Das Tagebuch der Zwillingsschwester

 
 
Uksak E-Books (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 24. März 2021
  • |
  • 118 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7389-5281-0 (ISBN)
 
Es ist ein harter Schicksalsschlag für Clarisse, als der Arzt ihr mitteilt, dass ihre geliebte Zwillingsschwester Felicia unheilbar erkrankt ist und bald sterben wird. Die immer kühl wirkende Clarissa will nun alles tun, damit ihrer Schwester jeder Wunsch erfüllt wird, selbst dann noch, als sie selbst vor dem Nichts steht ... Albert Wolf erwartet Clarisse bereits, weiß jedoch nicht, dass es ihre Zwillingsschwester Felicia ist, die vor ihm steht, als er den Abzug der Pistole kaltblütig durchzieht ...
  • Deutsch
  • 0,39 MB
978-3-7389-5281-0 (9783738952810)

1


Clarisse Cramer fuhr elegant durch das schmiedeeiserne Tor. Es schloss sich wieder automatisch. Die Auffahrt zum Haus war lang und breit. Der gelbe Kies leuchtete in der Sonne wie mattes, unpoliertes Gold. An den Seiten standen hohe Pappeln. Die Spitzen wiegten sich leicht im Wind.

Clarisse hatte das Verdeck zurückgeschlagen. Ihr Haar flatterte im Wind. Sie liebte diesen Weg. Der Großvater hatte diese Allee anpflanzen lassen, und seit damals hatte sich nichts geändert.

Der Park war sehr groß, mit ausgedehnten Rasenflächen und ein paar Rosenbeeten. Sie liebten einfach die Weite. Richtige Gärtner hatten sie im Augenblick nicht. Aber es fanden sich immer Männer aus der Fabrik, die sich gern etwas nebenbei verdienten. Und man musste es ihnen lassen, sie verstanden es vorzüglich, alles in Ordnung zu halten.

Seit die Mutter nicht mehr lebte, achtete Clarisse auf alles, was im Park und in der Villa geschah.

Der Weg machte einen kleinen Knick. Nun lag das Haus. in voller Schönheit vor ihr. Immer bekam sie so etwas wie Herzklopfen, wenn sie es sah. Es war nicht Stolz oder Hochmut, nein, einfach nur Freude an seiner einmaligen Schönheit. Die Harmonie war vollkommen. Nicht zu wuchtig und protzig, wie man damals so gerne baute. Ganz schlicht, mit nur zwei kleinen Erkern und darauf die Türmchen. Die Mauern waren schneeweiß, und die Fenster reichten bis zum Boden. Meistens waren es weite Flügeltüren mit Butzenscheiben darin.

Durch den Rasen davor, im Hintergrund die hohen Blautannen und Blutbuchen, kam es voll zur Geltung. Dies war ihr Heim, hier war sie vor dreiundzwanzig Jahren zur Welt gekommen. Hier auf dem Rasen hatte sie mit Felicia und der Kinderfrau gespielt, herumgetollt. Hier hatten sie schon Feste gefeiert, von denen man in der Stadt noch heute sprach.

Clarisse stellte den Motor ab und streifte die Autohandschuhe herunter, schlug die Tür zu und ging auf das Haus zu. Damals, als die Großeltern noch lebten, da hatte es hier nur so von Personal gewimmelt. Aber die heutige Zeit war ganz anders. Sie war froh gewesen, daß sie eine Haushälterin bekommen hatte und dass die alte Köchin ihr weiterhin treue Dienste leistete. Sie würde bis zum Lebensende hierbleiben, auch wenn sie nicht mehr arbeiten konnte. Dann kamen morgens noch die Putzfrauen.

Um diese Zeit, es war kurz nach fünfzehn Uhr, lag das Haus wie ausgestorben da. Clarisse betrat die Halle und sah kurz nach oben. Aber auch auf der Marmortreppe war niemand zu sehen. Schnell fuhr sie sich einmal mit dem Kamm durch die zerzausten Haare, dann stieg sie die Treppe hinauf.

