Ich mag dich - du nervst mich

Geschwister und ihre Bedeutung für das Leben
 
 
Hogrefe (Verlag)
  • 4. Auflage
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  • erschienen am 1. September 2015
  • |
  • 480 Seiten
 
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978-3-456-75571-7 (ISBN)
 
Die Rolle von Geschwistern in der Entwicklung eines Menschen wird immer noch - sogar von Fachleuten! - unterschätzt. Der Autor beleuchtet dieses spannende Thema von verschiedenen Seiten und veranschaulicht es an zahlreichen Beispielen. Welche Rolle spielen Geschwisterkonstellationen und -positionen? Wie und warum entstehen Eifersucht und Rivalität? Wie nehmen Eltern Einfluss auf das Verhältnis von Geschwistern? Warum können Geschwisterbeziehungen entwicklungsfördernd oder -hemmend sein? Was bringt es, sich mit den eigenen Geschwisterbeziehungen auseinanderzusetzen? Dem Autor geht es aber auch um Möglichkeiten zur Neugestaltung von Geschwisterbeziehungen sowie um Langzeitauswirkungen in Partnerschaft oder Beruf. Fragebögen zur Reflexion der eigenen Geschwistererfahrung runden das Buch ab. Ergänzt wird das Buch mit kurzen Texten junger Erwachsener über ihre Geschwistererfahrung. «Fricks Beitrag besticht vor allem durch seine Differenziertheit. Frick lässt sich nie auf vulgär-psychologische Typologien oder auf pauschalisierende Zuordnungen ein.» (Psychologie in Erziehung und Unterricht)
4. aktualisierte und ergänzte Auflage
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  • Bern
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  • Lehrer aller Stufen, Eltern, Kinder-, Schulpsychologen, Klinische Psychologen, Psychotherapeuten; alle, die mehr über Geschwisterbeziehungen wissen wollen.
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978-3-456-75571-7 (9783456755717)
weitere Ausgaben werden ermittelt
1 - Ich mag dich - du nervst mich! [Seite 2]
1.1 - Inhaltsverzeichnis [Seite 6]
1.2 - Geleitwort [Seite 14]
2 - Vorwort [Seite 18]
2.1 - Vorwort zur 2.?Auflage [Seite 20]
2.2 - Vorwort zur 3.?Auflage [Seite 20]
2.3 - Vorwort zur 4.?Auflage [Seite 21]
3 - 1. Einleitung und Einführung: Die Entdeckung der Geschwister [Seite 22]
3.1 - Einleitung [Seite 22]
3.2 - Geschwister - ein (immer noch) vernachlässigter Faktor [Seite 26]
3.3 - Zur individuellen Bedeutung von Geschwistern [Seite 31]
3.4 - Die allmähliche Entdeckung von Geschwistern [Seite 33]
3.5 - Kurze Beispiele aus der Literatur [Seite 39]
3.6 - Geschwister und Anamnese [Seite 44]
4 - 2. Rollen, Nischen, Konstellations­effekte und individuelle Deutungsmuster [Seite 48]
4.1 - Einleitung [Seite 48]
4.2 - Geschwisterkonstellation und persönlichkeitsabhängige Verarbeitung [Seite 52]
4.3 - Identische oder individuelle Umwelt,gemeinsame (geteilte) oder nichtgemeinsame (nichtgeteilte) Umwelt? [Seite 59]
4.4 - Das älteste Kind [Seite 64]
4.5 - Das zweitgeborene Kind [Seite 86]
4.6 - Mittlere und spätere Kinder [Seite 90]
4.7 - Das jüngste Kind [Seite 94]
4.8 - Kinder ohne Geschwister (Einzelkinder) [Seite 104]
4.9 - Andere Positionen, Konstellationen und Faktoren [Seite 117]
4.10 - Die Bedeutung der «tendenziösen Wahrnehmung» und die «Grundmeinungen» [Seite 119]
4.11 - Geschwister und Sprache [Seite 125]
4.12 - Nischen, Geschwisterrollen und Komplementärrollen [Seite 126]
5 - 3. Wichtige Einflussfaktorenauf Geschwisterbeziehungen [Seite 142]
5.1 - Absolutes Alter der Familienmitglieder [Seite 143]
5.2 - Altersdifferenz zwischen den Geschwistern [Seite 143]
