Goulds Buch der Fische

Ein Roman in zwölf Fischen
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. Dezember 2015
  • |
  • 464 Seiten
 
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978-3-492-97116-4 (ISBN)
 
Im Tasmanien unserer Tage stößt Sid Hammett, ein kleiner Antiquitätenfälscher, auf einem seiner Streifzüge auf die merkwürdige Hinterlassenschaft eines anderen Kunstfälschers. Das »Buch der Fische« eines gewissen William Buelow Gould birgt nicht nur wundervolle, akribisch hingetupfte Aquarelle der tasmanischen Fischwelt - es stellt auch ein Erinnerungswerk aus unheilvollen Tagen dar. Tiefer und tiefer zieht es Hammett hinein in die dunkelsten Kapitel britischer Kolonialzeit. Bald dämmert ihm, dass ihm der Aufstieg aus den ozeanischen Seelentiefen Goulds niemals mehr gelingen wird.
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  • 3,24 MB
978-3-492-97116-4 (9783492971164)
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Richard Flanagan wurde 1961 in Tasmanien geboren. Sein Roman Goulds Buch der Fische, ausgezeichnet mit dem Commonwealth Prize, machte ihn 2002 weltweit bekannt, seine insgesamt sechs Romane wurden seither in 41 Sprachen übersetzt.

Der Kelpy


Die Invasion Australiens - Ein unseliges Missverständnis - Fässer mit schwarzen Köpfen - Der König und ich - Der Irrtum des Jean-Babeuf Audubon - Vögel als Bürger - Captain Pinchbeck und die Französische Revolution - Krieg der Schwarzen - Clucas der Bandit - Sein Verrat - Die Tretmühle - Tragisches Ende des Maschinenstürmers - Verbale Freudenfeuer.

I


Mein eigener bescheidener Beitrag zur Eroberung von Van Diemens Land, wie wir es damals nannten - die heutigen Bewohner der Insel, die Geschichten von der Art, wie ich sie hier erzähle, allzu peinlich finden, ziehen es vor, von Tasmanien zu sprechen -, ist nie irgendwo aufgezeichnet worden, aber ich glaube, er verdient es sehr wohl, erwähnt und genauer betrachtet zu werden.

Von allem Anfang an, von jenem Moment im Jahr 1803 also, da ich als junger Bursche aus dem Walfangboot sprang, im Rücken den Lauf von Mr. Banks' Pistole - nur für den Fall, dass ich in meiner Entschlossenheit wankend werden könnte -, und mit dem Gesicht voraus in die kabbeligen Wasser der Risdon Cove klatschte, waren wir beide gleichermaßen, dieses Land und ich, vom Unglück verfolgt.

Halb schwamm ich, halb watete ich an Land, in der Hand das rote Banner des Vereinigten Königreichs, so dachte ich jedenfalls. Mit fester Hand stieß ich es in den Sand und erklärte Grund und Boden des Landes, das sich unübersehbar weit vor mir ausdehnte, zum Besitz der glorreichen Union, von der das Banner über meinem Haupt kündete. Aber als ich die salutierende Hand senkte und stolz den Blick nach oben richtete, sah ich da ein vergilbtes Bettlaken flattern, auf dem Lieutenant Bowen an langen, trägen Nachmittagen mit der samoanischen Prinzessin Lalla-Rookh wolkige Sudelspuren hinterlassen hatte.

Ich bekam sieben Jahre für den Diebstahl persönlichen Eigentums, weitere vierzehn für Insubordination und obendrein noch achtundzwanzig Jahre, weil ich die Ehre der Krone verhöhnt hatte. Ich wurde nicht zum Tod verurteilt - selbst diese Gnade wurde mir verweigert -, sondern zu lebenslänglicher Gefangenschaft.

Und tatsächlich war dies mehr oder weniger mein Schicksal. Es gelang mir zwar, nach einem Jahr abzuhauen und auf einem Walfänger nach Amerika zu entkommen und von dort wieder nach England, wo ich zwanzig Jahre lang unter verschiedenen Namen ein Hundeleben führte, bis sie mich schnappten und wieder hierher deportierten. Der einzige Grund, warum ich mich immer noch abstrample, ist nicht, dass ich etwa hoffte, sie würden mich eines Tages freilassen, vielmehr warte ich nur darauf, dass sie endlich den Anstand aufbringen, das zu tun, was sie schon vor all den Jahren hätten tun sollen, und mich vom Leben zum Tod befördern.

