Die perfekte Strafe

Thriller
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 27. November 2019
  • |
  • 480 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7325-7799-6 (ISBN)
 
Geduldig pirscht er sich an die Opfer an, erschleicht ihr Vertrauen. Nur um dann ihren qualvollen Tod zu orchestrieren und sich an der Trauer der Hinterbliebenen zu weiden.

Die Leiche einer jungen Frau wird an der Flanke vom Arthur's Seat, Edinburghs Hausberg, gefunden. Schnell stellt sich ihr Tod als Giftmord heraus. Dann stirbt die Leiterin einer Wohltätigkeitsorganisation - auch sie wurde vergiftet. War derselbe Täter am Werk? DI Callanach und DCI Turner begeben sich auf die Jagd. Eine Jagd, die keinen Fehltritt duldet und eine schwere Entscheidung fordert: Sind sie bereit, für die Ergreifung des Mörders die eigenen Regeln zu brechen?
weitere Ausgaben werden ermittelt
Helen Fields studierte Jura in Norwich und arbeitete dreizehn Jahre als Anwältin, bevor sie sich neuen Aufgaben widmete. Sie leitet heute mit ihrem Ehemann eine Filmproduktionsfirma und ist als Produzentin tätig. Außerdem schreibt sie Drehbücher und Romane. Fields lebt mit ihrem Ehemann und drei Kindern in Hampshire.

KAPITEL 2


»Hey, Süße, wie wäre es, wenn ich dir noch einen Drink bestelle?« Joe lächelte Lily an, als die von der Toilette des Pubs zurückkehrte. Seitwärts quetschte sie sich zwischen zwei Gästen auf der Suche nach freitagabendlichem Vergessen hindurch, ohne denjenigen zu bemerken, der ihr derweil auf das Hinterteil starrte. Verständlicherweise, wie Joe dachte. Ihr Körper verdiente es, angestarrt zu werden, und er würde wegen so einer Kleinigkeit keinen Streit anfangen.

»Ich bin dran, Joe. Du musst nicht immer zahlen«, sagte sie, als sie sich neben ihm auf den Sitz fallen ließ. Sie kauerten sich auf dem begrenzten Raum zusammen und sprachen mit lauter Stimme gegen den zunehmenden Lärm der Zecher, der Musik und der über den Holzboden schlurfenden Füße an.

»Sparst du nicht für die Universität?«, fragte er und schnappte sich ihre leeren Gläser.

»Du weißt, dass ich das tue«, entgegnete sie, »aber das bedeutet nicht .«

»Und reißt du dir den Arsch auf, um die beste Ärztin aller Zeiten zu werden?« Joe beugte sich zu ihr herab, um sie zu küssen. Die Mädchenhorde, die mit ihnen am Tisch saß, verdrehte die Augen und erging sich in tadelnden Lauten, erkennbar eifersüchtig unter der Maske des Abscheus.

»Du bist verrückt.« Lily erwiderte den Kuss.

»Also tue ich der Welt einen Gefallen, indem ich Miss Lily Eustis dabei helfe, in Zukunft Leben zu retten, ohne mit zusätzlichen Schulden in Höhe von« - abwägend starrte er zur Decke empor - »acht Pfund sechsundvierzig auf ihren Abschluss hinzuarbeiten.«

»Ich gebe auf.« Lachend küsste Lily ihn erneut und barg dann errötend ihr Gesicht an seinem Hals.

»Okay, du hast mich erwischt. Ich habe ein Faible für Frauen in weißen Kitteln, die Stethoskope tragen. Das ist meine Art, meinen eigenen bizarren Fetisch zu befriedigen«, sagte Joe, und Lily schlug ihm spielerisch auf den Arm, als er davonging. Weder hörte er, dass die Frau, die ihn anstarrte, leise pfiff, noch merkte er, dass das Mädchen, das neben ihnen saß, Lily mit Blicken zerfleischte. Sie waren ein Paar, das nur Augen füreinander hatte.

Zum Tresen zu kommen war, als wollte er einen Berg erklimmen. Getränke ergossen sich über Rücken, wenn sich Leute mit zu vollen Händen entfernten. Positionen wurden behauptet, Stimmen erhoben, wann immer ein Gast fälschlicherweise vor einem anderen bedient wurde. Musikwünsche wurden gebrüllt, Klagen erhoben, weil jemand sich in einer der gerade mal zwei Kabinen in der Damentoilette eingeschlossen hatte. Ein Fass war leer. Doch Joe stand geduldig da und hatte stets ein Lächeln parat, um sich gegenüber Zehentretern und Ellbogenrammern nachsichtig zu zeigen. Er hatte Lily, und sie war alles, was er sich erträumt hatte.

