Hochsommermord

Kriminalroman
 
 
btb (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. Dezember 2013
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11250-9 (ISBN)
 
Der Debüt-Roman des Polizisten und ehemaligen SEK-Beamten

Nach seinem Studienabschluss an der Hochschule der Polizei tritt Moritz Kepplinger seinen Dienst bei der Kriminalpolizei in Göppingen an, einer kleinen Stadt am Rande der Schwäbischen Alb. Doch gleich sein erster Fall erweist sich als unerbittliche Zerreißprobe. Ein kleines Mädchen wird vermisst, es fehlt jede Spur von ihr. Für Kepplinger beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, denn der Täter hat bereits sein nächstes Opfer im Visier .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
btb
  • 1,54 MB
978-3-641-11250-9 (9783641112509)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Der ehemalige SEK-Beamte und frischgebackene Kriminalkommissar Moritz Kepplinger trug die verbliebenen Gepäckstücke aus der kleinen Studentenbude, in der er die vergangenen zweieinhalb Jahre seines Studiums an der Hochschule der Polizei verbracht hatte. Er schleppte die schweren Taschen voller Bücher bis vor die Tür des Treppenhauses. Dann wischte er sich mit dem Handrücken einen Schweißtropfen von der Stirn und kehrte ein letztes Mal um.

Der Sommer schien nun richtig in die Gänge zu kommen. Moritz trug ein braunes T-Shirt, passende Karo-Shorts und weiße Sneakers. Im Zimmer warf er einen letzten prüfenden Blick ins Bad, zupfte einen Fussel vom Teppichboden und öffnete anschließend das Fenster über dem Schreibtisch. Der Blick hinab auf das Hochschulgelände löste ein Gefühl der Vertrautheit aus. Wie eine schöne Kindheitserinnerung. Liebevoll musterte er das Lehrsaalgebäude, das wie ein riesiger Campanile zwischen den sechs ringförmig angeordneten Unterkunftsgebäuden herausragte. Der Elfenbeinturm, dachte er und musste lächeln. Dahinter konnte man einen Teil der Kantine und das Dach der Sporthalle erkennen. Links davon das rote Oval der Vierhundert-Meter-Bahn, auf der er oft gelaufen war. Er erinnerte sich daran, wie er während des Examens bis spät in die Nacht gelernt hatte. Bevor er anschließend zu Bett ging, hatte er regelmäßig zehn Stadionrunden in völliger Dunkelheit absolviert. Danach konnte er schlafen. Einmal war er beinahe mit einem anderen Studenten zusammengestoßen, der dieselbe Idee gehabt hatte und in entgegengesetzter Richtung lief.

Er schloss das Fenster und setzte sich auf das Bett. In der Hand hielt er einen Schnellhefter, in dem sich alle Bachelorunterlagen befanden, die er bei der gestrigen Abschlussfeier erhalten hatte. Stolz las er zum wiederholten Mal den Text der Ernennungsurkunde, die auf dicken Karton gedruckt war:

Ich ernenne

Herrn Kriminalhauptmeister

Moritz Kepplinger

geb. 17.02.1980

mit Wirkung vom 18.07.2013

zum

Kriminalkommissar

Darunter befanden sich ein Siegel des Landes Baden-Württemberg und die Unterschrift des Rektors der Hochschule in Villingen-Schwenningen.

Moritz Kepplinger legte die Mappe zur Seite und betrachtete eine helle Stelle an der gegenüberliegenden Wand, wo bis gestern ein gerahmter Kunstdruck der Proportionsstudie Vitruvian von Leonardo da Vinci gehangen hatte. Jetzt erkannte er deutlich, wie sich die Raufaser entlang der Ränder des Bilderrahmens dunkel verfärbt hatte. Er musterte die übrigen Wände im Raum und bemerkte noch weitere solcher Abdrücke.

