Gefüge

 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 2. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. November 2018
  • |
  • 300 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7481-6941-3 (ISBN)
 
Frankfurt am Main 2012. Felix Pindor überträgt sein "Haus unter der Linde" einem alten Schulfreund zu einem Spottpreis. Es hat ihm und seiner Frau Clara kein Glück gebracht. Der Freund recherchiert und erzählt die Geschichte einer ungewöhnlichen Liebe zu dritt, deren tragischer Ausgang bereits im Schweigen der Kriegsgeneration angelegt ist.

Ein Roman, der den Mechanismen von Macht und Ohnmacht dort auf die Spur geht, wo sie vielleicht am stärksten wirken, in unserer Sexualität.

Hintergründe
Ist Sexualität ohne Macht denkbar? Widerspricht die Idee der individuellen Freiheit nicht den Gleichstellungsbemühungen des Gender-Mainstream? Mit soziologischer Neugier konfrontiert der Autor den Leser mit diesen Fragen, lässt seine Protagonisten ihren eigenen Weg gehen und wirft uns am Ende auf unsere eigene Sexualität zurück.
2. Auflage
  • Deutsch
  • 0,48 MB
978-3-7481-6941-3 (9783748169413)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Klaus Maria Fischer, geb. 1965, studierte Soziologie, Philosophie und Jura. Zusätzlich absolvierte er eine Pilotenausbildung. Er arbeitete viele Jahre im Management einer Fluggesellschaft, für die er heute noch fliegt. Nach einem Bruch in seinem Leben begann er 2011, kurze Geschichten und Erzählungen zu schreiben. Mit GEFÜGE legt er seinen ersten Roman vor. Klaus Maria Fischer lebt mit seiner Familie im Taunus.

1 Ein Grundstück


Hätte Clara Pindor gesehen, was sie erst zwei Jahre später sehen würde, und hätte sie gewusst, was sie zwei Jahre später wusste, sie hätte vermutlich getan, was sie zwei Jahre später tat, als sie auf das Gaspedal drückte und das Weite suchte. Stattdessen stieg sie aus ihrem Wagen und gab damit dem Verlauf ihres Lebens eine neue Richtung.

Die hohe Mauer entlang der Straße wirkte bedrohlich. Der Beton, aus dem sie einst gegossen worden war, bröckelte an einigen Stellen in kleinen Klumpen aus der Wand, und es schien ihr fast, als würde die dunkelgraue Fläche, deren Zweck wohl darin lag, den dahinterliegenden Hang wirkungsvoll abzustützen, heute nur noch durch das hier üppig wuchernde Moos und Efeu zusammengehalten. Die weit ausladenden und dicht gewachsenen Kronen zweier alter Eichen ragten über die Begrenzung des dahinterliegenden Grundstücks so auf die Straße hinaus, als wollten ihre Äste nach vorbeigehenden Passanten und Fahrzeugen greifen, zumindest aber ihnen das Licht des Tages ein wenig rauben. Es war kein Ort, der zum Verweilen eingeladen hätte. Hier zu wohnen, schien ihr völlig abwegig. Die Fahrt hier raus, vergeudete Zeit, wie es schien, während im Büro die Arbeit liegen blieb. Etwa auf halber Höhe der Eingrenzung wurde deren Flucht durch einen von der Straße um mehrere Meter zurückgesetzten Unterstand unterbrochen. Was vermutlich einmal als Garage gegolten hatte, erschien nun durch das installierte und von Grünspan überzogene Eisengitter eher wie eine abgesperrte Räuberhöhle. Der vage Blick, den das dämmrige Restlicht auf das Innere des Raumes zuließ, offenbarte dem Betrachter außer etwas Brennholz, einem klapprigen Fahrrad und großen Mengen an Hausmüll nichts Spannendes; Verwahrlostes eben. Enttäuscht fasste sie sich an die Schläfe. Es fiel auf den ersten Blick auf, dass dieses Anwesen im Taunus, in einem am Waldrand gelegenen Vorort der Gemeinde Steinhausen, dem Untergang entgegenging.

