Die Lüge der Lisa Eigner

 
 
Uksak E-Books (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 4. Juli 2020
  • |
  • 120 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7389-4204-0 (ISBN)
 
Nach dem Tod der Eltern erbt Josef den Eignerhof, um die Bauernwirtschaft weiterzubetreiben, und Lisa, seine Schwester, bekommt ein Wohnrecht. Als er dann Wilma, seine große Liebe, heiratet, sie auf dem Hof einzieht und er mit ihr eine Familie gründet, scheint ihr Glück perfekt. Doch schließlich wächst Lisas Missgunst über die Glückseligkeit dieser jungen Familie ins Unermessliche. Zank und Streit bestimmen von nun an das Leben auf dem Hof, bis es nicht mehr zu ertragen ist, und Lisa eines Tages von dort verbannt wird, um sich ein eigenes Leben aufzubauen. Wer aber glaubt, dass von nun an Harmonie und Freude erneut Einzug halten, wird arg enttäuscht, denn das Schicksal schlägt auf dem Eignerhof erbarmungslos zu und durchkreuzt die Pläne des Eignerbauern und seiner Familie ...
  • Deutsch
  • 0,88 MB
978-3-7389-4204-0 (9783738942040)

1. Kapitel



Der Himmel war azurblau. Die gezackten Felsen sahen wie Scherenschnitte aus. Heiß stach die Sonne. Ein Flimmern lag in der Luft, und die Hitze drückte auf Mensch und Vieh. Seit Tagen war es nun schon so heiß.

Für die Bauern war es gut; denn sie mussten das Heu einbringen. Jetzt durfte es auf keinen Fall regnen, dann war alle Arbeit umsonst. Aber eine harte Plage war es schon. Da standen alle verfügbaren Kräfte an den steilen Hängen und holten das Heu ein. Wenn die Wiese sehr hoch lag, musste man es mit der Kiepe heruntertragen. Hier fuhr kein Wagen mehr. Auch die kleinen Pausen an der Quelle erfrischten nicht mehr. Es war eben zu heiß. Für die Urlauber war das natürlich eine feine Sache. Sie spazierten umher und fanden alles so lustig und schön. Hier sei die Welt noch in Ordnung, sagten sie. Das Wetter zeigte sich wirklich von seiner besten Seite, umso überraschter war man dann, wenn man an den Eignerhof vorbei kam und sah, dass dort das Heu in der Sonne lag und schier verbrannte. Hier rührte sich keine Hand. Der ganze Hof schien wie ausgestorben. Der Eignerhof lag am höchsten und am weitesten vom Kirchspiel Torf entfernt. Man konnte schon sagen, das Haus klebe mit dem Rücken am Kulmberg. Es war so in eine Mulde gebaut worden, dass keine Lawinen das Haus wegreißen konnten. Der Hof stand nun schon über dreihundert Jahre. Reich waren sie einstmals auch gewesen. Da gab es noch die Silberbeschläge an der Tür, die wertvollen Schnitzereien im Treppenhaus, die uralten Truhen und Schränke, das alte Zinn. Neulich noch hatte der Pfarrer gesagt, der Eignerhof müsse eigentlich ein Museum werden.

Josef hatte lange Zeit mit seiner Schwester zusammengelebt. Er war dreißig, als er die Wilma heiratete. Lisa hatte es nicht mehr für möglich gehalten, dass der Bruder sich eine Frau nahm.

Mit ihren fünfunddreißig war sie wirklich keine Schönheit, und ein bissiges Mundwerk hatte sie außerdem. Josef hätte nichts dagegen gehabt, wenn die Schwester geblieben wäre, aber es war wirklich kein Auskommen mit Lisa. So hatte sie denn gehen müssen, und war Zimmermädchen in Schladming geworden.

Dann waren die Kinder gekommen, zuerst Annelie, die jetzt siebzehn zählte, dann der Florenz, der jetzt zwölf Jahre alt war, und zum Schluss noch das Nesthäkchen Sabine mit seinen vier Jahren.