Alles hat sich verfärbt, dachte er. Vermutlich werde ich dieses Zimmer nie mehr betreten. Ist das alles, was nach meiner dreißigmonatigen Anwesenheit von mir zurückbleibt? Eine graue Patina an den Wänden und eine Erinnerung, die zunehmend verblassen wird? Warum fällt es mir immer so schwer loszulassen?

Er verdrängte die düsteren Gedanken und dachte daran, dass er endlich geschafft hatte, was er sich vom ersten Tag seiner Einstellung in den Polizeidienst an vorgenommen hatte. Er dachte an die schwierige Zulassungsprüfung, die dem Studium vorausgegangen war, die Anspannung zu Beginn des ersten Semesters. Daran, dass nach diesem Wochenende ein neuer Abschnitt seiner Polizeiarbeit beginnen würde. Seine Gedanken schweiften zu seiner neuen Wohnung in Göppingen, die er in den kommenden Tagen einrichten musste.

Noch einmal ging er durch den Raum und sah in allen Schubladen und Schränken nach, ob er etwas vergessen hatte. Er öffnete sogar den Bettkasten, obwohl er ihn nie benutzt hatte. Alles war sorgfältig leergeräumt. Zuletzt hob er die gummierte Schreibtischunterlage an, die zum Inventar des Zimmers gehörte. Darunter lag das Foto einer jungen, hübschen Frau mit blonden, schulterlangen Haaren. Das Bild zeigte sie im Halbprofil. Den Kopf leicht zur Seite geneigt blickte sie lächelnd in Richtung des Betrachters. Er seufzte.

»Dich habe ich beinahe vergessen«, murmelte er.

Die Vorstellung, dass er und Valerie getrennt waren, tat immer noch weh. Sie hatte ihn am Wochenende vor den schriftlichen Prüfungen gebeten, aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich mit einer Mischung aus Wut und Schmerz durch das Examen zu quälen. Es war ihm sehr schwergefallen. Dennoch hatte er das Studium mit einer guten Note abgeschlossen.

Ungläubig schüttelte er den Kopf, steckte das Bild in seine Hosentasche und verließ den Raum. Seine Kommilitonen hatten ihre Zimmer im Laufe des Vormittags verlassen oder waren bereits am Vorabend nach Hause gefahren. Gut gelaunt gab er an der Pforte seine Zimmerschlüssel ab und leistete die notwendigen Unterschriften. Anschließend ging er zu seinem Wagen, verstaute das Gepäck und blickte ein letztes Mal zurück.

Vom Parkplatz aus wirkten die Gebäude der Hochschule wie eine moderne Festung oder der Hauptsitz eines Geheimdienstes.

Moritz startete den Motor und fuhr in Richtung Autobahn. Im Radio kündigte der Moderator irgendeinen neuen Song von will.i.am an. Das Lied gefiel ihm nicht, und er schaltete das Radio aus. Später erinnerte er sich daran, wie er vor Jahren auf derselben Strecke häufig an den Bodensee gefahren war.

Der Brief kam an einem Freitag.

Vierundfünfzig Wochen nach der Katastrophe.

Nachdem er ihn gelesen hatte, warf er ihn in den Mülleimer.

In der Nacht stand er auf und kramte das Schreiben wieder heraus.

Bis auf einen Kaffeefleck war es unversehrt.

Drei Wochen später nahm er die Einladung an.

Die Erinnerung verblasste. Er legte eine CD ein, die er sich selbst vor einer Woche nach der mündlichen Prüfung als Belohnung gegönnt hatte. Radiance, ein Solo-Klavierkonzert von Keith Jarrett. Nach ein paar Takten hörte er nur noch die Musik, den Klang des Flügels und das gelegentliche Seufzen des Interpreten während seines Spiels.

Die Autobahn einundachtzig in Richtung Stuttgart war an diesem Freitagmittag beinahe leer.

