Auguste Viktoria

Die letzte deutsche Kaiserin
 
 
marix Verlag ein Imprint von Verlagshaus Römerweg
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 28. April 2021
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8438-0695-4 (ISBN)
 
An der Seite Wilhelms II. stand Auguste Viktoria als letzte Deutsche Kaiserin und Königin von Preußen an der Spitze des modernen und gleichzeitig antiquierten Deutschen Kaiserreichs. Von Zeitzeugen als unpolitische und karitative Landesmutter verehrt, spielte die konservative und xenophobe Kaiserin eine nicht zu unterschätzende Funktion in der Innen- und Außenpolitik des Kaiserreiches, die geradewegs in den Ersten Weltkrieg führte.
Erstmals wird die Rolle der Kaiserin im gesellschaftlich-politischen Alltag des Wilhelminismus in einer kritischen Biografie umfassend untersucht.
  • Deutsch
  • Wiesbaden
  • |
  • Deutschland
  • 6,00 MB
978-3-8438-0695-4 (9783843806954)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Randy Fink studierte Geschichtswissenschaften an der Universität Potsdam und der FU Berlin und promoviert derzeit an der TU Dresden. Er forscht und publiziert zur Geschichte des Deutschen Kaiserreiches und zu europäischen Monarchien der Neuzeit. Engagements führten ihn ins Napoleonmuseum Arenenberg und in den Berliner Dom, wo er für den Umbau der Hohenzollerngruft recherchierte. Als aufstrebender Künstler stand er für verschiedene Film- und Fernsehproduktionen vor der Kamera und ist Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin.
I Einleitung
II Die Jugend (1858-1888)
Die Ehefrau
III Die Kaiserin (1888-1914)
Die Kaiserin
Der Hof
Der Alltag
Der Kaiser
Die Familie
Die Innenpolitik
Die Fürsorge
Die Außenpolitik
IV Der Krieg (1914-1918)
V Das Exil (1918-1921)
VI Schlussbetrachtung
Anmerkungen

I


EINLEITUNG


Die Namen dreier Kaiserinnen sind verzeichnet in der noch kein halbes Jahrhundert langen Geschichte des neuen deutschen Kaiserreichs. Und bei jedem Namen tritt ein völlig anderes Bild vor unsere Seele. [.] Auguste Victoria hat keinen politischen Ehrgeiz gekannt, hat sich nie in den Parteikampf gestellt, hat keinen Mittelpunkt des geistigen Lebens bilden wollen. Es war ihr genug, Gattin und Mutter zu sein und daneben die Last der Krone zu tragen.1

Die letzte deutsche Kaiserin Auguste Viktoria handelte aus Liebe. So kann man das Leben der Frau beschreiben, die an der Seite Wilhelms II. das Deutsche Kaiserreich von 1888 bis 1918 regierte. Als die Kaiserin am 11. April 1921 im niederländischen Exil nach langer Krankheit starb, zeichneten zahlreiche Nachrufe das damalige geschlechtertypische Bild der still leidenden, engagierten Frau und Mutter, »deren herzgewinnende[n] Züge uns fast ein Menschenalter hindurch auf unseren Wegen begleitet haben« und deren »Heimgang [.] in unzähligen Herzen ein Gefühl der Wehmut und Ergriffenheit« ausgelöst hat.2 Dabei war die Landesmutterpräsenz der Kaiserin kein Mythos der Trauerbewältigung, sondern wurde maßgeblich durch ihr eigenes Handeln geschaffen und tief in der deutschen Bevölkerung verankert.

