Fuchsteufelsstill

Roman
 
 
Ullstein Taschenbuchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. April 2017
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1492-1 (ISBN)
 

Niemand ist normal, ohne verrück zu sein

Die siebenundzwanzigjährige Juli steht mitten im Leben - manchmal sogar ein bisschen zu sehr. Sie ist Autistin und jeder Tag bedeutet eine gewaltige Masse an Emotionen, die es zu meistern gilt. Als Juli nach einem missglückten Suizidversuch auf eine psychiatrische Station kommt, trifft sie dort auf die überschwänglich-herzliche Sophie und auf Philipp, der mal mehr und mal weniger er selbst, aber stets anziehend für Juli ist. Die drei nehmen Reißaus und verbringen ein gemeinsames Wochenende, nachdem nichts mehr so ist wie zuvor.

weitere Ausgaben werden ermittelt
Niah Finnik wurde 1988 geboren und studierte Produktdesign, bevor sie begann zu schreiben. Sie ist Asperger-Autistin. Ihre Texte kennzeichnet eine besondere Sicht auf die Welt.

2


Am nächsten Morgen traf ich kurz vor halb neun in der Klinik ein, durch die großen Fenster sah ich die Ersten, die bereits die Tische für das Frühstück deckten. Ich schloss mein Rad vor der Klinik an und faltete den Wochenplan auseinander. Der Mittwoch war anders als die anderen Tage. Da gab es die Gruppen, die sich im Garten, in der Küche und in der Werkstatt trafen, und dann war da noch die Visite des Oberarztes. Mein Finger wanderte von Punkt zu Punkt und landete bei einem Wort: Ausflug. Schnell knickte ich den Plan zusammen, um ihn gleich darauf wieder auseinanderzufalten. Das Wort stand immer noch da. Niemand hatte mich auf einen Ortswechsel vorbereitet, und ich wiederholte diesen Gedanken, bis mir schlecht wurde.

»Komm mit in den Garten.« Sophie riss mich aus meinen Gedanken, sie räumte das Frühstücksgeschirr weg, und ich versuchte mich zu erinnern, ob ich etwas gegessen hatte.

»Habe ich was gegessen?«, fragte ich sie, und sie nickte lachend.

»Mach dir keine Sorgen, so ging es mir auch. Hier durchläuft jeder dieselben Phasen«, erzählte sie mir und hievte einen Sack Blumenerde aus der Schubkarre.

»In der ersten Woche bist du hier, während deine Gedanken noch ganz woanders sind. In der zweiten kommst du an und beginnst, alles in Frage zu stellen. Jede Entscheidung, die du triffst. Ich wusste nicht einmal mehr, ob ich Kaffee mag oder nur vor Jahren damit angefangen hatte, ihn zu trinken, weil alle es taten. Danach brauchte ich zwanzig Minuten, um zu entscheiden, welche Marmelade ich mir aufs Brot schmieren will, und soll ich dir was sagen? Ich hasse Marmelade, schon immer. Aber das war das Einzige, was es bei uns zu Hause gab. Ich esse jetzt Pflaumenmus! Wenn du an diesem Punkt bist, verbringst du die folgenden Wochen damit, auszuprobieren, ob du dein Leben lang weiter Marmelade auf dein Brot schmieren willst oder es einfach sein lässt, verstehst du?«

Langsam nickend streute ich Samen in die Löcher, die Sophie aushob, goss die Pflanzen und sah dem Wind zu. Herr Dey trat auf die Holztreppe heraus in den Garten und schirmte seine Augen vor der Sonne ab, während er sich suchend umsah.

»Frau Windtke? Ich führe heute das Willkommensgespräch mit Ihnen, am besten gehen wir in mein Büro. Kommen Sie?«

Ich ließ Sophie im Garten zurück und folgte seinen quietschenden Schritten. Auch hier reihten sich bunt bemalte, asymmetrische Tontöpfe mit jeweils einem Setzling auf der Fensterbank. Die hatte ich gestern gar nicht bemerkt. Vor dem Fenster stand ein Tisch mit einer Box Taschentücher. Die standen überall im Haus verstreut.