In seinem Wagen wartete alles, was sie für den perfekten romantischen Abend brauchten. Holz, Zündhilfen, Streichhölzer, eine Flasche Schnaps zum Aufwärmen, ein Schlafsack. Sogar das Wetter war ihnen wohlgesinnt. Es würde zwar kalt werden, aber nicht regnen. Er hatte sich sogar die Mühe gemacht, ihr Ausflugsziel ein paar Tage zuvor auszukundschaften. Edinburgh würde sich majestätisch unter ihnen ausbreiten, und die Lichter der Stadt würden aussehen wie ein Spiegelbild der Sterne am Himmel, sofern keine Wolken aufzogen. Endlich würde er Lily ganz für sich allein haben und dazu genug Zeit, um ihr zu zeigen, was sie ihm wirklich bedeutete.

Es war zu kalt, als dass irgendjemand nackt draußen sein sollte. Das war Mark McVeighs erster - und irrwitzigster - Gedanke. Die Szenerie, die die Drohne an seinen Monitor übertrug, entsprach nicht so ganz dem, was er zu sehen erwartet hatte. Winterlicher Frost auf kahlen Felsen, ja. Eine am Boden liegende Frau, ein Bein angezogen, das andere ausgestreckt, einen Arm hinter dem Kopf, den anderen flach auf der Erde, nein. Der Wind fegte durch ihr langes, rotes Haar und wehte es ihr wie einen Schleier über die Augen. Zu ihren Füßen war die Asche eines Feuers zu sehen, und neben ihr lag eine Streichholzschachtel. Er steuerte die Drohne näher heran, versuchte sich einzureden, er könnte vielleicht sehen, wie sich ihr Brustkorb hob und senkte. Erfolglos. Mark dirigierte die Drohne zu ihrem Gesicht, hoffte, man würde ihn nicht irgendeiner Art der Perversion beschuldigen, und betete zu den unterschiedlichsten Göttern, dass sein Bauchgefühl ihn täuschen möge. Jetzt falschzuliegen wäre wirklich gut. Der kleine Kopter befand sich jenseits eines Grats und damit außerhalb seines Blickfelds. Vorsichtig ließ er ihn tiefer gehen, darauf bedacht, ihn nicht direkt über der Frau herabsinken zu lassen, um zu verhindern, dass sie, sollte sie erwachen und sich aufsetzen, mit dem Fluggerät kollidierte. Doch auch eine nähere Betrachtung brachte keine Erleichterung. Die Drohne war mit einem anständigen Objektiv ausgestattet, und sein Bildschirm füllte sich mit Schattierungen von Blau, die nichts mit dem Frost oder dem erfrorenen Heidekraut zu tun hatten. Das Blau war auf ihren Lippen, ihren offenen Augen, ihren Adern und der von Sauerstoffmangel gezeichneten Haut.

Obgleich er wusste, dass es nutzlos war, rannte Mark los, mühte sich ab; die Vorstellung, einfach zu der toten Frau zu schlendern, roch förmlich nach mangelndem Respekt. Auf Händen und Knien krabbelte er auf den Grat hinauf. Der einfachere, aber längere Weg um den Gipfel herum kam nicht infrage. Er blutete, als er sie endlich mit eigenen Augen sehen konnte, unter ihm eine Szenerie, von der die guten Bürger von Edinburgh in der Ferne nichts ahnten, über ihnen Arthur's Seat. Ohne auf seine aufgeschürften Knie und die wunden Hände zu achten, schoss Mark den Geröllhang hinab und rief unterwegs nach der Fremden.

Wenige Meter entfernt war seine Drohne gestrandet, ein surrendes Durcheinander aus Plastik und Metall. Er hatte nicht einmal gemerkt, dass er die Fernbedienung weggeworfen hatte. Das Telefon in seiner Tasche spielte Katz und Maus mit seinen Fingern. Dann hatte er die Frau erreicht, kniete sich neben ihr auf den Boden und presste die Finger an ihren Hals, wohl wissend, dass ein Mensch, dessen Haut solch eine Farbe angenommen hatte, unmöglich einen Puls haben konnte. Obwohl er wusste, dass das Leben ihrem Körper entfleucht war, riss er sich den Wintermantel vom Leib, um ihre Blöße zu bedecken. Dann erst rief er die Polizei und beschrieb, so gut er nur konnte, ihre Position in der bergigen Landschaft, die majestätisch über Schottlands Hauptstadt wachte.

