Redlight Street #132: Ein goldenes Herz

 
 
Uksak E-Books (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 17. April 2020
  • |
  • 110 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7389-3933-0 (ISBN)
 
Als Anke und Elke zur Nachtschicht gehen, finden sie unterwegs ein junges Mädchen. Es weint bitterlich und ist ganz verzweifelt. Elke ist das ziemlich egal und sie drängt Anke zum weitergehen. Doch Anke kümmert sich um das Mädchen. Sie hilft ihr aus ihren Schwierigkeiten und besorgt ihr eine Arbeit. Sie behält das Mädchen im Auge und achtet darauf, dass sie nicht den gleichen Beruf ergreift den sie selbst hat, denn Anke ist eine Dirne,
  • Deutsch
  • 0,25 MB
978-3-7389-3933-0 (9783738939330)

1


Sie saß auf der Mülltonne und weinte zum Erbarmen. Die Tränen liefen unaufhörlich über ihr Gesicht. Seit Stunden saß sie schon da wie ein Häufchen Elend. Die Augen rot und verquollen, eine kleine Jammergestalt. Jetzt war sie müde und erschöpft. Sie schluchzte leise vor sich hin und wischte ständig mit dem Handrücken über ihre Augen.

Die Dirnen Anke und Elke waren auf dem Weg zur Anschaffe. Die Luft war mild, es wehte nur ein leichter warmer Wind. Jeden Abend und Morgen benutzten die Mädchen den Trampelpfad über das Trümmergrundstück. So etwas gab es auch noch, mitten in der Großstadt. Und Baugrund war so knapp. Dass diese Lücke noch nicht zugebaut war, lag an den Erben. Zwei Familien besaßen die Anteile. Jeder wollte der anderen Familie den Anteil abkaufen, um so den großen Gewinn zu machen. Mit einem halben Grundstück konnte man nichts machen. Da aber beide den großen Gewinn einstreichen wollten, verkaufte man nicht, ja, man hatte sich sogar verfeindet.

So war eine Lücke geblieben, und die Anwohner benutzten sie fleißig. Es war eine große Abkürzung. Das Unkraut wuchs meterhoch darauf. Am Tag streunten dort Hunde und Kinder umher. Und des Nachts hielten die Katzen zum Leidwesen der Anwohner ihr Stelldichein hier ab. Ratten sollte es auch geben.

Hier, in dieser düsteren Umgebung, gab es genügend Unrat, und alte Mülltonnen versperrten oft den Trampelpfad. Anständige Leute hatten Angst, nachts über den Platz zu gehen. Doch den Dirnen machte das nichts aus.

"Moment mal", sagte Anke. "Ich habe doch gerade was gehört?"

Sie blieb stehen.

"Komm endlich", murrte Elke. "Wir sind heute schon ziemlich spät dran. Mach doch!"

Da war wieder dieser komische, langgezogene Heulton. Nun hörte ihn auch Elke.

Anke wollte der Sache auf den Grund gehen. Und wenig später stieß sie auf ein weinendes Mädchen.

"He", sagte sie verdutzt. "Was ist denn mit dir los?"

Thea Berger, so hieß das junge Mädchen, brachte kein Wort über die Lippen.

"Iiiiiiiiih!" Stoßweise kam das hervor.

Elke trat auch näher.

"Mensch, die kann aber flennen. Mädchen, gleich setzt du das Grundstück unter Wasser."

Thea keuchte und rang nach Atem. Sie machte verzweifelte Anstrengungen, um das Weinen zu unterdrücken. Jetzt schämte sie sich furchtbar. "Komm", sagte Elke und wollte die Freundin mitziehen.

"Wir können die doch nicht einfach hier sitzen lassen", meinte die Dirne.

"Warum denn nicht? Was geht uns das an?"

Thea rutschte von der Mülltonne. Sie legte sich quer darüber und stöhnte zum Steinerweichen.

"Biste krank?", wollte Anke wissen. Ein wildes Kopfschütteln war die Antwort.

"Was haste denn? Los, sag es schon. Umsonst wirst du doch wohl nicht flennen. Sag schon."

