Du fährst wohin?!

Pizza in Pjöngjang, Karussell fahren in Tschernobyl und weitere merkwürdige Reisen
 
 
Ullstein Ebooks in Ullstein Buchverlage
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. Februar 2017
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1410-5 (ISBN)
 
Die Welt ist ein Zoo, bevölkert von unglaublichen, ungewöhnlichen und absurden Exponaten. Adam Fletcher erzählt, wie er jede Menge merkwürdige, vernachlässigte oder gar verbotene Länder besuchte und was
ihn das über die Menschen lehrte. Er kämpft sich durch einen Schneesturm in China, besucht Länder, die eigentlich keine sind (oder haben Sie schon mal von Transnistrien gehört?), erlebt die nordkoreanische Propagandamaschine hautnah und erleidet eine Lebensmittelvergiftung in ... naja, eigentlich überall. Seine überraschende Erkenntnis: Im Kern sind wir alle ein bisschen verrückt.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Adam Fletcher, Jahrgang 1983, ist ein glatzköpfiger Engländer. Wenn er nicht gerade Bücher und Artikel schreibt, verbringt er seine Zeit damit, Schokolade zu essen und seine Wahlheimat Berlin unsicher zu machen. Er ist der Autor von Denglish for Better Knowers und Make Me German.

Was im Wohnzimmer geschieht, bleibt im Wohnzimmer


Berlin (Deutschland): TED-Talks, Komfortzonen, Alltagsrassismus, Lyrik

Viele Menschen reden von »Komfortzone« immer so, als wäre das etwas Schlechtes - ein Ort, den man nach Möglichkeit verlassen sollte. Ich habe das nie verstanden. Zugegeben, das Wort Zone ist alles andere als eindeutig besetzt: »Zeitzone«, »Kampfzone«, »primäre erogene Zone«. Die Zone kann auf der einen wie auf der anderen Seite liegen. Aber Komfort? Haben Sie schon mal versucht, diesem Wort einen negativen Beiklang zu geben? . Genau. Unmöglich. Selbst zusammengesetzte Begriffe wie »Komfort-Terror« klingen bestenfalls wie der Name einer vielversprechenden neuen Folkband.

Über solche Dinge dachte ich gerade nach, während ich mich in der ausgesprochen komfortablen Zone meiner Wohnzimmercouch räkelte. Da hörte ich, wie sich die Haustür öffnete. Ein lautes »Hey!« schallte aus dem dunklen Flur. Verantwortlich für diese Dunkelheit war eine durchgebrannte Glühbirne, die auszuwechseln ich mir an diesem Morgen felsenfest vorgenommen hatte, bevor mir der bereits erwähnte Komfort der bereits erwähnten Couch dazwischenfunkte. Meine deutsche Freundin Annett platzte ins Zimmer, und die Wohnzimmerwand, die bereits von ähnlichen Auftritten schwer gezeichnet war, erneuerte auf Kosten einer weiteren Delle ihre Bekanntschaft mit der Wohnzimmertür. Annett ist ungefähr so feinfühlig wie ein Dachs, der sich an Schönschreibübungen versucht. An diesem Abend trug sie ein Ensemble aus verschiedenfarbig reflektierender Funktionskleidung. Sie sah aus, als hätte sie gerade ihre Schicht als Schülerlotsin an einer vielbefahrenen Kreuzung beendet. Wie immer sprudelte sie ohne Punkt und Komma los: »Mein Gott Was für ein Tag Keine einzige verdammte Pause Wenn du ein Problem gelöst hast fängt es sofort woanders an zu brennen Und fast alles Idioten das hab ich auch meinem Kollegen gesagt Und dann hat Judith angerufen und du glaubst nicht was mit Simon los ist und morgen die ganzen Meetings und die Personalprobleme und ta-da fängt der Zirkus wieder von vorne an .«

Sie hielt inne und schaute mich an. Offenbar war ihr mein tiefenentspannter Zustand aufgefallen. »Na, wieder mal 'nen harten Arbeitstag gehabt?«

