Elbendunkel 1: Kein Weg zurück

 
 
Planet! (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 16. Juli 2020
  • |
  • 480 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-522-65451-7 (ISBN)
 
Düster, dystopisch, gesellschaftskritisch: Ein Fantasy-Roman mit Sogwirkung Im Jahr 2044 ist San Francisco von Unruhen zwischen Menschen und Elben geprägt. Als Upperclass-Mädchen und Tochter des Chefs der Elbensicherheitsbehörde, der gewaltsam gegen Elben vorgeht, führt Luz ein unbeschwertes Leben - bis zu dem Tag, als sie heimlich das Elben-Ghetto betritt. Luz ist fasziniert von der Untergrundgemeinde, vor allem aber von Darel, der mit einem regimekritischen Poetry-Slam auf der Bühne steht. Doch die Vorstellung wird von einer Razzia ihres Vaters gesprengt und Luz landet ohne sein Wissen als Gefangene auf dem Revier. Dort wird ein Geheimnis aufgedeckt, das Luz auf der Stelle zur Flucht vor ihrem Vater zwingt. Darel hilft ihr dabei. Allerdings verfolgt er seine ganz eigenen Ziele ... Rasant erzählte Romantasy für alle Fans von guten Fantasy-Geschichten
weitere Ausgaben werden ermittelt
Rena Fischer schrieb schon als Kind begeistert eigene Geschichten. Nach Abitur und Wirtschaftsstudium zog es sie ins wildromantische Irland und nach Spanien. Zurück in Deutschland verfasste sie ihre Debütromanreihe "Chosen" (Planet!). Auf Reisen kommen ihr die besten Schreibideen. San Francisco ist für sie neben New York die inspirierendste Stadt der USA. Zusammen mit ihrer Familie lebt sie in München.

Schweigeminute


Luz

Hunderte von Teelichtern säumten die Stufen vor dem Schuleingang. Sie flackerten wie Toplichter auf den Masten schwankender Segelschiffe in einem Meer aus bunten Zetteln und Blüten, vor allem roter Rosen, Vanessas Lieblingsblumen. In ihren scharlachfarbenen Fluten brachen sich weiße Wellenspitzen aus Lilien und Nelken. Während Luz sich einen Weg zwischen ihnen hindurchbahnte und vorsichtig ihre Füße auf die kleinen Flecke steinernen Graus setzte, die hier und da trotzig zwischen dem Farbrausch hervorlugten, erinnerte sie der süße Duft der Blüten und der des verbrennenden Wachses an Kirchen, Aussegnungshallen und Tod. Zu vielen Beerdigungen hatte sie in ihrer Kindheit bereits beigewohnt. Sie schluckte den bitteren Geschmack in ihrem Mund hinunter und streifte mit dem Blick die handgeschriebenen Botschaften.

»Wir lieben euch!«

»Ich werde euch vermissen!«, stand da.

Das würde sie bestimmt nicht.

Und Luz fühlte sich kein bisschen schuldig deswegen.

Vanessa Adams und Jim Kennedy waren zweifellos die beliebtesten Schüler ihrer Klasse gewesen, wenn nicht der ganzen Schule. Schon immer hatten die grazile Balletttänzerin und der tollkühne Surfer, dem die höchsten Wellen in Mavericks gerade mal gut genug gewesen waren, im Rampenlicht gestanden. Das hatte sich bis in ihren Tod hinein durchgezogen. Kelly und Luz hatten die beiden immer nur Barbie und Ken genannt.

»Weißt du, Luz, du hast wirklich Glück«, hatte Vanessa einmal mit einer Stimme klebriger als Zuckerwatte gesagt. »Wenn man so aussieht wie ich, hat man nur jede Menge Neider.«

Im Gegensatz zu ihrer Freundin Kelly war Luz zwar schlank, aber mit Rundungen, die man als »normal« bezeichnen würde. Durchschnitt eben. Langweilig. Weder zierlich noch athletisch. Wenn sie die Wahl gehabt hätte zwischen einem Dauerlauf durch den Wald und dem Lesen eines Romans in ihrer Hängematte im Garten, hätte sie sich, ohne zu zögern, in Letztere fallen lassen. Sie kam sich neben Vanessa blass vor, wie der Mond neben der strahlenden Sonne. Und das leider wortwörtlich. Legte sie sich an den Strand, bekam sie nur Hitzepickel und einen Sonnenbrand. Deshalb trug sie fast immer Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50+. Selbst ihre Haare waren unglaublich hell. Lichtblond nannte ihr Vater sie liebevoll. Er behauptete, sie sähe ihrer Mutter zum Verwechseln ähnlich. Aber in Luz' Augen war ihre Mom eine Schönheit, athletisch mit goldblondem Haar, und mit von der Sonne geküssten Sommersprossen auf ihrer Haut. Nein, mit ihrer Mom oder Vanessa konnte sie wirklich nicht mithalten. Wollte sie aber auch nie. Und für Letztere existierten nur zwei Kategorien von Menschen: Diejenigen, die sie bewunderten und ihr nacheiferten, waren ihre Freunde. Diejenigen, die das nicht taten, ihre Feinde.

In der Schülermasse versuchte Luz, Kelly zu entdecken, konnte sie aber nirgendwo sehen.

»Hi, Luz!« Sie zuckte zusammen, als sie Nialls Stimme ganz nah an ihrem Ohr hörte und Hitze in ihre Wangen schoss. »Zerfließt du auch schon in Tränen?«

Als sie sich umdrehte, verzog er theatralisch das Gesicht zu einer weinenden Grimasse und das, obwohl Vanessas beste Freundinnen gleich neben ihnen standen und ihn böse musterten. Hektisch packte Luz ihn am Saum seines ausgewaschenen T-Shirts und zog ihn in Richtung Aula, in der sie sich zu einer Schweigeminute versammeln sollten.

»Reiß dich zusammen!«, zischte sie leise.

Er grinste schief. Auf seinen Wangen bildeten sich zwischen den unregelmäßigen Stoppeln seines Dreitagebarts kleine Grübchen. In Luz' Bauch begann etwas zu flattern. Seit Anfang des Schuljahres tat es das. Aber bis vor zwei Wochen hatte Niall sie gemieden, als hätte sie eine ansteckende Krankheit. Er fuhr sich durch die braunen, kurzen Haare, was nichts daran änderte, dass sie hinterher genauso unordentlich aussahen wie seine Kleidung. Wäre er nicht an ihrer Schule, würde man ihn für einen Jungen aus einem der ärmeren Wohnviertel von San Fran halten. Doch wer auf die Greenwood High ging, hatte entweder reiche oder mächtige Eltern. Im Regelfall beides.

Die Aula war brechend voll und die Luft so stickig, dass Luz nur ein paar Schritte hinter der Tür stehen blieb, als wollte sie sich einen Fluchtweg offen lassen. Die Rollläden waren heruntergelassen, nur die Bühne mit dem Rednerpult wurde durch das interaktive Whiteboard beleuchtet. Überlebensgroß starrten die fröhlich lachenden Gesichter von Vanessa und Jim von dort auf sie herab. Vorne, in der ersten Reihe, lagen sich einige Mädchen in den Armen und schluchzten hemmungslos. Das verhaltene Gemurmel der Lehrer und Schüler erlosch, als sich die Türen der Aula schlossen und Rektor Whittaker die Bühne betrat. In der angespannten Stille schien jeder seiner Schritte unnatürlich laut widerzuhallen - er bemerkte es wohl selbst, denn im Gegensatz zu früheren Auftritten ging er so zögerlich, als fürchte er, das Podium wäre von Dunkelelbenrebellen vermint worden. Nicht, dass die Zugang zu ihrer Schule hätten oder es ihnen auch nur möglich gewesen wäre, ein Taschenmesser an der Security, die für die Bewachung der Greenwood High zuständig war, vorbeizuschmuggeln. Luz war es bereits so zur Gewohnheit geworden, täglich ihren Rucksack durch den Taschenscanner laufen zu lassen und langsam durch die Personenkontrollschleuse zu gehen, dass sie dieses Prozedere für völlig normal hielt. Sie war überrascht gewesen, als Niall ihr erzählt hatte, dass es derartige Sicherheitsmaßnahmen an seiner früheren High School nicht gab. Für einen kurzen Moment wechselte das Bild auf der Leinwand und zeigte das Gesicht ihres Schulleiters in Großaufnahme, wie er gerade nervös den Knoten seiner schwarzen Krawatte zurechtzog. Luz wusste von ihrem Vater, dass geplant war, Teile der Rede live auf den wichtigsten Nachrichtenportalen des Landes auszustrahlen, noch bevor es zu offiziellen Trauerfeiern kam. Ein Grund mehr, nicht gerade in den ersten Stuhlreihen vor der Bühne zu sitzen.