»Als Ihr Bezugspfleger stelle ich mich noch mal vor, nachdem Sie gestern ja bereits Gelegenheit hatten anzukommen. Wie fühlen Sie sich?«, erkundigte er sich.

»Schwer zu sagen, wie geht es Ihnen denn?«

Er schmunzelte und lehnte sich zurück.

»Da haben Sie recht, manchmal ist das schwer zu beantworten. Können Sie mir sagen, wie Ihr Verhältnis zwischen gutem und schlechtem Wohlbefinden ist?«

Ich lehnte mich auch zurück und verzog meinen Mund zu einer schiefen Linie, die starr in meinem Gesicht hing. Seit langem wusste ich nicht mehr, was ich mit meinen Armen, Beinen, Augen und meinem Mund anfangen sollte. Nur dass ich was damit tun sollte, so viel wusste ich. Deswegen hatte ich mir angewöhnt, jeden, der vor mir saß, zu spiegeln. Meine Knochen rasteten in dieselbe Position wie die von Herrn Dey ein, das fühlte sich akzeptabel an. Dann waren da der Wasserhahn über dem Waschbecken, der alle sieben Sekunden tropfte, die Vorhänge, die in noch kürzeren Intervallen umherwehten, und ihr Band zum Auf- und Zuziehen, das alle einundzwanzig Sekunden gegen den Heizkörper, neben dem ich saß, klopfte.

»Zweiundfünfzig Minuten. Mein Wohlbefinden ist zu zweiundfünfzig Minuten schlecht.«

Nun runzelte Herr Dey die Stirn, und bevor er nachfragen konnte, unterbrach ich ihn.

»Das sind 86,67 Prozent. Aufgerundet.«

»Verstehe«, nickte er. »Und was fühlen Sie, wenn Sie sich schlecht fühlen?«

»Angst«, entgegnete ich knapp, und er nickte noch mal.

»Ja, manche schlagen sich vor Angst selbst in die Flucht«, sagte er. »Wollen Sie mir von Ihrer Angst erzählen?«

Ich schüttelte den Kopf und sah aus dem Fenster, dennoch bemerkte ich, wie sein Blick flüchtig den Zeilen einer geöffneten Akte auf seinem Schreibtisch folgte.

»Können Sie mir davon erzählen?«

»Ich dachte immer .«, begann ich, ohne ihn dabei anzusehen, ». Angst sei etwas, das ich verlieren werde. So wie Milchzähne. Ich dachte, sie fällt einfach aus mir raus, aber ich habe immer noch Angst. Vor anderen Menschen, vor der Zukunft, vor meinen Gedanken und davor, dass sie verschwinden.«

»Möchten Sie denn, dass Ihre Gedanken verschwinden?«

Ich nickte.

»Ich denke schon, doch ich glaube, dann bleibt nichts von mir übrig.«

»Hatten Sie schon immer Angst?«, wollte Herr Dey wissen.

»Früher fand ich Angst aufregend, da war sie auch viel kleiner, heute ist sie das nicht mehr.«

»Wann hat sich das verändert?«

»Es war Dienstag, als sie kam. Zuerst war ich nur irritiert. Ein paar Stunden später habe ich mir so viele Sorgen gemacht, dass meine Augen weit aufgerissen waren. Aber das bemerkte ich erst, als ich abends im Bad vor dem Spiegel stand und meine Zähne putzte. So schnell, dass ich dachte, sie wäre in die gesamte Stadt gekommen und würde sich wie Regen über sie verteilen, aber ich war die Einzige, die zitternd auf etwas Fürchterliches wartete, das noch nicht passiert war.«

»Und andere Menschen? Die lösen bei Ihnen Angst aus? Trifft das auf alle Fremden in Ihrer Umgebung zu?«

Die Vorhänge bewegten sich langsam hin und her und blieben jedes Mal kurz an den Blättern einer Pflanze hängen, die auf dem Fensterbrett stand.

»Nicht nur die Fremden.«

»Wie meinen Sie das?«, hakte er nach.

