Also, von mir aus

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. März 2015
  • |
  • 224 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-98211-5 (ISBN)
 
Als der Einzelgänger Jonas der molligen Lillian begegnet, ist er von ihr bezaubert. Sie ist ihm nicht abgeneigt, aber auch nicht besonders zugetan. Dennoch antwortet sie auf seinen Heiratsantrag: »Also, von mir aus«. Und das ist nur der Anfang . Die abgründige, skurrile Geschichte einer verunglückten Liebe zeigt die norwegische Krimiautorin Karin Fossum von einer ganz neuen Seite.
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  • 1,30 MB
978-3-492-98211-5 (9783492982115)
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Karin Fossum, geboren 1954 in Sandefjord/Norwegen, lebt in Sylling bei Oslo. Ihre international erfolgreichen Romane um Kommissar Konrad Sejer sind vielfach preisgekrönt und wurden fürs Kino und Fernsehen verfilmt. In Deutschland erschienen von ihr unter anderem »Stumme Schreie«, ausgezeichnet mit dem Los AngelesTimes Book Award 2008, »Dunkler Schlaf«, »Schwarze Sekunden«, von der Schwedischen Akademie mit dem Preis des besten ausländischen Kriminalromans ausgezeichnet, undzuletzt »Wer anders liebt« und »Böser Wille«.

Ich wurde im Jahre 1962 in Sandefjord geboren. Wir wohnten ein Stück vom Meer entfernt, aber doch so nahe, daß wir als Kinder und später als Teenager oft in die Stadt und zum Hafen fuhren. Ich war vom Meer zutiefst fasziniert. Die Tatsache, daß Wasser keine Farbe hat, sondern einfach den Himmel widerspiegelt, beschäftigte mich sehr. Nachts, in der Dunkelheit, war es überhaupt nicht zu sehen, man ahnte es nur als einen geheimnisvollen Abgrund. Das Meer konnte blau und verführerisch locken, es konnte gegen die Hafenmauern dröhnen oder wie Silber glitzern. Ich bekam es niemals über, das Meer anzuschauen.

Meine Eltern waren wohlmeinende, aber unbeholfene Menschen, die sich vor allem für Äußerlichkeiten wie Anstand und gute Manieren interessierten. Sie wandten sich mir niemals unmittelbar zu. Ich kann mich nicht erinnern, daß mein Vater mir jemals mit ausgestreckten Armen entgegengekommen wäre und gesagt hätte: Na komm, mein Junge, jetzt gehen wir angeln. Oder: Jetzt schnappen wir uns unsere Skier und gehen in den Wald. Er griff nur ein, wenn er etwas korrigieren mußte. Er vertiefte sich in mein Zeugnis und nickte widerwillig. Mein Zeugnis war durchaus nicht schlecht, aber dazu sagte er nichts. Meine Mutter konzentrierte sich auf das Haus und sorgte sehr gut für alles Praktische. Liebevoll war sie nicht, vielleicht hatte sie das nie gelernt. Für sie zählten vor allem Ordnung und Sauberkeit. Dabei gab sie niemals etwas zu. Keine Plagen, keine Schwächen, keine Freude, keine Liebe zu mir. Ich war ihr einziges Kind.

Und ich verfügte über eine besondere Fähigkeit. Wenn ich einen Raum betrat, wurde alles darin überdeutlich. Alle Gesichter, alle kleinen Bewegungen. Das Zittern eines Augenlides, eine Zunge, die für einen Moment in einem Mund zu sehen war. Wie eine Laterne konnte ich noch den letzten Winkel bloßlegen. Eine dünne Staubschicht auf einem Möbelstück, einen Fingerabdruck auf einem Spiegel. Abends einzuschlafen fiel mir schwer, ich hatte das Gefühl zu erlöschen.

Unser Haus war klein und ordentlich. Mein Zimmer war ein Schlafzimmer, tagsüber durfte ich mich dort nicht aufhalten. Hatte ich das Bett morgens verlassen, wurde es sofort für die nächste Nacht zurechtgemacht. Inzwischen sind sie tot, meine Eltern. Abgesehen von dem Haus, das ich verkauft habe, haben sie nichts hinterlassen. Keine Trauer und keine Sehnsucht. Und auch keine Erleichterung. Keine guten Erinnerungen, mit einer Ausnahme. In einem Sommer waren wir in Griechenland. Das Meer war warm, der Sand fein wie Puder. Mutter saß im Badeanzug am Strand, damals sah ich zum ersten Mal ihren ganzen Körper. Sie war goldbraun. Vater schlief im Schatten eines Baumes. Ich stand im Wasser und musterte sie aus der Ferne. Ich war noch nicht alt, vielleicht dreizehn. Mutter ohne Kleid und ohne Schürze, Vater ohne Overall. Halb nackt, fast überexponiert an dem weißen Strand. Ich habe sie nie wieder so deutlich gesehen.