5.3 - Geschwisterzahl, Familiengröße [Seite 145]
5.4 - Geschwisterzusammensetzung [Seite 146]
5.5 - Geburtsrangplatz [Seite 146]
5.6 - Wohnort, soziokulturellesund sozioökonomisches Umfeld, Religion [Seite 146]
5.7 - Individuelles Verhältnis der Elternzu den einzelnen Geschwistern [Seite 147]
5.8 - Bevorzugung und Benachteiligungdurch Eltern bzw. Elternteile [Seite 147]
5.9 - Partnerersatz und Parentifizierung [Seite 148]
5.10 - Erziehungsstil der Eltern [Seite 150]
5.11 - Partnerbeziehung der Eltern [Seite 154]
5.12 - Körperbau [Seite 154]
5.13 - Fantasien und Erwartungen der Eltern vom einzelnen Kind [Seite 154]
5.14 - Geschwistersituation/Geschwisterbeziehung und Geschwisterposition der Eltern [Seite 155]
5.15 - Außerfamiliäre Bezugspersonen [Seite 156]
5.16 - Freunde der Geschwister, Peers [Seite 156]
5.17 - Charakter/Persönlichkeit und besondere Merkmale der Geschwister [Seite 157]
5.18 - Kritische Lebensereignisse [Seite 158]
5.19 - Krankheiten, Behinderung und Tod von Geschwistern [Seite 162]
5.20 - Alkohol und Drogen [Seite 164]
5.21 - Weitere moderierende und protektive Faktoren [Seite 165]
6 - 4. Geschwister und ihre Bedeutung füreinander [Seite 168]
6.1 - Ein reichhaltiges Beziehungsfeld [Seite 169]
6.2 - Horizontal-symmetrische Beziehungserfahrungen [Seite 176]
6.3 - Modelle, Vorbilder, Identifikationsobjekte, Abgrenzungsobjekte [Seite 184]
6.4 - Ein bisschen Über-Ich: Geschwister als Fortsetzerund Stellvertreter elterlicher Erziehungstätigkeit [Seite 191]
6.5 - Rivalen [Seite 192]
6.6 - Freunde, HelferInnen, Vertraute, TrostspenderInnen [Seite 192]
6.7 - Verbündete [Seite 196]
6.8 - Zärtlichkeitsbedürfnisse, Liebesobjekteund erotische Objekte [Seite 197]
6.9 - BeziehungspartnerInnen [Seite 201]
6.10 - Projektionsfiguren, Objekte der Verschiebungvon Feindseligkeit und Aggression [Seite 202]
6.11 - Loyalität [Seite 204]
6.12 - Empathie [Seite 204]
6.13 - HelferInnen bei der Bewältigung von wichtigen Entwicklungsaufgaben [Seite 206]
6.14 - Gegenmodelle [Seite 208]
6.15 - Spiegel des eigenen Verhaltens [Seite 209]
6.16 - Geschwister und Berufswahl [Seite 211]
6.17 - Vielfältige Sozialisationsprozesse zwischen Geschwistern [Seite 213]
6.18 - Einige Gemeinsamkeiten von Geschwisterbeziehungen [Seite 213]
6.19 - Geschwister als Überlebenshelfer [Seite 214]
6.20 - Der Verlust eines Geschwisters durch Suizid [Seite 217]
7 - 5. Bevorzugung, Benachteiligung und Rivalität [Seite 222]
7.1 - Eifersucht - und die zentrale Rolle der Eltern [Seite 223]
7.2 - Unbewusste Vorlieben und Abneigungen der Eltern [Seite 234]
7.3 - Geschwisterübertragungen [Seite 241]
7.4 - Die Passung Kind-Eltern [Seite 243]
7.5 - Unbewusste Selbst- und Wunschbilder und Delegation [Seite 244]
7.6 - Wahrnehmungsverzerrung [Seite 246]
7.7 - Vor- und Nachteile von Bevorzugungen [Seite 247]
7.8 - Folgen für die benachteiligten Kinder [Seite 249]
7.9 - Gründe für die Ablehnung von Kindern [Seite 254]
7.10 - Zwei weitere Rivalitätsaspekte [Seite 257]
7.11 - Rivalitätspalette [Seite 257]
7.12 - Gesellschaftlich-kulturelle Einflüsse [Seite 262]
7.13 - Benachteiligte begabte Schwestern berühmter Männer [Seite 264]
7.14 - Worüber streiten Geschwister? [Seite 266]
7.15 - «Streittypen» in rivalisierenden Auseinandersetzungen zwischen Geschwistern [Seite 268]
7.16 - Die konstruktive Seite von Rivalität [Seite 270]
7.17 - Das elterliche Erziehungsverhalten in der Erinnerung erwachsener Geschwister [Seite 275]
