Bittere Felder

 
 
hockebooks: e-book first (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Dezember 2015
  • |
  • 920 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95751-095-2 (ISBN)
 
Eigentlich könnte Jochen mit seinem Leben mehr als zufrieden sein. Er ist Oberstudiendirektor eines angesehenen Gymnasiums im bürgerlichen Süden Berlins, glücklich verheiratet, hat zwei Söhne, und sein Haus teilt er außerdem mit einer stattlichen Zahl von Hunden und Katzen. Die Pensionierung ist schon in Reichweite, da reißt ihn ein plötzlicher Gedächtnisverlust aus seiner Ruhe. Auf einmal tauchen die Gespenster der Vergangenheit vor ihm auf, Menschen aus seiner Umgebung verschwinden, und nichts scheint mehr sicher. Hat Jochen vielleicht selbst etwas mit deren Verschwinden zu tun? Welche Schuld hat er auf sich geladen als Heranwachsender in der NS-Zeit und in den Jahren danach?
»Bittere Felder«: Freimut Fitzeks gewaltiger, furios erzählter Roman ist eine deutsche Chronik des 20. Jahrhunderts und seiner Verwerfungen - und eine Studie über die bohrende Frage persönlicher Verantwortung.
Erstausgabe als E-Book
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
hockebooks
  • 1,98 MB
978-3-95751-095-2 (9783957510952)
Freimut Fitzek, 1930 geboren in Wolfen in der Nähe von Niemegk, befindet sich bereits als Jugendlicher und auch heute noch im engagierten Widerstand gegen Gewalt. Sein Tätigkeitsfeld gestaltet sich vielseitig: Er war Student an der FU, Schichtarbeiter, Kurier für Ostkontakte bei den Freiheitlichen Juristen, Freier Mitarbeiter in Zirkeln ausländischer Solidaristen, Presse-Volontär und 21 Jahre lang Leiter eines Gymnasiums in Lichterfelde West. Freimut Fitzek liebt Katzen, Hunde, Kinder, Joe Cocker, New-Orleans, Katowice und seine 2006 verstorbene unkonventionelle Christa. Er hat zwei Söhne und fünf Enkelkinder und lebt heute in Berlin.

Kapitel 4


03.05.95

/ Jochen-Notizen /

Gegen 3 Uhr brach Jochen alle Aktionen ab. Alles hat seine eigene Realität. Aufstellen, zergliedern, selektieren, ergänzen, entscheiden, verknüpfen, ordnen. Er war mit einem Schlag völlig durcheinander und hatte Angst vor einem unkontrollierbaren Wutanfall. Kurzschlaf.

Was lag am 3. Mai an? Frühstück; Vorbereitung im Schulkeller, dem sogenannten Archiv; da war doch noch was, ja. Die eigentümliche Pitaval-Sache? Von wem stammte eigentlich die Sache? Keine Ahnung.

Erster Schultag nach den Osterferien. Gegen alle Gewohnheit Frühstück mit Charlotte in der Küche. Sie wollte immer Ferienzeiten verlängern. Jochen war unruhig, kaum Appetit. Morgens nur eine Scheibe trockenes Brot und Kaffee. Das meistens im Bad beim Rasieren. Aber heute fügte er sich in den Familienbrauch: geh nicht allein, wenn etwas anfängt. Wegen der zahlreichen Akten ohnehin nachher ohne Rad, der Würfelfunk war fällig. Werden sich wundern, bei dem schönen Wetter ohne Rad?

Aber so gewann er die Frühstückszeit.

Im Flur warteten die Katzen vor gefüllten Näpfen, bis auf Percy. Mücke trabte an ihnen vorbei. Charlotte schob in der Küche Tassen, Untertassen, Mittelteller, Kondensmilch, Schalen, Brot, Butter, Marmelade, Löffel, Messer, Gabeln auf die stets klemmende Ausziehfläche, Rucken, nochmals Rucken, hoffentlich klinkte sie nicht aus, Ostro müßte das nun endlich mal regeln, ein Löffel zu wenig, ein Messer zu viel.

»Schwerer Tag heute?«

Charlotte rührte Breiarten an, Cornflakes für sie, Matzinger Hundeflocken für Mücke.

»Es geht so.«

Radarkontrolle unter anderem in Mitte, Rathenaustraße.

»Dreh doch mal lauter. Vielleicht sagen sie was übers Wetter.«

Mücke schnüffelte neben dem Holzschemel. Sie starrte in den Napf. Immer das gleiche Spiel, eigentlich dasselbe. Schnüffeln, kein Fressen, Kopf steif nach oben, dann zur Seite. Warten. Jochen vorsichtig:

»Na, schmeckt das nicht?«

Schnüffeln, Kopf steif, Warten. Immer das gleiche Spiel. Charlotte zwinkerte Jochen an. Jochen beugte sich ruckartig vor.

