Schmutziger Mord. Krimi

 
Olive Feuerbach (Autor)
 
Konkursbuch Verlag
1. Auflage | erschienen im November 2011 | 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-88769-825-6 (ISBN)
 
Der zweite Krimi von Olive Feuerbach spielt in Süddeutschland. Corinna 'Coco' Conradt, die Stuttgarter Kommissarin, steht wie alle vor einem Rätsel. Wieso wurde Otto Korbach bestialisch umgebracht? Ein Pensionär, der ruhig und zurückgezogen lebte. In der Nähe alles ordent­lich, ja bieder. Doch bald bröckelt die Oberfläche: Eine Erbschleicherin mit Securi­ta­te-Ver­gangen­heit taucht auf, die Tochter lebt als butch in einem schrägen, vielleicht kriminelllen Milieu in Berlin, der Sohn in Fernost ist wirtschaftlich ruiniert und die Exfrau war in der Tatnacht aus der Psych­iatrie verschwunden. Sogar der Verfassungs­schutz interessierte sich für ihn. Doch ein Verdachts­momen­t nach dem anderen führt ins Leere ... Coco arbeitet in den Widersprüchen und Spannungen ihrer Heimatregion, Schwaben, zwischen dem geduldigen, beinahe feinmechanischen Blick auf die Dinge - und der Weite der Perspektive, zwischen Grübelei und cooler effizienter Kriminalistik. Und so führt sie auch ihr privates Leben mit Judith ... Im Hintergrund des Romans steht ein reales Verbrechen, doch alle Figuren handeln anders.
Deutsch
0,36 MB
978-3-88769-825-6 (9783887698256)
3887698258 (3887698258)
weitere Ausgaben werden ermittelt

8


Als Coco heranfuhr, zügig aber wachsam wegen möglicher Eisplatten, irritierte sie etwas. Knobloch, der Wachhabende von der Leitstelle, hatte sie gewarnt, sie werde eine säuische Metzelei vorfinden, aber das war es nicht, das gehörte zum Job.

Vielleicht ärgerte sie die Ahnung, dass auch hier eine Ordnung gestört war. Lag es am Straßennamen? Die Straße, durch die sie fuhr, hieß »Im Himmel«, kein Witz, so stand es tatsächlich auf den Schildern. Man konnte sich den Dingen nicht entziehen, der Mord kam in die ruhigsten idyllischen Wohnlagen. Als sie den Wagen ausrollen ließ, sah sie die Gardinen der Nachbarhäuser sich bewegen und wusste, was sie ärgerte: dass nicht einmal ein Mord geeignet war, diese Fassade von bürgerlicher Ordentlichkeit anzukratzen. Jeder normale Mensch wäre jetzt auf die Straße gekommen, hätte gefragt, was los war, sich aufgeregt, vielleicht auch die Polizei behindert, aber das wäre ihr immer noch lieber gewesen. Die Menschen würden zuschauen, über Motive und Gründe spekulieren, über Angehörige sprechen, Anteil nehmen. In der Altstadt, in Ausländerquartieren, unter kleinen Leuten, da war es manchmal noch so. Nicht so hier: die Zeitung und die FAZ waren ausgetragen, das Gerücht ging per Telefon herum, und die Neugier lauerte gesichtslos hinter den Gardinen. Was sie für eine Idylle hielten, war nur borniert.

Die Kollegen vom Revier waren noch vor Ort. Ihr Stellvertreter und Kumpel Fahnauer, unübersehbar mit seiner schlaksigen Figur und dem wirren roten Haarschopf, war vor ihr von Heslach heraufgekommen. Auch die Techniker der Spurensicherung waren schon am Werk. Und der Gerichtsmediziner Dr. Roscher mit seinen beiden Helfern. Wie es Roscher geschafft hatte, so schnell von Walddorfhäslach herzukommen, war Coco ein Rätsel. Sie gab dem Doktor und den Kollegen die Hand, die sie wortkarg begrüßten, und als sie die Szene sah, wusste sie auch, warum ihnen die üblichen Scherze im Hals stecken geblieben waren. Sie hatten den Toten nur noch liegen lassen, damit sich auch Coco ein Bild machen konnte. Das Opfer lag im Schlafzimmer, unbekleidet, die Hände auf dem Rücken und die Beine an den Knöcheln mit Draht umwickelt und breit gespreizt. Verstümmelt am Gesicht, an den Genitalien, sogar am Bauch, und alles voll Blut. Coco war inzwischen hart im Nehmen, aber was sie hier sah, war auch für sie fast zu viel. Sie fixierte das Thermometer, das der Arzt in die Bauchhöhle der Leiche eingeführt hatte, und ging schnell an die frische Luft. Lass zuerst die Spezialisten ihren Job machen, sagte sie sich, die machen das gut, aber am Ende ist es doch wieder der Zufall, der uns den entscheidenden Hinweis zuspielt oder nicht.

