Böser Wille

Roman
 
 
Piper Spannungsvoll (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. Dezember 2017
  • |
  • 224 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-98419-5 (ISBN)
 

Die norwegische Bestsellerautorin Karin Fossum lotet auch in diesem Fall die Abgründe der menschlichen Psyche aus

Drei Freunde, Jon, Axel und Philip, machen einen Wochenendausflug ins Gebirge. Doch nur zwei kehren zurück. Während einer Bootsfahrt im Waldsee fällt Jon ins Wasser - und ertrinkt. In Panik überredet Axel Philip, die Polizei erst am nächsten Morgen zu informieren. Jon sei nachts alleine losgezogen und nicht zurückgekehrt, behaupten sie. Doch Jons Leichnam wird schon bald aus dem See gefischt. Und kurze Zeit später taucht in einem anderen Waldsee eine weitere Leiche auf: Kim, ein junger Vietnamese. Und der ist nicht ertrunken. Kommissar Sejer und seine Kollegen ermitteln - besteht ein Zusammenhang zwischen den beiden Toten?

  • Deutsch
  • Munich
  • |
  • Deutschland
Piper ebooks in Piper Verlag
  • 0,74 MB
978-3-492-98419-5 (9783492984195)
3492984193 (3492984193)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Karin Fossum, geboren 1954 in Sandefjord/Norwegen, lebt in Sylling bei Oslo. Ihre international erfolgreichen Romane um Kommissar Konrad Sejer sind vielfach preisgekrönt und wurden fürs Kino und Fernsehen verfilmt. In Deutschland erschienen von ihr unter anderem »Stumme Schreie«, ausgezeichnet mit dem Los AngelesTimes Book Award 2008, »Dunkler Schlaf«, »Schwarze Sekunden«, von der Schwedischen Akademie mit dem Preis des besten ausländischen Kriminalromans ausgezeichnet, undzuletzt »Wer anders liebt« und »Böser Wille«.

DER SEE, DEN sie Totensee nannten, lag wie ein Brunnen zwischen steilen Berghängen, und wenn man hineinwatete, versank man bis zu den Knien in dem modrigen Schlamm. Am Ufer stand, zum Teil von Tannen verdeckt, eine Blockhütte. Axel Frimann lehnte sich gegen den Fensterrahmen und sah hinaus. Es war der 13. September, Mitternacht, und der Mond warf sein blauweißes Licht über das Wasser, es hatte etwas Magisches. Jeden Moment, dachte Axel, könnte der Wassergeist Nöck aus der Tiefe aufsteigen. Kaum hatte er das gedacht, da schien das Wasser sich zu bewegen, ein leichtes Kräuseln, als würde gleich etwas an der Oberfläche erscheinen. Aber mehr passierte nicht, und ein Lächeln, das niemand sah, huschte über Axels Gesicht. Er schlug den anderen vor, eine Runde mit dem Boot rauszufahren. Habt ihr dieses Licht gesehen?, fragte er, das ist der glatte Wahnsinn.

Philip Reilly war in ein Buch vertieft. Er warf seine langen Haare nach hinten.

»Ja, warum nicht!«, sagte er. »Eine Runde über den See. Was meinst du, Jon?«

Jon Moreno war in den Anblick des Kaminfeuers vertieft. Die Flammen wärmten sein Gesicht und machten ihn benommen. In der Hand hielt er eine Packung Antidepressiva, alle vier Stunden presste er eine Pille aus der Folie und steckte sie sich in den Mund.

Ob er mit aufs Wasser hinauswollte?

Er sah Axel und Reilly an. Irgendetwas stimmt mit ihren Augen nicht, sie weichen mir aus, dachte er, aber ich bin ja auch nicht ganz ich selbst, ich bin krank und bekomme Medikamente, ganz ruhig bleiben, das sind meine Freunde, die wollen nur mein Bestes. Aber er wollte nicht auf den See, nicht mitten in der Nacht, nicht in diesem kalten Mondlicht. Er traute sich selbst nicht über den Weg. Hier am Kamin fühlte er sich sicher, in den vier Holzwänden, zusammen mit guten Freunden, denn Freunde waren sie doch? Er versuchte, Reilly in die Augen zu sehen, aber Reilly war aufgestanden, er machte sich an etwas in einem Regal zu schaffen.