Manuela Jessen wartete auf den Pausengong. Sie freute sich auf das Wochenende. Nur noch acht Schultage bis zu den Sommerferien. Während die anderen Kinder bereits anfingen, heimlich ihre Schulranzen zu packen, schrieb sie sorgfältig die Hausaufgaben in ihr Heft. Ihre Tischnachbarin steckte ihr einen Papierschnipsel zu.

Kommst du noch mit auf den Spielplatz?

Schnell ließ sie den Zettel unter der Bank verschwinden und wandte sich flüsternd ihrer Freundin zu: »Nur kurz. Ich habe versprochen, pünktlich nach Hause zu kommen.« Dann klingelte es.

»Nehmt alles mit nach Hause, vergesst nichts«, rief die Lehrerin, aber ihre Mahnung ging im Gekreische der Viertklässler unter.

Das Klassenzimmer leerte sich schneller als bei einer Brandschutzübung.

Draußen spielten sie Fangen. Manuela ließ sich ein paarmal abklatschen, dann machte sie sich alleine auf den Nachhauseweg.

»Aber heute Mittag kommst du?«, rief ihre beste Freundin Annika ihr hinterher.

»Na klar. Um drei.«

»Bis dann.«

»Tschüss.«

Sie rannte bis zum Zebrastreifen und hielt den Arm nach vorne. Ein Lieferwagen donnerte vorbei.

»Blödmann«, rief sie dem Fahrer hinterher und hüpfte anschließend von einem weißen Feld zum nächsten über die Fahrbahn. Dann rannte sie weiter. Kurz bevor sie zu Hause ankam, fiel ihr ein, dass sie ihre Trinkflasche auf dem Spielplatz vergessen hatte. Verärgert stampfte sie mit dem Fuß auf den Boden, drehte sich um und ging zurück. Auf einem kleinen Stellplatz in Sichtweite der Schule parkten einige Fahrzeuge. Als sie daran vorbeiging, hörte sie jemanden ihren Namen rufen.

Plötzlich roch es verbrannt. Susanne Jessen warf die Fernsehzeitschrift auf den Boden, sprang von der Couch auf und humpelte so schnell sie konnte in die Küche. Die Behinderung war das Ergebnis der letzten Auseinandersetzung mit ihrem Exmann. Er hatte ihr mit einem Bügeleisen den Mittelfuß zertrümmert. Die Ärzte hatten ihr prophezeit, dass das Gelenk nie wieder voll funktionsfähig sein würde. Hastig nahm sie den Topf mit dem Milchreis von der Herdplatte und drehte das Gas ab.

»Mist«, fluchte sie, als sie den Deckel hob und ihr der Geruch von verbrannter Milch in die Nase stieg. Sie öffnete das Fenster. Es war bereits nach eins. Manuela müsste längst zu Hause sein, dachte sie, während sie in ihr Schlafzimmer ging und aus dem Fenster sah. Von dort aus konnte sie beinahe den gesamten Schulweg ihrer zehnjährigen Tochter überblicken. Nur dreihundert Meter lagen zwischen dem Mehrfamilienhaus und der vor wenigen Jahren neu gebauten Grundschule am Ortsrand von Süßen. Die Gegend um den fünfstöckigen Wohnblock wirkte wie ausgestorben. Die Mittagshitze hatte die Menschen von den Straßen vertrieben. Susanne Jessen brachte das Fenster in Kippstellung und ließ den Rollladen herunter. Dann fiel ihr etwas ein. Im Flur blätterte sie den Wandkalender um, an dem noch die beiden Seiten der Vormonate hingen, und betrachtete die mit Leuchtstift markierten Tage. Sie fühlte sich bestätigt, als sie den Namen ihres geschiedenen Mannes las, der quer über das bevorstehende Wochenende geschrieben war. Bestimmt hat er sie wieder direkt von der Schule abgeholt, dachte sie verärgert und musterte die gepackte Sporttasche, die an der...

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