Simone

Roman
 
 
Aufbau Verlag GmbH
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 4. Dezember 2017
  • |
  • 240 Seiten
 
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978-3-8412-1460-7 (ISBN)
 
In diesem im Jahre 1940 in Frankreich spielenden Werk versuchte Lion Feuchtwanger, eine Brücke zwischen Jeanne d' Arc, der "Jungfrau von Orleans" und Retterin Frankreichs, und einer Fünfzehnjährigen in dem von Deutschen besetzten Land zu schlagen. Madame, schwarz und massig, betrachtet Simone eine kleine Zeit durch ihr Lorgnon. Ihr Gesicht verriet, was ihr Mund gleich sprechen würde: "Hochmütig, aufsässig, vorwitzig." Simone hatte sich eingemischt in die Geschäfte ihrer Verwandten. Es war passiert, nachdem sie Schriften über das Leben Jeanne d'Arcs gelesen hatte. Das tat sie oft, abends, vor dem Einschlafen. Diesmal aber war merkwürdiges geschehen.Im Traum hatte ihr toter Vater ihr einen Auftrag erteilt. Sie sollte dem Herrscher Frankreichs zeigen, wer die wirklichen Feinde des Landes sind: die Zweihundert Familien, die bereit waren, mit den Deutschen zu kollaborieren. Noch zweimal wird Simone in die Geschicke ihres Heimatlandes eingreifen. Jedesmal trägt sie dabei ihre dunkelgrünen Hosen; ein Indiz ihrer Aufsässigkeit, jedenfalls in den Augen Madames, der Stiefgroßmutter. Auch Jeanne d'Arc hatte man vorgeworfen,, sie verstoße durch ihre Männerkleider gegen die Gebote der Schrift. Als Onkel Prosper zögert, die Anweisung des Präfekten auszuführen und seinen Fuhrpark zu zerstören, damit er deutschen Truppen nicht in die Hände falle, handelt Simone. Sie zündet das Benzinlager an. Ein privater Racheakt, behaupten Madame und Onkel Prosper wider besseres Wissen, um die Gunst der Einflußreichen nicht zu verlieren und die Firma zu erhalten. - Eine patriotische Tat, wissen die Einwohner von Saint-Martin. Ihre Sympathie wird Simone helfen, die ihr "administrativ" auferlegte Strafe mit Würde zu tragen.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 2,21 MB
978-3-8412-1460-7 (9783841214607)
3841214606 (3841214606)
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Lion Feuchtwanger, 1884-1958, war Romancier und Weltbürger. Seine Romane erreichten Millionenauflagen und sind in über 20 Sprachen erschienen. Als Lion Feuchtwanger mit 74 Jahren starb, galt er als einer der bedeutendsten Schriftsteller deutscher Sprache. Die Lebensstationen von München über Berlin, seine ausgedehnten Reisen bis nach Afrika, das Exil im französischen Sanary-sur-Mer und im kalifornischen Pacific Palisades haben den Schriftsteller, dessen unermüdliche Schaffenskraft selbst von seinem Nachbarn in Kalifornien, Thomas Mann, bestaunt wurde, zu einem ungewöhnlich breiten Wissen und kulturhistorischen Verständnis geführt. 15 Romane sowie Theaterstücke, Kurzgeschichten, Berichte, Skizzen, Kritiken und Rezensionen hatten den Freund und Mitarbeiter Bertold Brechts zum "Meister des historischen und des Zeitromans" (Wilhelm von Sternburg) reifen lassen. Mit seiner "Wartesaal-Trilogie" erwies sich der aufklärerische Humanist als hellsichtiger Chronist Nazi-Deutschlands.

2
Der Fuhrhof


Aber als sie schnellen Schrittes den Treppenweg hinunterging, der sie zurück ins Zentrum der Altstadt führte, waren ihre Zweifel verflogen. Es war gut gewesen, daß sie Père Bastide aufgesucht hatte. Sie fühlte sich leichter. Frankreich wird es schaffen.

Der Treppenweg mündete ein in die Rue de l'Arquebuse, und hier stand das stattlichste Haus der Altstadt. Es war das Haus Nummer 97, die Nummer 97 war mit großen, altmodisch verschnörkelten Ziffern gemalt. 97 Rue de l'Arquebuse. In der Schule hatte Simone gelernt, daß das schöne Palais einmal dem alten, edeln Geschlecht der Trémoille gehört hatte und später den Montmorencys. Jetzt verkündete ein großes, blankes Kupferschild, daß hier der Rechtsanwalt und Notar Charles-Marie Levautour seinen Beruf ausübte. Ja, das stattliche Haus gehörte dem Maître Levautour, und Simone, wie sie heute hier vorbeiging, verspürte einen noch stärkeren Widerwillen als sonst. Maître Levautour, ein Altersgenosse und Schulkamerad ihres Vaters, war einer jener Advokaten, welche verhindert hatten, daß dem Gedächtnis Pierre Planchards sein Recht wurde. Er hatte die Preß-Kampagne gegen Pierre Planchard mit immer neuem, giftigem Material gespeist, er hatte es verhindert, daß die Gemeinde Saint-Martin eine Gedenktafel für Pierre Planchard stiftete. Simone haßte ihn abgründig. Er gehörte zu denen, gegen die Père Bastide gewütet hatte. Er war einer von den Anwälten, die, angetan mit ihren schwarzen Roben und Baretten und weißen Halskrausen, das Volk mit hundert Tricks um sein Recht prellten, die die Schuld trugen an dem Unheil, das Frankreich jetzt heimsuchte.