»Es ist wichtig, dass du in Bewegung bleibst«, sagte Axel. »Die Angst wird nur schlimmer, wenn du still sitzt. Du musst das Blut durch den Körper jagen und Sauerstoff in alle Zellen bringen lassen, also komm jetzt.«

Jon wollte sie nicht enttäuschen, schließlich machten sie das hier alles für ihn, sie wollten ihm Abwechslung bieten, denn das hatte er im Krankenhaus nicht gerade. Im Gegenteil, nur lange, ereignislose Tage, eine nicht enden wollende Wanderung durch die Gänge. Jetzt lächelten sie ihm aufmunternd zu, Axel mit seinen dunklen Augen, Reilly mit seinen grauen. Deshalb erhob er sich mühsam aus dem Sessel und steckte zugleich die Medikamente in die Tasche, ohne sie ging er keinen Schritt. Er griff nach seinem Handy auf dem Tisch, legte es dann aber wieder zurück. Die Angst summte in seinem Körper wie elektrischer Strom, irgendwo sitzt ein Teufel und drückt auf einen Schalter, dachte er, an und aus, an und aus, bis ich sitzen bleibe und nach Luft schnappe.

»Zieh die Jacke an«, sagte Axel. »Es ist kühl.«

Jon suchte seine Jacke, er wusste nicht mehr, wohin er sie gelegt hatte, Axel half und kam damit auf ihn zu. Reilly blies eine Petroleumlampe aus, und jäh senkte sich die Dunkelheit über die drei Männer. Jon fiel auf die Knie, um seine Stiefel zuzuschnüren. Zuerst einen Knoten und eine Schleife, dann noch einen Knoten. Axel und Reilly warteten.

»Was ist mit dem Kamin?«, fragte Jon.

»Wir bleiben nicht lange weg, das ist nicht gefährlich«, sagte Axel. »Komm jetzt.«

»Sollen wir nicht lieber das Kamingitter davorstellen?« Axel zuckte mit den Schultern. »Von mir aus.«

Er verschwand in der Küche, sie hörten ein lautes Scheppern, dann kam er mit dem Kamingitter zurück und stellte es vor den Kamin. Das Kamingitter war aus Schmiedeeisen und dekoriert mit zwei zähnefletschenden Wölfen.

Jon sah die Wölfe an, dann seine beiden Freunde.

»Dann sind wir jetzt so weit?«, fragte Axel.

Reilly nickte. Jon steckte die Hände in die Taschen. Axel klopfte ihm auf die Schulter, seine Hand war warm und schien Geborgenheit zu verheißen, verlass dich auf uns, sagte die Hand, wir wollen nur dein Bestes, du bist bei deinen Leuten.

Es war Freitag, der 13. September. Sie gingen hinaus in die schwarze Nacht und holten die Ruder aus dem Schuppen.

Ein schmaler Weg führte zum Ufer des Totensees hinunter.

DAS BOOT LAG mit dem Rumpf nach oben im Schilf, grün und rundlich wie eine Erbsenhülse. Axel und Reilly drehten es gemeinsam um. Von innen war es schmutzig und glitschig, und im Mondlicht sahen sie ein kleines Tier über den Rand huschen und verschwinden.

»Eine Eidechse«, sagte Axel.

Jon bohrte die Hände in die Jackentasche. Er starrte das Boot skeptisch an, er hatte keine Lust, sich auf die verdreckten Ruderbänke zu setzen. Axel las seine Gedanken und fuhr mit dem Ärmel über eine Bank.

»Setz dich nach hinten«, befahl er.

Jon stieg gehorsam ins Boot. Er schaute hinaus auf den schwarzen See, vielleicht hatte der nicht einmal einen Grund, sondern nur eine Unendlichkeit aus schwarzem, modrigem Schlamm. Vielleicht wäre es das Richtige, darin zu versinken, dachte er, den ewigen Strudel aus Angst in meinem Körper für immer versiegen zu lassen. Ein großer Druck im Kopf, ein Brennen in den Lungen, dann hätte er es hinter sich. Axel und Reilly schoben das Boot ins Wasser, es glitt problemlos durch das Schilf. Jon spürte, wie es dabei von einer Seite zur anderen schaukelte. Er saß ganz ruhig auf der Ruderbank, ein dünner Junge mit zarten Händen. Sein Blick wanderte über die Landschaft, die steilen Berge, die den See umgaben. Axel und Reilly griffen nach den Rudern, es dauerte ein wenig, ehe sie einen gemeinsamen Rhythmus gefunden hatten. Das Boot wurde zügig schneller.

»Seht euch dieses Licht an«, sagte Axel.

Das Mondlicht war kalt und weiß, alles um sie herum hatte einen metallischen Schimmer. Reilly konzentrierte sich auf das Rudern, das Boot glitt ruhig über den See, das Wasser tropfte wie Silberperlen von den Ruderblättern. Jon klammerte sich mit beiden Händen an die Ruderbank. Er war umgeben von Dunkelheit und schwarzem Wasser, und die Angst bohrte sich in ihn wie ein Stachel.

Axel brach das Schweigen.

»Und dein Psychologe, Jon? Kannst du mit dem reden?«

»Mit ihr«, korrigierte Jon. »Sie heißt Hanna Wigert. Ja, mit ihr kann ich reden.«

»Alt?«, wollte Axel wissen.

»Vierzig vielleicht«, sagte Jon. »Außerdem ist sie Psychiaterin.«

»Das kommt doch wohl aufs selbe raus«, meinte Axel.

»Nein«, sagte John, »das kommt nicht aufs selbe raus.« Die Männer ruderten mit langen, kräftigen Schlägen.

»Und ihr redet über alles Mögliche?«, fragte Axel.

Jon schaute in eine andere Richtung. »An sich schon. Vor allem über meine Kindheit«, sagte er. »Aber in meiner Kindheit ist ja eigentlich nichts schiefgelaufen.«

Ihm war schwindlig. Im Mondlicht leuchtete Axels Gesicht blauweiß, und seine Augen waren wie zwei schwarze Löcher.

»Aber dein Vater hat sich abgesetzt«, sagte Axel. »Das war doch sicher nicht leicht?«

Jon krümmte sich auf der Ruderbank zusammen.

»Die Menschen verlieren einander die ganze Zeit«, flüsterte er, »aber sie leben trotzdem weiter. Das habe ich auch getan. Das ging ganz gut, wir sind gut zurechtkommen.«

Axels Ruder durchschnitt das Wasser wie ein Messer.

»Nein«, widersprach er. »Das ist totaler Unsinn. Wir wissen doch alle drei, was Sache ist. Los, sag was, Jon!«

Im Boot wurde es totenstill.

Jon ließ den Kopf hängen, das Atmen fiel ihm schwer. Hanna hatte ihm erklärt, was er dann tun sollte. Steh auf, hatte sie ihm geraten, damit deine Lunge sich weiten kann. Aber er traute sich nicht, jetzt aufzustehen, deshalb blieb er vornübergebeugt sitzen und rang nach Luft.

Reilly murmelte einen Spruch, den er auswendig gelernt hatte.

»Und wollte Allah die Menschen für alles bestrafen, was sie tun, würde Er nicht ein einziges Lebewesen auf der Erdoberfläche übrig lassen, doch Er gewährt ihnen Aufschub bis zu einer bestimmten Frist; und wenn ihre Frist um ist, dann durchschaut Allah seine Diener.«

»Mannometer«, sagte Axel, »ich muss schon sagen. Du kennst dich ja echt aus in deiner Bibel.«

»Im Koran, Axel, im Koran.«

»Das kommt ja wohl aufs selbe raus?«

»Nein«, sagte Reilly, »das kommt nicht aufs selbe raus.« Axel schob die Hand in die Jackentasche und zog eine Packung Marlboro hervor. Die Feuerzeugflamme ließ sein Gesicht rot auflodern.

»Warum halten wir an?«, fragte Jon.

»Will nur kurz eine rauchen«, antwortete Axel.

Jon starrte auf seine Füße, jetzt war ihm auch noch schlecht. Er war so weit von der Hütte entfernt und noch weiter vom Krankenhaus. Ich stehe ihnen im Weg, dachte er, ich bin der schwache Punkt. Ich bin dem Ganzen nicht so gewachsen, wie sie es sind. Axels Blick glüht wie seine Zigarette, diese Augen werden mich niemals in Ruhe lassen. Reilly sah zu Boden. Er schien sich auch nicht wohl in seiner Haut zu fühlen, er war einfach zu groß, seine Arme und Beine waren zu lang. Die großen Hände ruhten auf seinen Knien. Sie hörten ein Rascheln am Ufer, vielleicht ist da gerade ein Vogel aufgeflogen, dachte Jon.

Axel zog wieder an seiner Zigarette, Jon sah diese sich wiederholende Bewegung, er folgte der Glut mit den Augen, sie hatte auf ihn eine fast hypnotische Wirkung. Warum sagen sie nichts, dachte er, worauf warten sie? Wollen sie mich aus dem Weg räumen, haben sie mich deshalb aus dem Krankenhaus geholt, wollten sie deshalb unbedingt auf den See hinausfahren, in der Dunkelheit? Die Angst kam angeschlichen. Aber was für ein dummer...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

7,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen

Unsere Web-Seiten verwenden Cookies. Mit der Nutzung dieser Web-Seiten erklären Sie sich damit einverstanden. Mehr Informationen finden Sie in unserem Datenschutzhinweis. Ok