Die Honigfrau

Wie ich meinen Träumen Flügel verlieh
 
 
Random House ebook (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 28. Juli 2011
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-06250-7 (ISBN)
 
Ihr Glück sind zwei Millionen Bienen
Nach vielen Berufsjahren in der Medienbranche kommen Agnes Flügel Zweifel. Ihre Liebe zu Natur und Tieren bringt sie dazu, ihren Job als Online-Redakteurin aufzugeben und an der Ostsee eine Imkerei aufzubauen. Unterhaltsam und mit einer gehörigen Portion Selbstironie erzählt Agnes Flügel vom Leben auf dem Lande und den Hindernissen, die die Provinz für eine Städterin bereithält. Inzwischen ist sie mit ihrem Edelhonig höchst erfolgreich: die beflügelnde Geschichte eines Neuanfangs.


Nach dem Studium der Kulturwissenschaften machte Agnes Flügel in der Medienbranche Karriere, bis ihr eines Tages Zweifel an ihrem Tun kamen. War es Fügung, als sie einen alten Imker traf, der ihre Leidenschaft für Bienen weckte? Sie wagte den Schritt in die Selbstständigkeit und gründete die 'Honigmanufaktur Flügelchen'. Für ihren Traum von einem sinnvollen Leben zog sie mit ihrem Mann von Hamburg in ein einsames Reetdachhaus an der Ostsee. Mittlerweile verkauft Agnes Flügel ihren Honig bundesweit.
  • Deutsch
  • 0,66 MB
978-3-641-06250-7 (9783641062507)
3641062500 (3641062500)
weitere Ausgaben werden ermittelt

1.


Im 1. Kapitel wagen mein Mann und ich das Undenkbare: Wir tauschen das Leben in der Großstadt gegen ein Reetdachhaus im Schleswig-Holsteinischen Nirgendwo ein.

Wir haben unsere schicke Fünf-Zimmer-Altbauwohnung im trendigen Hamburg-Eimsbüttel gegen ein einsam gelegenes Reetdachhaus an Schleswig-Holsteins Ostseeküste eingetauscht. Unsere Adresse kann Google Maps nicht finden, ins Internet geht es nur im Schneckentempo und nachts ist es stockdunkel. Wir können nicht mehr bis 22.00 Uhr einkaufen, haben kein Kino mehr vor der Haustür, und um einen Latte Macchiato zu trinken, müssen wir mindestens 15 Kilometer weit fahren. Und dann schmeckt er noch nicht mal.

Manchmal fragen wir uns, ob das eine gute Idee war. Dann kommen wir für einen Moment ins Grübeln und stellen fest: Ja, es war eine gute Idee. Und das ist es immer noch. Denn wir sind meinen Bienen hinterhergezogen.

Seit Studienzeiten war Hamburg der Ort meines Herzens. Hier hatte ich meine erste eigene Wohnung bezogen, in den Clubs und Bars von St. Pauli die Nacht zum Tage gemacht, hatte mich ver- und entliebt, hatte unzählige Praktika und Jobs absolviert, war dick und dann wieder dünn geworden, hatte Freunde und Freundinnen fürs Leben, einen tollen Job und einen noch viel tolleren Mann gefunden.

In unserem Dorf hatte ich mich nie wohlgefühlt. Ich war weder Mitglied in der Landjugend noch im Sportverein oder in irgendeiner anderen ländlichen Gemeinschaft gewesen, und hatte auch nie Interesse daran gehabt. Wenn samstags die Bürgersteige gefegt wurden, um sie bis montagmorgens hochzuklappen, wenn es endlos regnete oder das Wetter so mies war, dass es gar nicht richtig hell wurde, dann hatte ich das Gefühl, als machte das Leben einen Bogen um mich. Dass ich jemals wieder aus Hamburg weg und freiwillig aufs Land ziehen würde, hätte ich nie für möglich gehalten. Aber genau das habe ich getan.

»Tschüss, bis nächste Woche, wenn wir euch wieder abholen!« Grinsend und ohne eine Antwort abzuwarten, stiegen die Männer in ihre Möbelwagen, manövrierten gekonnt durch das enge Tor auf die schmale Straße und hupten noch zweimal zum Abschied.