»Ich habe keine Angst vor fremden Menschen, sondern davor, mich mit ihnen alleine zu fühlen, und das trifft auf viele zu. Auch die, die ich bereits kenne. Ich mag das Gefühl nicht, das sie bei mir auslösen. Vielleicht bin ich gegen sie allergisch.«

»Und wie fühlte es sich dann an? Immer noch wie Regen?«

Ich spulte die letzten Monate kurz zurück.

»Kennen Sie Videospiele?«

Herr Dey lachte und schüttelte seinen Kopf, und ich fuhr fort. »Jedes Mal, wenn ich in einem Level stecken bleibe und einfach nicht über einen Abgrund hinwegkomme oder nicht schnell genug den richtigen Weg erklimmen kann, während das Wasser steigt, ertrinke ich. Genauso etappenreich ist mein Leben seit ein paar Jahren. Ein Tag ist eine Etappe, und eine Woche ist ein Level. Wenn ich abends im Bett liege, bin ich froh, den Tag überstanden zu haben. Das ist der einzige Augenblick, in dem ich kurz entspannen kann. Das ist so selten, dass ich mich bemühe, nicht einzuschlafen. Ich erinnere mich an die Angst am Morgen und weiß, dass sie in ein paar Stunden wieder da sein wird, sobald ich aufwache.«

»Wovor haben Sie morgens Angst?«

»Das weiß ich nicht.« Ich zuckte mit den Schultern. »Vielleicht vor dem Tag? Dann kann ich weder aufstehen noch liegen bleiben.«

Ununterbrochen tropfte der Wasserhahn weiter, ich beugte mich vor und ließ mich direkt wieder gegen die Lehne fallen, so dass sie knackte.

»Wenn Ihre Angst sprechen könnte, was würde sie Ihnen erzählen?«, fragte Herr Dey.

Unwillkürlich musste ich lachen. »Sie haben nicht allzu viel Angst, stimmt´s?«

Jetzt war es Herr Dey, der unruhig auf seinem Stuhl umherrutschte.

»Sie redet die ganze Zeit, unaufhörlich mischt sie sich ein«, fuhr ich fort.

Es klopfte an der Tür, eine der Krankenschwestern erschien und tippte mit dem Finger auf die imaginäre Uhr an ihrem Handgelenk.

»Frau Windtke, Sie müssen zur Visite, kommen Sie?«

Zögernd beendete Herr Dey unser Gespräch. »Diese Dinge werden Sie mit Ihrem Therapeuten noch genauer untersuchen. Nehmen Sie sie mit in Ihre Sitzungen mit Herrn Seininger. Sollte es in der Zwischenzeit irgendetwas geben, können Sie sich jederzeit an mich wenden.«

Die letzten beiden Sätze sagte er so schnell, dass sie fast zu einem Wort wurden. Er hatte sie schon sehr oft gesagt.

Die Visite fand im kleinen Ärztezimmer am anderen Ende des Ganges statt und hielt für jeden einen Zeitraum von exakt neun Minuten bereit. Fünf Stühle standen in einem Halbkreis um einen kleinen runden Tisch, auf dem sich etliche Akten stapelten. Ein paar der Anwesenden hatte ich bereits in der Morgenrunde gesehen, und auch Herr Seininger war dabei. Alle beobachteten mich eindringlich, und ich setzte mich auf den letzten freien Stuhl. Er stand in der Mitte des Halbkreises.

»Frau Windtke, Frau Windtke, wo ist denn Ihre Akte?«, murmelte der ältere, kleine Herr im weißen Kittel, dessen Schild auf der Brust seine Funktion als Oberarzt verriet. Als er sie gefunden hatte, schlug er sie auf, rückte seine Brille gerade und überflog das Geschriebene. Die Visite war ein Dialog, bei dem der Patient seine Symptome äußern konnte und Informationen zur weiteren Therapie bekam, der Arzt dagegen erhielt Informationen zum Fortschritt der Diagnostik und stimmte den weiteren Verlauf mit allen Beteiligten ab. Daneben erhielt der Patient Hilfe beim Zurechtfinden in seiner Krankenrolle. Es war ein klarer Ablauf, der nach einem Protokoll verlief und sich Woche für Woche wiederholen würde, ähnlich wie eine Probe für ein Stück. Meine Gedanken wurden durch Stimmen, die durch die...

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