Protestantisches Leben in der Diaspora

Der Kirchenkreis Münster im 20. Jahrhundert
 
 
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  • erschienen am 24. September 2020
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  • 90 Seiten
 
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978-3-7526-0736-9 (ISBN)
 
100 Jahre protestantisches Leben in der Diaspora auf Kirchenkreisebene zwischen Recklinghausen und Tecklenburg, der holländischen Grenze und Ostwestfalen, inklusive zweier Weltkriege, einer Revolution, einer Spaltung, einer Wiedervereinigung, unterschiedlicher politischer Systeme: Ein wahrhaft komplexes Phänomen, das sich nicht nur eindimensional erschließen und entschlüsseln lässt. Daher sollen in dieser Broschüre m Folgenden vier unterschiedliche Zugänge vorgestellt und erprobt werden: dokumentarisch, biografisch, religionspsychologisch und religionspädagogisch
1. Auflage
  • Deutsch
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978-3-7526-0736-9 (9783752607369)
Geert Franzenburg (geb. 1962) befasst sich seit vielen Jahren mit dem Verhältnis von Erinnerung, Resiilienz und Lernen aus historischer, religionspsychologischer und pädagogischer Perspektive.

1. Was die Akten verraten: Der dokumentarische Zugang


1.1. Ordnung muss sein

Nachdem durch den Sieg über die Münsteraner Täufer und durch die folgende Gegenreformation nur noch kleine protestantische Nester in der Tecklenburger Gegend und an der holländischen Grenze existierten, sorgten nach dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 und der damit verbundenen Säkularisierung geistlicher Güter die Preußen für die Gründung evangelischer Gemeinden in Münster und im Umfeld.

1815 wurde die Provinz Westfalen gegründet und 1835 eine presbyterial-synodale Kirchenordnung eingerichtet, bei der allerdings das Konsistorium in Münster die letzte Autorität beanspruchte.

Der Tecklenburger Superintendent war seit 1818 auch für die Münsteraner und Münsterländischen Gemeinden zuständig, 1838 wurden diese der Synode Tecklenburg zugeordnet, ebenso die Kirchengemeinden Steinfurt, Coesfeld und Gronau. 1862/63 folgte Dülmen nach.

Während Münster bereits 1805 eine vereinigte protestantische Gemeinde war, wehrten sich die reformierten Tecklenburger lange gegen die vom König auferlegte Union und ebenso gegen die entsprechende Gottesdienstreform (Tecklenburg 40).


1.2. Protestantisch heißt Diasporaleben

Zu dieser Zeit lebten im Kreis Ahaus unter 38 000 Katholiken insgesamt 977 Evangelische und 30 Mennoniten. Davon wohnten in der Stadt Ahaus 13 (nach dem großen Brand 1863), in der Stadt Stadtlohn 12, in der Stadt Vreden 73, im Amt Ammeloe 26, im Amt Stadtlohn 1, im Amt Wessum 9, im Amt Velen 7, im Amt Legden 3, im Amt Ottenstein 9, im Amt Gronau 674 (davon in Gronau Stadt 604}, Dorf und Kirchspiel Epe 70, im Amt Südlohn 150 (fast alle in Oeding), im Amt Wüllen 7. Im Kreis Borken wurden 1410 Evangelische unter 39 400 Katholiken gezählt. Es wohnten in Stadt Anholt 110, in der Stadt Bocholt 182, in der Stadt Borken 55, im Amt Dingen 22, im Amt Gemen 209, im Amt Heiden 9, im Amt Liedern 414 (davon in Suderode 280 und in Sark 84), im Amt Arsbeck 17, im Amt Raesfeld keine, im Amt Rhede 31, im Amt Velen 1, im Amt Wert 356 (bei 230 Katholiken), im Amt Geseke 9 Evangelische. Im Kreis Coesfeld wohnten 328 Evangelische unter 40 850 Katholiken. Es waren in Coesfeld Stadt 150, Dülmen 77, Haltern 56, Dülmen-Kirchspiel 4, Hausdülmen 3, Gescher keine, Amt Haltern 56, Amt Billerbeck 7, Amt Buldern 2, Amt Osterwiek 24 (alle im Dorf Osterwick), Amt Rorup 1 Evangelische. Während in der Stadt Münster 1 786 Evangelische unter fast 21 000 Katholiken lebten, waren es im Kreis Münster 975 Evangelische unter mehr als 42 000 Katholiken. Im Amt Greven wohnten 66, im Amt Havixbeck keine, im Amt Mauritz 819, im Amt Nottuln 6, im Amt Roxel 20, im Amt Saerbeck 18, im Amt Telgte 36, im Amt Wolbeck 10 Evangelische. Im Kreis Steinfurt zählte man 4 334 Evangelische unter fast 40 000 Katholiken. Es wohnten in Burgsteinfurt Stadt etwa 2 000, in Rheine Stadt 314, im Amt Altenberge 9, im Amt Borghorst 35, im Amt Emsdetten 47, im Amt Horstmar 7, im Amt Laer 1, im Amt Metelen 1, im Amt Neuenkrichen 14, im Amt Nordwalde 1, im Amt Ochtrup 26, im Amt Rheine 18, im Amt Steinfurt 1 847, im Amt Wettringen 160 Evangelische. . Organisiert waren die Gemeinden Anholt, Bocholt, Oeding, Suderwyk, Gemen und Werth zunächst in der Subsynode Wesel (Gemeindebuch 13/14).


