Herz IV

Aus dem Alltag einer rechtlichen Betreuerin
 
 
BALANCE Buch + Medien Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen im Mai 2011
  • |
  • 252 Seiten
 
E-Book | PDF mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-86739-744-5 (ISBN)
 
'Was arbeiten Sie denn?' 'Ich hab keine Arbeit, ich krieg Herz Vier.' 'Wie, Herz Vier?' 'Arbeitslosenherz Vier - kennen'se dat nich?'
Dass die Gesellschaft ein 'Herz für Arbeitslose' hat oder dass Sozialleistungen von Herzen kommen, ist eine schöne Vorstellung - die Realität sieht oft anders aus. Renate Fischer wird als rechtliche Betreuerin täglich neu mit einer 'Parallelwelt' konfrontiert, in der sie sich um geistig Behinderte, alt gewordene, psychisch kranke oder andere Menschen kümmert, die allein im Alltag nicht zurechtkommen. Sie hat es dabei mit teils sturen und teils kooperativen Behörden, aber auch genauso eigenwilligen Klientinnen und Klienten zu tun. Gerade die zuweilen unkonventionellen Problemlösungen auf allen Seiten machen den Charme dieser Geschichten aus, erzählt mit klarem Blick, Herz und Humor.
  • Deutsch
  • 0,63 MB
978-3-86739-744-5 (9783867397445)
3867397449 (3867397449)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Renate Fischer, Diplom-Sozialpädagogin, arbeitet als gerichtlich bestellte Betreuerin und lebt im Rheinland.
1 - Inhalt [Seite 6]
2 - Wie dieses Buch entstand [Seite 11]
3 - Tür zu [Seite 17]
4 - Halbmarathon [Seite 21]
5 - Kaiserschnitt [Seite 25]
6 - Eigensinn [Seite 27]
7 - Vorräte [Seite 32]
8 - Ganz still [Seite 34]
9 - Wegen Verleugnung [Seite 38]
10 - Rauschgift [Seite 40]
11 - Berufsberatung: Wie wird man Betreuer? [Seite 42]
12 - Angehörige [Seite 47]
13 - Der Tochter-Trick [Seite 51]
14 - Hausdurchsuchung [Seite 54]
15 - Spielverderber [Seite 58]
16 - Erster Arbeitsmarkt [Seite 62]
17 - Fotos [Seite 65]
18 - Verhütung [Seite 67]
19 - Verhängte Spiegel [Seite 69]
20 - Eins-Komma-null-Abitur [Seite 72]
21 - Umzugsmühen [Seite 74]
22 - Krankheitsgewinn [Seite 79]
23 - Fehlende Mitwirkung [Seite 82]
24 - Arbeit [Seite 85]
25 - Koste es, was es wolle [Seite 89]
26 - Operiert = gesund [Seite 93]
27 - Tiere [Seite 95]
28 - Baustellengucker [Seite 97]
29 - Überall ist es besser als hier [Seite 100]
30 - Bessere Zeiten [Seite 103]
31 - Der Wohnwagen [Seite 106]
32 - Raucherzone [Seite 109]
33 - Störenfriede [Seite 111]
34 - Wohin mit der Leiche? [Seite 114]
35 - Werbegeschenke [Seite 117]
36 - Ein neues Leben [Seite 119]
37 - Wünsch dir was [Seite 123]
38 - Das Bein [Seite 126]
39 - Schwanger [Seite 129]
40 - Finanzverhandlungen [Seite 134]
41 - Wertsachen [Seite 138]
42 - Mühsame Rechtswege [Seite 141]
43 - Lebensumstände [Seite 144]
44 - Hochzeit [Seite 147]
45 - Sozialbetrüger [Seite 151]
46 - Hilfe planen [Seite 158]
47 - Impulskontrolle [Seite 163]
48 - Ein Menschenleben [Seite 166]
49 - Kontofreigabe, knapp tausend Jahre zu spät [Seite 169]
50 - Persönlichkeitsstörung [Seite 172]
51 - Vorbildlich [Seite 178]
52 - Großeinsatz [Seite 180]
53 - In der Klemme [Seite 184]
54 - Geld verdienen [Seite 188]
55 - Festhalten [Seite 194]
56 - Ein gutes Team [Seite 196]
57 - Eine lange Reise [Seite 200]
58 - Schweigen ist Silber und Gold [Seite 204]
59 - Soldatenleben [Seite 209]
60 - Verständigungsschwierigkeiten [Seite 211]
61 - Katastrophen [Seite 214]
62 - Erfolgreiche Kontaktaufnahme [Seite 218]
63 - Zwei gegen den Rest der Welt [Seite 222]
64 - Familiengeschichten [Seite 227]
65 - Antragsdomino [Seite 232]
66 - Belagert [Seite 235]
67 - Unseriöse Angebote [Seite 238]
68 - Rechnungslegung [Seite 243]
69 - Mit Herz und Verstand [Seite 246]
70 - Glossar [Seite 250]
71 - Danke [Seite 253]
"Fehlende Mitwirkung (S. 81-82)