Thea hob ihren Kopf. Im Mondlicht sahen die beiden, wie jung sie noch war. Jung, verstört und von einem großen Kummer niedergedrückt.

"Hast du vielleicht etwas ausgefressen? Sind die Bullen hinter dir her?" Wieder nur ein Kopfschütteln.

"Biste von zu Hause ausgerissen und hast jetzt Angst?"

"Nnnnnein", stieß die Kleine verzweifelt hervor.

"Du siehst doch, sie weiß es selbst nicht", knurrte Elke. "Ich gehe jetzt weiter, ich habe es verdammt eilig, ins Koberzimmer zu kommen. Kommst du jetzt mit?"

Anke zögerte. Eigentlich ging sie das ja alles nichts an. Aber trotzdem, das Mädchen tat ihr leid. Konnte man wirklich das arme Ding hier allein zurücklassen? Und wenn es sich in seiner Verzweiflung etwas antat?

Die Dirne streckte die Hand aus und berührte ihren Arm. Die Kleine hatte eine Gänsehaut. Sie musste wohl schon lange hier sitzen und jammern.

"Komm", sagte sie etwas weicher. "Sag schon, was du hast. Vielleicht können wir dir helfen!"

Thea wollte lächeln, aber ihre Lippen zitterte so sehr, dass es nur eine Grimasse wurde.

"Hast du Hunger?" Wenn man Kummer hatte, hatte man auch meistens Hunger, weil man in der Regel vergaß, zu essen. Anke kannte sich darin aus.

Thea Berger hatte schrecklichen Hunger.

"Ja",.flüsterte sie ganz leise.

".Wenigstens etwas", murmelte Anke. "Kommst du jetzt mit oder nicht?"

"Geh nur schon, ich komme nach", sagte Anke.

"Du bist doof", meinte Elke. "Wirklich! Was kümmerst du dich um die? Du kennst sie doch gar nicht. Du kriegst bestimmt noch großen Ärger. Lass doch die Finger davon."

"Mensch, hast du denn kein Mitleid? Wenn wir sie jetzt allein lassen, wer weiß, vielleicht tut sie sich etwas an."

"Na und?", höhnte Elke "Kümmert sich denn einer um uns, ob wir uns etwas antun oder nicht? Schick sie zum Teufel und komm jetzt endlich."

"Hau ab, du verstehst das nicht!"

Elke stöckelte wütend davon. "Blödes Weib", murmelte sie vor sich hin.

Anke fühlte sich selbst gar nicht so sicher. Hatte Elke nicht doch recht? Es war immer besser und machte keinen Ärger, wenn man sich nur um seinen eigenen Kram kümmerte. Wäre die Kleine älter, ja, dann wäre sie auch weitergegangen. Aber so jung! Sie konnte höchstens sechzehn sein. Mehr bestimmt nicht. Sie selbst war schon fünfundzwanzig. O ja, sie konnte sich noch sehr gut an diese Zeit erinnern, als Mama sie hinausgeworfen hatte, mit der Begründung, sie sei ein Esser zuviel. Sie solle jetzt selbst für sich sorgen. Wenn ihr damals jemand geholfen hätte, wäre sie sicher nicht im Bordell gelandet.

"Komm", sagte sie zu der Kleinen. "Hier in der Nähe ist ein prima Lokal. Ich spendiere dir ein Essen. Und dann kannst du mir erzählen, was du hast. Vielleicht finden wir zusammen einen Ausweg."

"Danke", schluchzte Thea.

Mit letzter Kraft schleppte sie sich über den Platz. Sie wusste gar nicht, wo sie war. Vorhin - bestimmt waren inzwischen schon viele Stunden vergangen - da war sie einfach gelaufen und gelaufen, bis sie nicht mehr konnte. Und dann hatte sie diese Mülltonnen gefunden und sich verzweifelt daran festgeklammert.

Ihr Herz schlug ganz dumpf und schwer. Und in der Kehle hatte sie einen dicken Kloß. Essen konnte sie ganz bestimmt nicht. Vor ihren Augen tanzten rote Ringe. Thea wusste nicht, dass das ein Anzeichen von Schwäche war.