Von Nahem erkannte Mark, dass sie jünger war, als er angenommen hatte. Die nächtliche Kälte hatte ihr die rosige Farbe geraubt, die ihre Jugend hätte verraten können. Wie er, so dachte er, war sie in der unsicheren Kluft des Übergangs vom Teenager zur Erwachsenen. Ein winziger Diamant an der Seite ihrer Nase reflektierte die ersten Strahlen der winterlichen Morgensonne und fing sich in den blonden Strähnen in ihrem kupferroten Haar. Instinktiv wollte er ihr das Haar aus dem Gesicht streichen, konnte sich aber gerade noch zurückhalten. Dann hätte er ihre Augen deutlicher erkennen können, und das widerstrebte ihm. Mark stand auf und hielt über den Grat des Hügels Ausschau nach herannahenden Fahrzeugen, doch er hatte keine freie Sicht auf irgendeine Straße. Im Sommer - und ohne Leiche - wäre das hier ein intimes und geschütztes Idyll gewesen. Ein flatternder roter Fleck inmitten des Scheuerkrauts erregte seine Aufmerksamkeit.

»Ich bin in einer Minute zurück«, sagte er. Es kam ihm unhöflich vor, nichts zu sagen, auch wenn er es mit einer Toten zu tun hatte. Ohne seinen Mantel fing die Kälte an, ihm zuzusetzen. Er zwang sich zu joggen, um sich warmzuhalten. Dabei fragte er sich, wie lange die Polizei wohl brauchen würde, um diesen schwer zugänglichen Ort zu erreichen. Sein eigener Wagen parkte eine Meile entfernt am Fuß des Berges. Die steilen Hänge und die felsigen Fahrwege waren für alles andere als Allradfahrzeuge kaum zu bewältigen.

Der rote Fleck entpuppte sich als Hemdbluse, eine warme Hemdbluse, gefertigt aus schwerer Baumwolle, perfekt für eine Nacht am Feuer oder ein paar Drinks im Pub. Er hob das Teil auf und sah sich zu dem Mädchen um, schätzte grob ab, ob es ihm passen würde, und kam zu einem positiven Ergebnis. Einige Minuten Fußweg hangabwärts fand er einen Büstenhalter, der am vorstehenden Grat eines Felsens baumelte, leuchtend weiß mit einem Verschluss aus Metall, der sich unter seinen Fingern eiskalt anfühlte.

Mark hörte den Helikopter, ehe er ihn sah. Das Flap-flap der Rotorblätter hallte von den Felsen wider und versetzte die Tierwelt in Angst und Schrecken. Die Polizeimaschine kreiste, bestimmte die genaue Lage des Leichenfundorts und informierte die Einheiten, deren blaue Lichter erstmals in der Tiefe sichtbar wurden. Mark trug die Kleidung, die er gefunden hatte, den steilen Hang empor zu dem Mädchen.

Ein Gesicht tauchte über der Bergkuppe auf, gefolgt von zwei weiteren. Der Besitzer des ersten ging direkt auf Mark zu und streckte die Hand aus.

»Guten Morgen«, sagte er mit einem schwachen, aber unverkennbaren französischen Akzent. »Ich bin Detective Inspector Luc Callanach. Ich nehme an, Sie sind derjenige, der das hier gemeldet hat?« Mark nickte. »Entfernen wir uns ein Stück vom Fundort. Wie geht es Ihnen?«

»Weiß nicht so recht«, antwortete Mark. »Besser als diesem Mädchen, schätze ich.«

Besser als dem Mädchen ging es ihm allerdings, dachte Callanach. Im Stillen hoffte er, ihr Tod ginge auf einen Unfall zurück. Zugleich fragte er sich, wie viel Zeit er wohl damit zubringen würde, ihr Gesicht auf Fotos auf der Anschlagtafel im Lagezimmer anzustarren. Ob wohl je irgendein Mensch des Morgens erwachte und ahnte, dass er zu einem...

Dateiformat: ePUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat ePUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

8,99 €
inkl. 7% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen