Eine moderne Familie

 
 
CulturBooks Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. August 2019
  • |
  • 308 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95988-144-9 (ISBN)
 
Eine ganz normale norwegische Familie: Mama, Papa, die erwachsenen Kinder Liv, Ellen und Håkon und die Enkel Agnar und Hedda. Alle gehen ihren interessanten Berufen nach, verstehen sich gut. Feiern gemeinsam die Feste des Jahres. Treffen sich sonntags mit ihren zum Teil wechselnden Partnern zum Essen bei den Eltern. Im Sommer verbringt man Zeit in der Familien-Hütte in den Bergen. Und dann das: Am siebzigsten Geburtstag von Papa verkünden die Eltern, daß sie sich scheiden lassen wollen. Plötzlich ist nichts mehr, wie es war. Wie in einem Mikado-Spiel, bei dem ein herausgezogenes Stäbchen die Balance zum Einsturz bringen kann, bricht die Familienidylle zusammen, es gibt scheinbar keinen sicheren Boden mehr. Auch das Leben der Kinder gerät in profunde Unordnung. Erzählt wird diese spannende Geschichte über die Untiefen des Familienlebens abwechselnd von Liv, Ellen und Håkon. Durch diesen Kunstgriff gewinnt der Roman einen einzigartigen Perspektivenreichtum und zeichnet konturscharf das Bild moderner Menschen und ihrer Kämpfe, Verletzungen und Träume.
  • Deutsch
  • 0,39 MB
978-3-95988-144-9 (9783959881449)
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Helga Flatland (Jg. 1984) hat für ihren fünften Roman, Eine moderne Familie (2017), den »Preis der norwegischen Buchhändler« erhalten. Das Buch wird derzeit in mehrere Sprachen übersetzt - in Norwegen wurden bereits über 100.000 Exemplare verkauft. Helga Flatland hat norwegische Sprache und Literatur an der Universität Oslo studiert und danach ein Aufbaustudium an der Westerdals School of Communication absolviert. Sie lebt in Oslo.

Liv


Die Alpenzinnen sind wie Haizähne, sie spitzen aus einem im Zuschnappen erstarrten Maul durch die über Mittel­europa hängende dichte Wolkendecke. Sie verwirbeln den Wind, er reißt von allen Seiten am Flugzeug, und wir sind darin so klein, die Hinterköpfe vor mir ruckeln im Takt. In dem Landstrich unter uns findet über die Hälfte der Bevölkerung es in Ordnung, Kinder zu schlagen, denke ich, und für einen Moment suche ich mit dem Blick nach meinen eigenen, die vier Reihen weiter vorne hinter den Rückenlehnen der Sitze völlig verschwinden. Daneben Olaf, dessen Kopf halb an der Kabinenwand, halb am Sitz lehnt. Vor ihm Ellens blonder Scheitel, und durch die Sitze hindurch sehe ich, daß Mamas Kopf an Ellens Schulter ruht, sie schläft. Papa kommt den Mittelgang entlang, um den Hals die neuen Bose-Kopfhörer, hatte er die etwa auf dem Klo dabei? Ein plötzliches Gefühl tiefer Zuneigung, ich lächle ihn an, aber er bemerkt mich nicht. Er setzt sich neben Håkon, dessen Gesicht ich nur teilweise sehen kann, die hohen Wangenknochen und die Nasenspitze vom Licht des Computers vor ihm leicht bläulich gefärbt.

Sie könnten irgendwer sein. Wir könnten irgendwer sein.

 

In Rom regnet es. Darauf sind wir vorbereitet, seit drei Wochen checken wir täglich die Wettervorhersage, besprechen sie am Telefon, in Textnachrichten und in der Facebook-Gruppe und sagen, es spiele keine Rolle, es sei April und das Wetter unvorhersehbar, und wärmer als in Norwegen wäre es allemal, das Wetter ist ja nicht der Grund für unsere Reise - trotzdem war die Stimmung bei zwanzig Grad und Frühlingssonne am Flughafen in Gardermoen eindeutig besser als jetzt in Fiumicino bei dreizehn Grad und Regen. Ist vielleicht auch einer Art verfrühter Antiklimax geschuldet, unsere Nervosität und gegenseitige Zugewandtheit aus Gardermoen sind im Laufe des Flugs abgeflaut, erste Etappe geschafft, alle atmen vorsichtig auf.

