Flüchtiges Glück

Reportagen aus der Zwischenkriegszeit
 
 
Edition Atelier (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 17. September 2018
  • |
  • 168 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-99065-003-5 (ISBN)
 
Else Feldmanns Berichte und Reportagen aus der Zwischenkriegszeit sind eine Schatzkiste voll mit den wundervollsten, traurigsten und wahrhaftigsten Geschichten, die das Leben in der Großstadt zwischen 1919 und 1938 schreiben konnte. Mit einem ebenso warmherzigen wie schonungslosen Blick erzählt die engagierte Sozialreporterin der Arbeiterzeitung von flüchtigen Momenten des Glücks, von der Armut, dem Elend, den Hoffnungen und Träumen in den Proletarierbezirken. Diese erstmals in Buchform publizierten Texte heben Else Feldmanns Werk mühelos auf eine Stufe mit dem von Max Winter, Heinrich Zille oder Käthe Kollwitz.

Else Feldmann, 1884 in Wien geboren, 1942 im Vernichtungslager Sobibor ermordet. Wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und verfasste Erzählungen, Romane, Theaterstücke und sozialkritische Reportagen. 1933 Mitbegründerin der Vereinigung sozialistischer Schriftsteller. 1934 wurden ihre Werke von den Nationalsozialisten verboten. In der Edition Atelier erschienen: 'Travestie der Liebe' (hg. von Alexander Kluy)
  • Deutsch
  • 0,58 MB
978-3-99065-003-5 (9783990650035)
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»DAS VOLK MUSS VOR SICH SELBST ERSCHRECKEN!«


Dieses Wort von Karl Marx - von Else Feldmann in einem Brief aus dem Jahre 1925 an den Kulturredakteur der Arbeiter-Zeitung in Wien, Dr. Otto Koenig, zitiert - könnte als Motto über dem Lebenswerk dieser Schriftstellerin stehen, die erst dank der Wiederveröffentlichung dreier ihrer Hauptwerke (Der Leib der Mutter, 1993; Löwenzahn, 1993; Martha und Antonia, 1997) einem mehr als ein halbes Jahrhundert währenden Vergessen- und Ausgelöschtsein entrissen werden konnte. Namhafte Rezensenten im gesamten deutschen Sprachraum begrüßten geradezu enthusiastisch die Entdeckung dieser Autorin der Zwischenkriegszeit, die - ohne jede Beschönigung und ohne sentimentalen Blick - die Elendsquartiere ihrer Epoche beschreibt und ihre dunkelsten Winkel ausleuchtet, zugleich aber die Möglichkeit einer Veränderung der Verhältnisse postuliert: ». ein Arbeiterpublikum erlebt ja täglich selbst die krassesten und fürchterlichsten Dinge, so kraß konnte nicht einmal ein Zola sie schildern, als sie den Tatsachen entsprechen«, schreibt Feldmann in dem anfangs genannten Brief, der sich offenbar auf die Ablehnung einer ihrer eingesandten Geschichten bezieht, die wegen »der Prüderie des Publikums« nicht abgedruckt wurde. »Und diese Dinge ernsthaft behandelt zu sehen, sollte sie abschrecken - ich glaube, das müssten dann meist solche sein, die insgeheim noch Betschwestern sind, und die sollten erst recht aufgerüttelt werden!«

Der angesehene Literat und Rezensent Felix Salten behauptet bereits 1922 anlässlich ihres Debüts als Romanschriftstellerin in der Neuen Freien Presse, sie sei »zu gut, um sie in die erste Reihe deutscher Erzähler zu stellen . Gott bewahre - wie sieht die erste Reihe deutscher Erzähler aus! Deshalb möchte ich Else Feldmann auch gar nicht in eine derartige, etwas gemischte Gesellschaft bringen . Außerdem ist es ja ganz gleichgültig, wohin ich oder sonst jemand sie stellen will. Sie hat sich mit ihrem Buch schon selbst auf einen ganz besonderen Platz gestellt.«