Ich nickte: »Hektisch.«

Annett befreite sich von den letzten Resten ihrer leuchtenden Fahrradbekleidung und kletterte zu mir auf die Couch. Wir hatten in weiser Voraussicht das größte Exemplar gekauft, das das Möbelhaus im Angebot hatte. »Irgendwelche Pläne für heute Abend?«

Ich machte eine vage Geste in Richtung meines Laptops. »Du siehst sie vor dir.«

Sie verzog das Gesicht auf eine Weise, die Gesichtern nicht gut zu Gesicht steht. »Lass uns doch was unternehmen! Ich werde später vielleicht mit Rob und Sarah etwas trinken gehen. Willst du mitkommen?«

In meinem Kopf schrillte der Spontaneitätsalarm. »Später? Du meinst so etwas wie jetzt gleich - nur später

»Später«, bestätigte sie. »Nach-dem-Essen-Später .«

Hier war eine große Entscheidung zu fällen. Mit Abstand die größte, die ich seit dem morgendlichen Schwanken zwischen Apfel und Banane zu treffen hatte. (Der Apfel hatte gewonnen. Es war ein knappes Rennen, doch ein paar kleine braune Stellen an der Schale hatten der Banane den Sieg gekostet.)

»Komm schon, das wird bestimmt lustig, und du kommst mal aus dem Haus.«

Warum sagen die Menschen andauernd »du kommst mal aus dem Haus«, als ob das etwas Gutes wäre? Häuser haben Internet, Sofas, Kissen und Toastbrot. Sie bieten uns ein Füllhorn an Möglichkeiten in einer grausamen, gleichgültigen und weitgehend toastlosen Welt.

»Ach, ich glaube, ich verzichte heute Abend lieber. Es ist immer etwas verkrampft mit Rob und Sarah. Ich kann mich nie daran erinnern, worüber wir beim letzten Mal geredet haben und was Rob beruflich macht. Und dann erinnert er sich an alles Mögliche, was ich erzählt habe, und ich stehe da wie ein schlechter Freund.«

Annett seufzte. »Du bist ein schlechter Freund. Wir kennen sie schon seit einem Jahr! Er arbeitet beim Arbeitsamt

»Ich wusste doch, dass es eins dieser Amts war. Ach nö, irgendwie werde ich nicht so richtig warm mit den beiden.«

Jetzt wurde mit den Augen gerollt. Nicht mit meinen Augen. »Oh nein - werden sie jetzt aus deiner Freundesliste entfernt? Ich mag sie. Sarah ist wirklich witzig.«

»Du kannst ruhig gehen. Sag ihnen einfach, ich wäre beschäftigt.«

»Beschäftigt womit? Dich davor zu drücken, an deinen unnützen Webseiten zu arbeiten? Das ist so typisch. So ist es immer, wenn du jemanden ein Jahr lang kennst und er nicht mehr glänzend und neu ist. Apropos: Hast du schon auf Dans Hochzeitseinladung geantwortet?«

Dan und ich waren zehn Jahre lang beste Freunde gewesen, die gesamte Schulzeit über. Er lebt immer noch in meiner Heimatstadt in England. »Wir haben unseren Zenit überschritten«, bemerkte ich wegwerfend.

»Ich hasse es, wenn du das sagst. Ich will auf seine Hochzeit gehen. Es wird bestimmt lustig. Findest du es nicht seltsam, dass wir seit sechs Jahren zusammen sind und noch kein einziges Mal deine Heimatstadt besucht haben?«

Sechs Jahre. Verdammt. Wie die Zeit verfliegt, wenn man auf der Couch liegt. »Jetzt übertreibst du aber. Wir waren doch da.«

»Ja, wir haben deine Oma abgeholt und sind dann direkt weitergefahren. Das war's.«

»Glaub mir: Für dieses Kaff war das lang genug.«

Annett war nicht glücklich über die Richtung, in die unser Gespräch sich entwickelte. Sie schnalzte missbilligend mit der Zunge, setzte ihre grünen Kopfhörer auf und wandte sich ihrem Laptop zu. Die Beziehung dieser beiden hatte ihren Zenit ganz offensichtlich noch nicht überschritten. Das Feuer der Leidenschaft brannte noch lichterloh, typisch für die Phase der ersten Verliebtheit.

