Verteilungskampf

Warum Deutschland immer ungleicher wird
 
 
Hanser (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. März 2016
  • |
  • 264 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-446-44466-9 (ISBN)
 
"Wohlstand für alle" - das ist seit Ludwig Erhard das Credo der deutschen Politik. Doch Deutschland ist an seinem Ideal gescheitert: In unserer Marktwirtschaft wird mit gezinkten Karten gespielt. In kaum einem Industrieland herrscht eine so hohe Ungleichheit - in Bezug auf Einkommen, Vermögen und Chancen. Die Investitionen sinken, die Abhängigkeit vom Staat nimmt zu, die soziale Teilhabe nimmt ab. Der Verteilungskampf wird härter. Verantwortlich dafür ist primär die hohe Chancenungleichheit, die Menschen davon abhält, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Fratzscher zeigt, wie die Politik die Chance der Zuwanderungswelle nutzen kann und was sie tun muss, um die Spaltung der Gesellschaft abzuwenden.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
mit Abbildungen
  • 3,96 MB
978-3-446-44466-9 (9783446444669)
http://dx.doi.org/10.3139/9783446444669
weitere Ausgaben werden ermittelt
Marcel Fratzscher, Jahrgang 1971, studierte in Kiel, Oxford, Harvard und Florenz. Nach verschiedenen beruflichen Stationen, u. a. bei der Europäischen Zentralbank, der Weltbank, dem Peterson Institute for International Economics in Washington, DC, sowie dem Harvard Institute for International Development in Jakarta, Indonesien, ist er heute Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professor für Makroökonomie und Finanzen an der Humboldt-Universität Berlin.
www.fratzscher.eu | berlineconomics.diw.de
und bei Twitter: @mfratzscher

I.REICHES ARMES DEUTSCHLAND


»Ich vertraue der privaten Initiative und glaube,
dass sie die stärkste Kraft ist,
um aus den jeweiligen Gegebenheiten
den höchsten Effekt herauszuholen.«

Ludwig Erhard, Wohlstand für alle, 1957

Deutschland hat sich großen Wohlstand erarbeitet. Der Großteil der Menschen lebt gut und abgesichert. Arbeitslosen und Mittellosen wird geholfen. Die Reichen unterstützen über ihre Steuergelder die Bedürftigen. Eigentum verpflichtet. Die Bürger können frei leben und sich entfalten. Die Arbeitslosigkeit ist gering. Wer sich anstrengt, findet einen Job, und wer einen Job findet, der kann es meist auch zu zumindest bescheidenem Wohlstand bringen. In Deutschland lebt es sich besser als in vielen anderen Staaten, denn die Lebensverhältnisse im Land sind gleicher und gerechter. Deutschland kümmert sich vor allem um die Schwächsten und gibt allen eine Chance.

So nehmen viele Menschen Deutschland wahr. Die Fakten sprechen jedoch eine andere Sprache. Deutschland ist aus vielen Perspektiven das ungleichste Land Europas. Ich habe es schon geschrieben, wiederhole es aber bewusst, denn es ist das Leitmotiv dieses Buchs, sein Mantra: Fast nirgendwo anders in Europa sind Einkommen, Vermögen und Chancen ungleicher zwischen den Einwohnern verteilt als in Deutschland. Nirgendwo werden die persönlichen Entwicklungschancen so sehr von der Herkunft bestimmt. Nirgendwo schaffen weniger Kinder den sozialen Aufstieg. Nirgendwo gehen weniger Arbeiterkinder zur Universität. Nirgendwo verbleibt Reichtum so oft über Generationen hinweg in denselben Familien. Nirgendwo bleibt Arm so oft Arm und Reich so oft Reich.