Eine neue ältere Klientin, Frau Semmler. Sie lebt mit ihrem Mann in einer kleinen Wohnung. Ich sage ihr, dass ich ab jetzt ihre Geldangelegenheiten regele und lasse mir die Kontoauszüge zeigen. An Zahlungseingängen finde ich nur eine monatliche Rente des Mannes über 560 Euro. Miete, Gas und Strom machen zusammen 390 Euro und werden automatisch abgebucht. »Sie können doch nicht von 170 Euro im Monat leben!?«, frage ich das Ehepaar ungläubig. Beide ziehen ratlos die Schultern hoch.

»Ich geh immer zur ›Tafel‹, da kriege ich umsonst etwas zu Essen«, sagt die Frau in einem Ton, als müsse sie sich auch noch dafür rechtfertigen. Ich habe die Kontoauszüge eingepackt und fahre direkt zum Sozialamt. Der zuständigen Sachbearbeiterin lege ich die Auszüge vor und sage in meiner Naivität auch noch, wie traurig es sei, dass sich viele Leute schämen würden, ihnen zustehende Leistungen zu beantragen. Darauf sagt die Sozialamtsdame: »Ach, die Semmlers, die waren schon mal hier.«

Es wird mir daraufhin berichtet, dass das Ehepaar seit fast einem Jahr immer mal wieder vorspre82 che, aber nie die geforderten Unterlagen bringen könne. Trotz Mahnung würde kein Mietvertrag vorgelegt, die Kontoauszüge seien immer unvollständig und die Formulare nur unzureichend ausgefüllt. Daher habe man die Anträge auf Grundsicherungsleistungen jeweils wegen fehlender Mitwirkung abgelehnt. Mit wachsender Fassungslosigkeit höre ich der Sachbearbeiterin zu, die alle ihre Angaben durch Aktennotizen belegen kann, die in einer Hängeregistermappe mit der Aufschrift »Semmler« abgeheftet sind.

»Und Sie wissen, dass die beiden von 170 Euro im Monat leben müssen?«, frage ich. »Ja, das ist doch nicht mein Fehler!«, sagt sie empört. »Aber Sie hätten ihnen doch bei den Formularen und den anderen Dingen helfen können!« »Habe ich ja, aber dann fehlten wieder Kontoauszüge. Und der Mietvertrag.« Ich sehe der Sachbearbeiterin zu, wie sie in einer doch langsam aufkommenden Unsicherheit ihre Stifte und Stempel auf ihrem Schreibtisch mit den Fingerspitzen verschiebt. Ich schaue sie sehr, sehr böse an und verlasse das Amtszimmer.

Wieder bei den Semmlers angekommen, stellt sich heraus, dass sie gar keinen schriftlichen Mietvertrag besitzen, sondern die Mietsache damals per Handschlag besiegelt haben, da ihr Vermieter die Wohnung am Finanzamt vorbei vermietet. Einige Kontoauszüge sind verloren gegangen, für einen zweiten Ausdruck verlangt ihre Bank 15 Euro, die sie nun wirklich nicht übrig haben. Ich lege dem Vermieter, einem Zahnarzt, einen Standardmietvertrag vor.

Die Drohung mit Anzeige wirkt und er unterschreibt den Vertrag. Die Anträge an das Sozialamt mache ich schnell fertig und bringe alles persönlich dorthin. Der Sachbearbeiterin sage ich, dass sie die Kontoauszüge bekommt, wenn die erste Zahlung geflossen sei. Außerdem bestehe ich auf rückwirkende Berechnung seit dem Tag der ersten Antragstellung. Ich lasse das Wort Dienstaufsichtsbeschwerde fallen. Einige Zeit später bekommen die Semmlers eine dicke Nachzahlung. Sie sind sehr glücklich und kaufen als erstes Geschenke für diejenigen, die ihnen in der Vergangenheit mit Geld und Lebensmitteln unter die Arme gegriffen haben."

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