Den Mund voll ungesagter Dinge

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 6. März 2017
  • |
  • 400 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-20442-6 (ISBN)
 
Wenn Sophie es sich aussuchen könnte, wäre ihr Leben simpel. Aber das ist es nicht. Und das war es auch nie. Das fängt damit an, dass ihre Mutter sie direkt nach der Geburt im Stich gelassen hat. Und endet damit, dass Sophies Vater plötzlich beschließt, mit seiner Tochter zu seiner Freundin nach München zu ziehen. Alle sind glücklich. Bis auf Sophie.

Was hat es bloß mit dieser verdammten Liebe auf sich? Sophie selbst war noch nie verliebt. Klar gab es Jungs, einsam ist sie trotzdem. Bis sie in der neuen Stadt auf Alex trifft. Das Nachbarsmädchen mit der kleinen Lücke zwischen den Zähnen, den grünen Augen und dem ansteckenden Lachen. Zum ersten Mal lässt sich Sophie voll und ganz auf einen anderen Menschen ein. Und plötzlich ist das Leben neu und aufregend. Bis ein Kuss alles verändert.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 2,16 MB
978-3-641-20442-6 (9783641204426)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Anne Freytag hat International Management studiert und als Grafikdesignerin gearbeitet, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete. Für ihre ersten beiden Jugendbücher wurde sie für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert, für ihren dritten Roman »Nicht weg und nicht da« für den Buxtehuder Bullen 2018. Außerdem erhielt sie dafür den Bayerischen Kunstförderpreis in der Sparte Literatur. Zuletzt bei Heyne fliegt erschienen: »Mein Leben basiert auf einer wahren Geschichte«. Die Autorin lebt mit ihrem Mann in München.

Ende schlecht, alles schlecht?

Die Osterferien sind vorbei. Und mit ihnen unser Leben in Hamburg. Ich sitze auf dem Beifahrersitz und versuche, nicht daran zu denken, dass das hier das Ende ist. Zumindest ein Ende. Eben war dieses alte Backsteinhaus noch mein Zuhause. Jetzt ist es das nicht mehr. Meine Augen brennen, aber ich werde nicht weinen. Nicht wegen so etwas.

Mein Vater öffnet die Fahrertür und lässt sich neben mir auf den Sitz fallen, dann atmet er tief ein, so als wären wir im Schwimmbad und er würde jeden Augenblick untertauchen. »Also gut, Motte«, sagt er und stößt langsam die Luft aus, »dann wollen wir mal.«

Ich will nicht. Ich will meine drei Kisten wieder auspacken und hierbleiben. Aber es geht nicht um das, was ich will. Wenn man siebzehn ist, tut es das eigentlich nie.

»Hast du alles?«

Ich antworte mit einem langsamen Nicken, weil er sonst in meiner Stimme hören würde, was ich ihm zuliebe für mich behalte. Ich weiß, dass er einen Neuanfang braucht. Für meinen Vater war dieser Schritt lange überfällig. Wütend macht es mich trotzdem.

Papa startet den Motor. Er wirft noch einen letzten, flüchtigen Blick auf das Haus, in dem ich Laufen gelernt habe, dann legt er den Rückwärtsgang ein und manövriert den vollbepackten Kombi aus der Einfahrt. Wir fahren die schmale Allee hinunter. Ihre nackten Linden stehen Spalier wie hölzerne Skelette, die sich regungslos von uns verabschieden. Sie werden uns nicht vermissen. Aber ich werde sie vermissen. Ihren Duft und das Rascheln ihrer Blätter im Wind. Wenn man von den Wintermonaten absieht, bin ich die vergangenen sechzehn Jahre zu diesem Geräusch eingeschlafen.

»Sophie, ist alles okay?«

Ich schaue zu ihm rüber. »Klar«, sage ich, »alles gut.« Meine Stimme verrät, dass nichts gut ist. Papa weicht meinem Blick aus und schweigt. Es ist ein lautes Schweigen. Wir holpern über das Kopfsteinpflaster, vorbei an den viktorianischen Häusern mit ihren bunten Türen und den teuren Autos in den Auffahrten. Das Leben, wie ich es kannte, ist vorbei. Es endet genau jetzt. In diesem Moment. Und jeder Meter, der uns von unserem alten Haus trennt, vertieft den sauberen Schnitt, den mein Vater für uns entschieden hat. Es ist ein Schnitt, der meine Kindheit und Jugend aus meinem Gesamtbild herausschneidet. Ich will schreien, aber ich verziehe keine Miene. Ich schaue nur reglos aus dem Fenster.