Sie war wieder in der Avenue du Parc angelangt, wo der Weg ins Geschäft abbog. Es war spät, und es lag noch eine Menge Arbeit in Garten und Küche vor ihr. Sie sollte nach Hause, den Gang ins Geschäft könnte sie sich schenken. Sie hätte einen guten Grund: das Einholen hat besonders lange gedauert. Überdies scheint ihr heute der Dienst an der Benzinpumpe doppelt widerwärtig. Auch denkt sie mit Unbehagen an die frechen Blicke und die dreckigen Anmerkungen, die der Chauffeur Maurice bestimmt für sie in Bereitschaft hat.

Da stand sie also wieder an der Avenue du Parc, wo der Weg nach Hause und der Weg ins Geschäft sich schieden; unschlüssig stand sie und zögerte. Dann aber, wiewohl eigentlich alles dagegen sprach, ging sie die Avenue du Parc hinunter, den Weg ins Geschäft. Sie wollte nicht feig sein. Wenn sie sich nicht an ihre Pumpe stellt, dann denkt der Chauffeur Maurice, sie bleibe seinethalb fort, sie habe Angst vor seinen Reden. Nein, sie hat keine Angst.

Wiewohl sie schnell ging und der Weg abwärts führte, brauchte sie eine gute Viertelstunde. Das Transportunternehmen Planchard lag am äußersten Westrand der Neustadt, dort, wo die Hauptzufahrt nach Saint-Martin abzweigte von der großen Straße 6, die in weitem Halbkreis um den Stadthügel führte. Das Transportunternehmen Planchard lag nicht unmittelbar an der Straße, es nahm geräumiges Gelände ein und hatte seine eigene Zufahrt.

Onkel Prosper hatte sich gegen eine Überschwemmung durch die Flüchtlinge wirksam gesichert. Eine Kette sperrte die Zufahrtsstraße zu seinem Unternehmen, ein riesiges Schild war angebracht: »Sackgasse, führt nur zum Haus«, und zwei von seinen Packern hielten Wacht. An den verschlossenen Toren der Mauer, die den Fuhrhof umgab, stand in Riesenlettern: »Kein Benzin, keine Autoutensilien, keine Reparaturen, keine Landkarten.«

Auch hier gelangte Simone mittels eines Signals ins Innere. Sie meldete sich zuerst im Büro. Nach dem wüsten Gedräng der Straße wirkten die Räume leer und friedlich. Die bunten Plakate schauten heute sonderbar sinnlos von den Wänden; da rollten riesige Lastwagen auf gefährlich steilen Pfaden, da steuerten gewaltige Schiffe mit mächtigem Kiel durch schäumende Wellen, da schlängelten sich romantische Straßen durch zerklüftete Berge.

Für einen flüchtigen Augenblick wurde sich Simone bewußt, wie umfangreich das Unternehmen war, das Onkel Prosper aufgebaut hatte. Nicht nur besorgte das Transportunternehmen Planchard den ausgedehnten Lastverkehr des ganzen Departements, Verfrachtung von Holz und Wein vor allem, nicht nur betrieb die Firma verschiedene Autobuslinien, sie hatte auch Straßen gebaut in die dunkel romantische Gebirgslandschaft im Osten und einen blühenden Fremdenverkehr organisiert.

Simone war erstaunt, Onkel Prosper nicht gleich bei ihrem Eintritt wahrzunehmen. In welchem Winkel immer des großen Betriebes man sich aufhielt, von überallher pflegte man sonst den lebhaften Herrn zu sehen oder zu hören; er schien überall zugleich zu sein, in den Büros, in der weiten Garage, auf dem Fuhrhof, mit seiner tiefen, schallenden Stimme Weisungen gebend oder jovial schwatzend, und Simone hatte geglaubt, in dieser Zeit der Not werde er doppelt geschäftig sein.

Monsieur Peyroux, der Buchhalter, klärte sie auf. Der Chef hatte sich oben in sein Privatkontor eingeschlossen und wollte nicht gestört sein. Er verhandelte mit dem Châtelain, mit dem Marquis de Saint-Brisson. Der Herr Marquis, erzählte Monsieur Peyroux ehrfurchtsvoll flüsternd, habe sich, da das Telefon nicht funktioniere, in Person vom Schloß herunter zu Monsieur Planchard bemüht. Das Hasengesicht des Buchhalters sah töricht aus vor Respekt.