Dritte Tür links. Sie klopfte kurz an, trat dann sofort ein. Wie sie es geahnt hatte, fand sie hier ihre Zwillingsschwester Felicia vor. Diese lag auf dem breiten französischen Bett. Zart, durchsichtig, schmal, fast unwirklich. Auch jetzt, als sie sich halb umdrehte und Clarisse mit einem schwachen Lächeln begrüßte, wirkte sie matt und ohne Energie. Die Ähnlichkeit war frappierend, das stimmte. Und früher hatten sie damit so manchen Schabernack angestellt. Aber seit gut einem halben Jahr hatte sich Felicia verändert. Willenlos war sie eigentlich immer gewesen, und sie sagte nie nein. Sie protestierte auch nicht, als sie, Clarisse, die Hauptrolle in diesem Haus übernahm. Und dabei war Felicia die ältere. Allerdings betrug der Unterschied nur eine halbe Stunde.

Clarisse war Dolmetscherin, das heißt, sie hatte diesen Beruf erlernt, hatte aber nie Gebrauch davon gemacht. Eine Fabrikantentochter arbeitete eben nicht. Sie konnte Schwedisch und Norwegisch, Englisch und Französisch perfekt. Hin und wieder half sie dem Vater, wenn er ausländische Besucher hatte. Aber das war auch alles.

Felicia studierte Kunst, und ihr sehnlichster Wunsch war, einmal ein Museum führen zu dürfen. Doch, wie gesagt, seit einem halben Jahr hatte sie sich grundlegend verändert. Wenn sie, Clarisse, nicht aufgepasst hätte, hätte sie sich sogar vernachlässigt. Vom Studium ganz abgesehen.

Zuerst hatte die Schwester geglaubt, es sei der Tod der Mutter, den Felicia nicht überwinden konnte. Aber die Mutter war schon seit einem Jahr tot. Also hätte die Wandlung Felicias damals eintreten müssen und nicht erst ein halbes Jahr später.

Dann hatte sie Felicia rundheraus gefragt, ob sie vielleicht verliebt sei. Aber diese hatte nur den Kopf geschüttelt. Nein, das war sie auch nicht. Eigentlich war sie deswegen ein wenig enttäuscht gewesen. Der Vater hätte es nämlich gern gesehen, wenn wenigstens eine seiner Töchter geheiratet hätte, und zwar bald. Er wollte Enkelkinder haben. Dieser Wunsch war verständlich. Clarisse war die Herbe, Kühle, sie durchschaute die Männer sofort. Und bis jetzt hatte sie keinen gefunden, der nicht ihr Geld sah. Gewiss, sie war genauso schön wie ihre Schwester, aber sie konnte einfach nicht aufhören, daran zu denken, dass sie um des Geldes willen geheiratet würde. Und dann, hatte sie nicht noch viel Zeit?

Aber Felicia, sie war zum Lieben geboren, sie war weich und zärtlich, anschmiegsam. Sie brauchte einfach Liebe, das Verwöhntwerden. Eine Schulter, an die sie sich lehnen konnte, einen Menschen, der ihr alles abnahm, sich um sie kümmerte. Sie verschenkte Liebe in verschwenderischer Weise, aber zu mehr war sie auch nicht fähig.

Clarisse war es im Augenblick, die diese beschützende Rolle bei ihr übernommen hatte.

Dass Felicia trotzdem noch keinen Liebsten hatte, daran war die Kunst schuld. Sie ging so in ihren Studien auf, dass sie die Umwelt um sich herum einfach vergaß.

Und jetzt sollte alles aus sein? Mitten im Semester war sie nach Hause gekommen, hatte gesagt: »Ich fühle mich so müde, ich glaube, ich muss mich ein paar Tage ausruhen." Clarisse hatte sich gefreut.

Aber aus den drei bis vier Tagen, wie sie zu Anfang gedacht hatte, waren jetzt Monate geworden. Den halben Tag lag sie hier oben in ihrem Zimmer, oder sie lag im Garten in einem Liegestuhl.

»Du bist schon wieder zurück?«, sagte Felicia mit ihrer glockenhellen Stimme.

»Ja, ich hatte ein paar Besorgungen zu machen. Wie geht es dir?«

»Gut!«

»Hast du getan, was ich dir gesagt habe, Felicia?«

»Ja«, sagte sie gehorsam.

