Die Verstummten

Thriller
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Februar 2013
  • |
  • 432 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-08833-0 (ISBN)
 
Die Toten reden nicht

Die Rechtsmedizinerin Carina Kyreleis entgeht nur knapp einem Unfall. Im letzten Augenblick kann sie dem jugendlichen Geisterfahrer ausweichen. Als sie wenig später dessen Eltern benachrichtigen will, findet sie das Ehepaar tot auf - in bizarrer Hochzeitstracht gemeinsam auf dem Ehebett liegend. Carinas Vater, Kriminalhauptkommissar Matte Kyreleis, übernimmt die Ermittlungen. Zunächst deutet alles auf Selbstmord hin, doch zunehmend gerät der junge Geisterfahrer in Verdacht.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 1,43 MB
978-3-641-08833-0 (9783641088330)
weitere Ausgaben werden ermittelt

2.

»Hast du Schmerzen?«, fragte Carina.

Ihr Vater winkte ab, ließ sich in Zeitlupe auf dem Beifahrersitz seines Autos nieder und schaffte es nur unter Mühen, den Gurt zu packen und über die rechte Schulter zu ziehen. Die Schussverletzung in der Hüfte, die ihm sein ehemaliger Arbeitskollege Krallinger vor zehn Monaten zugefügt hatte, bereitete ihm immer noch Probleme. Carina legte seinen Walkingstock, bei dem er die Schlaufen abgeschnitten hatte, auf die Rückbank und half ihrem Vater den Gurt festzustecken.

»Weißgrau gestreiftes Stehkragenhemd zur dunkelblauen Jeans, schick siehst du aus.«

»Findest du?« Er zupfte an der Bügelfalte über den Knien herum. »Ich hab das Bügelwasser nicht gefunden und die Hose stattdessen mit Leitungswasser besprengt, jetzt ist alles noch etwas feucht.«

Sie schnupperte. »Ein neues Aftershave? Da wird sich Ma., ich meine Silvia freuen«, korrigierte sie sich schnell. Noch immer fiel es ihr schwer zu akzeptieren, dass Silvia nicht ihre richtige Mutter war. Einunddreißig Jahre lang hatte sie das geglaubt. Wer konnte sagen, ob sie es jemals erfahren hätte, wenn Matte nicht angeschossen worden wäre.

»Na, dann los.« Sie rutschte mit dem Sitz vor, stellte den Rückspiegel ein und verschaffte sich einen Überblick über die Schalthebel. Der Sitz lag tiefer als im Peugeot ihrer Kollegin Susanne Schmetterer, deren Auto sie sich ab und zu auslieh, wenn sie zu einem rechtsmedizinischen Gutachten aufs Land fahren musste. Carina wunderte sich, wie ihr Vater, der nur zwei Zentimeter größer als sie war, über die Kühlerhaube seines Fords sehen konnte. Mit dem Starten des Motors schaltete sich automatisch das Radio ein. Sie lenkte den Wagen aus der Tiefgarage und wurde von der Sonne geblendet, die nach dem heftigen Gewitter, das vor zwei Stunden auf München niedergegangen war, wieder grell herunterbrannte. Carina klappte die Blende herab.

»Brauchst du das Navi?« Ihr Vater schob die Hand unter den Gurt, wo er auf die OP-Narbe drückte.

»Aus München finde ich schon raus, aber dann zu Silvias Seminar . wo ist das überhaupt?«

Er zog einen kleinen Zettel aus der Brusttasche. »In der Turmackerstraße. Gleich am Ortsanfang von Garmisch, hat sie gesagt.«

Bereits am späten Vormittag war die Innenstadt verstopft. Als hätten die Urlauber den Platzregen abgewartet und würden allesamt genau jetzt aufbrechen. Wohnmobile mit Fahrrädern und Vans mit Dachgepäckständern preschten durch die große Pfütze an der Ausfahrt und bespritzten die Fußgänger, die gerade ihre Schirme geschlossen hatten. Als sich endlich eine Lücke auftat, schoss Carina mit einem Schlenker in die Albert-Roßhaupter-Straße. Matte zischte durch die Zähne und klammerte sich am Fenstergriff fest.