Die Frau, die aus dem schnittigen Coupé gestiegen war und so skeptisch dreinblickte, trug einen gut sitzenden Businessanzug. Das beobachtete eine Nachbarin vom Küchenfenster aus und würde es gleich aufgeregt ihrem Mann zu berichten haben. »Eugen, eine Fremde aus der Stadt sieht sich gerade das Grundstück vom Weller an.«

Auf dem Dorf bleibt nichts unbemerkt.

Die Fremde nahm die Örtlichkeit mit prüfendem Blick in Augenschein. An der linken Seitenwand der Zufahrt lag ein durch ein schweres Eisentor gesicherter Mauerdurchgang, hinter dem eine schmale Treppe nach oben führte. Das Tor war angelehnt. Einige schon vergilbte Werbebroschüren lagen lose auf dem unteren Treppenabsatz, einen Briefkasten schien es nicht zu geben. Die ursprünglich in die Wand eingelassene Klingel hing, zusammen mit einem oxidierten mehradrigen Kabel, herausgerissen in der Luft. Die Stufen lagen im Halbdunkel, obwohl die Sonne um diese Uhrzeit hoch am Himmel stand. Die Frau ging darauf zu und rümpfte die Nase. Ein modriger Geruch breitete sich von hier aus. Sie musste sich in der Adresse geirrt haben, denn was sie hier vorfand, entsprach keineswegs dem, was die Annonce versprochen hatte. Parkähnliches Grundstück, das konnte ja wohl nicht ernst gemeint sein. Der Blick nach oben lenkte ihre Aufmerksamkeit auf weitere Eichen, die hinter der Mauer standen, die vorderste so dicht am Treppenaufgang, dass sie bereits die Betonwand einzudrücken drohte. Die Bäume mussten über hundert Jahre alt sein, schätzte sie, und das in einem vorstädtischen Wohngebiet. Beeindruckend.

Clara Pindor war auf der Suche nach einer Immobilie für sich und ihren Mann Felix. Seit mehr als achtzehn Monaten studierten sie einschlägige Zeitungen und Internetseiten, um das Objekt ihrer Wahl zu finden, doch Immobilien im Rhein-Main-Gebiet standen in der Regel völlig überteuert oder veraltet zum Verkauf, und Grundstücke für die Verwirklichung eigener Träume gab es kaum. Gestern war Clara auf die Anzeige einer lokalen Maklerin gestoßen: »Parkähnliches Grundstück für Bauträger. Zwei Doppelhäuser möglich. Hanglage.« Warum hatte sie auf dieses Angebot überhaupt reagiert? Wo sich ausreichend Platz für zwei Doppelhäuser bot, würden sie niemals ein Einfamilienhaus wirtschaftlich errichten können, und wo Bauträger die Hände im Spiel hatten, war für Privatleute meist wenig zu machen. Dennoch hatte sie die Maklerin angerufen. Eine diffuse Eingebung, dass dieses Grundstück hier etwas Besonderes sein müsse. Von Besonderheiten fühlte sie sich oft magisch angezogen. Außerdem hatten sie und Felix im Lauf der Suche schon so viele Enttäuschungen erlebt, da kam es auf eine weitere nicht an. Auch hätte sie sich wundern müssen, dass die Maklerin kein großes Interesse bekundet hatte, sie persönlich zu begleiten. Sie hatte ihr ohne weiteres die Adresse des Objektes verraten und angeboten, es sich bei Gelegenheit anzuschauen. Das war ungewöhnlich offen für jemanden aus einer Branche, in der üblicherweise ohne eine Unterschrift zur Sicherung der eigenen Courtage gar nichts zu bewegen ist. Aber man musste jede Gelegenheit prüfen, und war die Erfolgschance noch so gering.

Da sie sich jetzt schon vor Ort befand, würde sie es auch etwas genauer begutachten und sich nicht nur vom ersten Eindruck, der gewissermaßen vernichtend war, leiten lassen. Sie könne sich ganz ohne Zeitdruck umsehen, da das Gebäude leer stehe, hatte die Verkäuferin betont. Eilig schien diese es nicht zu haben. Das irritierte Clara. Sie konnte sich den Grund dieser Zurückhaltung nicht erklären. Immerhin, die Waldrandlage an den sanften Hügeln am Rand der Region, idyllisch gelegen und doch mit guter Verkehrsanbindung nach Frankfurt, wo sie und Felix arbeiteten, war exzellent.

Jetzt stand sie also neugierig am Treppenaufgang des heruntergekommenen Anwesens und musste sich überwinden, langsam Stufe um Stufe nach oben zu gehen. Als sie den oberen Treppenabsatz erreichte, war ihr mulmig zumute und sie zögerte kurz, als würde im Gebüsch eine unbekannte Gefahr lauern. Dann wandte sie sich langsam nach rechts in Richtung des vermuteten Hangs. Doch dieser war durch die Mauer abgefangen und eine weitläufige Ebene breitete sich vor ihr aus. Ein Ort, wie geschaffen für eine Traumvilla, verstellt nur durch ein Heer von wuchtigen Stämmen, zwischen denen im hinteren Teil des Grundstücks ein altes Häuschen stand. Sein von Grünspan überzogenes Satteldach neigte sich Clara abweisend entgegen. Die bräunlich schmutzige Fassade war nur durch ein kleines Panoramafenster unterbrochen. So hatte sie sich immer das Häuschen ihrer Großeltern in Osterath vorgestellt, das sie nur von Erzählungen ihrer Eltern und ein paar vergilbten Fotos kannte und an dessen Stelle heute eine stattliche Unternehmervilla steht. Die Eltern hatten das Haus nach deren Tod verkauft, was Clara bis heute bedauerte. Sie hatte es sich stets romantisch vorgestellt, im renovierten Haus der eigenen Großeltern zu leben. Aber nun konnte sie die damalige Entscheidung ihrer Eltern nachvollziehen. Der wenig reizvolle Anblick des Gebäudes bremste ihre kurz zuvor noch aufkeimende Euphorie. Einer der Bäume stand dicht an einer nach innen gekehrten Ecke des Hauses, das um den Stamm herumgebaut schien. Einzelne Dachziegel waren beschädigt oder fehlten ganz.

In unmittelbarer Nähe der anderen Baumstämme verkümmerte alles Pflanzliche. Dazwischen, fast flächendeckend von den Baumkronen überschattet, stand das Gras kniehoch, zusammen mit einer Vielzahl Eichsetzlinge. Der unbefestigte, mit quadratischen Waschbetonplatten nur teilweise belegte Weg, der zum Haus führte, schien benutzt zu werden, denn vereinzelt waren Trittspuren in der Erde zu erkennen. Wohnte hier wirklich niemand? Clara fühlte sich wie ein unerwünschter Eindringling. Trotzdem folgte sie dem Weg, der immerhin trocken vor ihr lag, so dass sie nicht befürchten musste, ihre Schuhe und ihre Hose zu verschmutzen. Hinter dem Haus verlief eine Wäscheleine zwischen zwei Baumstämmen. Stofffetzen hingen darüber. Wäsche oder zerschlissene bunte Wimpel? Schwer zu sagen. Das Gebilde wirkte, als wehe es seit längerem im Wind. Der hinterste Teil des Grundstücks lag etwas erhöht. Hier roch es noch modriger als in der Einfahrt, eine Mischung aus Wald und Müll. Clara hielt die Luft an und ging ohne auszuatmen in schnellen Schritten den Weg zurück. Erst als sie wieder auf der Treppe angekommen war, ließ sie die Luft mit einem leichten Zischen durch den geschlossenen Mund entweichen. Was sollte sie hiervon halten?

Sie setzte sich in ihren Wagen, startete den Motor und machte sich gedankenverloren auf den Weg nach Hause. So lange schon waren sie und Felix nun auf der Suche nach einem Platz für ihr zukünftiges Leben. Die bescheidene Dachgeschosswohnung in Neu-Isenburg, in der sie seit fast drei Jahren gemeinsam wohnten, war von Anfang an nur als Übergangslösung geplant gewesen, für einen kleinen, aber konkreten Neuanfang, den sie damals miteinander gewagt hatten, nachdem beide mit Mitte dreißig, nach jeweils gescheiterten Beziehungen, vor dem Scherbenhaufen...

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