Stumme Schreie

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. November 2015
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-98238-2 (ISBN)
 
In dem abgelegenen Flecken Elvestad sieht sich der wortkarge und sensible Kommissar Konrad Sejer mit dem Fall einer grausam zugerichteten Frauenleiche konfrontiert. Niemand kennt die Fremde. Sejers Ermittlungen führen in eine geschlossene Gemeinschaft, die von guten Absichten und zerstörerischem Hass geprägt ist. In meisterhafter Sprache erzählt Karin Fossum vom Mord an der schönen Inderin Poona. Ein poetischer und fesselnder Roman, der zum Besten gehört, was die norwegische Kriminalliteratur zu bieten hat.
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  • 2,96 MB
978-3-492-98238-2 (9783492982382)
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Karin Fossum, geboren 1954 in Sandefjord/Norwegen, lebt in Sylling bei Oslo. Ihre international erfolgreichen Romane um Kommissar Konrad Sejer sind vielfach preisgekrönt und wurden fürs Kino und Fernsehen verfilmt. In Deutschland erschienen von ihr unter anderem »Stumme Schreie«, ausgezeichnet mit dem Los AngelesTimes Book Award 2008, »Dunkler Schlaf«, »Schwarze Sekunden«, von der Schwedischen Akademie mit dem Preis des besten ausländischen Kriminalromans ausgezeichnet, undzuletzt »Wer anders liebt« und »Böser Wille«.

Der Anblick des gebrochenen Mannes ließ ihm keine Ruhe. Der Moment, als Jomann endlich aufgegeben hatte. Seine Stimme, als er darum gefleht hatte, seine tote Frau sehen zu dürfen. Ich muß doch Rechte haben, hatte Jomann gefragt. Können Sie mir das wirklich verweigern?

Das konnte Sejer nicht. Er konnte ihn nur bitten, sich das nicht anzutun. »Sie hätte nicht gewollt, daß Sie sie so sehen«, sagte er eindringlich. Gunder war nur ein Schatten seiner selbst, als er den Flur entlangging. Eine Polizistin sollte ihn nach Hause fahren. In ein leeres Haus. Wie sehr er auf Poona gewartet haben mußte! Sicher hatte er sich wie ein Kind gefreut! Sejer dachte an den Trauschein, den er ihnen voller Stolz gezeigt hatte. Dieses wichtige Dokument, das seinen neuen Status unter Beweis stellte.

»Sie heißt Poona Bai«, sagte Sejer später, als er in der offenen Tür zum Wachzimmer stand. »Kommt aus Indien. War zum ersten Mal in Norwegen.«

Soot, der wieder am Hinweistelefon saß, riß die Augen auf.

»Soll die Presse das erfahren?«

»Nein. Wir haben keine Papiere. Aber ein Mann aus Elvestad hat sie erwartet. Sie haben am 4. August in Indien geheiratet. Sie war unterwegs zu ihm.«

Er beugte sich vor und schaute auf den Bildschirm.

»Was hast du da?«

»Eine junge Frau«, sagte Soot aufgeregt. »Hat eben angerufen. Du mußt jemanden hinschicken. Linda Carling, sechzehn Jahre alt. Ist am 20. mit dem Fahrrad an Hvitemoen vorübergefahren, abends, um kurz nach neun. Am Straßenrand stand ein rotes Auto, und ein Mann und eine Frau waren auf der Wiese zugange.«

»Zugange?« fragte Sejer.

Er war plötzlich hellwach.

»Es fiel ihr schwer, die richtigen Worte zu finden«, sagte Soot. »Sie dachte, die wollten eine Nummer schieben. Sie liefen hintereinander her, wie bei einem Spiel. Danach sind sie ins Gras gefallen. Später hat sie sich überlegt, daß sie vielleicht Opfer und Mörder gesehen haben kann. Daß sie zuerst Sex hatten, und daß er sie dann umgebracht hat. Die beiden haben sie nicht bemerkt.«

»Sie hatten keinen Sex«, sagte Sejer rasch. »Aber er kann es ja versucht haben. Was ist mit dem Auto?«

Ohne es zu merken, hatte er die Fäuste geballt.

»Ein rotes Auto. Ein interessantes rotes Auto«, sagte Soot. »Karlsen hat sich schon umgeschaut. Ein Typ in einem roten Volvo hat heute abend am Tatort gehalten. Und geglotzt. Sicherheitshalber haben sie seine Personalien aufgenommen. Hat sich seltsam verhalten.«

»Name?« fragte Sejer.