»Na, dann nehmen wir doch .«

Mücke sprang über die Schüssel, scharfes, ungemütliches Bellen, Knurren, Nasenfell nach oben gezogen, Kleinzähne gefletscht, im Handumdrehen ein höchst unangenehmes Wesen, Fauchen, Knurren, Fressen, alles in einem Stück, Ausschlabbern, Strecken. Dann Schwanzwedeln. Sie schob sich an Jochen heran, schmatzte und leckte die herunterhängende Hand. Bei jedem gemeinsamen Frühstück dasselbe Spiel. Sie konnte das Tierheim nicht vergessen. Dort mußte sie immer um das Futter kämpfen. Allmählich bekam sie Magenprobleme. Jetzt fraß sie nur noch, wenn sie den Eindruck hatte, daß ihr alles weggenommen wurde.

»Ich bring nachher Percy zum Arzt. Er hat wieder gebrochen.« Jochen nickte und sah auf das Radio. DAX: 2028,68.

»Kommst du spät heute?«

»Nein. Ich versuche, ziemlich früh zu kommen. Brauche Zeit für die Vorbereitung der Prüfung morgen.«

»Denk aber bitte daran. Heute abend Quasimodo.«

Jochen hatte das natürlich vergessen. Jam-Session, 22 Uhr, mit Peer. Wie kam er da raus? Sonniges Wetter.

»Dreh doch mal lauter.«

Höchsttemperatur soll 20 Grad betragen. Pollenbelastung ist niedrig. Heute beginnen die PCB-Arbeiten in der Turnhalle seiner Schule. Er tippte auf einen Stoß kleiner Zettel auf dem Sideboard, geschichtet neben Kaffeekanne, Katzenschalen.

»Was ist damit?«

»Du hast das liegenlassen - oder vorhin mitgebracht.« Werbezettel, einige klein geschnittene lose Zeitungsblätter. Shorty, Gr. 38-44, 69.90 bei Hertie. Gut ist uns nicht gut genug. Alte Dame sucht Putzfrau in Steglitz, 8341008. Na, da wird sie wenig Glück haben, offiziell macht das kaum jemand. City-Massage 32329000. 13. Berliner Bauwochen. Wie kam das hierher? Zuunterst eine engbeschriebene DIN-A4-Seite. Pitaval: Eine Krankenschwester, drei Männer und viele Kinder.

Hier liegt das. Lange gesucht, na, ein bißchen gesucht. Die Pitaval-Sache.

»Hör doch mal. Krankenschwester, neun Jahre Haft, versuchter Mord an Ehemann. Motiv: Ihr Ehemann war nicht davon abzubringen, sie beim Beischlaf mit ihrem Freund zu beobachten.«

»Ja, so was soll's geben.«

Jochen starrte Charlotte an. Wie war das damals? Die Frau erzählte hastig, immer wieder schnelle Blicke zum Partner: »Als ich mit den beiden zu seiner Wohnung ging, hatte ich schwache Beine. Als wir in der Küche standen, wußte ich, daß es mit dem Kaffee nichts wird. Als ich mit ihm ins Schlafzimmer ging, war ich feucht. Nein, wir haben nicht gesprochen. Wer denkt denn da ans Sprechen. Mußte nur stöhnen. Hat mich einfach hergenommen. Weiß nicht, wie lange. Ne halbe Stunde vielleicht oder eine. Da verlierst du die Zeit, wenn dich einer richtig ordinär fertigmacht. Ein Riesending. Das willst du doch hören. Bei mir zuckte alles.«

Jochen registrierte die Uhr über ihrem blonden Haarschopf.

»Es wird Zeit. Holst du bitte die Taxe?«

Er tippte auf das Blatt.

»Lies das doch bitte mal durch. Ist eine interessante Sache.«

»Woher hast du denn das?«

»Ich weiß es nicht genau. Wir sprechen noch darüber. Holst du die Taxe?«

Als Jochen wenige Minuten später an der Küche vorbei aus dem Haus ging, sah er, wie Charlotte unschlüssig das DIN-A4-Blatt in der Hand hielt. Eigentlich hat er nie erfahren, ob sie es tatsächlich gelesen hatte. Wir haben nie über den Vorgang gesprochen.