»Was sagt der Arzt zu deiner Narbe, ist alles gut verheilt?« Hätte das Projektil, das ihm aus der Beckenschaufel entfernt worden war, nur wenige Millimeter daneben eingeschlagen, wäre es tödlich gewesen. »Du weißt, dass so eine Schusswunde jederzeit hochgehen kann?«

»Hochgehen! Wie du dich ausdrückst, als wärst du beim Sprengkommando. Manchmal sticht es, aber das ist normal.«

»Normal? Wer sagt das?« Sie fuhr ein paar Meter in Richtung der nächsten roten Ampel, bremste dann, weil ein Wagen von links auf ihre Spur einscherte.

Matte strich ihr über den Arm. »Konzentrier dich auf die Straße. Mir geht's gut, wirklich, da ist nichts.«

»Fühlt es sich komisch an, spürst du ein Ziehen oder Stechen? Darf ich es mir mal ansehen?«

»Das würde dir so passen, dass sich dein alter Vater vor dir entblößt, nichts da.« Er tätschelte ihre Hand, die auf dem Lenkrad lag. »Aber nett, dass du dich um mich sorgst. Mich drückt nur der Scheißgürtel, dabei ist er ohnehin im letzten Loch.« Er öffnete die Schnalle und atmete aus. »Vielleicht sollte ich weniger Ausgezogene essen oder mir Hosenträger zulegen. Mit dem Stock zusammen, das gibt den perfekten Opa.« Sein Enkel Sandro, der Sohn ihrer Schwester Wanda, hatte heute seinen letzten Kindergartentag. »Wann ist noch mal Sandros Abschiedsfeier?«

»Um zwei geht's los.« Carina sah auf die Uhr am Armaturenbrett, vier nach elf. »Das schaffen wir locker, eine Stunde nach Garmisch, dann eine zurück. Wir könnten sogar noch mittagessen gehen, ja?«

»Wieso, gibt es da nichts, im Kindergarten? Aber gute Idee, lieber essen wir vorher was.« Er seufzte. »Drei Kreuze, dass diese nervige Kindergartenzeit endlich vorbei ist.« Laut Wanda waren alle Erzieher unfähig und erkannten Sandros Stärken nicht. Wo er doch mit sechs Jahren schon eigene Songs komponierte. »Erzähl du lieber was. An was seid ihr gerade dran? Rekonstruierst du mal wieder ein Gesicht?«

Sie schwieg. Nicht sie, sondern er war mit Antworten überfällig.

»Was gibt's Neues in Haidhausen, wie sind deine Nachbarn?«, bohrte er weiter.

Außer dem Hausmeister hatte Carina noch niemanden kennengelernt; vielleicht sollte sie mal mit einem Guglhupf herumgehen und sich vorstellen: Hallo, ich bin die Rechtsmedizinerin aus dem Dachgeschoss, also wenn bei Ihnen mal ein Toter herumliegt .

Vor dem Luise-Kiesselbach-Platz standen sie im Stau. Ferienbeginn in Bayern. Manche Eltern schienen ihre Sprösslinge gleich nach der Zeugnisverteilung verladen zu haben.

»Wenn da was wäre bei dir, eine Bauchfellentzündung oder Ähnliches, würdest du mir das sagen?«, wandte sie sich an ihren Vater.

»Wenn, wenn . du klingst wie der Wenn-wir-Kurti, aber der war das nicht.«

»Kurt Krallinger war was nicht?« Carina kapierte gar nichts mehr. »Heißt das, du kannst dich nicht mehr erinnern, ob er auf dich geschossen hat?« Sie drehte das Radio leiser.

Matte rutschte auf seinem Sitz hin und her. »Doch, er hat auf mich geschossen, aber da steckt mehr dahinter.«

Am Montag begann der Mordprozess. Anfangs hatte es geschienen, als würde es zu keiner Anklage kommen, da Krallinger für das Bundeskriminalamt gearbeitet hatte und der Fall intern geklärt werden sollte. Aber ob unter dem Druck der Medien oder weil Mattes Chef einen guten Draht zur Staatsanwaltschaft hatte, wider Erwarten fand die Verhandlung nun doch in München und nicht in Wiesbaden beim BKA statt, und ihr Vater würde nicht nur als Zeuge, sondern auch als Nebenkläger auftreten.

