Der Klügere lädt nach

Roman
 
 
Nagel & Kimche (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 29. Januar 2018
  • |
  • 208 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-312-01074-5 (ISBN)
 
Sheriff Lucian Wings Erfolgsgeheimnis ist die Geduld. Doch nun hat seine Frau ihn rausgeworfen, und der neue Vorsitzende hält von Geduld nicht viel. Als sich in der Gegend einige kuriose Unfälle ereignen, bei denen junge Rowdys zu Schaden kommen, will der Vorsitzende die Fälle geklärt haben. Der Sheriff muss das Problem auf eine ganz neue Art lösen. Gefährlich sind nämlich nicht nur die bösen Jungs, sondern auch diejenigen, die die Gesetze selbst in die Hand nehmen . Auch in seinem dritten Thriller erzählt Castle Freeman mit trockenem Humor und meisterhafter Verdichtung und zeigt uns die USA von einer anderen Seite.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 1,52 MB
978-3-312-01074-5 (9783312010745)
3312010748 (3312010748)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Castle Freeman wurde 1944 in San Antonio, Texas, geboren. In Chicago aufgewachsen, studierte er an der Columbia University. Heute lebt er in Vermont und arbeitet als Korrektor, Redakteur, Lektor und Autor für eine Vielzahl von Zeitschriften. Sein Roman Männer mit Erfahrung (im Original Go with me) wurde 2015 mit Anthony Hopkins, Julia Stiles und Ray Liotta verfilmt.

DAS NEUE ARRANGEMENT


Einmal sagte unsere Mutter: «Alle denken, dein Bruder ist der Schlaukopf in dieser Familie. Aber das stimmt nicht. Der Schlaukopf bist du. Du bist viel intelligenter als Paul. Doch, doch. Die Sache ist nur: Du bist stinkfaul. Paul nicht.»

Hätte sie das nicht zu mir, sondern zu Paul gesagt, dann hätte sie stink weggelassen. Wenn Sie den Unterschied verstehen, würdigen, sich auf der Zunge zergehen lassen können, wird Ihnen diese Geschichte vielleicht gefallen. Wenn nicht, tja, dann sollten Sie sich vielleicht lieber nach was anderem umsehen.

Das hatte Clemmie offenbar getan: Sie hatte sich nach was anderem umgesehen. Oder was anderes hatte sich nach ihr umgesehen. Ich wusste nicht, wie es gelaufen war. Ich wusste nur, dass Clemmie und ihr neuer alter Freund Jake viel Zeit miteinander verbrachten, und das seit mittlerweile sechs oder acht Wochen. Ich wusste, dass Jake in unserem neuen Haus am Diamond Mountain ein und aus ging. Wesentlich öfter als ich. War er bei Clemmie eingezogen? War mein Haus jetzt sein Haus? Das wusste ich ebenfalls nicht, aber ich würde es rausfinden. Ich würde es rausfinden.

Jedenfalls: Jemand leistete ihr Gesellschaft, und dieser Jemand war nicht ich. Während Clemmie und Jake sich in unserem Haus vergnügten, dem Haus, das wir gemeinsam gebaut hatten, kampierte ich im Büro auf dem durchgesessenen Sofa von Sheriff Ripley Wingate, meinem ehemaligen Boss. Bei feuchtem Wetter roch das Ding noch immer nach Wingates billigen Zigarren. Ich hatte dort eine Kaffeemaschine, eine Kochplatte und einen Topf. Ich hatte das Sofa und einen Schlafsack. Ich hörte Radio, und wenn ich nicht schlafen konnte, ging ich nach vorn und spielte Dame mit dem Fürsten der Finsternis - so nannten wir Walt, den Nachtfunker. Um fünf Cent pro Spiel.

Ja, zu der Zeit, als das alles passiert ist, hatten wir ein ganz neues Arrangement: Clemmie und Jake sägten mein Holz in dem, was mal mein Haus gewesen war, und ich kampierte in meinem Büro in Fayetteville und machte meinen Job.