1.3. Geburt und Wachstum eines Kirchenkreises

Am 8. Januar 1873 kam es zur Konstituierung des Kirchenkreises Münster (mit Coesfeld, Dülmen-Haltern, Ahaus-Vreden, Anholt, Werth, Bocholt, Gemen-Oeding, Suderwyk; ohne Steinfurt, Gronau, Rheine, Emsdetten, Ochtrup.

Über die Gründung des Kirchenkreises 1873 heißt es in der Verordnung des Konsistoriums (Gemeindebuch 20 und KKAMS 3457)

Nachdem die 12te Westfälische Provinzial-Synode den Antrag gestellt hat, dass die bisher mit der Diöcese Tecklenburg verbunden gewesenen evangelischen Gemeinden Coesfeld, Dülmen-Haltern, Lüdinghausen, Ahaus-Vreden, Münster und Warendorf, sowie die Gemeinden Recklinghausen und Dorsten der Synode Bochum von ihren bisherigen Synoden abgezweigt und als eine neue selbstständige Synode konstituiert werden, und dass ferner zugleich die Gemeinden der Subsynode Wesel in den Verband der neu zu bildenden Synode einverleibt werden, so wird in Gemäßheit des im Einverständnis mit dem Herrn Minister der geistlichen Angelegenheiten ergangenen Rescripts des Evangelischen Ober-Kirchen-Raths vom 30. November er. Nro. 4175 E. 0. hierdurch Folgendes verordnet.

§ 1 Die Gemeinden Coesfeld, Dülmen-Haltern, Lüdinghausen, Ahaus-Vreden, Münster und Warendorf werden zu einer Kreissynode Münster hierdurch vereinigt, welche mit voller Gleichberechtigung den bestehenden Kreissynoden der Provinz hinzutritt und in den Provinzial-Synodal-Verband von Westfalen nach § 44 der Rheinisch-Westfalischen Kirchenordnung eingereiht wird.

§ 2 Die Gemeinden Anholt, Suderwyk, Werth, Bocholt und Gemen-Öding scheiden aus ihrem bisherigen Verhältnis zur Kreissynode Wesel und zur Rheinischen Provinzial-Synode aus und treten als Mitglieder in die Kreissynode Münster ein; die erforderlichen besonderen Bestimmungen über ihre Stellung in dieser Synode werden durch ein Kreis-Synodal-Statut getroffen.

§ 3 diejenigen Zusätze und Ausführungsbestimmungen, welche bisher nur für den Bereich der Westfälischen Provinzial Gemeinde gegolten haben, für die Subsynode Wesel aber nicht verbindlich waren, treten von nun an auch für die nach §2 der Kreissynode Münster zugeschlagenen Gemeinden in Kraft. Münster, den 10. Dezember 1872. Königliches Konsistorium Wiesmann


Im Protokoll der Konstituierung-Synode Münster, die am 8. Januar 1873 in Dülmen tagte, heißt es (KKAMS 3535):