Sie stolperte über alte Bretter und Steine. Ihre Begleiterin hielt sie immer im letzten Augenblick fest. Warum ging sie eigentlich mit? Hatte sie denn keinen eigenen Willen mehr? Sie wollte es doch nicht. Man sollte sie allein lassen. Nein, auch sie konnte ihr nicht helfen. Niemand konnte das!

Wäre sie doch in den Fluss gesprungen. Dann wäre sie jetzt schon lange tot und würde nichts mehr spüren. Sie war feige, richtiggehend feige.

Thea blieb stehen und wühlte in ihren Kleidertaschen herum.

"Was ist?", sagte Anke.

"Taschentuch", stotterte sie.

"Hier haste ein Tempo."

Sie wischte sich damit die Tränen aus dem Gesicht und putzte sich die Nase.

Ich sehe bestimmt wie eine Vogelscheuche aus. Ich weiß das, dachte sie. "Ich gehe nicht mit", stieß sie hervor. "Warum nicht?"

Darauf konnte sie keine Antwort geben.

"Komm schon, sonst kippst du mir noch vor Hunger aus den Latschen."

"Ich sehe scheußlich aus."

"Dort, wo wir hingehen, da ist das egal. Und jetzt komm endlich. So viel Zeit habe ich nun auch wieder nicht. Wie heißt du eigentlich?"

Sie zögerte etwas, ehe sie antwortete. "Thea", sagte sie. "Thea Berger!"

"Ich heiße Anke!"

Sie hatten die Ritterstraße erreicht, den Anfang des Dirnenviertels. Weiter unten befanden sich das Eroscenter und die Bordelle. Zwischen der Ritterstraße und den Bordellen waren kleine Absteigen, Bars, Kneipen, Spelunken.

Anke, die Dirne, blieb vor einem kleinen Lokal stehen. Sie warf einen Blick auf das Mädchen und lächelte ihm ermunternd zu. Dann stieß sie die Schwingtür auf. Tabaksqualm, so dick wie Watte, schlug ihr ins Gesicht. Die Dirne kannte sich hier gut aus. Wie immer war Laszlos Kneipe zum Bersten voll. In dieser Gegend hatte er die beste Küche. Im Hinterzimmer befanden sich Billardtische, zum Zeitvertreib für die Zuhälter, die hier warteten. Die Dirnen kamen zwischendurch herein und brachten das sauer verdiente Geld.

Die Theke war belagert. Alles, was sich zur Unterwelt zählte, von den kleinen Gaunern und Hilus angefangen, hielt jeden Abend hier ein Stelldichein.

Bei Laszlo gab es nie Ärger. Er sorgte für Ordnung. Und die Polizei ließ ihn in Ruhe. Die Zuhälter wussten das und kamen deshalb so gern zu ihm.

Anke schob sich durch die Menge. Und wenn man nicht Platz machen wollte, setzte sie die Ellenbogen ein.

"Geht doch mal zur Seite."

Man drehte sich um, erkannte sie, grinste und ließ sie passieren.

"Was haste denn da aufgegabelt? Dein neuester Schwarm?"

Man grölte über diesen Witz.

"Sieht verdammt nach Vogelscheuche aus! Fährst doch jetzt nicht die andere Spur?"

"Lasst mich in Ruhe", zischte sie zurück.

An der Tür zum Hinterzimmer fand sie einen freien Tisch. Sie verfrachtete das Mädchen in die Ecke.

"Bleib hübsch hier sitzen, verstanden? Kümmere dich nicht um die Kerle. Die tun dir nichts!"

Thea hatte riesengroße erschrockene Augen.

"Ich komme sofort wieder. Ich schaue nur nach, was du jetzt essen kannst." Und damit warf sie sich wieder ins Gewühl und drängte sich zur Theke durch.

Thea Berger saß zusammengesunken auf ihrem Stuhl. Um sie herum brodelte das Leben. Sie fühlte sich wie auf einer Insel. Das Zittern der Glieder ließ noch immer nicht nach.

Ein betrunkener Mann beugte sich über den Tisch. Er hatte...

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