Daß die anderen jetzt mit mir hier sind, fühlt sich wie ein Eindringen in meine Privatsphäre an, sogar am Flughafen. Ich versuche Olafs Blick aufzufangen, möchte eine Bestätigung dafür, daß er das auch so empfindet: Rom und alles Drumherum, alles, was damit zusammenhängt, gehört uns. Durch die Ankunftshalle zu gehen ist heute anders, ich atme nicht so befreit auf, wie wenn Olaf und ich allein hier sind, ich spüre nicht dasselbe Kribbeln. Aber Olaf ist gerade damit beschäftigt, Zugtickets für alle zu besorgen, und ich ärgere mich über meine Undankbarkeit, meine Egozentrik. Als Wiedergutmachung nehme ich Hedda auf den Arm, küsse sie auf die Nase und frage, ob ihr das Ruckeln im Flugzeug Angst gemacht habe. Sie windet sich in meinen Armen, bestimmt zuckergeschockt von den Keksen und der Schokolade, die Olaf nur im äußersten Notfall zum Einsatz bringen sollte.

Wir werden zwei Tage in Rom bleiben, dann fahren wir weiter zu dem Ferienhaus von Olafs Bruder in einem kleinen Dorf an der Küste. Zwei Tage sind zu kurz und zu lang, schießt es mir durch den Kopf, während ich die kleine Familie, die ich mit Olaf geschaffen habe, und auch die, aus der ich komme, mit neuen Augen betrachte.

 

In vier Tagen wird Papa siebzig. Bei seiner Geburtstagsfeier letztes Jahr hat er mit der Gabel an sein Glas geklopft und verkündet, nächstes Jahr werde er sich und seiner ganzen Familie zum Geburtstag eine Reise schenken. »Wohin auch immer«, hat er laut gesagt, sich zur damals vierjährigen Hedda umgedreht und ergänzt: »Vielleicht fahren wir ja nach Afrika!«

Die Idee an sich, die Art, wie er sie bekanntgab, und seine beinahe exaltierte Stimmung in den Monaten vor seinem Neunundsechzigsten sahen ihm gar nicht ähnlich, weswegen Ellen mir in der Zeit danach täglich eine Liste von Symptomen bei Gehirntumor schickte. »Bestimmt nur seine Reaktion darauf, bald siebzig zu werden«, meinte Olaf, wogegen Ellen und ich heftig widersprachen: Er sei nicht der Typ, der auf sein Alter reagiere, über Leute mit sogenannten Krisen anläßlich von Geburtstagen sowie deren Kompensation mit auffälligen Verhaltensweisen habe er sich immer lustig gemacht, das sei nur eine Maskierung anderer Bedürfnisse. Und da Papa nicht krank wirkte und auch nicht anderweitig in einer Krise und unsere Besorgnis sowieso nicht unsere Lust auf einen gesponserten Urlaub übertrumpfen konnte, gingen Ellen und ich dem nicht weiter nach.

Wir sind schon seit ungefähr zwanzig Jahren nicht mehr zusammen im Urlaub gewesen, nicht mehr, seit »Familie« nur Ellen, Håkon, ich, Mama und Papa waren. Gelegentlich haben wir Überschneidungen unserer Aufenthalte in der Sommerhütte geplant, dann blieben Mama, Papa, Håkon und vielleicht auch Ellen ein paar Tage länger, bevor Olaf, ich und die Kinder übernahmen, aber so eine Reise, eine geplante Wir-fahren-jetzt-gemeinsam-in-Urlaub-Reise, haben wir nicht unternommen, seit ich Anfang Zwanzig war und in der Provence gemeinsam mit Ellen und Håkon auf der Rückbank eines Mietwagens saß.

Ich kann mich nicht daran erinnern, daß wir uns damals so fremd gewesen wären wie jetzt. Fernab von Oslo und unserem Elternhaus in Tåsen, ohne die gewohnten Rahmen, die Muster unserer Gespräche, unserer Treffen, ohne unsere festen Plätze am Tisch, hat sich die Dynamik irgendwie ver­ändert. Jetzt weiß keiner mehr, wie soll man sich aufführen, wie sich anpassen, welche Rolle übernimmt man. Vielleicht liegt es auch daran, daß wir drei erwachsene Kinder im Urlaub mit ­ihren ­Eltern sind.

Die Afrika-Idee wurde schnell verworfen - von allen ­außer von Hedda -, und genaugenommen schlug Olaf Italien als Rei­seziel vor, wir könnten ins Haus seines Bruders fahren. Olaf achtet darauf, nie irgend jemandem etwas schuldig zu sein, und der Gedanke, Papa könnte ihm und seinen Kindern die Reise bezahlen, war ihm schnell unerträglich geworden. »Aber du kannst ihm kein Geld anbieten«, sagte ich, »das ist zu überheblich.« Als Kompromiß bezahlt Papa die Flugtickets und das Hotel in Rom, und den restlichen Urlaub wohnen wir umsonst im Haus von Olafs Bruder.