»Krallinger ist geschickt worden. Ich glaube, für das, was er getan hat, wird er nicht verurteilt.«

Sie spürte, worauf das hinauslief. Ihr Vater spekulierte seit Wochen, ob Krallinger, wie Krallinger und warum Krallinger, und darüber jetzt zu diskutieren würde die ganze Fahrt dauern. Mit anderen Worten: Er käme mal wieder davon. Carina bog auf die regennasse Autobahnauffahrt Richtung Garmisch, wechselte auf die linke Spur und gab Gas. Das würde sie nicht zulassen.

»Du kannst in den fünften schalten.« Matte klopfte auf das Armaturenbrett, als wollte er einen Gaul beruhigen. »Ist besser fürs Getriebe.«

Als die Achtziger-Zone hinter ihr lag, überholte Carina Wagen für Wagen. Nach einer Familienkutsche mit Surfbrettern auf dem Dach scherte sie ein und drosselte das Tempo. Plötzlich war keiner mehr vor ihnen, sie hatte alle abgehängt. Das bedeutete freie Sicht und Zeit zum Fragen. Sie holte tief Luft. Er sollte ihr einfach alles sagen, alles von Anfang an und den ganzen Rest. Matte richtete sich auf und drehte das Radio wieder lauter.

»Shine on« erklang. I could use the same old lies, but I'll sing.

James Blunt dehnte dieselben alten Lügen über zwei Takte, das passte, dachte Carina. Hoffentlich versuchte ihr Vater es jetzt nicht mit Singen. Sie schaltete das Radio aus. »Erzähl mir von ihr«, fing sie an. »Wer ist meine Mutter, wie habt ihr euch kennengelernt, warum hat sie mich loswerden wollen?«

»Sie hat dich nicht loswerden wollen.«

»Ach, nicht?« Hundertzwanzig Stundenkilometer, hundertdreißig. Die Fahrbahn war trocken, anscheinend war das Gewitter nur über München niedergegangen. Sie beschleunigte weiter, als neue Wagen in Sicht kamen. »Wie nennt man das sonst, wenn eine Mutter ihr Kind weggibt und sich nie mehr meldet, über dreißig Jahre lang? War sie Fallschirmspringerin und hat mich nach der Geburt irgendwo abgeworfen?« Sie überholte und gab weiter Gas. Ihr Vater presste sich in die Rückenlehne und trat in die Fußmatte. »Wie wäre es, wenn du mir einfach alles über sie erzählst, gleich hier und jetzt.« Carina schrie es fast. Dabei hatte sie sich vorgenommen, ganz ruhig zu bleiben. Etwas Schwarzes weit vorne raste auf sie zu. Eine Kamikaze-Fliege, dachte sie noch und richtete sich im Sitz auf, als auch schon ein Mini Cooper auf sie zuschoss.

Matte griff ihr ins Lenkrad und riss es herum. Der Ford schlenkerte, Carina knallte mit dem Kopf gegen die Seitenscheibe, ihre Brille verrutschte. Das junge Gesicht des Fahrers, als die Wagen aneinander vorbeiwischten, brannte sich auf ihre Linse. Augen und Mund weit aufgerissen, wie zu einem Schrei. Dann war er an ihnen vorbei, so nah, dass sie glaubte, die beiden Karosserien hätten Funken gesprüht. Sie starrte in den Rückspiegel. Ein roter Volvo befand sich noch auf der linken Fahrspur, versuchte hektisch auszuweichen und drehte nach rechts. Der Mini schrammte seinen Kotflügel und prallte ab, kreiselte um sich selbst und überschlug sich dann. Auch der Volvo schlingerte und preschte auf die Böschung zu. Carina bremste auf dem Seitenstreifen. Erst jetzt merkte sie, wie ihr Herz raste. Um ein Haar wären sie mit dem...

"Höchst spannender Thriller!"
 
"Ein psychologisch raffinierter Thriller, der einmal mehr beweist, dass Spannung nicht allein an skandinavischen Schreibtischen zu Hause ist."

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