»Du warst also bei Ulf Mall?«

»Ja, du hast doch gesagt, ich solle hingehen. Und da bin ich auch gegangen.«

»Was hat er dir gesagt? Ich meine, hat er dir etwas aufgeschrieben?«

»Ich weiß nicht«, sagte sie schwach. »Ich glaube, er hat gesagt, er würde dich heute noch anrufen. Du weißt doch, ich bin in letzter Zeit so vergesslich.«

»Ich werde dir gleich deinen Tee bringen, Felicia. Bleib nur liegen!«, sagte die Schwester.

»Du bist so gut zu mir«, meinte Felicia, aber es klang so schwach, so farblos, dass Clarisse es kaum vernahm. Die Gardinen bauschten sich im Wind zu einem Segel.

Nachdenklich stieg sie die Treppe hinunter. Sie war also bei Ulf gewesen. Sein Vater war ebenfalls Fabrikant. Sie kannten sich seit ihrer frühesten Kindheit. Nicht sehr weit von ihrem Grundstück entfernt stand die Villa seiner Eltern. Ulf war der zweite Sohn und würde somit nicht die Fabrik leiten. Er hatte Medizin studiert. Jetzt hatte er schon seit ein paar Jahren eine Praxis. Er war schon über dreißig, und man sagte, er sei ein sehr guter Arzt

Sie hatte vor ein paar Tagen mit ihm telefonisch über Felicia gesprochen. Sie wollte jetzt endlich wissen, was mit der Schwester los war. Und er hatte sie gebeten, Felicia zu ihm zu schicken. Nun war sie also bei ihm gewesen.

»Nun gut«, murmelte sie halblaut vor sich hin. »Jetzt werden wir endlich wissen, wie wir diese Müdigkeit aus ihr heraustreiben können. Das ist doch nicht mehr normal!«

In der Küche brühte sie eigenhändig den Tee auf. Nach dem Mittagessen hatte das Personal immer frei. Jeden Tag. Clarisse wusste, dass man ihre Arbeit anerkennen musste. Jeder brauchte so etwas wie ein Eigenleben. Den Tee und das Abendbrot bereitete sie immer selbst zu. Es machte ihr sogar Spaß. Sie arbeitete gerne. Wäre sie nicht die Tochter eines reichen Mannes, wäre sie jetzt längst schon verheiratet gewesen und hätte ein paar Kinder gehabt. Und seltsamerweise hätte ihr die Arbeit bestimmt Spaß gemacht. Sie war kein verwöhntes Zierpüppchen, nein, das konnte man vielleicht von Felicia sagen. Sie war Vaters Lieblingstochter. Die Schwester war ein wenig schwächer und zarter gewesen. Nie so robust wie sie, Clarisse. Und oft hatten die Eltern zu ihr gesagt: »Du bist unser Sohn, Clarisse. Ein Junge hätte nicht wilder sein können als du.«

Alice und Karl Cramer hatten keinen männlichen Erben. Nur die beiden Töchter. Sie hatte nie herausgefunden, ob der Vater darunter litt. Seiner Frau gegenüber hatte er nie eine Andeutung gemacht. Alice Cramer war wie Felicia gewesen, schwach, nachgiebig und zärtlich. Clarisse hatte alles vom Vater mitbekommen. Seine Kämpfernatur, sein Durchsetzungsvermögen und seine Ausdauer.

Inzwischen kochte das Teewasser. Sic brühte den Tee, bestrich ein paar Toastbrote mit Butter, stellte alles auf ein kleines Tablett und brachte es der Schwester.

Felicia lag im Halbschlummer.

»Du musst etwas essen, Felicia«, sagte sie weich und fasste sie an der Schulter.

Felicia öffnete ihre Augen.

»Ach, du bist es!«

»Ja, bitte trink den Tee, solange er noch heiß ist, ja?«

»Ja«, sagte sie leise.

Clarisse konnte sie nicht mehr ertragen, diese Schwäche. Felicia war nur noch ein Schatten ihrer selbst. Hastig verließ sie das Zimmer der Schwester.

Auf dem Gang blieb sie unwillkürlich vor einem Spiegel stehen. Sie beide hatten die gleichen grauen Augen und das dunkelbraune Haar. Es war leicht gewellt und wirkte manchmal fast schwarz. Einige Leute glaubten, sie würden es sich färben lassen. Aber...

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