Es war Anfang Mai. Der Tag versprach schön zu werden. Die Vögel zwitscherten und die Wiese war taunass. Mein Mann und ich winkten den beiden Möbellastern hinterher. Selbst als der Klang der Hupe längst verstummt war und nur noch die Rücklichter der Fahrzeuge zu sehen waren, standen wir vorm Haus und winkten. Dann waren sie hinter der Kurve verschwunden. Wir ließen die Arme sinken und schauten uns unschlüssig an. Ich hatte einen Kloß im Hals, meine Augen waren tränenfeucht.

»Das war’s dann. Das war Hamburg. Jetzt bin ich also wieder ’n Landei«, murmelte ich selbstmitleidig.

Zwei Tage hatte es gedauert, unsere Habe aus dem Inneren der zwei riesigen 7,5-Tonner auszuladen und an den entsprechenden Orten im Haus zu verteilen. Zwei Tage lang war die Nabelschnur zur alten Heimat durch die Anwesenheit der Hamburger Möbelpacker noch nicht völlig durchtrennt. Ein paar Mal hatten mein Mann und ich uns verstohlen angeschaut, während wir die Kisten ausluden. Wir wussten, dass wir das Gleiche dachten: Lass uns einfach alles wieder einpacken und mit ihnen zurückfahren!

»Bis nächste Woche« – der spöttische Abschiedsgruß des netten Möbelpackers klang uns noch im Ohr. Er und seine Leute hatten zuvor auch unsere Wohnung in Hamburg leer geräumt, und uns war nicht entgangen, wie er immer wieder ungläubig den Kopf geschüttelt hatte: »Oh nee, oh nee, wie kann man hier nur ausziehen. Oh nee, oh nee …«

Jetzt war es zu spät. Sie waren weg und ich fühlte mich plötzlich unglaublich einsam. Minutenlang standen wir unschlüssig vor der Tür unseres neuen Zuhauses und blickten über die Wiese auf die blühenden Obstbäume und die Bienenstöcke. Hinter den Bäumen kam langsam die Sonne hervor und verwandelte den Tau auf dem Gras in unzählige glitzernde Perlen. Eine leichte Brise wehte von Osten und wir hörten das Rauschen der Wellen und das Schreien der Möwen. Unser Abenteuer »Landleben« begann.

»Komm, wir gehen rein und frühstücken erst mal in Ruhe.« Die Stimme meines Mannes durchbrach die Stille und er verschwand in der Diele.

Nach kurzem Zögern folgte ich ihm. Ich wusste noch nicht so genau, ob ich mich freuen oder ob ich heulen sollte – dabei war ich am Ziel meiner Träume.

Angefangen hatte alles vor fünf Jahren im Urlaub: Jeden Morgen saß ich mit heißem Tee und Keksen am Strand, beobachtete den Sonnenaufgang und ließ meinen Blick über den Horizont schweifen. Ich suchte dort nach irgendetwas, hatte aber keine Ahnung wonach. Ich war allein. Um diese Zeit lag Jon meistens noch im Bett, drehte sich genüsslich von links nach rechts und schnarchte zufrieden weiter. Wir waren schließlich im Urlaub. Ab und an radelten Einheimische fröhlich pfeifend am Meeressaum entlang, da, wo der Sand von den Wellen betonhart zusammengepresst worden war. Im seichten Wasser dümpelten bunt bemalte Fischerboote. Eine Melange von Kaffee mit Rührei wehte zu mir herüber. In einiger Entfernung klapperte Geschirr. Hin und wieder vernahm ich das Gackern und Schnattern mehrerer Frauen. Immer wenn unser Budget es zuließ, waren mein Mann und ich vor dem Winter geflohen und für drei oder vier Wochen dorthin gereist, wo es warm war. Nach Touren in die Karibik, nach Südafrika oder Namibia waren wir diesmal auf der Insel Sansibar im Indischen Ozean gelandet. In einer Woche würde es schon wieder zurück nach Hamburg gehen. Ich seufzte, starrte mittlerweile fast verkrampft auf den Horizont und versuchte Klarheit in mein innerliches Tohuwabohu zu bringen. Könnte ich doch dieses morgendliche Gefühl von Optimismus konservieren und mit nach Hause nehmen! Leider wusste ich jetzt schon, dass ich mich dort um diese Uhrzeit ganz anders fühlen würde. Es war Zeit für meine Mission in eigener Sache! Mein selbst gestellter Auftrag für die verbleibenden Urlaubstage lautete: Wer bin ich, was will ich und wie kann ich es erreichen? Dass ich innerhalb so kurzer Zeit darüber Klarheit finden würde, glaubte ich zwar nicht, aber ich wollte mich wenigstens ein wenig mit diesen Fragen beschäftigen.