Als nach jener Szene ein paar hundert Schwarze, die Kängurus jagten, mit ihren Familien daherkamen, nahm dies Lieutenant Bowen, fuchsteufelswild, wie er war, als Kriegserklärung und befahl prompt den Kanonieren, die Menge, die da in dichten Haufen am Strand versammelt war, unter Feuer zu nehmen. Fünfundvierzig tote Männer, Frauen und Kinder blieben auf dem Sand liegen - ich weiß nicht, wie viele andere, die von ihren Stammesgenossen fortgeschleppt wurden, irgendwo im Busch gestorben sind.

Mr. Banks war entzückt, so viele relativ gut erhaltene schwarze Leichen vorzufinden und dazu noch eine Menge Speere, Halsketten aus Muschelschalen, geflochtene Körbe, Häute und dergleichen. Ich wurde an einen Baum gekettet, um mein Urteil zu erwarten, während die anderen Sträflinge darangingen, die Köpfe der Schwarzen abzuhacken und einzupökeln. Mr. Banks war sehr zufrieden mit der Ausbeute, als er schließlich ein halbes Dutzend Fässer, in denen lauter Schädel schwammen, in Augenschein nehmen konnte. Sie würden ohne Zweifel, sagte er, dazu beitragen, unser Wissen über diese missgebildete Rasse bedeutend zu vermehren.

Jedes Mal wenn das Seewasser wieder um meine schwärenden Knöchel spielt, muss ich an diese schwarzen Köpfe denken, die da in der Brühe schwammen, und an die milchig geronnenen ungläubigen Augen und daran, dass ich so wenig wie sie voraussehen konnte, wie viel Ärger mir schwarze Köpfe machen sollten. Jedes Mal wenn ich diesen stechenden Schmerz an den verschorften Stellen spüre, die unter den Fußeisen wie Austern dicht bei dicht um meine Gelenke sitzen, weiß ich, dass die Flut eingesetzt hat. Dann füllt sich diese Zelle, die auf Sandsteinklippen unter der Hochwassermarke gebaut ist - eine jener berüchtigten Fischzellen, die

Sie ohne Zweifel aus den verlogenen Moritaten von der grausigen Gefangenschaft des Bushrangers Matt Brady und seiner nachmaligen Schurkenkarriere kennen - bis über meinen Kopf mit Wasser.

Aber keine Angst, ich ertrinke nicht; wie andere vor mir hänge ich mehrere Stunden lang an den Eisenstäben über meinem Kopf und atme die Luft in dem einen Fuß hohen Raum, der unter der Decke übrig bleibt, wenn die Flut ihren höchsten Stand erreicht hat. Manchmal lasse ich los und treibe durch mein kleines Reich und hoffe, dass ich sterbe. Manchmal sage ich mir, während ich so treibe, dass diese Einrichtung auch ihr Gutes hat, immerhin bin ich, seitdem ich zweimal täglich bade, die Läuse losgeworden, und meine Zelle ist zwar feucht und riecht nach Tang und Salz, aber es herrscht doch wenigstens nicht jener grauenhafte Gestank nach Ziegenbock und Kot, der sonst hier in der Luft hängt.

Ein zweifacher Segen, das ist genügend Herausforderung für meine innere Rechenmaschine. Und wenn ich so in dem kalten Wasser treibe, zitternd und bibbernd, als übte ich bereits den alten Zappeltanz am Galgen, der auf mich wartet, schwimmt sich meine Seele manchmal frei, und ich sitze im Geist wieder glücklich und zufrieden über meinen Fischmalereien.

Nennen Sie mich, was Sie wollen, andere tun es auch, und es ist mir egal; ich bin nicht, was ich bin. Die Geschichte eines Menschen hat nicht viel zu sagen in diesem Leben, eine bloße Hülse, die man mit sich herumträgt, in der man groß wird und stirbt. So jedenfalls meinte der Igelfisch, dessen Quadratschädel wie immer an ganz unpassenden Orten auftaucht. Ob das Folgende meine wahre Geschichte ist oder nicht, braucht Sie nicht zu interessieren, es hat so oder so nicht viel zu bedeuten. Aber jetzt, wo der Igelfisch tot und der alte Däne dahin ist, habe ich einfach das Bedürfnis, die Geschichte meiner jämmerlichen Gemälde zu erzählen, bevor mich dasselbe Schicksal ereilt wie sie.