Warum das so ist, scheint rätselhaft. Wer sich auf die Suche nach den Gründen macht, stößt auf widersprüchliche Fakten, die auf den ersten Blick nicht recht zusammenpassen wollen. Wie kann es sein, dass Einkommen und Sparquote in Deutschland größer sind als in den Nachbarländern, die Vermögen aber kleiner? Trotz der hohen Sparquote in Deutschland haben die meisten Deutschen kein oder kaum privates Vermögen, auf das sie sich verlassen können. In keinem Land in Europa sind private Vermögen ungleicher verteilt als in Deutschland. Diese Ungleichheit ist fast so hoch wie in den USA, wo sie häufig sogar gewünscht ist, weil sie Anreize bieten soll, es »vom Tellerwäscher zum Millionär« zu schaffen. In kaum einem anderen Industrieland sind die Unterschiede zwischen hohen und niedrigen Löhnen und Einkommen vor Steuern und staatlichen Leistungen größer als bei uns. Wie ist es möglich, dass der deutsche Staat deutlich mehr umverteilen muss als andere Länder, um eine ähnliche Gleichheit bei Löhnen und Gehältern zu erreichen?

In kaum einem anderen Land bestimmt die Herkunft die persönlichen Wohlstandschancen so stark wie in Deutschland. Die Hälfte des Einkommens eines Arbeitnehmers in Deutschland wird - statistisch gesehen - nicht etwa durch eigenen Fleiß, Fortbildungswillen und Einsatz bestimmt, sondern durch das Einkommen und den Bildungsstand der Eltern. Persönliche Aufstiegschancen sind in vielen Fällen bereits von Geburt an begrenzt. Wie ist es möglich, dass die Chancen der Menschen in einem von vielen als gerecht wahrgenommenen Land so schlecht sind?

Erst nach und nach, unter Berücksichtigung verschiedener Aspekte und langfristiger Entwicklungen, lassen sich die Fakten zusammenfügen wie Puzzleteile. Und erst mit dem so entstandenen Gesamtbild lassen sich Lösungsansätze finden. Der erste Teil des Buches beschreibt die drei Puzzles der Ungleichheit in Vermögen, Einkommen und Chancen und deren Anstieg in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten.

1Das Vermögens-Puzzle - auf Augenhöhe mit den USA


Deutschland ist in vielerlei Hinsicht ein reiches Land. Die hier erwirtschafteten Pro-Kopf-Einkommen zählen zu den höchsten der Welt. Deutsche Arbeitnehmer sind enorm produktiv und global wettbewerbsfähig. Und sie sparen deutlich mehr, als es in anderen Ländern üblich ist. Viele Deutsche legen also einen ungewöhnlich hohen Anteil ihres Einkommens auf die hohe Kante, um Vermögen und Ersparnisse aufzubauen. Bei höheren Einkommen und höherer Sparquote wäre also zu erwarten, dass auch die in Deutschland aufgebauten Privatvermögen überdurchschnittlich hoch sind.

Das Gegenteil trifft jedoch zu: Ein durchschnittlicher Deutscher hat nicht nur ein deutlich niedrigeres Vermögen angespart als andere Europäer, die weniger verdienen und weniger ihres Verdienten ansparen. Nein, es ist sogar eines der niedrigsten Vermögen, die sich unter allen Industrieländern finden lassen. Zudem gibt es kaum ein Land, in dem die privaten Vermögen ungleicher verteilt sind, also die reichsten 10 Prozent mehr und die ärmsten 40 Prozent weniger des gesamten Vermögens besitzen.

Wieso sind Deutschlands private Vermögen so gering?

Europäer verfügen pro Haushalt im Durchschnitt über ein privates Nettovermögen von rund 110 000 ?. Wir Deutschen häufen - trotz überdurchschnittlich hoher Löhne und Sparquoten - nur knapp 50 000 ? an. Also nur rund halb so viel. Diese Zahl gilt für den sogenannten »Medianhaushalt«, also den Haushalt, der die Gesamtheit der Haushalte in zwei gleich große Gruppen teilt - in eine Hälfte mit einem höheren und die andere Hälfte mit einem geringeren Vermögen. Obwohl fast alle anderen europäischen Länder ein deutlich niedrigeres Pro-Kopf-Einkommen erwirtschaften, ist das deutsche Privatvermögen eines der geringsten. Der durchschnittliche belgische Haushalt verfügt über ein Nettovermögen von 206 000 ?, der durchschnittliche spanische Haushalt über 183 000 ?, der durchschnittliche italienische Haushalt über 174 000 ?.