Draußen nahm sie eine junge Beamtin vom Revier im Empfang. »Sie wollen sicher mit dem Nachbarn sprechen, der ihn gefunden hat?«

Coco registrierte ihre schönen vollen Haare und die feinen Härchen in ihrem gebräunten Nacken, äußerster Gegensatz zu dem blutigen Klumpen drinnen, der wohl ein älterer Mann gewesen war. Ihr Gesicht kannte sie von einem Ausbildungskurs.

»Verzeihung, sagen Sie mir nochmals den Namen.«

»Er heißt Schreitmüller, wenn ich es richtig mitgekriegt habe. Er konnte erst gar nicht sprechen.«

»Ach so. – Ich meinte Ihren. Waren Sie nicht bei mir im Kurs?«

Als die junge Kollegin sie erschreckt ansah, fiel ihr auf, wie sehr das Ganze sie mitgenommen hatte.

»Jutta. Jutta Kübler«, sagte sie kaum hörbar.

Coco unterdrückte den Wunsch, die warme und so lebendige junge Frau in den Arm zu nehmen. »Natürlich. Jutta Kübler! – Das ist eine üble Berufskrankheit, dass wir Namen fast nur noch behalten, wenn sie zu einem Fall gehören.« Zum Abschluss des Kurses waren sie damals alle zum Bowling gegangen und hatten auf Du getrunken und bei Jutta war ihr das nicht unangenehm gewesen.

»Wollen wir nicht wieder du sagen? – Und das hier, lass bloß nicht an dich ran, was du da drin gesehen hast! Sogar eine zynische alte Kriminalerin wie ich steckt das nicht leicht weg. Pack so schnell wie möglich deinen Freund und geh mit ihm ins Kino, damit du auf andere Gedanken kommst.«

»Ich hab grad keinen Freund«, sagte Jutta.

Das ist gut, dachte Coco, die Lebensgeister kommen schon wieder. Sie beschloss, ihr nicht zu sagen, dass sie eigentlich in festen Händen war. Aber da waren sie schon bei den alten Schreitmüllers in der Küche.

Der Mann erzählte, was er gehört hatte, und dass der Wecker genau zwei Uhr zeigte, als er sich wieder hinlegte.

»Ist Ihnen sonst irgendwas aufgefallen, am Vorabend vielleicht, oder in den Tagen vorher? Oder danach ein Geräusch, als Sie noch wach lagen, Schritte vielleicht? Der Täter muss ja gekommen und gegangen sein.«

Schreitmüller erwähnte die Autos, die er gehört und gesehen hatte, aber die hatten nach seiner Ansicht nichts mit dem Nachbarhaus zu tun. Sonst nichts.

Jutta griff ein und berichtete in drei Sätzen vom Einbruch etwa um diese Zeit und dem gestohlenen Audi.

»Und wann haben Sie das da drüben entdeckt?«

»Ich hol die Zeitung meistens kurz vor acht. Es war Zufall, dass ich die eingeschlagene Scheibe bemerkt habe, und denke noch, warum hat er nicht die Polizei geholt? Und wollte schon reingreifen, da hat mich irgendwas stutzig gemacht. Da bin ich zurück, hab den Schlüssel geholt und zu Hanna gesagt, sie soll die Polizei rufen. Und dann hab ich ihn gefunden. So was hab ich selbst im Krieg nie gesehen. Sagen Sie, wer ist imstande und tut so etwas? Dann kam zum Glück Ihre Kollegin hier.«

Erst jetzt machte sich Coco klar, wie alt der Mann sein musste. Der Krieg war nun sechsundfünfzig Jahre vorbei. Nach dem, was er sagte, müsste er an die achtzig sein. Und wirkte nicht wie ein Tattergreis, sondern gesund und elastisch. Auch das war Suburbia. Irgendwo hatte Coco gelesen, dass heutzutage die Greise von Senioren beerbt wurden, und fragte sich, ob es irgendwo einen noch älteren Schreitmüller gab, im Augustinum vielleicht, mit hundert oder noch mehr Jahren, oder zumindest seine Witwe. Aber das war nicht Cocos Thema, als Polizistin hat man sowieso nicht viel zu vererben …

»Sagen Sie, was waren Sie selbst von Beruf?« Coco hörte sich fragen, aber hatte diese Frage gar nicht stellen wollen.