Mit Mademoiselle Simone sprach Monsieur Peyroux offen und vertraulich. Er hing an der Firma, er war stolz, ein Angestellter Monsieur Planchards zu sein, den er bewunderte, und in Mademoiselle Simone sah er eine Verwandte des Chefs. Er hielt es für selbstverständlich, daß sie es als hohe Ehre empfand, wenn ein Herr wie der Marquis de Saint-Brisson angewiesen war auf die Hilfe Monsieur Planchards. Die andern Angestellten des Büros aber lächelten und zwinkerten Simone zu; vermutlich machten sie bösartige Witze über die Geschäfte, die der Marquis, der »Faschist«, dem Onkel dort oben in seinem Privatkontor vorschlug.

Simone ließ sich den Schlüssel zur Pumpe geben und ging, ihren Dienst anzutreten. Sie überquerte den Hof. Sonst war hier viel Geschäftigkeit; Touristenwagen, Autobusse, große Frachtwagen kamen an und fuhren ab, wurden repariert, geprüft, befrachtet, entladen. Heute lag der weite Hof leer in der prallen Sonne. Auf der Bank im Schatten der Mauer hockten müßig der alte Chauffeur Richard, der Packer Georges und zwei andere. Aufatmend sah Simone, daß der Chauffeur nicht unter ihnen war.

Hier auf dem Fuhrhof hatte Simone keinen leichten Stand. Onkel Prosper behandelte seine Leute jovial, freundschaftlich, geradezu herzlich, er war großzügig in allem, was nicht das Geschäft betraf. Er war beliebt. Aber wenn es ums Geschäft ging, verstand er keinen Spaß, und jetzt, mit Berufung auf den Krieg, stellte er an seine Leute hohe Anforderungen. So gab es häufig scharfe Unzufriedenheit. Allein man war abhängig von dem Patron, es stand bei ihm, wen unter seinen Packern und Chauffeuren er für unabkömmlich erklären lassen und so vor dem Dienst an der Front retten wollte, man wagte nicht, gegen ihn aufzumucken. An Simone aber, der armen Verwandten, glaubte man den unterdrückten Groll auslassen zu können. Man sah in ihr keine Kameradin, sie gehörte zum Patron, man fühlte sich von ihr beaufsichtigt und bespitzelt, und gerade das wollte man sich nicht gefallen lassen. In ihrer Gegenwart am liebsten machte man sich Luft gegen den Patron.

Onkel Prosper seinesteils trug ihr gerne solche Geschäfte auf, die er andern Angestellten nicht anvertrauen oder nicht zumuten mochte. Auch ihr Geschäft an der Benzinpumpe war dieser Art.

Die Firma Planchard hatte große Mengen Benzin gehamstert, die ihr nach den Rationierungsvorschriften nicht zustanden. Monsieur Planchard hatte Sinn für den Sou, er verschmähte auch kleine Geschäfte nicht und gab von seinem schwarzen Benzin an Leute ab, welche dafür gepfefferte Preise zu zahlen willens und in der Lage waren. In diesen letzten Tagen war Benzin wertvoller als edelster Markenwein, und Monsieur Planchards Preise kletterten immer höher. Es hatte sich indes gezeigt, daß es, wenn er einen ausgewachsenen Angestellten das Benzin verkaufen ließ, zu peinlichen Szenen kam. Die Käufer schimpften und schrien, und es gab übles Geschwätz in der Stadt. Da zog es Monsieur Planchard vor, die Abgabe des Benzins auf eine einzige Nachmittagsstunde zu beschränken und an die Pumpe ein kleines Mädchen zu stellen, das von nichts wußte, sondern einfach einen Befehl ausführte.

Versperrten, trotzigen Gesichtes stellte sich Simone an ihre Pumpe. Da stand sie in ihrem netten, hellgrünen, gestreiften Kleid, und der rote Lack der Pumpe leuchtete grell in der prallen Sonne.

Ein Käufer kam, und wie sie ihm den Preis nannte, zuckte er zurück und fragte noch einmal und preßte die Lippen zusammen und zögerte und entschloß sich und schluckte und zahlte. Ein zweiter kam und war empört und ging. Ein dritter kam und schimpfte unflätig und zahlte.

Widerwärtig war Simone dieses Geschäft immer gewesen. Aber die zehn Jahre, während deren sie in der Villa Monrepos herangewachsen war, hatten sie durchtränkt mit der Überzeugung, Onkel Prosper sei ein großer, vorbildlicher Geschäftsmann, und was er tue, sei das Richtige. Wenn er sie an die Pumpe stellte, so war das recht. Wenn sie ihren Dienst an der Pumpe verrichtete, so war das das Geringste, was sie für einen Mann tun konnte, dem sie zu solchem Dank verpflichtet war.

Heute aber fiel ihr das Geschäft an der Pumpe besonders schwer. Es waren die Bilder hinter ihrer Stirn, die es ihr so schwer machten. Es waren vielerlei Bilder, und sie gingen ineinander: die verknäuelten Wagen mit ihren...

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