 

Wir sind für Italien viel zu groß. Hochgewachsen, hell­häutig und blond, im Restaurant passen wir kaum um den Tisch. Das Mobiliar und seine Anordnung ist für putzige kleine Italiener gemacht, nicht für Papa und Håkon mit ihren einsfünfundneunzig, nicht für so lange Arme und Beine, nicht für uns. Wir zwängen uns auf die Stühle, überall Ellbogen, Knie, viel zu viele aneinanderstoßende Glieder. Ellen und Håkon rangeln um Platz, sind plötzlich wieder Teenager ; mir fallen die markanten Nähte zwischen den Sitzpolstern auf dem Rücksitz unseres Autos ein, die wir als Grenzlinien nutzten - nicht mal ein Jackenzipfelchen durfte die eigene Linie überqueren. Sogar der Luftraum rundherum wurde von diesen Nähten definiert. Håkon war erst drei, sein Aufwachsen war begleitet von Linien im Auto und von Schwestern, die Regeln aufstellten, im Zelt, am Eßtisch und im Leben generell.

Am Tisch neben uns sitzt eine italienische Familie, sie sind mehr als wir, ihr Tisch ist kleiner, und sie verspeisen ein Gericht nach dem anderen, wie das Olaf und ich bei unserem ersten Mal in Rom ausprobiert hatten. Wir sagten zum Kellner, wir hätten gerne genau das gleiche wie die Familie am Nebentisch. Ich hatte das schon öfter beobachtet, wie sich diese großen italienischen Familien jeden Abend stundenlang zum Essen niederließen, mit ihren Kindern und den Großeltern, lautstark redend und wild gestikulierend wie im Film, und ich vermißte meine eigene Familie - auch wenn ich bereits damals wußte, es wäre nicht dasselbe, wenn die anderen tatsächlich da wären. Hier. Jetzt sind sie hier, wir sind jetzt hier, an diesem Tisch: Mama, Papa, Ellen, ihr Freund Simen, Agnar und Hedda, Olaf und ich - und Håkon.

Mein Blick geht zu Papa, er sitzt am Tischende, und mir wird schlagartig bewußt, daß wir uns genauso hingesetzt haben wie bei Mama und Papa zu Hause. Papa sitzt am Kopf, Mama links von ihm, ich neben ihr - und Håkon ihr gegenüber, daneben Ellen. Wer später dazugestoßen ist, Lebenspartner, Olaf, Agnar und Hedda, hat sich unserer Sitzordnung anpassen müssen, ich glaube nicht, daß wir darüber nachgedacht haben. Der einzige, der einen stillen Aufstand geprobt hat, ist Simen - die paar Mal, die er bei Familientreffen anwesend war, plumpste er auf den Stuhl neben Ellen, eigentlich Håkons Platz, legte den Arm auf ihre Stuhllehne und klammerte sich demonstrativ fest, bis sich alle anderen gesetzt hatten.

Papas volles Haar ist grau: An die dunklen Haare, die er auf meinen Kindheitsfotos hat, erinnere ich mich nur vage - in meiner Erinnerung ist er schon immer so grau wie jetzt. Unsere Blicke begegnen sich, und er lächelt, ich frage mich, was er denkt, ob er zufrieden ist, ob er sich das so vorgestellt hat. Vielleicht hat er sich überhaupt nichts vorgestellt, normalerweise stellt er sich nichts vor, läßt aber immer Kommentare über mich und meine Vorstellungen ab: »Du mußt versuchen, die Dinge zu akzeptieren, wie sie sind, Liv«, hat er gesagt, als ich jünger war und völlig verzweifelt geheult habe, weil die Ferien, ein Handballspiel oder ein Schulaufsatz anders geworden waren, als ich mir das vorgestellt hatte, und obendrein wegen der Unmöglichkeit, Papa klarzumachen, wie entscheidend es war, daß alles exakt so wurde, wie ich mir das ausgemalt hatte, daß alle großen wie auch kleinen Ereignisse und Leistungen einem vorhersehbaren Verlauf folgen mußten, um kein unfaßbares Chaos entstehen zu lassen. »Man kann das Leben aber nicht bis ins Detail planen«, hat Papa gesagt, »du mußt akzeptieren, daß du nicht die ganze Zeit alles unter Kontrolle hast!«

Jetzt beugt er sich zu Mama, mittlerweile hört er...

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