Arrowood - In den Gassen von London

Kriminalroman für Sherlock Holmes Fans
 
 
HarperCollins (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. August 2018
  • |
  • 432 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95967-747-9 (ISBN)
 
Privatdetektiv William Arrowood ist ein Mann vieler Talente - und einiger Laster. Die Tagelöhner und Straßenmädchen im armen South London können sich keinen besseren Detektiv leisten und kommen daher mit allen Anliegen zu ihm. Voller Verachtung und Neid blickt er über die Themse auf seinen bekannten Kollegen Sherlock Holmes und dessen betuchte Klientel. Auch Arrowoods neuester Fall scheint nicht geeignet zu sein, ihn berühmt zu machen: Eine junge Französin bittet darum, ihren verschwundenen Bruder aufzuspüren. Doch hinter dem simplen Auftrag verbergen sich weit mehr Geheimnisse und Leichen, als Arrowood für möglich hielt. Und so führen ihn seine Ermittlungen von den Tiefen der Londoner Unterwelt bis in höchste Regierungskreise ... »William Arrowood ist keinesfalls perfekt, aber sympathisch, und die Geschichte bewegt sich rasant von Gefahr zu Gefahr und Twist zu Twist.« The Times »Mick Finlay gelingt mit dem Start seiner "Arrowood"-Serie eine Mischung aus Spannung, Komik und historischen Hintergründen.« WDR 4
weitere Ausgaben werden ermittelt
Mick Finlay wurde in Glasgow geboren und verbrachte seine Kindheit in Kanada und England. Er arbeitete als Marktverkäufer in der Portobello Road, in einem Wanderzirkus, als Schlachtergehilfe, als Portier und in verschiedenen Positionen im Gesundheits- und Sozialdienst. Mittlerweile lehrt er an einer Psychologischen Fakultät und lebt mit seiner Familie in Brighton.

1

Süd-London, 1895

Schon als ich an jenem Morgen hereinkam, konnte ich erkennen, dass Mr. Arrowood wieder einen seiner Anfälle hatte. Sein Gesicht war fahl, seine Augen sahen verquollen aus, sein Haar, jedenfalls das, was auf seinem vernarbten unförmigen Schädel noch übrig war, stand an einem Ohr ab, während es am anderen mit Pomade angeklebt worden war. Er gab wahrlich einen grässlichen Anblick ab. Ich blieb in der Tür stehen, nicht dass er erneut den Wasserkessel nach mir warf. Selbst aus dieser Entfernung konnte ich den Geruch des Gins von letzter Nacht an ihm riechen.

»Der vermaledeite Sherlock Holmes!«, brüllte er und schlug mit einer Faust auf den Beistelltisch. »Wo ich auch hinsehe, überall spricht man über diesen Scharlatan!«

»Verstehe, Sir«, erwiderte ich so demütig wie möglich. Mein Blick folgte seinen Händen, die er mal hierhin, mal dorthin bewegte, da ich wusste, dass sie jederzeit nach einer Tasse, einem Stift oder einem Stück Kohle greifen und mir an den Kopf werfen konnten.

»Würde man uns diese Fälle übertragen, dann lebten wir in Belgravia, Barnett«, erklärte er mit derart rotem Gesicht, dass ich schon befürchtete, er würde gleich platzen. »Dann wären wir Dauergast in einer Suite im Savoy!«

Er ließ sich in seinen Stuhl fallen, als wäre er auf einmal völlig ausgelaugt. Ich hatte auf dem Tisch neben seinem Arm längst den Grund für seinen Wutausbruch erspäht: Dort lag das The Strand-Magazin, in dem Dr. Watson seine neuesten Abenteuer schilderte. Aus Furcht davor, er könnte meinen Blick bemerkt haben, wandte ich meine Aufmerksamkeit dem Feuer zu.

»Ich setze den Teekessel auf«, sagte ich. »Haben wir heute Termine?«

Er nickte und schwenkte resigniert einen Arm durch die Luft, während er die Augen schloss.

»Gegen Mittag kommt eine Dame vorbei.«

»In Ordnung, Sir.«

Er rieb sich die Schläfen.

»Bringen Sie mir das Laudanum, Barnett. Und beeilen Sie sich.«

Ich nahm einen bereitstehenden Krug aus dem Regal und spritzte ihm etwas auf den Schädel. Er stöhnte auf und scheuchte mich weg, als hätte ich ein Furunkel aufgestochen.