Schreitmüller lachte. »Wir sind eigentlich Kollegen. Ich war lange bei der Verkehrsstaffel, bis ich bei einer Verfolgung auf der Autobahn den Porsche zerlegt habe und mich zum Teil mit. Danach war ich bloß noch im Büro zu gebrauchen und als sie mich invalidieren wollten, hab ich nicht nein gesagt.«

Coco überlegte, ob die Alten, die da vor ihr saßen, noch Sex hatten. Zuzutrauen wäre es ihnen gewesen. Die Ehefrau, die Hanna hieß, schien mehr gealtert als der vitale Invalide.

Inzwischen berichtete Schreitmüller unaufgefordert, was er über seinen Nachbarn wusste, sichtlich um Präzision bemüht. Korbach, Vorname Otto, war Mitte sechzig, lebte allein, materiell ging es ihm gut. Zweimal die Woche kam die Haushälterin, eine Griechin, die längst schwäbisch sprach. Er lebte unauffällig, reiste öfter in die Schweiz, seltener nach Österreich ins Ötztal, tat keiner Fliege was zuleide, fuhr jeden zweiten Morgen zum Schwimmen ins Leuze und konsultierte entsprechend häufig seinen Urologen. Das Leuze war ein Mineralbad, in dessen Kaltwasserbecken sich frühmorgens das eingesessene Bürgertum ein Stelldichein gab, fast ausnahmslos Männer über fünfzig, Freiberufler, Manager, höhere Beamte, quasi ein Ersatz für ihre Studentenverbindungen. Alles in der Norm bei Korbach. Und oft gegen Abend ließ er sich in die Kantine des Reitvereins drüben in Botnang fahren und holte sich seine Bettschwere.

»Angehörige?«

Der Sohn, Hans-Peter, arbeitete bei einem großen IT-Konzern und war nach Aussage seines Vaters vor Kurzem zum stellvertretenden Leiter der Niederlassung in Singapur ernannt worden.

»Wie stand der zu seinem Vater?« Coco dachte kurz an die Familientragödien, die sie gesehen hatte. Die Brutalität des Gesehenen ließ sie eher an ostasiatische Jakuza denken. Dann korrigierte sie sich, ein Freund hatte ihr erst kürzlich nach längerem Aufenthalt in Japan berichtet, dass dort das Abschneiden der Finger nicht als besonders grausame Strafe betrachtet wurde, sondern als ein Opfer, durch das der Betreffende seine erneute Aufnahme in die Gemeinschaft der Bande erwirkt. Was sich im Nebenhaus abgespielt hatte, war grausamer …

Hanna antwortete zuerst: »Nicht gut. Korbach hat versucht, uns da was vorzumachen. Hans-Peter hat ihm nachgetragen, dass er seine Mutter kalt abserviert hat, als sie krank wurde.«

Coco bat sie mit einem Nicken weiterzusprechen.

»Als sie das Haus hier gekauft haben, war sie schon krank. Eine schwere Psychose, sie war fast ständig in der Klapse. Schließlich musste sie auf Dauer eingewiesen werden. In dem Moment ließ er sich scheiden. Soviel ich weiß, muss er den Unterhalt zahlen, aber der Konzern zahlt einen Zuschuss.«

Coco wusste schon, was gemeint war, wenn jemand hier vom Konzern sprach, nämlich die große Autofirma.

»Wann war das? Lebt sie noch?«

»Das Haus haben sie ’82 oder ’83 gekauft und dann ging das vielleicht zwei Jahre, bis sie endgültig verschwand. So vor fünfzehn Jahren, schätze ich, hat er sich scheiden lassen. Soweit ich weiß, lebt sie immer noch in Winnenden im psychiatrischen Landeskrankenhaus.«

»Haben Sie eine Adresse vom Sohn?«

Schreitmüller schüttelte den Kopf. »Im Haus drüben müsste man sie finden. Er hat seinen Alten zwar gehasst, aber die Form gewahrt.«

»Kennen Sie sonst jemand, der ihn kannte?«, fragte Coco.

»Eine Tochter gab es … Hanna, wie hieß Korbachs Tochter? – Wissen Sie, die Kinder waren beide im Internat, wir haben...

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