Drei Buchveröffentlichungen und ein ausgeführtes Theaterstück zu Lebzeiten, ein Fortsetzungsroman (der durch die Ereignisse im Februar 1934 und das Verbot der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Österreich und ihres Presseorgans Arbeiter-Zeitung unvollständig geblieben ist), einige ebenfalls in Zeitungen in mehreren Folgen publizierte längere Erzählungen und viele Kurzgeschichten und Reportagen in Tageszeitungen und Zeitschriften: Das bis heute aufgefundene schriftstellerische Lebenswerk von Else Feldmann besticht nicht so sehr durch seinen Umfang als durch die unbeirrbare Konsequenz, mit der die Autorin die Thematik verfolgt, die sie zu der ihren gemacht hat - den Erniedrigten, Unterdrückten, Ausgegrenzten und im Leben Zu-kurz-Gekommenen eine Stimme zu leihen. Natürlich war auch das soziale und politische Umfeld im Wien jener Epoche alles andere als förderlich für die literarische Karriere einer aus ärmlichen Verhältnissen kommenden sozialistischen Schriftstellerin jüdischer Herkunft. Ihr »Wien« ist kaum als das des fast gleichaltrigen Stefan Zweig zu identifizieren - Welten liegen dazwischen, das Flair der sogenannten »Belle Epoque« wird man bei Feldmann vergeblich suchen. Nicht in den großen, Prestige und Absatz garantierenden literarischen Verlagen sind ihre Bücher erschienen, sondern in kurzlebigen, abenteuerlichen Kleinverlagen der hektischen Zwischenkriegszeit; und wenn ihre Werke den Bücherverbrennungen durch die Nationalsozialisten entgangen sind, dann wohl nur, weil sie im Sortiment des Buchhandels nicht mehr vorrätig waren.

Wer den biografischen Spuren Else Feldmanns nachgehen will, ist auf recht fragmentarische Wegmarken angewiesen: Meldezettel, Sterbeurkunden, Delogierungsprotokolle, einige wenige erhalten gebliebene Briefe; manche ihrer Zeitungsberichte und Feuilletons sind in Ich-Form geschrieben, sodass sich daraus vorsichtige Hinweise auf ihre eigene Lebensgeschichte anbieten. Sie wurde am 25. Februar 1884 in Wien als Tochter jüdischer Eltern geboren, als zweites von insgesamt sieben Kindern. Zweifellos ist Else Feldmann in bescheidensten Verhältnissen aufgewachsen; die Familie wechselte häufig die Adresse, wohl aus pekuniären Gründen, wir finden sie stets an der Peripherie der Stadt, in Arbeiterund Judenvierteln. Wenn sie später in ihren Zeitungsreportagen über das Leben von bedauernswerten Armenschülerinnen und das Elend von Fabrikarbeiterinnen schreibt, können wir annehmen, dass sie hier auf eigene Erlebnisse zurückgreift. Sie berichtet in ihren Sozialreportagen vom Wiener Kinderelend, vom Sterben im Spital, vom Vorfrühling im Wiener Armenbezirk, von Wärmestuben für die Bedürftigen, über die Ausgabe von Essensmarken für die öffentliche Volksküche und Kleidergeschenke durch Wohltätigkeitsvereine .

Für die Jahre bis 1910 fehlen fast alle Angaben über Else Feldmann. In seinem Tagebuch notiert Arthur Schnitzler am 7. Februar 1909, dass eine »Frau Feldmann, Budapest, um Übersetzungsrechte bei ihm angefragt« habe; die Vermutung liegt nahe, dass es sich hier um unsere Else Feldmann gehandelt hat, unterhielt sie doch zeitlebens Kontakte nach Ungarn - der Heimat ihres von dort zugewanderten Vaters - und war bis 1925, als sie das »Heimatrecht« in Österreich erhielt, nach Nyírbátor in Ungarn zuständig. Erst 1911 taucht sie im Meldearchiv der Stadt Wien auf: »Schriftstellerin, mosaisch, ledig.« Ihr erster bisher nachweisbarer, mit vollem Namen gezeichneter Zeitungsartikel erscheint 1912 in Dr. Blochs Wochenschrift. Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums, über die alljährliche Sederfeier des Vereins - »Krankenbesuch« im Tempel des Allgemeinen Krankenhauses:

Sie waren alle gekommen, alle, die ihr Bett verlassen konnten. Es war eine traurige Gemeinde, welche das schlichte kleine Bethaus füllte. Die langen, bleichen, schleichenden Gestalten, in ihre Spitalskittel wie in Schicksalsgewänder gehüllt, mit bedeckten Häuptern. Neben alten, kranken, von der Not des Lebens gebrochenen Männern Jünglinge mit heißerregten Herzen, welche mit Demut Schmerzen ertragen; neben einem schwerkranken Familienvater, dessen treuer Begleiter schon seit einiger Zeit der Mann in der Narrenkappe ist, Knaben aus dem fernsten Galizien, verlassene Kinder, unschuldig Leidende - mit großen fragenden Augen . Aussätzige, die das Leben wie eine Pfütze nachschleift, und - hie und da ein helles, glücklicheres Gesicht, in dem sich wiederkehrende Gesundheit, neu erweckter Lebensmut verkündet. Hinter einem Vorhang die Frauen. Sie waren alle gekommen, die Wunder jener Nacht noch einmal zu vernehmen - und in ihren Gesichtern, diesen starren, bleichen, zerklüfteten Gesichtern lebt der alte Judenglaube, der unausrottbare, durch Jahrtausende eingebrannte Wunderglaube. O, Ihr lieben armen Menschen; o, Ihr Heimatlosen, Schmachtenden, Dürstenden - Ihr Kranken, Genesenden, Sterbenden - mögen sich immer mehr gute Menschen finden, die mit der Fackel der Menschenliebe in Euere Dunkelheit hineinleuchtend ein wenig Sonne, ein wenig Freude bringen - damit endlich - endlich auf die Frage ma nistani - warum ist ausgezeichnet - Antwort werde!

Else Feldmann

Ihrem Bericht schickt sie einen Appell an alle im Wohlstand lebenden Juden voraus, diesen Wohltätigkeitsverein nach Kräften zu fördern.

Um diese Zeit ist wohl auch ihr erstes Theaterstück Der Schrei, den niemand hört. Ein Schauspiel aus dem Ghetto in vier Akten entstanden. Mit gleicher Emphase schildert Feldmann hier die Enge und Bedrücktheit im Milieu der jüdischen Unterschicht ihrer Epoche und deren meist vergeblichen Versuche, sich zu emanzipieren. Sie hat das Manuskript ihres Stücks 1914 an den von ihr verehrten Arthur Schnitzler geschickt, mit der Bitte um Beurteilung. Ihr Begleitbrief ist erhalten geblieben. Ob eine Antwort erfolgte, wissen wir nicht.

Der Schrei, den niemand hört wurde vom 12. bis zum 24. Februar 1916 an der Freien Volksbühne in Wien uraufgeführt. An diesem 1912 eröffneten Theater des Vereins »Wiener Freie Volksbühne« waren der Direktor Arthur Rundt und der Dramaturg und Regisseur Berthold Viertel als Spielleiter tätig. Arthur Schnitzler war bei der Premiere des Stückes anwesend; in seinem Tagebuch notierte er lakonisch: »Frl. Feldmann, Der Schrei, den niemand hört, ein Ghettostück, ein paar gut gesehene Figuren.«

Auch im weiteren Verlauf ihrer schriftstellerischen Tätigkeit hat Feldmann immer wieder Arbeiten für die Bühne verfasst, ohne dass es je - zumindest nach unserem derzeitigen Wissensstand - zu Aufführungen gekommen wäre. 1927 finden wir im Feuilleton der Arbeiter-Zeitung als Teilabdruck Der Mantel. Komödie von Else Feldmann, nach Gogol und 1930 veröffentlichte Kunst und Volk. Mitteilungen des...

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