Ich arbeite draußen in Sandvika bei Tybring-Gjedde. Seit elf Jahren bin ich dort. Vor einiger Zeit ist mir die Oberaufsicht über den Warenbestand übertragen worden. Und das ist keine Kleinigkeit. Wir verkaufen alles mögliche. Spielzeug und Sportartikel, Taschen und Koffer, Kerzen und Servietten, Tassen und Töpfe, vor allem aber Bürobedarf. In der Eile fällt mir einfach nichts ein, was es bei uns nicht gäbe. Wir haben sogar Kekse und Schokolade. Ganz zu schweigen von allem, was aus China, Korea und Taiwan über uns hereinbricht. Weihnachtsmänner und Engel und Weihnachtspapier tauchen bereits Anfang August auf, wenn die Damen während der Mittagspause noch draußen vor der Sonnenwand sitzen. Es liegt auf der Hand, daß man als Lagerchef bei Tybring-Gjedde nicht sonderlich gut verdient. Trotzdem bin ich nie auf die Idee gekommen, mir eine besser bezahlte Stelle zu suchen. Ich habe Sinn für Sicherheit und Kontinuität, und die Kollegen sind wirklich sympathisch. Arvid zum Beispiel, und Steinar. Und der Chef selbst, Ragnar. Er sitzt hinter einer Glaswand und nickt jedes Mal, wenn wir vorüberkommen. Jeden Morgen um Punkt acht machen wir auf. Da sitzen die Leute schon in ihren Autos und warten. Sie wollen den Laden stürmen und zu einfach unglaublichen Preisen einkaufen. Die Mehrwertsteuer wird an der Kasse draufgeschlagen. Das wissen sie natürlich, die meisten jedenfalls, aber es hält sie nicht ab. Auf diesem Taschenrechner steht doch wirklich 9,95, denken sie. Das ist ja wahnsinnig billig. Manche rechnen den vollen Preis im Kopf aus - mit wechselndem Glück. Wenn der Einkaufswagen voll ist und sie endlich an die Kasse kommen, leuchtet die Endsumme im Display rot auf. Viele stehen extra breitbeinig da, um nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten.

Ich fühle mich außerordentlich wohl bei dieser Arbeit. Wenn ich überhaupt über etwas klagen kann, dann ist es der schreckliche Streß zwischen Weihnachten und Neujahr. Die Inventur. Arvid und Steinar und Ragnar, der Chef, sind alle verheiratet und haben Kinder. Das gilt auch für die Damen von der Kasse. Die geschäftige Åse, die von sich überzeugte Evy und die wirrköpfige Kitty. Ich selbst war Junggeselle. Damit hatten die anderen sich abgefunden. Deshalb gab es, als ich plötzlich mit einer Frau gesichtet wurde, allerlei Getuschel. Aber nichts wirklich Boshaftes, das kann ich nun doch nicht behaupten. Im Grunde nahmen sie alle rege Anteil. Ihre eigenen Ehen lahmten, alles war langweilig geworden. Und nun lag eine gewisse Spannung in der Luft. Meine Verliebtheit ließ sich nicht verbergen. Ich bin keiner, der sich deshalb in Schale wirft oder sich eine neue Frisur zulegt. Aber das Licht, das mich immer schon umgeben hatte, schien jetzt für alle sichtbar zu werden. Es war auch hohe Zeit. Wenn ich ehrlich bin, muß ich mich als ziemlich unscheinbar bezeichnen. Mittelgroß, ein wenig schüttere Haare, gekleidet in einen alten Lagerkittel. Wenn man das Licht, das mich umgibt, nicht sieht, bleibt nicht viel übrig. Ich möchte hinzufügen, daß ich überaus ordentlich bin und immer den Überblick behalte. So nehme ich praktisch nie die Brille ab, ohne sie gleich in ihr Etui zu stecken. Die Brille hat damals fast fünftausend Kronen gekostet, und die Gläser haben noch keinen einzigen Kratzer. Ich trage hellblaue Hemden. Die erregen keinen Anstoß und passen zu allem. Finanziell gesehen bin ich durchaus tüchtig. Nicht kleinlich, in keiner Hinsicht geizig, aber ich halte eben gern Ordnung. Mit Zahlen konnte ich immer schon gut umgehen.