Wilma und Josef führten eine überaus glückliche Ehe und sie kannten auch keine Geldsorgen. Wilma hatte eine Menge mit in die Ehe gebracht und so konnten sie es sich ohne weiteres leisten, ihre Kinder auf die höhere Schule nach Schladming zu schicken. Dort waren sie die Woche über bei den Großeltern und kamen nur zum Wochenende heim. Annelie war eine mittelmäßige Schülerin. Hingegen waren sie doch ein wenig verblüfft, als sie merkten, mit welcher Leidenschaft der Bub, der Florenz, zur Schule ging. Seine Zeugnisse waren hervorragend und die Lehrer voll des Lobes. Wenn man ihn fragte, was er denn einmal werden wolle, so sagte er immer: "Ich möcht Arzt werden, oder Richter."

Josef und Wilma waren dann wohl ein wenig bestürzt. Der Bub, der Hoferbe, musste doch den Hof übernehmen. Sie hatten ihn zur Schule geschickt, damit er später einmal auf die landwirtschaftliche Hochschule gehen konnte.

So war eigentlich alles geregelt. Wilma und Josef waren achtzehn Jahre verheiratet, als das unfassbare Unglück passierte Das Heu lag in der prallen Sonne und keine fleißigen Hände brachten es ein. Der Hof am Kulmberg wirkte wie verlassen, weil dort das lange Sterben begann.

Angefangen hatte es vor drei Tagen. Wie immer war Josef zuerst draußen, Wilma kümmerte sich erst um die Wirtschaft und bereitete das Essen vor, dann ging sie auch hinaus, um dem Mann zu helfen. Am Abend wollten sie hinunter nach Torf, Peter, ihr Schwager, hatte Geburtstag, und den wollte man feiern. Also musste heute ziemlich rasch die Arbeit fertig werden. Josef war vielleicht auch mit den Gedanken bei seinen Kindern. Morgen würden sie wieder daheim sein.

Als Wilma aus dem Haus kam, fand sie ihn nirgends und sie rief nach ihm. Nach geraumer Zeit hörte sie erst seine schwache Stimme. Da ging sie nachsehen und fand ihn, auf der Tenne liegend. Erschrocken kniete sie sich neben ihm nieder und fragte angstvoll: "Was ist denn los, Josef. Ist dir die Sonne zu Kopf gestiegen?"

Schneeweiß war sein Gesicht und die Backenknochen traten hart hervor. "Wilma, du musst den Doktor holen. Ich bin aus der Bodenluke gestürzt."

Entsetzt sah sie nach oben. "Oh, nein", flüsterte sie unter Tränen. "Das darf doch nicht wahr sein."

"Mit der Feierei wird es heut leider nix, Wilma. Oder musst allein runter und ein Gläschen für mich mittrinken."

"Oh, Mann", rief sie flehend, "scherz doch jetzt nicht so. Sag, hast du Schmerzen?"

Josef brachte kein Lächeln mehr zustande. Die Schmerzen raubten ihm fast den Verstand.

"Du musst den Doktor holen, Wilma, rasch."

"Soll ich dir nicht erst in die Stube helfen? Du kannst hier doch nicht liegenbleiben", weinte sie.

"Ich kann nicht aufstehen", flüsterte der Mann.

Sie blickte ihn zärtlich an und strich ihm dazu behutsam über das Gesicht. Dann sprang sie hoch und lief ins Haus. Mit einem Kissen und Decken kam sie zurück.

"Ich bin gleich wieder zurück. Ich laufe so schnell wie ich kann, Josef."

"Ja", sagte er, dann schloss er die Augen. Rote Schleier tanzten davor und er konnte es nicht mehr ertragen.

Wilma küsste ihn noch einmal, dann raffte sie ihren Rock zusammen und lief den steilen Pfad ins Dorf hinunter. Für gewöhnlich schaffte man diesen Weg in einer Viertelstunde. Aber Wilma lief und lief und wusste nur eins: sie durfte jetzt nicht stehenbleiben, um zu verschnaufen. Es ging um ihren Mann. Der Doktor musste ihm eine Spritze geben, dann würde alles wieder gut sein. Und die ganze Zeit betete sie, er möge auch daheim sein, nicht unterwegs auf einen Krankenbesuch.