»Ich bin unpässlich«, jammerte er. »Richten Sie ihr aus, dass ich sie nicht empfangen kann. Sie soll morgen wiederkommen.«

»William«, erwiderte ich und räumte die Teller und Zeitungen vom Tisch. »Wir hatten seit fünf Wochen keinen Fall mehr. Ich muss meine Miete bezahlen. Wenn ich nicht bald Geld nach Hause bringe, bleibt mir nichts anderes übrig, als für Sidney Droschke zu fahren, und Sie wissen ganz genau, dass ich Pferde nicht leiden kann.«

»Sie sind ein Schwächling, Barnett«, stieß er stöhnend aus und sackte auf seinem Stuhl noch weiter in sich zusammen.

»Ich werde hier aufräumen, Sir. Und dann empfangen wir sie heute Mittag.«

Er sagte nichts mehr dazu.

Um Punkt zwölf klopfte Albert an die Tür.

»Hier ist eine Dame für Sie«, meldete er in seiner wie immer sorgenvollen Art.

Ich folgte ihm durch den dunklen Korridor in das Puddinggeschäft vor unseren Räumen. Am Tresen stand eine junge Frau mit einer Haube und weitem Rock. Sie hatte den Teint einer reichen Frau, doch ihre Bündchen waren zerfranst und braun, und die Schönheit ihres Gesichts wurde von einem abgebrochenen Schneidezahn gemindert. Sie schenkte mir ein kurzes, gequältes Lächeln und ließ sich von mir nach hinten geleiten.

Er wurde sofort schwach, als sie durch die Tür kam, blinzelte mehrmals schnell, sprang auf und verbeugte sich, während er ihre kraftlos dargebotene Hand nahm.

»Madam.«

Dann bat er sie, auf dem besten Stuhl Platz zu nehmen, der sauber war und neben dem Fenster stand, sodass man ihre ansehnliche Gestalt bewundern konnte. Sie schien die an den Wänden gestapelten alten Zeitungen, die sich stellenweise mannshoch auftürmten, alsbald zu bemerken.

»Was kann ich für Sie tun?«

»Es geht um meinen Bruder, Mr. Arrowood«, sagte sie. Ihr Akzent ließ erkennen, dass sie vom Kontinent stammte. »Er ist verschwunden, und man hat mir gesagt, Sie könnten ihn finden.«

»Sind Sie Französin, Mademoiselle?«, erkundigte er sich und stellte sich mit dem Rücken zum Kohlefeuer.

»Das bin ich.«

Als er mir einen Blick zuwarf, bemerkte ich, dass es an seinen fleischigen, geröteten Schläfen pulsierte. Das war kein guter Anfang. Man hatte uns vor zwei Jahren in Dieppe eingekerkert, als der dortige Magistrat der Ansicht gewesen war, wir würden zu viele Fragen über seinen Schwager stellen. Nach sieben Tagen bei Wasser und kalter Brühe war von seiner Bewunderung für dieses Land nichts mehr übrig geblieben, und die ganze Sache war dadurch noch schlimmer geworden, dass uns der Klient die Bezahlung verweigert hatte. Seitdem hegte Mr. Arrowood einen Argwohn gegen alle Franzosen.

»Mr. Arrowood und ich sind beide große Bewunderer Ihrer Landsleute«, warf ich ein, bevor er die Gelegenheit bekommen konnte, sie vor den Kopf zu stoßen.

Er warf mir einen finsteren Blick zu. »Wo haben Sie von mir gehört?«

»Ein Freund hat Ihren Namen fallen gelassen. Sie sind Privatdetektiv, richtig?«

»Der beste in London«, bestätigte ich und hoffte, ihn mit dem Lob ein wenig besänftigen zu können.

»Oh«, erwiderte sie. »Ich dachte, Sherlock Holmes .«

Mir entging nicht, wie Mr. Arrowood sich verkrampfte.

»Es heißt, er wäre ein Genie«, fuhr sie fort. »Der beste Detektiv der Welt.«

»Dann sollten Sie vielleicht besser ihn aufsuchen, Mademoiselle«, fauchte Mr. Arrowood.

»Das kann ich mir nicht leisten.«

»Dann bin ich also der zweitbeste?«

»Ich wollte Sie nicht beleidigen, Sir«, murmelte sie, da sie die Entrüstung in seiner Stimme sehr wohl bemerkte.