7.18 - Der elterliche Umgang mit Geschwistern(mit Fragebogen) [Seite 276]
8 - 6. Fallgeschichten aus unterschiedlichen Perspektiven [Seite 280]
8.1 - Die Perspektive jüngerer Geschwister [Seite 280]
8.2 - Die Perspektive ältester Geschwister [Seite 289]
8.3 - Die Perspektive mittlerer Geschwister [Seite 293]
9 - 7. Die Freud-Adler-Kontroverse auf dem Hintergrund ihrer persönlichen Geschwisterproblematik [Seite 298]
9.1 - Freud und Adler: Nicht nur zwei unterschiedliche Charaktere [Seite 298]
9.2 - Die Geschwisterkonstellation bei Sigmund Freudund Adlers «Abfall» [Seite 300]
9.3 - Die Geschwisterkonstellation bei Alfred Adler [Seite 310]
10 - 8. Geschwister und Geschlecht [Seite 314]
10.1 - Geschwister gleichen Geschlechts am Beispielvon Zwillingen [Seite 315]
10.2 - Geschwister unterschiedlichen Geschlechts [Seite 317]
10.3 - Drei Fallbeispiele [Seite 319]
10.4 - Weitere Aspekte [Seite 324]
11 - 9. Geschwisterbeziehungen zwischen Nähe-Intimität und Distanz-Feindschaft [Seite 328]
11.1 - Grundmuster emotionaler Beziehungenvon Geschwistern (Beziehungsmodi) [Seite 328]
11.2 - Identifikationsmodi und Vergleichsprozessevon Geschwistern [Seite 331]
11.3 - Welche Faktoren führen zu nahen oder distanzierten Geschwisterbeziehungen? [Seite 340]
12 - 10. Geschwisterübertragungen im Erwachsenenalter und ihre möglichen Folgen [Seite 352]
12.1 - Einleitung [Seite 352]
12.2 - Geschwister und Partnerwahl [Seite 355]
12.3 - Einflüsse der Eltern [Seite 357]
12.4 - Neuinszenierungen und Projektionen [Seite 359]
12.5 - Das Ausleben ungelöster eigener Anteile [Seite 363]
12.6 - Zu viel Verantwortung [Seite 365]
12.7 - Denkanstöße für Lehrpersonen und AusbildnerInnen [Seite 368]
12.8 - Was nützt die Beschäftigung mit der eigenen Geschwistersituation? [Seite 373]
13 - 11. Möglichkeiten und Grenzen neuer Geschwisterbeziehungen im Erwachsenenalter [Seite 378]
13.1 - Der Auszug des Bruders [Seite 378]
13.2 - Die Bedeutung eingeübter Rollenmuster [Seite 379]
13.3 - Hilfreiche Voraussetzungenfür neue Geschwisterbeziehungen [Seite 380]
14 - 12. Persönliche Reflexionen über eigene Geschwistererfahrungen [Seite 394]
14.1 - Was können Geschwister für die persönliche Entwicklung bedeuten? 26 kurze Beispiele [Seite 395]
15 - 13. Anhang für die Praxis: Fragebogen und Familienkonstellationsschema [Seite 420]
15.1 - Vorbemerkungen [Seite 420]
15.2 - Fragebogen A [Seite 423]
15.3 - Fragebogen B [Seite 424]
15.4 - Fragebogen C [Seite 427]
15.5 - Fragebogen A [Seite 429]
15.6 - Fragebogen C [Seite 433]
15.7 - Fragebogen D [Seite 436]
15.8 - Darstellungen von Familienkonstellationen [Seite 437]
15.9 - Individualpsychologische Ansätze [Seite 437]
15.10 - Systemische und testpsychologische Ansätze [Seite 439]
15.11 - Das Familienkonstellationsschema (FKS) [Seite 442]
15.12 - Die Entwicklung einer Familienkonstellation [Seite 442]
15.13 - Familienkonstellation von Familie Zürcher [Seite 447]
16 - Verzeichnisse [Seite 450]
16.1 - Literaturverzeichnis [Seite 450]
16.1.1 - Verwendete Fachliteratur [Seite 450]
16.1.2 - Autobiografische Darstellungenvon Geschwisterbeziehungen [Seite 461]
16.1.3 - Empfehlenswerte Romane und Erzählungenzu Geschwisterbeziehungen [Seite 461]
16.1.4 - Eine Auswahl empfehlenswerter Kinderbücherzum Thema Geschwister [Seite 461]
16.1.5 - Empfehlenswerte Filme zu Geschwisterbeziehungen [Seite 466]
16.1.6 - Internetadressen [Seite 466]
16.2 - Namenverzeichnis [Seite 468]
16.3 - Sachwortverzeichnis [Seite 471]