Auf meinem Laptop blinkte das Skype-Logo auf: Ich hatte eine neue Nachricht bekommen. Sie kam von Annett, die ganze fünfundsiebzig Zentimeter von mir entfernt auf der Couch saß. Sie hatte mir den Link zu einem TED-Talk geschickt. Ich stöhnte. Das Gute an TED-Talks ist, dass sie ziemlich kurz sind. Das Schlechte ist, dass sie voller Leute sind, die TED-Talks geben. Diese typischen Überflieger und Weltenretter, bei deren Anblick man sich unwillkürlich fragen muss, warum man selbst noch nicht dazu gekommen ist, ein Waisenhaus in Kathmandu zu errichten. TED-Menschen schaffen so was, auch wenn sie blind zur Welt gekommen sind, schließlich bereits im Alter von zwölf Jahren - und zwar in der kurzen Zeitspanne zwischen der Entdeckung eines Medikaments gegen Alzheimer und der Verleihung des Friedensnobelpreises für Literatur. Ich dagegen war schon mit der Aufgabe überfordert, eine Glühbirne auszuwechseln. Eine Aufgabe, für die ich neun Stunden anberaumt hatte.

In dem TED-Talk ging es um monatliche Herausforderungen. Ein todernster High-Performer und Gutmensch, der für Google arbeitete, verkündete, dass man jeden Monat eine kleine Veränderung in seinem Alltag vornehmen sollte. Dann sollte man abwarten, ob diese Veränderung zu einer Gewohnheit wird, die das Leben bereichert. Auch wenn das nicht der Fall wäre, würde schon allein die Tatsache, dass man etwas Neues in sein Leben gebracht hat, dazu beitragen, das Verstreichen der Zeit spürbar zu machen. Oder so ähnlich. Gähn. Es klang, als wäre es einen Versuch wert, und ich hatte nicht die geringste Lust dazu. Ich zupfte Annett am Fuß. Widerwillig zog sie ihren Kopfhörer vom Ohr. »Was?«

»Warum hast du mir diesen Link geschickt?«

»Ich dachte, er wäre was für dich.«

Ich verzog das Gesicht. »Warum soll das was für mich sein, aber nicht für dich?«

»Weil ich tagsüber tatsächlich Dinge tue. Du sitzt bloß herum, entfernst Leute aus deiner Freundesliste und gehst allem aus dem Weg, was auch nur annähernd wie eine Verpflichtung aussieht.«

»Das ist jetzt aber ein wenig hart ausgedrückt.«

»Willst du behaupten, dass ich unrecht habe?«

Das wollte ich nicht. Ich betrachtete mich lediglich als einen originellen Charakter: emotional eher stromlinienförmig, frei von jeglichem Verlangen und noch dazu im Ruhestand. Doch dann musste ich an die vielen schwierigen Minuten denken, die ich in die Lösung des Apfel-Bananen-Dilemmas investiert hatte. Möglicherweise hatte ich die Dinge in letzter Zeit tatsächlich ein wenig zu sehr schleifen lassen. »Vielleicht sollte ich mir doch ein Projekt vornehmen. Ich könnte zum Beispiel jeden Tag ein Foto von mir machen«, unterbreitete ich Annett in ruhigem und gemessenem Tonfall meinen Kompromissvorschlag.

Sie lachte. Es war das tiefe, kehlige Lachen einer Person, der man gerade die Pointe zu ihrem Witz geliefert hat. »Glaubst du wirklich, die Welt braucht so viele Fotos von dir auf der Couch? Ich dachte mehr an so ein Ich-führe-jeden-Tag-ein-Gespräch-mit-einem-Fremden-Projekt

»WAS? Das ist so ziemlich die schlechteste Idee aller Zeiten.«

»Warum?«

»Dann müsste ich ja das Haus verlassen!«

»Genau.«

»Ich müsste mit Menschen reden.«

»Ja.«

»Draußen.«

»Mhm.«

Das war absurd. »Wie wäre es damit, jeden Tag etwas zu zeichnen?«

Sie schnaubte verächtlich. »Zu einfach.«

»Ich nehme mir vor, mich nicht selbst zu...

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