Abb. 1: Deutschland mit dem geringsten privaten Nettovermögen für den durchschnittlichen Haushalt

Erläuterung: Gezeigt wird das Nettovermögen (alle Vermögenswerte abzüglich von Schulden und Verbindlichkeiten) für den durchschnittlichen Haushalt der jeweiligen Länder.

Quelle: Eurosystem Household and Consumption Survey, 2013

Wie kann das sein? Wie kommen diese Vermögen zustande? Zum Vermögen - wie es hier berechnet wird - zählen Erspartes in Form von Bankeinlagen, Aktien oder anderen Anlageformen ebenso wie ein Eigenheim, andere Immobilien, Lebensversicherungen, Bausparverträge und auch materielle Werte, wie Hausrat und Autos. Wichtig ist, zwischen Nettovermögen und Bruttovermögen zu unterscheiden. Die Differenz besteht in den Schulden und anderen Zahlungsverpflichtungen wie Hypotheken und Konsumentenkrediten. Zieht man diese vom Bruttovermögen ab, erhält man das Nettovermögen.

Die Ausgaben für das tägliche Leben werden meist durch das Arbeitseinkommen der Familienmitglieder abgedeckt. Vermögen erfüllen jedoch andere wichtige Funktionen. Sie sind wichtig, um Vorsorge betreiben zu können. Viele Familien greifen auf Erspartes - also auf Vermögen - zurück, um die Bildung ihrer Kinder zu finanzieren. Vermögen sichern Einzelne und Familien im Alter und im Krankheitsfall ab und können eine stetige Einkommensquelle sein, wenn das Arbeitsleben beendet ist oder unterbrochen wird. Und sie ermöglichen uns letztlich, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Ein Nettovermögen in Höhe von 50 000 ? mag sich erst einmal nach einer ordentlichen Summe anhören. Aber für eine drei- bis vierköpfige Familie sind 50 000 ? nicht viel, wenn etwa ein Familienmitglied durch Krankheit in Not gerät oder eine Aus- oder Fortbildung wie ein Studium zu finanzieren ist. Häufig schmilzt ein solches Vermögen auch durch notwendige oder gewünschte Konsumausgaben, weil etwa die Waschmaschine oder das Auto kaputt ist und ersetzt werden muss oder eine Reise finanziert werden soll.

Eine Summe von 50 000 ? ist insbesondere überschauber groß, wenn man berücksichtigt, dass wir Deutschen »Sparweltmeister« sind. Es gibt kaum ein Industrieland, in dem die Menschen so große Teile ihres Einkommens sparen: Knapp 15 Prozent ihres Arbeitseinkommens legen sie zum Vermögensaufbau auf die hohe Kante, wobei Nicht-Berufstätige wie Studenten, Rentner oder Arbeitslose faktisch nichts sparen, die meisten Angestellten hingegen im Durchschnitt über 20 Prozent ihres verfügbaren Einkommens.

In den meisten anderen Industrieländern ist die private Sparquote deutlich geringer. Dort sparen die Menschen generell weniger als wir Deutschen. US-Amerikaner etwa legen von ihrem Arbeitseinkommen nur rund halb so viel beiseite wie Deutsche. Und die Deutschen sparen aus Überzeugung: Es gibt kaum eine Nation in der Welt, in der die Menschen dem Sparen einen höheren Stellenwert zuordnen. Umfragen zeigen, dass Altersvorsorge und »Vorsichtssparen« - also das Absichern gegen unerwartete Ausgaben und Belastungen - die beiden wichtigsten Spargründe der Deutschen sind. Mit großem Abstand folgen danach die Wünsche, etwas an die Kinder und Enkel zu vererben und eine Immobilie zu erwerben.

Warum besitzen die Deutschen dann aber so wenig Vermögen? An der Verschuldung liegt es nicht: Die Verschuldung der Privathaushalte ist in Deutschland sogar etwas geringer als in vielen anderen europäischen Ländern. Der durchschnittliche deutsche Haushalt muss Verbindlichkeiten in Höhe von knapp 12 600 ? bedienen. Auch bei den Staatsschulden liegt die Quote in Deutschland deutlich geringer als in den meisten anderen Industrieländern.

Vielfach wird angemerkt, dass diese Vermögenszahlen keine Forderungen der...

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