Ein geschenkter Anfang

 
 
Atlantik (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 17. März 2017
  • |
  • 368 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-00035-1 (ISBN)
 
»Wer auf meiner Beerdigung weint, mit dem rede ich kein Wort mehr«, hat Lou oft gewitzelt. Lou, die auf der kleinen bretonischen Insel ein echter Paradiesvogel war und von allen geliebt wurde. Lou mit ihren Spleens -Champagner, bitte, aber nur von Mercier! - und Macken - sie kochte miserabel, aber mit Liebe -, einem Lachen, das lauter war als das Kreischen der Möwen, und einem Herzen so weit wie das Meer. Nun ist Lou tot - und die Familie droht auseinanderzubrechen. Im Testament bittet sie ihren Mann Jo, ihr einen letzten Wunsch zu erfüllen: Er soll das zerrüttete Verhältnis zu ihren erwachsenen Kindern Cyrian und Sarah wieder kitten und beide glücklich machen. Erst dann darf er Lous letzten Brief lesen - der versiegelt, natürlich in einer Champagnerflasche, auf ihn wartet. Eine Flaschenpost, die das Leben einer ganzen Familie verändert.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
Atlantik Verlag
  • 0,89 MB
978-3-455-00035-1 (9783455000351)
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Lorraine Fouchet, geboren 1956, arbeitete als Notärztin, ehe sie sich ganz dem Schreiben widmete. Sie ist Autorin zahlreicher Romane. Sie lebt in der Nähe von Paris und auf der Île de Groix in der Bretagne. Bei Atlantik erschien von ihr Ein geschenkter Anfang (2017).

31. Oktober


Jo, Île de Groix


Ich heiße Joseph, du nanntest mich Jo. Ich sitze in der Kirche in der ersten Reihe, mit geröteten Augen, den türkisblauen Pullover über die Schultern gelegt. Du hast gesagt, der Geruch von Lilien könne Tote aufwecken - ich hätte dir welche kaufen sollen. Du hattest einen Sinn für die Liebe, aber auch für Humor. Unser ganzes gemeinsames Leben lang hast du mir schlechte Witze erzählt. Ich will nicht wahrhaben, dass eine so lebhafte Frau wie du nicht mehr ist. Das muss eine Falle sein. Bin ich dir auf den Leim gegangen?

Unsere Kinder sind mit dem Schiff gekommen. Cyrian hat seinen schwarzen Porsche Cayenne, in dem er mit seiner Frau Albane, seiner Tochter Charlotte und dem Welpen Hopla aus Paris gekommen ist, auf dem Parkplatz in Lorient gelassen. Sarah hat den Zug genommen, sie hat nur ihren Stock dabei, nicht den Rollstuhl. Cyrian hat alles in die Hand genommen, so wie in seiner Firma. Er hat deinen Sarg ausgesucht, eine Anzeige in die Zeitung gesetzt und sich um das Begleitheft für den Gottesdienst gekümmert, mit dem Foto von dir, auf dem du atemberaubend schön bist. Unser Sohn ist weder sympathisch noch lustig oder rührend, aber er ist mustergültig.

Die Kirchenbänke sind voll besetzt: auf der einen Seite die Inselbewohner, auf der anderen die Leute vom Festland, deine Familie ganz vorn. Hier waren wir bei den Hochzeiten der Kinder unserer Freunde, bei den Beerdigungen ihrer Eltern. Wir haben uns immer ganz nach hinten gesetzt und uns an den Händen gehalten. Heute Morgen fehlt mir deine Hand, und ich sitze wie ein Streber in der ersten Reihe. Das Votivschiff über meinem Kopf macht mich seekrank. Hinter dem Altar, unter dem Kruzifix, hängt der von zwei sanftmütig blickenden Engeln flankierte Anker. Der neue junge Pfarrer, Pater Dominik, hält den Gottesdienst persönlich ab. Früher konnte man jeden Tag sterben, heute leben die Priester nicht mehr das ganze Jahr über hier. Du hast uns zum richtigen Zeitpunkt verlassen, du bekommst eine Messe. Der Chor La Kleienn singt Audite silete von Michael Praetorius. Aufwühlend und ergreifend.

Ich bin hungrig wie ein Wolf. Ich verzehre mich nach dir, meiner Lou, dein Name klingt wie der Wolf, le loup. Ich habe Lust auf dich und unsere Crêpes mit Camembert und karamellisierter salziger Butter. Mein Herz ist übervoll, ein Fest für jeden Kardiologen. Ich bin schlecht rasiert, habe meine Schuhe nicht geputzt. Meine Schwiegertochter Albane ist schockiert, dass ich meinen türkisblauen Strickpulli trage. Du hast ihn mir zu unserem letzten Hochzeitstag geschenkt. Ich bin hier der Witwer, lasst mich doch alle in Ruhe! Ich trage immer einen Pullover über den Schultern, das ist mein Markenzeichen. Unsere Freunde haben mir versprochen, dass sie, sollte ich vor ihnen sterben, mit einem Joseph über den Schultern zu meiner Beerdigung kommen. Du wirst nicht da sein, um es zu sehen.

 

Das Leben ist wie eine Zwiebel, eine Haut legt sich über die andere. Deine verschiedenen Welten sind in dieser Kirche vereint. Die Bande des Siebten - unsere Freunde von der Insel, die wir am Siebten jedes Monats in Le Bourg bei Fred zum Essen trafen - ist vollständig versammelt. Die Mitglieder des VHFSM sind auch da - den Verein zur Hilfe von Frauen schwächelnder Männer habe ich mit Jean-Pierre gegründet, als wir den Ehefrauen von Freunden mit Reparaturen aushalfen, weil ihre Männer unter der Woche auf dem Festland arbeiteten. Deine Familie sitzt ganz vorn, alle mit geradem Rücken, in tadelloser Haltung. Dein Vater, der Graf, ist seit zwei Jahren tot. Deine Mutter ist bei einem Autounfall gestorben, als du zwei Jahre alt warst. Deine älteren Schwestern haben sich wie die Dalton-Brüder aufgereiht, nach Größe geordnet. Ich habe sie seit der Beerdigung deines Vaters nicht mehr gesehen. Sie sind auf dem Familienschloss geblieben, dich habe ich gekidnappt. Sie sehen dir ähnlich, aber ihnen fehlen das Sprudelnde, Sprühende, die Verrücktheiten und Träume. Deine Klassenkameraden aus der katholischen Privatschule sind treu zur Stelle. Ich erkenne sie an ihren Anzügen, Halstüchern, Mokassins und Ballerinas. Zu dieser Jahreszeit tragen unsere Freunde von der Insel warme Jacken, Hosen und derbe Schuhe. Du hast dich für den Clara-Preis eingesetzt, einen Schreibwettbewerb für Jugendliche, deren Geschichten zu Gunsten der Herzforschung veröffentlicht werden. Deine Jury-Kollegen und die jungen Preisträger sind aus Paris angereist. Mein alter Kumpel Thierry Serfaty, Chefarzt für Neurologie, ist mir zuliebe gekommen. Mein Nachfolger, der nun die Kardiologie leitet, ist nur aus Höflichkeit hier, ich konnte ihn noch nie leiden. Ich bin früh in Rente gegangen, vor zwei Jahren, um endlich das Leben mit dir zu genießen. Du hast mich aufs Schlimmste versetzt, Lou.

Du hast dich in der Nacht von Samstag auf Sonntag davongemacht, als die Uhr auf Winterzeit umgestellt wurde. Um drei Uhr morgens haben die Franzosen ihre Uhren um eine Stunde zurückgestellt. Um mir das letzte Mal eine lange Nase zu drehen, hast du genau in jenem Moment deinen letzten Atemzug getan, die Krankenschwester machte gerade ihre Runde. Bei uns in der Bretagne kommt der Ankou und holt die Seelen der Toten in seinem knarrenden Wagen. Was hast du zu ihm gesagt? »Stell deine Uhr zurück, sonst hast du Pech gehabt!«

 

Wir gehen durch die große Kirchentür auf den Platz hinaus. Der Thunfisch oben auf der Kirchturmspitze glitzert in der Herbstsonne. Überall sonst sitzt ein Hahn auf dem Turm, aber Groix ist eine Insel von Seefahrern, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts waren wir der führende Thunfischhafen Frankreichs.

Wir haben keinen Aufbahrungsraum auf der Insel, dafür fehlt es an Kundschaft. Der Leichenzug macht sich auf den Weg Richtung Friedhof. Ich gehe diesen Weg jeden Tag, aber ausnahmsweise trinke ich keinen Kaffee bei Triskell, habe keine Zeitung unter dem Arm. Ich habe ein gebrochenes Herz und eine zerschmetterte Seele. Du hast an den Gott deines Vaters geglaubt, ich glaube an den Gott der Seefahrer. Er hat mich im Stich gelassen, ich erleide Schiffbruch auf festem Boden, ertrinke in Kummer, ohne in See gestochen zu sein.

Die Totenglocke läutet. Die Autos halten an. Die Alten bekreuzigen sich. Arthur, Freds Beagle, pinkelt an das Rad des Leichenwagens. Ich werfe ihm einen dankbaren Blick zu, er ist der Einzige, der sich normal verhält. Unsere Kinder gehen niedergeschmettert hinter mir. Ich bete, dass alles nur einer deiner komischen Streiche ist. Wir kommen am Le 50 vorbei. Jean-Louis' Karte wechselt täglich, je nach Marktangebot. Du hättest heute Tomaten-Milles-feuilles mit Taschenkrebsfleisch und Paprikasorbet genommen, ich die Suppe mit geräuchertem Seelachs und Algen. Du hättest dem Nachtisch widerstanden, ich hätte bei der Birne Helene nachgegeben, von der du mir die Hälfte stibitzt hättest. Von jetzt an werde ich mich allein vollstopfen. Dieser Gedanke zerreißt mir das Herz. Wenn ich dir ein Stück abgebe, kommst du dann zurück? Wir sind an der Gemäldegalerie von Yannick, Maurie und Perrine angelangt. Wirst du aus einer der Leinwände hervorbrechen und mich zu Tode erschrecken?

 

Du warst so schön, Lou, dass du einem Blinden die Sehkraft eines Kampfpiloten geben konntest, einem Querschnittsgelähmten die Schnelligkeit eines Geparden. Ich habe dich nicht tot gesehen, das wollte ich nicht. Ich wollte dieses Bild nicht, auch wenn meine Psychiaterfreunde behaupten, das sei nützlich für die Trauerarbeit. Ich trete in den Trauerstreik, Lou, ich bin ein Sozi.

Unter dem Dach der offenen Markthalle bewegt sich etwas. Aber zu hören ist nichts. Ich bleibe stehen. Alle halten an, abgesehen von dem schwarzen Wagen, der dich fährt. Ich schaue genauer hin. Tatsächlich wird unter dem Hallendach getanzt. An einem der Pfeiler hängt ein Plakat: »Stumme Disco gegen die Besteuerung der musikspielenden Gewerbetreibenden in Le Bourg«. Ich trete aus dem Zug und nähere mich der improvisierten Tanzfläche auf dem Markt, wo heute niemand etwas verkauft.

»Papa!«, flüstert Cyrian peinlich berührt.

»Großpapa!«, setzt seine Frau Albane noch eins drauf.

Ich hasse es, wenn sie mich so nennt; und sie können mich mal. Ich breite die Arme aus, drehe mich um mich selbst. Jeder Tänzer bewegt sich in seinem eigenen Tempo. Sie haben Kopfhörer, Ohrstöpsel, iPods, Handys. Ich tanze nach dem Rhythmus einer Musik, die nur ich höre: Serge Reggiani singt in meinem Kopf. Der Leichenzug wartet konsterniert. Deine Klassenkameraden reißen die Augen auf, deine Schwestern sind sprachlos. Cyrian fasst mich am Arm, ich reiße mich heftig los. Da lässt Sarah ihren Gehstock fallen. Die anderen Tänzer machen Platz. Sie umfasst mich, und wir drehen uns gemeinsam.

»Fellini ist an einem 31. Oktober gestorben«, haucht sie mir ins Ohr.

Wir tanzen schwankend, wackelig, ungeschickt, jeder im Rhythmus seiner Musik, unsere Tochter hört sicher eine Melodie von Nino Rota.

»Ich komme nach«, sage ich zu Cyrian in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldet.

Er tritt zurück, unzufrieden. Seine Frau presst ihre schmalen Lippen zusammen. Charlotte, ihre neunjährige Tochter, sieht aus, als ginge sie das alles gar nichts an. Ihre Halbschwester Pomme, Cyrians zehnjährige Tochter, die mit ihrer Mutter bei uns lebt, hat ein verweintes Gesicht. Sie kennt ihren Vater kaum. Seit ihrer Geburt besucht er sie auf Groix immer nur kurz, zu ihrem Geburtstag, an Weihnachten, Ostern, und am Muttertag hat er dich besucht. Maëlle, seiner Ex und Pommes Mama, geht er bei den Besuchen aus dem...

»Champagner, Herzensangelegenheiten, Musik und bretonische Küche - man möchte sofort auf diese Insel ziehen.«
 
»Lorraine Fouchet schreibt mit unvergleichlicher Zärtlichkeit für ihre Figuren über allzu lang gehütete Geheimnisse.«
 
» Ein großartiger Roman, so erfrischend wie die Seeluft in der Bretagne.«
 
»Ein mitreißender, elegant erzählter Roman und eine wahre Liebeserklärung an die Bretagne.«
 
»Die Geschichte ist spannend, anrührend und voller unerwarteter Wendungen. Noch dazu macht sie Lust darauf, die kleine Insel in der Bretagne selbst zu entdecken.«
 
»Tieftraurig, charmant und herrlich komisch.«
 
»Kampf um den Familienfrieden. "Ein geschenkter Anfang" - Lorraine Fouchet entführt die Leser auf eine kleine bretonische Insel.«
 
»Ein lebenskluges, warmherziges Buch mit zahlreichen überraschenden Wendungen, einer gehörigen Portion schwarzen Humors und wunderbaren, fein gezeichneten Protagonisten.«
 
»Vor der Bretagne-Kulisse wird eine emotionale und beschwingte Familiengeschichte mit viel französischem Flair erzählt.«
 
»Selten habe ich eine Geschichte gelesen, die eine solche Trauer und Sehnsucht - verwoben mit Wärme und Zuneigung - ausstrahlt.«

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