Etwas über eine Stunde später halten wir an einer Tankstelle, kaufen ein paar Getränke und belegte Brote, die so aussehen, als wären sie aus dem letzten Jahrhundert. Labbriger Toast und gräuliche Salami. Igitt.

»Geh du ruhig schon mal ins Auto, ich bezahle derweil«, sagt Papa und hält mir den Schlüssel entgegen.

Die elektrische Schiebetür öffnet sich, und ich trete durch einen Schwall abgestandener Klimaluft nach draußen in die nasskalte Realität. Die meisten Menschen sind gleichgültig bis schlecht gelaunt, und es stinkt nach Benzin. Mein Atem schwebt als kleine Wolke vor mir her, als wollte er mir den Weg weisen. Ich schließe den Wagen auf und verkrieche mich in seiner wohligen Wärme, dann werfe ich die Tür zu und schnalle mich an wie ein artiges Kind, das sich auf den Wochenendausflug freut. Ich schaue zum Tankstellenshop hinüber. Papa steht an der Kasse und lächelt die Mitarbeiterin in ihrem hellblauen Hemd freundlich an. Ich ertrage diesen Anblick nicht. Ihn so glücklich zu sehen zeigt mir, dass er es all die Jahre, die wir nur zu zweit waren, eigentlich nicht war.

Ich ziehe die Schuhe aus und die Beine hoch und krame die Kopfhörer aus meiner Handtasche. Als ich die Knoten aus dem Kabel löse, fällt mein Blick auf das Auto an der nächsten Zapfsäule. Eine Frau steigt ein und verstaut etwas auf der Rückbank. Die Fenster sind schmutzig. Im milchigen Licht der Mittagssonne erkenne ich die Abdrücke von Kleinkinderhänden an den verschmierten Scheiben. Irgendwie macht mich dieser Anblick traurig. Vielleicht, weil ich meine Mutter nie persönlich kennengelernt habe - einmal abgesehen von meiner Geburt, da waren wir beide anwesend, aber das zählt irgendwie nicht.

Als plötzlich die Fahrertür neben mir aufgeht, zucke ich kurz zusammen und folge dem Geräusch. Mein Vater steigt ein und streckt mir zwei Packungen TUC-Kekse entgegen. »Hier, für dich, Motte.«

Ich muss lächeln. »Danke.«

»Das war noch nicht alles.« Auf seiner großen Handfläche liegen drei Butterstückchen in goldglänzendem Papier. In der anderen hält er ein weißes Plastikmesser. »Was wäre so eine lange Reise ohne dein Lieblingsessen?« Ich presse kurz die Lippen aufeinander, dann greife ich danach. »So, jetzt müssen wir aber.« Er zwinkert mir zu, dann schnallt er sich an. »Ich habe Lena eben angerufen. Sie freut sich schon sehr auf uns.«

»O ja, ich wette, sie freut sich besonders auf mich.«

»Komm schon, Sophie, gib ihr bitte eine Chance.«

Als ob ich eine andere Wahl hätte.

»Ich liebe Lena.«

»Ich weiß«, sage ich und reiße die erste TUC-Packung auf. Plötzlich fühlt sie sich nicht mehr an wie eine schöne Geste, sondern wie Bestechung.

»Du wirst sie mögen, wenn du sie erst einmal besser kennst.« Ich frage mich kurz, wen er gerade überzeugen will - sich oder mich, sage aber nichts. »Und München ist eine wirklich schöne Stadt. Ganz ähnlich wie Hamburg, nur etwas kleiner.«

»Ja, und in Bayern.«

»Motte, das wird toll, du wirst schon sehen«, übergeht er meinen Kommentar. »Ich kann immer noch nicht glauben, wie super alles hingehauen hat.«

»Was alles?«, frage ich nüchtern.

»Na ja, ich meine, mein neuer Job beginnt erst in zwei Wochen, der Resturlaub hat genau gereicht, um alles zu organisieren und den Umzug über die Bühne zu bringen, und die Schulferien liegen dieses Jahr einfach perfekt!« Er schaut kurz zu mir rüber. »Immerhin musstest du so nur zwei Wochen mit Entrümpeln verschwenden. Und jetzt hast du immer noch deine gesamten Osterferien vor dir.« Er strahlt die Windschutzscheibe an, und ich unterdrücke den Drang, ihm zu sagen, dass das bedeutet, dass ich mich vierzehn Tage langweilen werde. »Wir haben zwei Wochen Zeit, uns alles in Ruhe anzuschauen und uns einzugewöhnen. Wir könnten ins Gebirge fahren oder nach Italien.« Denkt er, dass er mich damit ködern kann? Italien und ein paar Berge? »Was meinst du, Motte?« Er sieht zu mir rüber. »Wäre das nicht toll? Ich meine, Italien! Da wolltest du doch immer hin.« Sein Blick fleht mich an, Ja zu sagen. Ja, das ist toll. Ja, das freut mich. Ja, da wollte ich immer hin. Hauptsache Ja.