Ohne Datum

/ Pitaval /

Eine Krankenschwester, drei Männer und viele Kinder. In Frankfurt (Oder) gibt es einen seltsamen Vorgang. Das Landgericht hat eine Krankenschwester zu neun Jahren Haft verurteilt wegen versuchten Mordes an ihrem 22 Jahre älteren Ehemann. Als Motiv gab sie an, daß sie es nicht mehr ertragen konnte, daß ihr Ehemann unbedingt beim regelmäßigen Beischlaf mit ihrem Freund dabei sein wollte. Vor fünf Jahren hatten beide Männer, die Geschäftspartner sind, um ihre Hand angehalten. Ursprünglich sei sie an ihrem jetzigen Freund interessiert gewesen, hatte sich dann aber aus finanziellen Gründen für ihren jetzigen Ehemann entschieden. Von Anfang an hätte es mit ihrem Ehemann sexuelle Probleme gegeben, da er körperlich »der Sache nicht richtig gewachsen sei«. Demzufolge habe sie - nach einigen mißglückten Anfangsversuchen - mit Einwilligung, ja sogar auf Vorschlag ihres Ehemannes eine Art Probenacht mit beiden vereinbart. Ihr Mann habe in dieser Nacht leider wieder »kläglich versagt«, aber von seinem Geschäftsfreund sei sie - in Gegenwart des Ehemannes - endlich »als Frau behandelt worden«. In der Folgezeit entwickelte sich dann ein ständiger sexueller Ausgleich durch den Geschäftspartner. Allmählich sei daraus eine Art Freundschaft entstanden, wenn auch im besonderen geprägt durch die körperliche Verbundenheit. Allmählich mißfiel ihr aber die Art der praktizierten sexuellen Entspannung. Die ständige Gegenwart des Ehemannes wurde lästig. Deshalb ging sie daran, diesen Zustand zu verändern.

Als besonders verwerflich sah das Gericht die Art des Mordversuchs an. Die Frau nutzte ihre beruflichen Kenntnisse und entsprechende Materialien und Medikamente aus dem Krankenhaus. Sie verabreichte ihrem herzkranken Ehemann über einen längeren Zeitraum hinweg Spritzen, die seinen Gesundheitszustand systematisch schwächten, dem Patienten jedoch für jeweils kurze Zeit das Gefühl des Wohlseins vermittelten. Demzufolge schöpfte der Ehemann keinen Verdacht. Zusätzlich verlangte sie von ihrem Ehemann ausgiebiges Joggen, damit er sich stabilisiere. Erschwerend kam dazu, daß sie beim Joggen, an dem sie teilnahm, ständig Temposteigerung verlangte und schließlich die beiden Geschäftspartner zu einem regelrechten Wettlauf auf einer Waldstrecke antrieb. Bei diesem Wettlauf brach ihr Ehemann zusammen. Weder sie noch ihr Freund noch der Bruder des Ehemanns, der ebenfalls anwesend war und als Schiedsrichter fungierte, leisteten Erste Hilfe, sondern ließen einfach den Bewußtlosen liegen, entfernten sich schnell, achteten sorgsam darauf, alle Utensilien (Taschen, Picknickkorb, Flaschen) ohne Ausnahme mitzunehmen. Sie forderten weder per Handy oder Telefon zu Hause ärztliche Hilfe an. Gegen Abend erstatteten sie lediglich eine Vermißtenmeldung.

Mysteriös gestalteten sich die Folgeaktionen. Der Ehemann schleppte sich, nachdem er wieder zu sich gekommen war, auf eine Wegkreuzung und will dort von einer Kindergruppe gefunden worden sein. Diese Kinder haben zwar tatsächlich die Polizei verständigt, konnten aber bis zum heutigen Tage nicht ausfindig gemacht werden. Beim Handyanruf haben sie der Polizei keine Namen oder Adressen genannt; der gefundene Ehemann war nicht in der Lage, konkrete Angaben zu der Kindergruppe zu machen. Die Polizei geht zur Zeit einigen Spuren nach, die mit den Kindern zusammenhängen. Seit einiger Zeit sind einige Kinder als vermißt gemeldet.

Die Krankenschwester erhielt neun Jahre Haft. Ihr Freund ist wegen Beihilfe zu fünf Jahren Haft verurteilt worden, der Bruder zu einem Jahr auf Bewährung. Er hatte sich - bis auf die eine Schiedsrichterrolle - nie an den Joggingläufen beteiligt. Es wird aber weiterhin gegen ihn ermittelt. Eines der Kinder soll der Polizei telefonisch seinen Namen genannt haben. Er hält das für eine »schmutzige Aktion«, wobei völlig offen bleibt, ob er als Urheber der Namensnennung seinen Bruder, also den Ehemann, oder dessen Frau oder den Freund meint. Mitunter zeigt er einen recht seltsamen, fast verwirrten Gemütszustand.

So...

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