Das deutsche Volk erinnerte sich an Auguste Viktoria, wie sie Freibier für Soldaten vor dem Neuen Palais in Potsdam ausschenkte, karitative Einrichtungen besuchte oder bei Wanderungen durch Siedlungen mit Anwohnern auf der Dorfstraße plauderte. Eindrucksvoll sind Anekdoten wie diese, als Auguste Viktoria eine Kadettenanstalt besuchte und einer der Schüler vermutlich aus Heimweh weinte. Die Kaiserin legte einen Arm um den Jungen, führte ihn in ein Nebenzimmer und setze ihn sich auf den Schoß, um ihn zu trösten.3 Das Image der deutschen »Vorbildsmutter« wurde obendrein durch umfangreiche Fotografien und Postkarten verstärkt, die, teils unterschrieben, als eine Art Gunstzeichen vergeben und angefragt wurden, ähnlich wie heute Autogrammkarten von Prominenten. »Majestät brauchen Sonne« galt nicht nur für die Selbstdarstellung des Medienkaisers Wilhelm II., sondern auch für seine Frau, deren tadelloser Leumund sich durch geschickte Öffentlichkeitsarbeit des Kaiserhauses verstärkte. Zu den Ehrungen gehörten Benennungen medizinischer Einrichtungen mit ihrem Namen ebenso wie ihre Unterschrift in Gästebüchern und gestifteten Bibeln für neu errichtete Gotteshäuser. Wenn auch die Berliner, ihrer christlichen Wohlfahrtsbestrebungen wegen, sie liebevoll neckisch die »Kirchenjuste« nannten, erkannte die Berliner Schnauze, dass durch Auguste Viktoria wichtige Prozesse und die Gründung von Einrichtungen zur medizinischen Versorgung angestoßen wurden. Dazu gehören allen voran die 1905 gegründete Gesellschaft zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit und das daraus resultierende Kaiserin-Auguste-Victoria-Haus, durch deren Wirken die Säuglingssterblichkeit im Kaiserreich fachkundig gesenkt werden konnte.

Trotz zunehmender körperlicher Gebrechen folgte die Kaiserin einem rigorosen Pflichtbewusstsein, das ihr das Volk hoch anrechnete. Ihre Tochter Viktoria Luise erinnerte sich, dass »[w]enn es sich gar nicht anders einrichten ließ, [.] sie im langen Schleppkleid und mit großem Diadem [erschien], aber sie erschien.«4 Die Kaiserin war verlässlicher, mitfühlender und stiller Ruhepol in der Hektik der Jahrhundertwende. Dafür wurde sie geachtet und geschätzt. Sie spendete jene zwischenmenschliche Zuneigung, nach der sich das Volk sehnte. Sie war präsent und spendete Trost. Zum 20. Regierungsjubiläum von Auguste Viktoria 1908 schrieb die Berliner Börsenzeitung daher die rezeptionsrelevanten Worte: »Wo immer soziale Schäden, wo immer Leiden und Unglück, Not und Kummer an den Tag treten, finden sie im Gemüt der Kaiserin jederzeit den Widerhall liebevoller Teilnahme und Hülfsbereitschaft.«5

Das ruhige und sanfte Gemüt der Kaiserin war von Bedeutung für die Beziehung zu ihrem Mann, dessen Sprunghaftigkeit und launenhafte Natur so sinnbildartig für die deutsche Gesellschaft waren, und bildete so einen ausgleichenden Faktor. Die Person Wilhelms II., mit ihrem militärischen Gehabe, ihrer präpotenten Selbstüberhebung, aber auch ihrer Anziehungskraft, war der beste Vertreter des Wilhelminismus. Auguste Viktorias Hingabe und Zurückhaltung passten zum obrigkeitstreuen Epochenbild, obwohl die Beziehung des Kaiserpaares zutiefst ungleich war, auch wenn öffentlich das Gegenteil stilisiert wurde. Das egoistische Verhalten Wilhelms II. traf auf die hinnehmende Anhänglichkeit Auguste Viktorias, die zeitweise solch extreme Züge annahm, dass sich der engere Hofkreis um die Gesundheit der Kaiserin sorgte. Als die kranke Kaiserin zum Beispiel bei einem Spaziergang mit kurzem Atem keuchte: »Aber Wilhelm, jetzt kann ich wirklich nicht mehr!«6, riet Wilhelm ihr, sich hinzusetzen und spazierte alleine weiter. Der Kaiser war das Zentrum in der Existenz Auguste Viktorias, sie betrachtete ihn als Herrscher und erwartete von allen dieselbe Hörigkeit. Sein Wohlergehen und seine Machterhaltung waren ihre Raison d'Être.