Reni, ihre Schwester, stand am Fenster und sah sie kommen. Sie winkte ihr zu. Aber Wilma sah sie nicht, sie lief weiter. Neben der Kirche war das Schulhaus und dort, zwischen dem Pfarrer und dem Lehrer, wohnte der Doktor Steinbrecher. Er war schon alt, aber versah noch immer seinen Beruf. Die Dörfler hatten schon Sorge. Wenn er einmal nicht mehr konnte, würden sie ohne ärztliche Hilfe sein. Ein Junger würde sich in so einem kleinen Ort nicht niederlassen. Zu den Patienten war es oftmals ein langer Weg und sehr anstrengend, sie zu betreuen. In der Stadt war das alles viel bequemer.

Wilma riss bald die Klingel ab, da stand sie nun auf der Schwelle und konnte im ersten Augenblick keinen Ton über die Lippen bringen, weil sie so außer Atem war. Die Haushälterin kannte sie recht gut.

"Den Doktor willst du sprechen?"

Wilma nickte.

"Hast Glück, er ist noch da, wollt grad fort auf die Knappenalm. Aber wart, ich ruf ihn, dann kannst ihm selbst alles sagen."

"Danke", würgte Wilma hervor und ließ sich zugleich erschöpft auf die Bank fallen.

Wenige Augenblicke später stand der weißhaarige Doktor in der Küche.

"Schau Eignerin, grüß dich, schon lange nicht mehr gesehen. Du willst zu mir? Ist was mit den Kindern?"

Wilma sprang auf und umklammerte seinen Arm. Mit flehentlichem Blick beschwor sie ihn.

"Musst sofort kommen, Doktor, ich fleh dich an. Mein Mann, der Josef, ist aus der Bodenluke gestürzt, und nun liegt er auf der Diele und kann sich vor Schmerzen nicht rühren. Er hat mir gesagt, du sollst kommen. Bitte, bitte!"

"Natürlich komm ich sofort mit, Wilma. Das ist doch selbstverständlich. Aber sag, habt ihr Mannsbilder oben?"

"Nein, ich bin mit dem Josef allein. Das weißt du doch. Einen Knecht bekommt man doch nicht mehr. Aber warum fragst du?"

"Allein schaff ich ihn nicht in die Stube. Und ich will ihm nicht unnötige Schmerzen bereiten. Wart Wilma, lauf schnell zum Schibl, der Gendarm hat Zeit, er soll mitkommen. Er ist stark und groß. Die andern Leut sind bei der Ernte. Ich hol jetzt meinen Wagen aus der Garage und dann fahren wir sofort los."

"Ja, ja, ich tu ja alles. Ich lauf ja schon." In der Tür blieb sie aber noch einmal stehen. "Wirst ihn mir wieder gesund machen, Doktor, nicht wahr?"

Er drehte sich um und so konnte sie sein Gesicht nicht mehr sehen. Da lief sie fort.

Steinbrecher sagte zu seiner Haushälterin: "Wenn ich fort bin, rufst in Schladming an und fragst nach, ob der Hubschrauber angefordert werden kann. Und auch das Krankenhaus rufst an und fragst nach einem Bett. Bestellen tust es aber erst, wenn ich dich von unterwegs irgendwo anrufe.

Zuerst muss ich mir den Josef ansehen. Vielleicht hat er sich auch nur was verrenkt. Dann brauch ich den Schibl erst recht, damit er ihn festhält, während ich ihm die Knochen wieder einrenken tu. Das tut mörderisch weh, aber nur einen Augenblick."

"Dem Lützebronner sein Hof liegt auf dem Weg ins Dorf, der hat ein Telefon. Von dort kannst ja dann mir eine Nachricht schicken."

Dann hörten sie den Gendarm des Ortes und Wilma zurückkommen.

"Die Eignerin sagt, du brauchst mich, Doktor?"

"Ja, kommt mit und steigt ein, unterwegs erzählt uns dann die Wilma, wie alles passiert ist."

Mit dem Wagen konnten sie die Hälfte des Weges bewältigen, aber dann musste auch der Arzt kapitulieren,...

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