Eigentlich will ich antworten, dass mich weder Italien noch die Berge noch seine blöde Freundin auch nur im Geringsten interessieren, aber ich bringe es nicht über mich, ihm so wehzutun. Lena ist die erste, die ihm seit der Frau, die mich geworfen, aber nicht gewollt hat, etwas bedeutet. Und ich weiß, dass er sich nichts sehnlicher wünscht, als dass diese Patchwork-Nummer funktioniert. Also atme ich tief ein und entscheide mich für Variante drei: »Ja, du hast recht, das wollte ich.« Das ist nicht mal gelogen.

Der erleichterte Ausdruck in seinem Gesicht zeigt, wie unglaublich angespannt er eigentlich ist. Er weiß, dass ich nicht umziehen wollte. Und genauso wenig eine Stieffamilie haben. Oder einen Hund. Ich wollte einfach so weitermachen wie bisher. Mit den falschen Jungs schlafen, irgendwann bald mein Abi machen und weiterhin keine Ahnung haben, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Als Papa mir vor drei Monaten gesagt hat, dass es mit Lena und ihm ernst wird, bin ich zwar hellhörig geworden, aber ich hätte nie gedacht, dass ernst so ernst ist. Als er eine Woche später dann die Karten auf den Tisch gelegt hat, bin ich filmreif ausgerastet. Ich habe mich aufgeführt wie eine Diva im Hormonrausch, weil ich gehofft habe, dass er es sich dann noch einmal anders überlegt. Aber das hat er nicht.

Ich bin wohl eingeschlafen, denn als ich die Augen wieder öffne, ist es bereits dunkel. Zwischen dem Beifahrerfenster und meinem Kopf klemmt mein kleines Kissen. Das muss Papa da hingetan haben. Ich richte mich auf, trinke einen Schluck lauwarmes Mineralwasser, das vor knapp vierhundert Kilometern noch spritzig war, und schaue nach draußen in ein Meer aus Dunkelblau und Schwarz, gesprenkelt mit vielen roten, kleinen Lichtern. Es ist ziemlich dichter Verkehr, aber immerhin hat es aufgehört zu regnen.

»Na, gut geschlafen, Motte?«, fragt Papa über das sanfte Geräusch des Motors hinweg.

Ich brumme ihm ein heiseres Ja entgegen.

»Hast du Hunger?« Er schaut kurz in meine Richtung. »Es gibt noch belegte Brote.«

Ich denke kurz an die gammlige Salami. »Nein, danke. Die sehen irgendwie eklig aus.«

Er wirft einen Blick in den Rückspiegel und setzt den Blinker. »Ist sowieso besser. In einer Stunde sind wir da.« Papa wechselt die Spur. »Und dann gibt es sicher was Leckeres zu essen. Lena wäre nicht Lena, wenn sie nicht irgendwas vorbereitet hätte. Sie kocht richtig gut.«

Das war zu erwarten. Die Frau geht mir jetzt schon auf die Nerven. Wahrscheinlich kommen wir an und es gibt einen riesigen Schweinebraten mit Klößen - ach nein, halt, mit Knödeln - als bayerischen Willkommensgruß. Vor meinem inneren Auge mutiert Lenas sonst so stilsicherer Jil-Sander-Look zu einem geblümten Dirndl mit roter Schürze, und anstatt ihrer blonden, glatten Haare, die immer aussehen, als wären sie gerade frisch geföhnt worden, hat sie in meiner Fantasie eine Timoschenko-Zopf-Frisur. Ich muss unfreiwillig...

"Freytag erzählt temporeich mit trickreicher Spannung ... Das Buch ist unprätentiös, unverkrampft."
 
"Ermutigt zu Neugier und Klartext."
 
"Gefühlschaos pur!"
 
"Anrührende Auseinandersetzung mit einer der verwirrendsten Phasen des Lebens."
 
"Sehr authentisch."
 
"Hautnah und direkt - so wie das Leben eben."
 
"Schnell, schnoddrig und unglaublich gefühlvoll geschrieben. Kann ich nur empfehlen."
 
"Ein unaufgeregter wunderschöner Liebesroman."
 
"Ehrlich, emotional und authentisch."
 
"Diese Story ist spannend und einfühlsam."
 
"Eine wunderbar aufregende Lovestory."
 
"Gefühlvoll, authentisch und wunderschön."
 
"Intensiv und berührend, und ein eindringliches Plädoyer für Respekt und Toleranz."
 
"Spannend, emotional, lustig und traurig zugleich."

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