Neben den üblichen Utensilien für einen mehrwöchigen Bade- und Tauchurlaub hatte ich beim Packen zwei Bücher des amerikanischen Management-Gurus Brian Tracy in unseren Koffer gemogelt. Allein die Titel der Bücher waren mir peinlich. »Thinking Big« und »Eat The Frog« klangen nach platten amerikanischen Motivationshymnen, die unterbezahlte Wal-Mart-Mitarbeiter dem Filialleiter beim morgendlichen Appell fröhlich entgegenzuschreien hatten, sofern sie nicht fristlos gekündigt werden wollten. Meine Hoffnung, dass mein Mann diese Lektüre nicht schon vor dem Abflug entdecken würde, zerschlug sich, als wir am Check-in feststellten, dass unser Koffer zu schwer war und umgepackt werden musste. Er angelte die beiden Bände zwischen Kulturtaschen und Badekleidung hervor und hielt sie mir mit einem breiten Grinsen unter die Nase. Ich wurde rot. Kleinlaut packte ich die Bücher im Tausch gegen ein paar vermeintlich unverzichtbare Klamotten in mein Handgepäck, nicht ohne ihm zuzuraunen, dass der Autor es immerhin vom Tellerwäscher zum Millionär gebracht habe und ich doch wohl lesen könne, was ich wolle, auch wenn die Titel doof klängen. Zum Glück war das Thema damit vom Tisch und die Bücher lagen nun neben mir am Strand von Sansibar.

Träumen Sie große Träume, begann das erste Kapitel. Bei der norddeutschen Pragmatikerin, die ich war, stellte sich sofort ein Gefühl des Fremdschämens ein. Reflexartig drehte ich mich um und vergewisserte mich, dass auch niemand sehen konnte, was ich las. Keiner da. Ich entspannte mich, trank einen Schluck Tee und las weiter. Was da stand, war gar nicht so verkehrt! Am Ende des Kapitels gab es eine interessante Übung: Nehmen Sie sich ein Blatt Papier und schreiben Sie ganz oben das Wort »Wunschliste« drauf. Notieren Sie darunter alles, was Sie sich schon immer gewünscht haben. Setzen Sie sich keine Grenzen: Misserfolg ist ausgeschlossen.

Ich wollte meinen Träumen und dem Buch eine Chance geben, daher nahm ich meine Reisekladde zur Hand und notierte brav das Wort »Wunschliste«. Ich hielt inne. Erst mal nachdenken. Sofern es sich nicht um Materielles wie Klamotten oder andere Konsumgüter handelte, hatte ich bisher selten Wünsche oder Ziele formuliert. Meistens hatte ich die Dinge einfach auf mich zukommen lassen. Klar hatte ich mir mal gewünscht, im Casino den Jackpot zu knacken oder im Lotto zu gewinnen. Aber das tat jeder. Und Lotto gespielt hatte ich trotzdem nie. Und nun sollte ich auf einmal aufschreiben, was ich mir für mich wünschte? Was ich haben – sein – erreichen wollte? Zögerlich schrieb ich untereinander:

– schönes Haus auf dem Land mit großem Garten

– Wohnung in der Stadt

– genug Zeit für mich und mein Privatleben

– genug Geld für die schönen Dinge des Lebens

– Job ohne doofen Chef, der Spaß macht und mich herausfordert

– Katzen und sonstige Tiere um mich herum

Der Strandsand knirschte leise. Erschrocken drehte ich mich um. Mein Mann stand hinter mir. Hastig klappte ich mein Reisetagebuch zu und versteckte es ganz unten in meinem Bastkorb.

»Da bist du ja. Ich hab dich überall gesucht«, begrüßte er mich fröhlich. Er reichte mir seine Hand. »Komm,...

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