Eine andere Alternative hätte Auguste Viktoria auch nicht gehabt, denn einen eigenen Glanz, eine faszinierende Aura oder Größe, besaß sie nie. Der erste Reichskanzler Otto von Bismarck nannte sie die »holsteinische Kuh«. Fürstin von Pless urteilte, sie sei »wie eine stille, sanfte Kuh, die Kälbchen hat und Gras frißt und sich dann niederlegt und wiederkäut.«7 Mit ihrer hingebungsvollen, fürsorglichen, pflichtbewussten, taktvollen, unprätentiösen und dumpfen Art entsprach sie dem zeitgenössischen Ideal einer Frau. Reichskanzler Bülow äußerte sich anlässlich der Silberhochzeit, das Kaiserpaar sei »zu dem Vorbild echt deutschen Familienlebens und Familienglücks auf dem Kaiserthron«8 aufgestiegen. Alles sprach für dieses Bild, die Inszenierung funktionierte.

Warum nun eine Biografie über eine Person, die keinerlei Reiz auszustrahlen vermag und niemandem Rätsel aufgibt? Eine Monarchin, die Historiker »als zu taktvoll oder zu dumm gehalten [haben], um überhaupt eine politische Rolle in der Wilhelminischen Ära zu spielen. Wenn sie ihr überhaupt einen Platz in den Fußnoten ihrer Studien gaben, dann wurde sie als vorbildliche Frau und Mutter beschrieben, die sich eifrig an ihre hausfraulichen Pflichten klammerte.«9 Eine politische Kaiserin war in den zeitgenössischen Köpfen nicht im Rahmen des Möglichen und so ist es bis heute geblieben. Es ist diese einseitige und fehlende kritische Forschung über Auguste Viktoria, die der Grund für diese Betrachtung ist.

Denn wo Liebe ist, ist auch Hass. Diese Extreme prägten Auguste Viktoria und machen sie in ihrer Stellung als Mitglied der höchsten gesellschaftspolitischen Ebene interessant. Dabei richtete sich ihre Feindseligkeit gegen alles, was die Größe ihres Mannes und des Reiches vermeintlich untergrub und war geprägt durch starren Konservatismus und Xenophobie. Meist äußerte sich dies in Verstimmungen, die auf den ersten Blick als Schrullen oder Launen erscheinen. So zum Beispiel 1897, als die Kaiserin nach dem goldenen Thronjubiläum Königin Victorias von Großbritannien, der Großmutter Wilhelms II., meinte, am englischen Hof »mit ausgesuchter Kühle . kaum höflich« behandelt worden zu sein, und sich darüber echauffierte, dass man sie »immer hinter der schwarzen Königin von Hawaii placiert« habe.10 1903 weigerte sie sich, die - aus ihrer Sicht unebenbürtige - Königin von Serbien zu empfangen, was Spannungen zwischen Deutschland, Serbien und Russland hervorrief. Versuchte sich Auguste Viktoria hingegen öffentlichen Empfängen und Staatsbesuchen zu entziehen, musste sie dazu teilweise vom Auswärtigen Amt und ihrem Mann gezwungen werden. Reichskanzler Bernhard von Bülow äußerte sich schonungslos in seinen Memoiren:

Bei aller Trefflichkeit ihres Wesens hat die Kaiserin Auguste Viktoria unsere Beziehungen um Rußland wie namentlich zu England und bis zu einem gewissen Grade auch zu Italien durch ihr Ausländern gegenüber steifes und prüdes Wesen nicht erleichtert. Wenn ihr Gemahl in dieser Beziehung zu viel tat, war sie bisweilen geneigt, zu wenig zu tun.11

Auguste Viktorias Pflichtbewusstsein hörte außerhalb der Reichsgrenzen auf. Dabei entfaltete sie durch ihren Glauben an die Macht der Krone und die deutsche Suprematie eine erstaunliche Macht als Ratgeberin. Als 1908 die Daily-Telegraph-Affäre das Ansehen und die Mentalität des Kaisers wie nie zuvor erschütterte, war es die Kaiserin, die ihren Mann von einer Abdankung abbrachte und gleichzeitig vergeblich versuchte, Reichskanzler Bülow, der durch die Affäre und sein Handeln beim Kaiser in Ungnade fiel, im Amt zu halten. Jahre später, während des...

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