»Gunder Jomann.«

Im Wachzimmer wurde es sehr still. »Das ist ihr Mann«, erklärte Sejer. »Und er kann es eigentlich nicht gewesen sein.«

»Können wir uns da so sicher sein?«

»Wenn ich das richtig verstanden habe, dann hat er zur Tatzeit im Zentralkrankenhaus gesessen. Da liegt seine Schwester. Ich werde das überprüfen. Du, Skarre, fährst zu Linda Carling. Da mußt du ansetzen. Sie hat das Auto gesehen.«

»Alles klar«, sagte Skarre. »Aber es ist verdammt spät.«

»In diesem Fall wird niemand geschont. Sonst noch was?« Er sah Soot an.

»Nichts Entscheidendes.«

»Etwas finde ich seltsam«, sagte Skarre, der gerade seine Lederjacke anzog. »Die Waffe. Womit hat er sie umgebracht? Auf der Wiese gibt es keine Steine. Und wenn er mit dem Auto da war und zum Werkzeug gegriffen hat, dann weiß ich nicht, was zu ihren Verletzungen passen könnte. Was hat man so im Wagen?« - »Einen Wagenheber, vielleicht«, sagte Sejer. »Schraubenschlüssel. Kleine Geräte. So was. Snorrason sagt, es war ein großer schwerer Gegenstand. Wir müssen noch mal die ganze Umgebung absuchen. Auf der anderen Seite ist ein See. Das Norevann. Er kann die Waffe hineingeworfen haben. Und den Koffer auch. Und wir müssen ihren Bruder finden.«

»Ihren Bruder?« fragte Soot.

»Ihren einzigen Verwandten. Und Jomanns Schwager. Wir müssen ihn so schnell wie möglich herschaffen.«

»Endlich geht es los«, sagte Skarre begeistert.

Lindas Bedürfnis nach Aufmerksamkeit war grenzenlos. Unter Menschen zu sein, die ganze Zeit gesehen zu werden, das war für sie lebenswichtig. Wenn sie allein war, fühlte sie sich wie ein Schatten. Aber jetzt war sie auf dem Weg in die Sonne. Und ein Polizist war zu ihr unterwegs. Sie lief hin und her und suchte ihre Bürste. Duschte und nahm das Lagerfeld-Gel ihrer Mutter. Dann rannte sie wieder vor das Haus und schaute auf die Straße. Noch kein Auto zu sehen. Sie öffnete ein Fenster, um es früher zu hören, und räumte den Couchtisch auf. Die Mädchenzeitschrift »Girls« war in der Mitte aufgeschlagen, bei einem Bild von Di Caprio. Sie legte sie in den Zeitschriftenkorb. Streifte die Pantoffeln ab und lief barfuß umher, während sie sich überlegte, was sie sagen würde. Es war wichtig, einen kühlen Kopf zu behalten und genau zu erzählen, was sie gesehen hatte, nicht das, was sie gesehen zu haben glaubte. Aber sie konnte sich nicht an vieles erinnern, und darüber ärgerte sie sich. In Gedanken ging sie ihre Fahrt noch einmal durch und formulierte einige Sätze. Das wenige, was sie ihm geben konnte. Denn natürlich würde ein Mann zu ihr kommen, sie kam gar nicht erst auf die Idee, daß es eine Polizistin sein könnte, obwohl sie wußte, daß es welche gab. Als sie endlich einen Wagen und knirschende Reifen auf dem Kiesweg hörte, machte ihr Herz einen heftigen Sprung. Sie hörte die Türklingel, trödelte aber noch ein wenig, sie wollte nicht wie ein Kind hinstürzen. Dann dachte sie, sie habe sich vielleicht zu heftig aufgebrezelt, und sie rannte ins Badezimmer, um sich ein wenig zu zerzausen. Als die Tür dann endlich aufging, starrte Skarre eine junge Frau an, die erhitzt und kurzatmig war, mit roten Wangen und einer ihren Kopf umwogende Haarwolke. Und die nach schwerem Parfüm roch.

»Linda Carling?« fragte er lächelnd.

In diesem Augenblick passierte etwas in Lindas Kopf. Sie starrte den jungen Beamten hingerissen an. Die Außenbeleuchtung ließ Skarres blonde Locken funkeln. Seine schwarze Lederjacke glänzte. Seine blauen Augen trafen sie wie ein Blitz. Ihr schwindelte. Plötzlich war sie wichtig. Sie konnte nicht mehr sprechen, sie war angespannt. Wie ein schußbereiter Bogen stand sie in der offenen Tür.