Ich tue das nicht, weil ich etwa glaubte, die Zukunft wäre wie diese dunkle, nasse Zelle, wo man wie all die anderen vorher seinen Namen in den feuchten Sandstein kratzen kann, bevor man spurlos wie die letzte Flut verschwindet. Die eitle Vorstellung, dass meine Worte später von mir Zeugnis ablegen, Treibgut gescheiterter Freiheit, das die Nachwelt dazu anhält, meiner freundlich zu gedenken, habe ich aufgegeben. Über solche Hoffnungen bin ich längst hinaus. Die Wahrheit ist, dass ich erst ein perverses Bedürfnis zu beichten hatte, und dann wurde es einfach eine schlechte Gewohnheit, so übermächtig und elend wie der Drang, sich die verlausten Eier zu kratzen.

Sie sollen nicht glauben, ich würde hier schlecht behandelt. O nein. Manchmal bringen sie mir Grütze und ranzigen gepökelten Schweinebauch in einem Blechnapf, den sie mir hinschmeißen. Manchmal lächle ich freundlich, und wenn ich mich dazu aufraffen kann, bewerfe ich sie mit einem Stück Kot, das ich extra für diese Gelegenheit aufgehoben habe. Manchmal verabreichen sie mir im Anschluss an den Austausch solcher Freundlichkeiten eine Tracht Prügel, und ich bin auch dafür dankbar, denn es beweist immerhin, dass ich ihnen nicht völlig gleichgültig bin. Allerbesten Dank, meine Lieben, sage ich, danke, danke, danke. Sie lachen darüber, und bei aller Prügelei und allem Kotschmeißen kann ich sagen, dass wir wirklich wunderbar miteinander auskommen. »Das ist das Schöne an so einer Strafkolonie auf einer Insel«, sage ich leise zur Zellentür, »dass wir alle miteinander in derselben Scheiße sitzen, die Schließer und die Wachsoldaten und der Kommandant höchstselbst. Ist doch so, oder nicht?«

»Nein!«, schreit der Schließer Pobjoy durch die Klappe, aber ich höre ihn nicht, denn er darf noch nicht in die Geschichte hinein, wenn er aber erst mal drin ist so wie ich, kommt er auch nicht mehr raus, darauf können Sie sich verlassen.

Ich weiß schon, ich hätte gleich am Anfang erklären sollen, wie ich zur Fischmalerei kam und warum die Bilder mir so wichtig geworden sind, aber ehrlich gesagt, verstehe ich selber überhaupt nichts mehr, und die ganze Sache ist mir längst nicht mehr begreiflich und noch weniger erklärbar. Sie können mir glauben, wenn ich Ihnen sage, dass in dieser Kolonie nie irgendwelche Bilder von Sträflingen gemalt werden und dass es ihnen bei schwerer Strafe verboten ist, so etwas zu tun.

Wenn Sie einmal kurz darüber nachdenken, ist es eine seltsame Tatsache, dass der Nachwelt niemals ein bildlicher Eindruck von diesem Ort in dieser Zeit vermittelt werden wird, kein einziges Bild von all den Gebrochenen und Verstümmelten, nicht einmal eines vom Kommandanten. Es gibt schriftliche Aufzeichnungen und Akten in der Registratur, einem mysteriösen Archiv, dessen Ort vor den Häftlingen geheim gehalten wird, damit sie gar nicht erst auf die Idee kommen, an ihren Akten herumzupfuschen. In diesem angeblich labyrinthischen Archiv ist, so sagt man, die Geschichte jedes einzelnen Sträflings und der Kolonie bis ins Kleinste...

»Ein überbordendes, prachtvoll geschriebenes, ehrgeiziges Werk.«, Australian Book Review
 
»Einer der exzentrischsten Romane der letzten Jahre.«, Los Angeles Book Review
 
»>Goulds Buch der Fische< ist ein Roman über die Fische so wie >Moby Dick< ein Buch über Wale ist oder >Ulysses< ein Roman über die Ereignisse eines einzigen Tages.«, New York Times
 
»Bei aller Vorsicht vor Superlativen: Große Weltliteratur.«, Westdeutsche Allgemeine
 
»Die verstörende Geschichte des unglückseligen William Gould (...) wird noch lange im Leser nachhallen.«, Buch-Magazin

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