»Verraten Sie mir eins, Miss .«

»Cousture. Miss Caroline Cousture.«

»Das Äußere kann trügen, Miss Cousture. Holmes ist berühmt, weil sein Assistent Geschichten schreibt und verkauft. Er ist ein Detektiv mit einem eigenen Chronisten. Aber was ist mit den Fällen, von denen wir nie erfahren? Jenen, die nicht für die Öffentlichkeit aufbereitet werden? Was ist mit den Fällen, bei denen Menschen aufgrund seiner tölpelhaften Fehler getötet werden?«

»Getötet?«, wiederholte sie fassungslos.

»Ist Ihnen der Openshaw-Fall bekannt, Miss Cousture?«

Die Frau schüttelte den Kopf.

»Der Fall der fünf Kerne?«

Erneutes Kopfschütteln.

»Ein junger Mann wurde von dem großen Detektiv in den Tod geschickt. Auf der Waterloo Bridge. Und das war nicht sein einziges Opfer. Sie haben doch gewiss vom Fall der tanzenden Männer gehört? Darüber haben sogar die Zeitungen berichtet.«

»Nein, Sir.«

»Mr. Hilton Cubitt?«

»Ich lese keine Zeitungen.«

»Erschossen. Er wurde erschossen, und seine Frau kam auch beinahe ums Leben. Nein, nein, Holmes ist alles andere als perfekt. Wussten Sie, dass er über private Mittel verfügt, Miss? Tja, ich habe gehört, er lehnt ebenso viele Fälle ab, wie er annimmt. Wie kommt es, dass ein Detektiv so viele Fälle ablehnt, frage ich mich? Und bitte glauben Sie jetzt nicht, ich wäre eifersüchtig auf ihn, denn das bin ich nicht. Ich bemitleide ihn. Warum? Weil er mit deduktiven Methoden arbeitet. Er nimmt kleine Hinweise und plustert sie auf. Oftmals irrt er sich dabei, wenn Sie mich fragen. So.« Er warf die Hände in die Luft. »Ich habe es gesagt. Natürlich ist er berühmt, aber ich muss leider hinzufügen, dass er die Menschen nicht versteht. Bei Holmes geht es immer nur um Hinweise: Markierungen am Boden, ein zufälliger Ascherest auf dem Tisch, eine bestimmte Lehmart am Boot. Aber was ist mit den Fällen, bei denen es keine Hinweise gibt? So etwas kommt häufiger vor, als Sie denken, Miss Cousture. Dann geht es nämlich um die Menschen. Es geht um Menschenkenntnis.« Bei diesen Worten deutete er auf das Regal, in dem sich seine kleine Büchersammlung über die Psychologie und den Geist befand. »Ich arbeite mit Emotionen, nicht mit Deduktionen. Und warum? Weil ich die Menschen wahrnehme. Ich blicke ihnen in die Seele. Ich kann die Wahrheit mit der Nase erschnüffeln.«

Er starrte sie die ganze Zeit über an, und mir fiel auf, dass sie errötete und zu Boden blickte.

»Und manchmal ist der Geruch derart intensiv, dass er sich wie ein Wurm in mich hineinbohrt«, fuhr er fort. »Ich durchschaue die Menschen. Ich kenne sie so gut, dass es mich quält. So löse ich meine Fälle. Mein Abbild findet sich zwar nicht in der Daily News, und ich habe auch keine Haushälterin, keine Zimmer in der Baker Street und keinen Bruder, der für die Regierung arbeitet, aber sollte ich mich entscheiden, Ihren Fall zu übernehmen - und das kann ich Ihnen erst garantieren, wenn ich Sie angehört habe -, sollte ich ihn also übernehmen, dann werden Sie weder an mir noch an meinem Assistenten etwas auszusetzen haben.«

Ich betrachtete ihn voller Bewunderung; wenn Mr. Arrowood erst einmal in Fahrt war, konnte er wahrlich beeindrucken. Und seine Worte entsprachen der Wahrheit: Seine Gefühle waren sowohl seine Stärke als auch seine Schwäche. Aus diesem Grund brauchte er mich dringender, als ihm selbst manchmal bewusst war.

»Bitte entschuldigen Sie«, sagte Miss Cousture. »Ich wollte Sie nicht beleidigen. Mit der Arbeit von Detektiven kenne ich mich nicht aus. Ich weiß nur, dass Mr. Holmes in aller Munde ist. Bitte vergeben Sie mir, Sir.«

Er nickte und ließ sich dann schnaufend...

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