Ein paar Worte dazu: Es ist kein Job wie jeder andere. Es ist kein normaler Job. Ich bin der County Sheriff in unserem Tal. Ich mag meine Arbeit. Unser Tal ist ein schönes Tal. Es ist ein gutes Tal. Und es ist ruhig, meistens. Die Leute denken, ich tue nichts. Aber es gibt Menschen, die nichts tun, und andere, die auch nichts tun, das aber richtig. Und die Letzteren braucht man überall, und sei es nur, damit sie dem einen oder anderen ab und zu einen kleinen Stubs geben oder die richtige Stelle zur rechten Zeit mit einem Tropfen Öl versehen. Der Sheriff kann stubsen. Der Sheriff hat ein Ölkännchen.

Noch etwas über unser Tal. Es ist ein schönes Tal, ein gutes Tal und so weiter. Aber es ist nicht groß. Das heißt, der Sheriff und alle anderen schwimmen im selben Teich, wie die Frösche im Frühling. Je mehr man herumläuft, desto mehr läuft man sich über den Weg. Darum können Arrangements wie das, das Clemmie und ich anscheinend getroffen hatten, manchmal ein bisschen misslich sein. Manchmal ist es, als würde man versuchen, in einer Telefonzelle Fußball zu spielen. Dann braucht man neue Regeln. Aber wie lauten die?

«Lucian? Hallo, Lucian», sagte Jake. «Wir sind doch immer gut miteinander ausgekommen. Ich will keinen Ärger mit dir. Aber du weißt ja, wie die Dinge sich manchmal entwickeln.»

Jake kam mit einem Sixpack und einer Packung Tiefkühlkrabben aus dem Laden.

«Die Dinge?», fragte ich.

«Äh, ja, die Dinge. Du weißt schon.»

«Clemmie isst so was nicht», sagte ich. «Sie mag keine Krabben.»

«Die sind für die Katze», sagte er.

«Das Bier auch?»

«Hm?»

«Das Bier. Ist das auch für die Katze?»

«Äh, nein», sagte Jake. «Das Bier ist für mich.»

«Und nichts für die kleine Frau?»

«Hm?»

«Nichts für Clemmie? Für Misses Wing? Für meine Frau? Was soll sie essen?»

«Äh, ich weiß nicht», sagte Jake. «Irgendwas, würde ich sagen.»

«Würde ich auch sagen. Tolle Köchin, oder?»

«Hm?»

«Okay, Jake», sagte ich. «Wir sehen uns.»

«Freut mich, dass du mir das nicht übelnimmst.»

«Natürlich nicht», sagte ich.

«Soll ich dir mal was sagen? Ich hasse diese Scheißkatze.»

Das war Jake. Clemmies Neuer. «Die kommt schon zurück», sagte Mom. «Clemmie Jessup hatte noch nie was im Kopf. Und jetzt hat sie sich mit Jake Stout eingelassen? Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Er ist noch dümmer als sie. Wenn man ihre beiden Köpfe verbindet und auf den Schalter drückt, bringen sie nicht mal eine Taschenlampe zum Leuchten. Sobald Clemmie das merkt, ist sie wieder da. Glaub mir, sie hat nichts im Kopf.»

Unsere Mutter hält viel auf Köpfe und das, was darin ist.

«Was willst du damit eigentlich sagen?», fragte ich sie. «Wenn Clemmie so dumm ist, was bin dann ich?»

«Intelligenter als Paul», sagte Mom.