Skarre musterte sie neugierig. Dieses Mädchen konnte im Moment des Verbrechens an Hvitemoen vorbeigefahren sein. Aber war sie eine zuverlässige Zeugin? Frauen machten bessere Aussagen als Männer, das wußte er. Sie war jung, vielleicht hatte sie scharfe Augen. Außerdem war es um neun noch hell. Sie war mit dem Fahrrad unterwegs gewesen, nicht mit dem Auto. Im Auto wäre sie in vier oder fünf Sekunden vorbeigewesen. Er wußte auch, daß das, was sie jetzt erzählen würde, vermutlich alles war, was sie noch wußte. Was ihr später noch einfiele, würden sie auf jeden Fall anzweifeln müssen. Der Mensch neigt nun einmal dazu, ein Bild ausfüllen zu wollen, um Harmonie zu erreichen. Innere Harmonie. Was jetzt nur aus Bruchstücken von einem Ereignis bestand, konnte später zu mehr werden. Und er sah, wie gern sie behilflich sein wollte. Skarre kannte sich aus in Zeugenpsychologie, er wußte um die Faktoren, die einen Menschen beim Sehen beeinflussen. »Die Relativität der Eindrücke«. Alter, Geschlecht, Kultur und Stimmung. Die Art, in der Fragen gestellt werden. Außerdem kam sie ihm unkonzentriert und nervös vor. Ihr Körper war dauernd in Bewegung, sie gestikulierte wild und warf den Kopf hin und her. Ihr schweres Parfüm schlug ihm entgegen.

»Sind Sie allein zu Hause?«

»Ja«, sagte Linda. »Meine Mutter ist Fernfahrerin. Sie ist fast nie da.«

»Fernfahrerin? Ich muß schon sagen. Und streben Sie eine ähnliche Karriere an?«

»Das nennen Sie Karriere?« Sie lachte. »Nie im Leben.«

Sie schüttelte den Kopf. Skarre dachte an Zuckerwatte, als er ihre hellen Haare sah. Sie setzten sich ins Wohnzimmer.

»Wo kamen Sie her?«

»Von einer Freundin. Karen Krantz. Sie wohnt in Richtung Randskog.«

»Sind Sie eng miteinander befreundet?«

»Wir kennen uns seit zehn Jahren.«

»Gehen Sie in dieselbe Klasse?«

»Ich fange übermorgen mit dem Hauptfach Friseurin an, Karen will Sozialkunde machen. Aber bisher waren wir immer in derselben Klasse.«

»Was haben Sie bei Karen gemacht?«

»Uns ein Video angesehen«, sagte Linda. »Titanic.«

»Ach«, sagte Skarre. »Mit Di Caprio. Ziemlich romantischer Film, nicht wahr?«

»Schrecklich romantisch«, sagte Linda und lächelte. Er sah, wie ihre Augen funkelten.

»Mit anderen Worten, Sie waren ziemlich romantisch gestimmt, als Sie Karen verlassen haben?«

Sie zuckte kokett mit den Schultern. »Das kann man wohl sagen. Sehr romantisch.«

Und deshalb hast du geglaubt, sie spielten, dachte Skarre. Du hast gesehen, was du sehen wolltest, worauf dein Gehirn eingestellt war. Einen Mann, der hinter einer Frau herlief, um sie zu lieben.

»Wo waren Ihre Gedanken, als Sie die Straße entlangfuhren? Wissen Sie das noch?«

»Nein.« Sie zögerte verlegen. »Ich habe doch vor allem an den Film gedacht.«

»Sind Ihnen unterwegs Autos begegnet?«

»Nein«, sagte sie energisch.

»Als Sie sich Hvitemoen genähert haben. Was haben Sie da als erstes gesehen?«

»Den Wagen«, sagte sie. »Als erstes habe ich den Wagen gesehen. Er war rot und stand schräg. Als ob er ganz plötzlich angehalten hätte.«

»Weiter«, sagte Skarre. »Versuchen Sie, ganz frei zu reden. Vergessen Sie, daß ich zuhöre.«

Linda blickte ihn verwundert an. Das war doch total unmöglich.

»Ich habe mich nach Leuten umgeschaut. Der Wagen mußte doch jemandem gehören. Und da sah...

»Packend, ergreifend und bis zum bitteren Ende ein fesselnder Krimi mit einem warmherzig-wortkargen Kommissar aus Norwegen.«, Journal für die Frau
 
»Eine spannende, aufwühlende Milieustudie. Der Roman der Norwegerin Karin Fossum ist ein Meisterwerk.«, Freundin
 
»Die Geschichte ist intelligent konstruiert, ohne Klischees, ruhig erzählt und dennoch höchst spannend.«, Norddeutscher Rundfunk

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