachverhalte gelten. Dann sind sie eindringlich zu prüfen.

Zunächst also die Ärzte: Zumal Unfallchirurgen haben ihre Erfahrungen mit inneren Verletzungen durch Rippenbrüche nach Folterungen oder Unfällen, die Blutungen mit Wundwasserbildung bewirken, auch ohne Stiche etwa ins Herz. Der Messias als archetypisches Prügel-, Verkehrs- oder Verbrechensopfer? Geht das nicht eindeutig zu weit? Soll das Erfolg versprechen? Wir werden sehen.

Das durch die innere Verletzung entstehende Gemisch aus Blut und Wasser sammelt sich bei einem derartigen Unfallopfer in der Pleurahöhle um die Lungenflügel, dem Pleuraspalt, und kann diese so weit zusammenpressen, dass das Kohlendioxid (CO2) nicht mehr abgeatmet werden kann. Das Serum muss abgelassen werden, sonst erstickt der Patient. Dem Ersticken aber geht eine Ohnmacht voraus, wirksam wie eine tiefe Vollnarkose, eine «CO2-Narkose». Im unverletzten Pleuraspalt herrscht ein Unterdruck, der die Lungenaktivität ermöglicht. Ohne diesen Unterdruck kollabiert der betroffene Lungenflügel. Eine andere Ausweichmöglichkeit aber als den Pleuraspalt besitzt das Exsudat im Brustbereich nicht. Ist nur ein Lungenflügel betroffen, kann der zweite mit der Zeit eine flache, doch lebenserhaltende Atmung ermöglichen.

Sauerstoff wird heute im Notfall mit technischen Mitteln in die Lunge gepumpt. Dabei wird durch den Mund ein Tubus eingeführt und an ein Sauerstoffgerät angeschlossen, der Verletzte also künstlich beatmet. Doch allein eine dauerhafte Druckentlastung sorgt in Verbindung mit einem wiederhergestellten Unterdruck in der Pleurahöhle für eine erneuerte Lungenaktivität und dauerhafte Rettung; das geschieht heute durch Punktierung der Pleurahöhle, die das Gemisch aus Blut und Exsudat, das mehrere Liter betragen kann, abfließen lässt. Verletzungen des Brustraums sowie erste Heilmethoden sind seit den frühesten Überlieferungen zu Zweikämpfen bezeugt. Sie waren den Ärzten auch zu Jesu Zeit bekannt. Ärztlich versorgt aber wurde das Opfer römischer Strafgewalt gewiss nicht.

Den bemerkenswertesten und detailreichsten Bericht zu Jesu Tod am Kreuz bietet das Johannesevangelium: Jesus wurde verklagt und dem Statthalter Pontius Pilatus vorgeführt. Man geißelte ihn, peitschte ihn aus, setzte ihm eine Dornenkrone auf, verspottete ihn (Joh 19,1-?3). Dann ließ man ihn das Kreuzesholz zum Ort des Schädels (griech. kraníou topon, hebr. Golgota) schleppen, dort kreuzigten sie ihn (19,17-?18). Unter dem Kreuz standen die drei Marien und der Jünger, den Jesus liebte. Jesus sprach sie an (19,25-?26). Als Jesus alles erfüllt sah, was die Schrift verheißen hatte, klagte er: «Mich dürstet.» Man gab ihm mit einem Schwamm Essig zu trinken, er neigte sein Haupt, sagte «Es ist vollbracht» und gab seinen Geist auf. Die Beine sollten ihm gebrochen werden, doch die Soldaten sahen, dass er schon tot war, so unterließen sie es (19,31-?33). Ein Soldat öffnete mit dem Speer seine Seite. Sofort (euthús) flossen Blut und Wasser heraus (19,34). Der Statthalter erlaubte dem heimlichen Jünger Joseph von Arimathia, den Leichnam zu bergen (19,38). Das entsprach der Haltung römischer Juristen, wie die Digesten belegen, die nur wenig jünger sind als der Kanon der Evangelien.[2] Nikodemus, auch er ein heimlicher Jünger, brachte Myrrhe und Aloe. Sie wickelten den Leichnam nach der Kultpraxis der Juden in Tücher und legten ihn, weil das Pessachfest anstand, in ein noch nicht genutztes Grab, das in einem nahen Garten lag (19,41-?42). Später fand man das Grab leer und begegnete dem Gekreuzigten lebend. Auch das wusste Johannes.

Abb. 2  und 3 Nach dem Lanzenstich in die Pleura treten Blut und Wasser aus der Wunde: Philippe de Champaigne hat in seiner Darstellung des toten Christus von 1654 den Kreuzigungsbericht des Johannes genau wiedergegeben.

Dieser einzige Bericht eines Augenzeugen überliefert einzigartige, dem ersten Anschein nach realistische, auch zuverlässige und ausführliche Details über Jesu Todestag (Karfreitag), über sein Sterben und seinen Tod am Kreuz. Nichts mehr von jenem Lichtwesen und göttlichen Logos des Evangelienbeginns. Der nackte Mensch hing nun am Kreuz, sein Sterben wurde beobachtet und beschrieben. Manche gegenwärtigen Exegeten werten solchen Realismus als einen Beleg für eine späte doktrinäre Auslegung älterer, kryptischer Berichte, als Erfindung zugunsten eines Gottes, der wahrhaft Mensch geworden sei. Darf deshalb die Augenzeugenschaft bezweifelt werden? Keine jener exklusiven Informationen durch den Jünger, «den Jesus liebte», spricht gegen seine Augenzeugenschaft.[3] Sein Bericht folgt keinen fremden Mustern, sondern der eigenen Wahrnehmung.

Das heutige medizinische Wissen bringt diesen Bericht in einer Weise zum Sprechen, die sich kaum mit dem medizinischen Wissen der Jesus-Zeit verträgt, schon gar nicht mit dem Wissen des Evangelisten und seiner Informanten.[4] Diese im Ganzen vorbildlose Darstellung des Johannes bietet einen wichtigen Hinweis auf die «offizielle» Feststellung des Todes durch den Stich mit der Lanze, der notwendig war, weil Jesus erst wenige Stunden am Kreuz gehangen hatte. Darüber hinaus verrät der Bericht dem...

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