 

Ich war in West Galilee und half meinem alten Freund Gus Cooper, einen Kamin zu mauern. Solche Gelegenheitsarbeiten mache ich ziemlich oft, öfter, als man meinen sollte. Ich mache sie, weil ich muss. In früheren Zeiten (und damit meine ich das gute alte England) war der Sheriff eines Countys ein reicher und mächtiger Mann. Er fuhr in einer schicken Kutsche zur Arbeit, und Diener und Vorreiter räumten ihm den Weg frei. Das war einmal. Heutzutage wird der Sheriff dafür bezahlt, die Polizeiarbeit in ländlichen Gemeinden zu übernehmen, die zu klein oder (wie sie behaupten) zu arm sind, um sich eine eigene Polizei leisten zu können. Die Gemeinderäte dieser Orte geben nicht gern Geld aus. Sie schneiden den Speck sehr dünn. Sie wollen Sicherheit, sehen aber nicht ein, warum der Sheriff und seine Deputys öfter als einmal täglich essen oder Holz für den Winter haben sollen. Diese Gemeinden müssen sparen, sagen sie einem, und damit meinen sie, dass man selbst ebenfalls sparen soll. Also keine Kutsche, keine Diener. Nein, der Sheriff von Nottingham bin ich nicht. Und darum verdiene ich mir etwas Geld nebenher, indem ich Gelegenheitsarbeiten für irgendwelche örtlichen Baufirmen erledige: Maurer-, Maler-, Zimmerer-, Dachdeckerarbeiten, was eben gerade anfällt. Ich schlage Nägel ein und trage Sachen von hier nach da. Nichts allzu Anspruchsvolles. Keine Rohre. Keine elektrischen Leitungen.

«Dein Boss ist gerade gekommen», sagte Gus. Er war auf dem Dachfirst, beim Kamin. Ich stand am Fuß der Leiter im Hof, mischte den Mörtel und wartete darauf, dass Gus neuen brauchte. Ich konnte die Zufahrt nicht sehen, Gus aber schon.

«Wer?», fragte ich.

«Du weißt schon. Der große Vorsitzende.»

«Das ist nicht mein Boss», sagte ich.

«Ich dachte, er ist der Boss von allen.»

«Sag ihm, ich bin nicht da.»

«Aber da steht dein Wagen», sagte Gus. Er winkte jemandem.

«Na gut», sagte ich. «Kommst du runter?»

«Bestimmt nicht», sagte Gus. «Mir geht's hier oben ganz gut. Du hast ihn ganz für dich allein.»

«Herzlichen Dank», sagte ich.

«Aber quatsch nicht zu lange», sagte Gus. «Du weißt ja, du wirst nach Zeit bezahlt.»

Ich ging um das Haus herum. Stephen Roark stand wartend neben seinem Wagen. Er sah missmutig aus.

«Gar nicht so leicht, Sie zu erwischen, Sheriff», sagte Roark.

Stephen Roark war Vorsitzender des Gemeinderats von Cardiff, der drittgrößten Ortschaft des Countys, wo ich selbst ebenfalls wohnte. Wir konnten uns glücklich schätzen, Stephen auf diesem Posten zu haben. Man brauchte ihn nur zu fragen, dann sagte er einem dasselbe. Er hatte uns vor ein paar Jahren den Gefallen getan, sich nach seiner Pensionierung von der Air Force hier niederzulassen. Eigentlich war er Colonel Roark und hatte die mit diesem Rang verbundenen Gewohnheiten einfach beibehalten: das Kommandieren und Einschüchtern, das arrogante Auftreten - und dabei hatte Roark seine gesamte Laufbahn im Pentagon verbracht und nie einen feindlichen Schuss gehört. Wingate war im Zweiten Weltkrieg gewesen und hatte über Roark mal gesagt, es gebe keinen härteren, entschlosseneren, abgebrühteren Soldaten als einen Colonel in Friedenszeiten.

«Sie sind ziemlich schwer zu erreichen, Sheriff», sagte Roark. «Haben Sie kein Handy?»

«Guten Morgen, Mister Roark», sagte ich.

Ich nannte ihn «Mister Roark». Ich nannte ihn nicht «Vorsitzender» wie die meisten anderen. Das war weniger eine Anrede als...

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