Von meiner Frau ließ sich das alles nicht sagen. Geld war für sie wie Süßigkeiten, die augenblicklich verzehrt werden müssen. Es brannte ihr in den Taschen, es ließ ihre Wangen glühen. Ich brauche wohl nicht zu erklären, wieso das zu Problemen führte, nachdem wir geheiratet hatten und gewissermaßen gemeinsam wirtschaften sollten. Auch sie verdiente nicht viel, sie arbeitete in der Kaffeerösterei Larsson. Das war eins der Dinge, die dazu führten, daß ich mich in sie verliebte. Wenn sie von der Arbeit kam, war sie in einen wundervollen Kaffeeduft gehüllt; er haftete an ihrer Haut, ihren Haaren, ihren Kleidern. Viel konnte sie mir nicht beibringen, aber in die Kunst, die das Kaffeerösten nun einmal ist, führte sie mich ein. Die Spannung jedes Mal, wenn nach dem Rösten gekostet wird. Eine einzige bittere Bohne, erklärte meine Frau dramatisch, könne viele Kilo Kaffee ruinieren und der Rösterei herbe Verluste eintragen. Alle liefen umher und schnupperten, behauptete sie, witterten und suchten nach der tückischen einen bitteren Bohne. Forschten, ob sich eine in den Sack eingeschlichen habe, ein wenig dunkler als die anderen oder heller, sie scheuten vor keiner Tarnung zurück, diese bitteren Bohnen, egal, wie sorgfältig sortiert worden war. Und manchmal fanden sie eine. Dann kam sie mit Trauermiene von der Arbeit; sie wußte eben, wie sie möglichst viel aus sich machen konnte, meine liebe Frau. Anfangs. Später ließ sie sich nicht mehr dazu herab. Später gab sie auf und verschwand in sich selbst.

So kam sie in mein Leben:

Ich stand im Lager. War mit einer Partie Balstad-Kerzen beschäftigt. Es fehlten zwei Farben, Weinrot und Grün. Diese Entdeckung hatte ich soeben gemacht; ich stand ganz hinten am Tisch, beugte mich über einen Stapel Papiere und hörte aus der Ferne Arvid mit dem Gabelstapler umherfahren. Steinar schnitt mit einem Tapetenmesser Kartons auf. Ritsch, ratsch, ging das, ritsch, ratsch. Gefolgt von dem schnarrenden Geräusch, mit dem er die Klappen ausstülpte. Und dann konnte man die Herrlichkeit besichtigen. Das war immer von neuem spannend. Es konnte sich um Porzellanfiguren handeln oder um Taschenlampen von Philips. Um dicke Fausthandschuhe oder Lampenschirme. Um Kulturtaschen oder Kaffeekessel. Bei jedem neuen Karton kam eine gewisse Spannung auf. Ich würde unser Lager durchaus als Schatzkammer bezeichnen. Wie mögen in diesem Jahr wohl die Weihnachtsmänner aussehen? Und welches Muster werden die Tischdecken haben, die Bettwäsche, das Briefpapier? Inmitten der vertrauten Geräusche hörte ich Schritte klappern. Es kam vor, daß eine von den Kassendamen auftauchte, um etwas zu holen. Aber das hier hörte sich anders an. Es waren die leichten, zögernden Schritte einer Fremden. Einwandfrei die einer Frau. Ich stand mit dem Rücken zu ihr und horchte. Hielt die Luft an und dehnte den Moment aus. Steinars Messer hatte seine methodische Arbeit unterbrochen. Arvid stoppte den Gabelstapler und wartete. Und nun erschien eine Frau. Sie schaute ängstlich nach links und rechts, ohne Orientierung in dem großen Lagerraum, aber sie ging immer weiter. Sie hielt etwas in der Hand. Vermutlich hatte Ragnar, der Chef selbst, sie zu uns geschickt, weil sie Hilfe brauchte. Da kam sie also. Mit einem Kerzenleuchter in der ausgestreckten Hand. Ich richtete mich mit wichtiger...

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