1. Einleitung und Einführung: Die Entdeckung der Geschwister


Einleitung


Wer an Geschwister denkt, sieht vielleicht eine Kindheitsszene am Familientisch mit dem Bruder, erinnert sich an ein Geburtstagsgeschenk, das die ältere Schwester kürzlich zugeschickt hat, an einen schon lange zurückliegenden heftigen Streit über das - aus persönlicher Perspektive natürlich ungerechtfertigte! - längere Aufbleiben der kleineren Schwester, an die geschwisterlichen Erlebnisse, die sich vor den Eltern so vortrefflich verheimlichen ließen, an lebhafte Auseinandersetzungen mit den Eltern über die Ausgangszeiten mit und ohne brüderliche Begleitung oder an gemeinsame tolle Ferien am Meer mit den beiden Brüdern im eigenen Zelt. Wahrscheinlich würden die meisten dann bald nach ein paar weiteren Erinnerungen ins Nachdenken kommen: Welche Rolle spiel(t)en meine Geschwister eigentlich für mein Leben - und welchen Einfluss habe ich auf sie ausgeübt? Was bedeuten wir einander? Was wäre ich ohne sie? Den meisten Menschen fällt spontan mehr ein, wenn man sie nach ihrer Partnerschaft, ihrem Beruf oder ihren Freunden fragt. Für Erwachsene treten die Beziehungserfahrungen mit den Geschwistern gewöhnlich in den Hintergrund.

Geschwisterbeziehungen reichen - außer für die ältesten Kinder - in die ersten vorsprachlichen Tage der Kindheit zurück und sind die dauerhaftesten Bindungen im Leben eines Menschen: Eltern sterben, Freunde verschwinden, Intimbeziehungen lösen sich auf - aber Geschwister bleiben einem Menschen meistens lebenslänglich erhalten, rechtlich wie emotional, auch wenn unter Umständen die Kontakte auf ein Minimum beschränkt oder gar abgebrochen wurden. Man kann, um Watzlawick (2000) zu variieren, nicht eine Nichtbeziehung zu Geschwistern haben. Gemeinsame Herkunft und Entwicklungsgeschichte bilden ein unauflösbares Band. Unzählige Erlebnisse, Gefühle, Reaktionsmuster und sogar charakterprägende Erfahrungen sind mit Geschwistern verbunden, auch wenn ein erheblicher Teil davon vergessen, verdrängt oder gar verleugnet werden kann.