Plötzlich spürte sie eine warme Hand auf ihrer. Zögernd tasteten Nialls Finger über ihren Handrücken und sie drehte ihr Handgelenk ein wenig, sodass seine Finger zwischen die ihren schlüpfen und sie umschlingen konnten, als hätten sie das schon immer getan. Ihr Mund wurde trocken. Verstohlen schielte sie zur Seite, konnte aber in dem Dunkel nur die Umrisse von Nialls Profil erkennen.

». Tragödie . ein Musterbeispiel von Toleranz und Freundlichkeit«, drangen Fetzen von Whittakers heiserer Stimme an ihr Ohr, als Niall sich abrupt zu Luz umdrehte und sich zu ihr beugte. Sie hielt den Atem an.

»Das ertrage ich nicht länger. Lass uns gehen!«, raunte er.

Luz nickte zustimmend und ließ sich von ihm zum Ausgang ziehen. Doch dort versperrte ihnen ein älterer Schüler den Weg.

»Wohin des Wegs, ihr Turteltäubchen? Kein Bock auf Trauer?«, zischte er und baute sich breitbeinig und mit verschränkten Armen vor ihnen auf, während Rektor Whittaker im Hintergrund gerade über die sportlichen Leistungen und das Fairplay von Jim schwadronierte.

Niall drückte Luz' Hand fester. »Halt die Fresse, Keith, und lass uns vorbei. Ihr geht's total mies.« Ein drohender Unterton hatte sich in seine Stimme geschlichen und er straffte die Schultern.

»Ach?« Keith hob den linken Arm und berührte den Fingerabdruckscanner seines Smartstraps. Das Display des silberfarbenen Armbands leuchtete im Uhrzeitmodus auf und strahlte gerade genügend Licht ab, dass er Luz misstrauisch beäugen konnte. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie froh über ihre blasse Hautfarbe. Leidend verzog sie das Gesicht. »Eigentlich darf ich niemanden rauslassen. Wegen der Kamerateams. Kein Lichteinfall oder Türknallen hieß es.«

»Soll ich vielleicht auf deine Schuhe kotzen? Du weißt ganz genau, wie gut Vanessas Eltern und meine befreundet sind!«, erhob Luz die Stimme und starrte demonstrativ auf seine weiß leuchtenden Sneaker. Gemurmel setzte um sie herum ein.

»Schon gut«, flüsterte Keith, trat hastig einen Schritt zur Seite und öffnete die Tür einen winzigen Spalt, durch den Luz und Niall in den Gang schlüpfen konnten. »Aber kommt bis zum Ende der Show wieder, okay? Ich will keinen Ärger kriegen.«

Das grelle Licht stach Luz so unvermittelt in die Augen, dass sie immer noch blinzelte, als sie sich neben einem gelben Ginsterbusch auf eine der Bänke am Rande des Pausenhofs setzten.

»Alles in Ordnung?« Nialls rehbraune Augen verschwanden jetzt, da er sie zusammenkniff, fast unter den langen, geschwungenen Wimpern. Sie sahen eigentümlich mädchenhaft in dem sonst so schmalen und kantigen Gesicht aus. Luz hatte das Gefühl, dass es genau das war, was ihn so anziehend machte. Diese Gegensätze. Die blauvioletten Schatten um sein rechtes Auge verblassten, die Schwellung war schon vor Tagen zurückgegangen und auch die dunkle Kruste auf seinem Wangenknochen löste sich langsam. Seine Ohren liefen nur einen Hauch spitzer zu als bei normalen Menschen. Jemand, der nicht wusste, dass er ein Lichtelbenhalbblut war, hätte es nicht geahnt.

Luz nickte und schloss die Augen, lauschte dem Zwitschern der Vögel, die in den Magnolienbäumen ihnen gegenüber hockten. Als es plötzlich gongte, fuhr sie zusammen. Jetzt begann die Schweigeminute. Sie spürte, wie Niall seinen Arm um ihre Schultern legte, aber er sprach kein Wort, und Luz war ihm unendlich dankbar dafür.

Sie dachte daran, dass Vanessa die Patentochter ihres Vaters gewesen war, dass Luz selbst Vanessas Vater »Onkel Nick« und ihre Mutter »Tante Jean« nannte. Sie versuchte, sich die gemeinsamen Grillabende in Erinnerung zu rufen. Sie konzentrierte sich darauf,...

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