Auf heute war die Kreissynode Münster hierher zusammenberufen, um infolge ihrer Konstituierung die nötig gewordenen Wahlen für ihr Moderamen und die sonst behufs ihrer Einrichtung noch erforderlichen Beschlüsse vorzunehmen. In dem einleitenden Gottesdienste predigte Herr Consistorial-Rath Niemann über Ps 118,8ff. Demnächst versammelte sich die Synode im Lokale der evang. Schule. Die Verhandlungen wurden seitens des Herrn General-Superintendenten, welchen die Versammlung mit Freuden in ihrer Mitte froh und dankbar begrüßte, durch Gebet und durch einen kurzen erwecklichen und ermunternden Zuspruch eröffnet. Erschienen waren folgende Pfarrer und Älteste des Synodalbereichs (es folgt die Namensliste): Jetzt erstattete der Vorsitzende, Consistorial-Rath Niemann den Bericht über die vorliegenden Verhandlungsgegenstände und wurde erstlich das Synodal-Statut vom 3.November1870 mit mit den seitens des Evang. Ober-Kirchen-Rates gegebenen Modifikationen, wie solche bereits die Anerkennung der Provinzialstände im Jahre 1871 gefunden, vorgelegt und einstimmig von der Kreissynode angenommen. Hierauf wurde zu den Wahlen geschritten, und zuvörderst festgestellt, dass die am 31.November 1870 in der Versammlung zu Coesfeld getätigten Wahlen wegen des eingetretenen Todes des erwählten Superintendenten Hammerschmidt einstweilen als ungeschehen betrachten müssten. Bei der vorgenommenen Superintendenturwahl fielen 11 Stimmen auf den Pfarrer Bramesfeld aus Münster, 10 Stimmen auf den Pfarrer Peters in Anholt, 4 Stimmen auf den Hofprediger Greefen aus Coesfeld und 1 Stimme auf den Pfarrer Johanning aus Bocholt. Pfarrer Bramesfeld ist mithin der erwählte Superintendent. Nunmehr wurde der Vorschlag gemacht, die frühere Wahl des Assessors, Pfarrer Peters in Anholt, und des stellvertretenden Assessors, Hofpredigers Greeven in Coesfeld einfach zu bestätigen, und wurde dieser Vorschlag einstimmig angenommen. Zum Scriba wurde Pfarrer Bloebaum, jetzt noch in Vreden, mit 9 Stimmen gewählt, 8 Stimmen fielen auf Pfarrer Schlüter, 6 Stimmen auf den Pfarrer Hehselmann, 1 Stimme auf den Pfarrer Waldhecker. Als stellvertretender Scriba wurde der Pfarrer Hohanning in Bocholt der früheren Wahl gemäß einstimmig beibehalten. Über die Diäten und Reisekosten, welche für die heutige Versammlung zu berechnen, wurde nach Erörterung veranlasst und schließlich angenommen, dass außer den aus den Kirchenkassen zu entnehmenden Diäten von 1 ½ Talern pro Tag die Reisekosten mit 171/2 Talern pro Meile bei dem betreffenden Synodalfond zu liquidieren seien. Es wurde zum Kreis-Synodal-Kalkulator der frühere KreisSecretair Graf in Münster in Verschlag gebracht und soll mit demselben seitens des Superintendenten konstituiert werden. In den Rechnungs-Ausschuss der Synode wurde gewählt der Pfarrer Schlüter in Dülmen und der Regierungs-Rat Reiche als Stellvertreter: Hofprediger Greeven und der Älteste Klanneitz. die Bestimmung des nächsten Synodalortes und des nächstmaligen Concionators wurde dem Superintendenten überlassen. In Folge höherer Ermächtigung sprach der Generalsuperintendent stante synodo die Bestätigung des heute angenommenen Synodalstatuts aus.


In einem zeitgenössischen Kommentar heißt es:

Bis 1873 gehören die beiden vestischen Gemeinden Recklinghausen und Dorsten zum Kirchenkreis Bochum. Dann werden sie trotz lebhaften Protestes der aus 13 Diasporagemeinden des Münsterlandes neugebildeten Kreissynode Münster einverleibt. Über diesen Vorgang liegt rückschauend betrachtet - eine gewisse Ironie: just in dem Augenblick, als sich im Vest, wenn auch noch schüchtern, der Bergbau zu Wort meldet, wird die 700-900 Seelen zählende evangelische Bevölkerung des Vestes aus der "Industrie"Synode Bochum in das ländlich-beschauliche Münsterland abgeschoben - ein Beweis dafür, dass man die Zeichen der Zeit nicht allerorts zu deuten gewusst hat. Vielmehr ist man auf das Einrücken des Bergbaus in keiner Weise gefasst und reibt sich verdutzt die Augen, als nach Überwindung der Gründerkrise die Fördertürme wie Pilze...

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