Geschwister haben eine lange und einzigartige gemeinsame Geschichte: Was tragen Geschwisterbeziehungen zur Identitätsbildung bei, wie beeinflussen sich Geschwister, wie wirken sich frühe Abhängigkeiten zwischen Geschwistern, emotionale Nähe und Distanz aus? Unsere Denk- und Gefühlswelt, die individuelle Art, Beziehungen zu gestalten, das Verhalten im schulischen und beruflichen Alltag, die Wahl der Liebespartnerin/des Liebespartners und des Freundeskreises, ja sogar die Wahl des Berufs und der Interessengebiete, der Vorlieben, Abneigungen und Einstellungen hängen - wie Veith (2002)1 treffend meint -, in einem viel größeren Umfang mit unseren ersten Beziehungspersonen nach den Eltern, den Geschwistern, zusammen, als viele Menschen annehmen. Welchen Platz ein Mensch in seiner Familie einnimmt, hat großen Einfluss darauf, wie er sich später anderen Menschen und der Welt gegenüber verhält. Der jahrelang erworbene und entwickelte Schatz von Einstellungen, Gefühlen, Erfahrungen, Denkmustern und Handlungsstrategien mit Geschwistern wird schließlich zum Grundmuster für den Umgang mit der Welt auch außerhalb der Familie. Die Familie mit Eltern und Geschwistern ist für das Kind die erste soziale Gruppe, das erste langjährige Trainingsfeld für zwischenmenschliche Beziehungen.

Die Beziehung eines Kindes zu seinen Eltern und seine Beziehung zu/m Geschwister(n) müssen als zwei gleichwertige wie eigenständige Beziehungsarten verstanden werden: Eltern-Kind-Beziehungen und Geschwister-Geschwister-Beziehungen laufen von Anfang an nebeneinander und sind gleichwertig - nicht gleichartig! Obwohl quantitative Angaben für Wirkungsaussagen alleine nicht genügen, sind die Zahlen der Babywatcher doch erstaunlich: So haben Einjährige mit Geschwistern ungefähr gleich viel Umgang wie mit der Mutter, aber im Alter von drei bis fünf Jahren verbringen Kinder im Durchschnitt dann schon doppelt so viel Zeit mit ihren Geschwistern wie mit der Mutter! (vgl. Sohni 2011, S. 25). Geschwisterbeziehungen sind, ebenso wie Eltern-Kind-Beziehungen, grundlegende Primärbeziehungen für jeden Menschen und tragen als wichtige Sozialisationsfaktoren zur grundlegenden Persönlichkeitsentwicklung bei. Und: Es sind nicht nur Beziehungs-, sondern auch Erziehungserfahrungen. Nicht nur Eltern erziehen ihre Kinder, auch die Geschwister erziehen sich untereinander - wie sie natürlich auch ihre Eltern erziehen! Geschwistererziehungserfahrungen und Geschwistereinflüsse sind wichtige zukünftige Forschungsfelder. Die Erfahrungen mit unseren Geschwistern in der Kindheit bilden die Basis für unseren Umgang mit Nähe und Vertrautheit, mit Konkurrenz und Ablehnung, mit Konflikten und Versöhnung. Die Geschwisterbeziehung ist in der überwiegenden Zahl der Fälle die dauerhafteste Beziehung im Leben - und sie ist unser intensivstes wie frühestes Lernfeld im Umgang mit ambivalenten Gefühlen wie Liebe, Hass, Freude und Trauer. Geschwister erleben in diesen wichtigen Jahren in unzähligen Interaktionen Loyalität, Hilfsbereitschaft, Beschützen und Beschütztwerden, aber auch Konflikte, Dominanz und Rivalität. Das nachfolgende Gedicht von Marie Luise Kaschnitz drückt einige dieser Aspekte auf anschauliche Weise aus.

Geschwister

Was anders heißt Geschwister sein

als Abels Furcht und Zorn des Kain,

als Streit um Liebe, Ding und Raum,

als Knöchlein am Machandelbaum,

und dennoch, Bruder, heißt es auch,

die kleine Bank im Haselstrauch,

den Klageton vom Schaukelbrett,

das Flüstern nachts von Bett zu Bett,

den Trost -

Geschwister werden später fremd,

vom eigenen Schicksal eingedämmt,

doch niemals stirbt die wilde Kraft

der alten Nebenbuhlerschaft,

und keine andere vermag

so bitteres Wort, so harten Schlag.

Und doch, so oft man sich erkennt

und bei den alten Namen nennt,

auf wächst der Heckenrosenkreis.

Du warst von je dabei. Du weißt.2

Die Bedeutung von Geschwistern lässt sich noch von einer weiteren Seite beleuchten. Jeder Mensch steht ein Leben lang vor zwei zentralen Aufgaben: Einerseits müssen wir eigenständige Personen werden, indem wir uns aus anfänglich äußerst intensiven Bindungen lösen und weiterentwickeln sowie eine eigenständige Rolle finden (Individuation und Identität), daneben stehen wir als soziale Wesen vor der ebenso wichtigen Aufgabe, vielfältige und befriedigende Beziehungen zu anderen Menschen einzugehen, Bindungen zu lösen, neue aufzubauen und zu pflegen (Sozialisation und Integration). Sowohl Individuations- wie Bindungsprozesse werden maßgeblich von familiären Erfahrungen, konkret von Eltern-Kind- und Kind-Kind-Beziehungen (primär: Geschwister-Geschwister-Interaktionen) geprägt. Eltern wie Geschwister bieten hierfür über Jahre ein vielfältiges Übungs- und Lernfeld, das so jedem Heranwachsenden schließlich erlaubt, einen eigenen Stil zu finden.

Geschwister - ein (immer noch) vernachlässigter Faktor


Kasten (1993a)3 hat darauf hingewiesen, dass sich in unserem Kulturkreis zahlreiche gesetzliche wie religiöse Vorschriften und Rituale für die Bereiche Ehepartner-Beziehung und Eltern-Kind-Beziehung (z.B. Eheschließung, Scheidung, Taufe, Konfirmation, Firmung) finden, im Bereich der Geschwisterbeziehung aber nichts Analoges existiert. Dieses Desinteresse von Staat und Kirche an der Geschwisterbeziehung war viele Jahrzehnte auch charakteristisch für die Wissenschaft. In der Geschichte der Psychologie - und hier besonders auch in der Entwicklungspsychologie - wurde der Einfluss von Geschwistern auf die psychische Entwicklung des Menschen lange Zeit vergessen, vernachlässigt oder als gering eingestuft. Sigmund Freud beispielsweise maß den Geschwistern keinen sehr großen Einfluss bei. Statt dessen konzentrierte er sein Augenmerk fast ausschließlich auf die Beziehung zwischen Kind und Eltern. Dabei liefert gerade der erstgeborene Freud ein prominentes Beispiel für den bedeutenden Einfluss von Geschwisterkonstellationen auf die Entwicklung eines Menschen (mehr dazu in Kap. 7). Auch das psychoanalytische Schrifttum nach Freud behandelt die Thematik von Geschwisterbeziehungen meistens nur am Rande.

In den psychoanalytisch und bindungspsychologisch orientierten Entwicklungstheorien, die ganz die Mutter-Kind-Beziehung ins Zentrum stell(t)en (z.B. Spitz, Bowlby, Ainsworth, Klein, Kagan u.a.) blieb das Thema Geschwister am Rande. Wenn familiäre Einflüsse thematisiert wurden, beschäftigten sich die meisten theoretischen Konzepte überwiegend mit Mutter-Vater-Kind-Triaden. Vereinzelt wurden zwar Geschwister gelegentlich thematisiert, so etwa von Winnicott, der Geschwister als «Übergangsobjekte» bei der allmählichen Loslösung von der Mutter sah, oder in der feinfühligen Beobachtungsstudie von Esther Savioz (1968), die anhand von zwölf Geschwisterpaaren die Entwicklung der Geschwisterbeziehung in den ersten zwei Lebensjahren näher beleuchtete, oder schon früh in den angelsächsischen Ländern4, besonders in den USA; aber sonst schienen Geschwister nicht von erwähnenswerter Bedeutung zu sein.

Bis in die 1970er Jahre - eine Ausnahme im deutschsprachigen...

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