Systemzwang und Akteurswissen

Theorie und Empirie von Autonomiegewinnen
 
 
Campus (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. September 2014
  • |
  • 283 Seiten
 
E-Book | PDF mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-593-42505-4 (ISBN)
 
Gesellschaftlicher Wandel ergibt sich aus dem Spannungsverhältnis von strukturellen Zwängen und individuellen Handlungsmöglichkeiten. Die moderne Gesellschaft zeichnet sich durch beides aus: eine ungeahnte Ausweitung von Handlungsspielräumen der Menschen bei gleichzeitiger Entstehung immer neuer Anpassungserfordernisse an systemische Notwendigkeiten. Die Autoren beleuchten diese Konstellation aus unterschiedlichen theoretischen Perspektiven und loten vor dem Hintergrund aktueller Krisen die Möglichkeiten für institutionelle Reformen aus. Mit Beiträgen von Maurizio Bach, Gerda Bohmann, Günter Dux, Thilo Fehmel, Bob Jessop, Stephan Lessenich, Sighard Neckel, Jenny Preunkert, Uwe Schimank, Hans-Georg Soeffner und Georg Vobruba.
  • Deutsch
  • Frankfurt / New York
  • Neue Ausgabe
  • 12,64 MB
978-3-593-42505-4 (9783593425054)
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Thilo Fehmel vertritt derzeit die Professur für Soziologie sozialen Wandels an der Universität Leipzig. Stephan Lessenich ist Professor für Vergleichende Gesellschafts- und Kulturanalyse an der Universität Jena. Jenny Preunkert ist akademische Rätin am Institut für Soziologie an der Universität Leipzig.
Inhalt
Einleitung: Autonomiegewinne als Bezugspunkt sozialer Theorie und Praxis
Thilo Fehmel 009
I. Autonomiekonflikte und Gesellschaftsevolution
Die Autonomie der Gesellschaft im Widerstreit mit der Autonomie des Subjekts
Günter Dux 027
II. Authentizität und Autonomie - Akteure in Systemen
Wiederkehr der Religionen, postsäkulare Gesellschaft oder doch weitergehende Säkularisierung? Widerspruch zu einem gängigen Diskurs
Gerda Bohmann 053

Strukturelle Zwänge und kleine Freiheiten: Die soziologische Beobachtung alltäglicher Befreiungsversuche am Beispiel der >Stile des Lebens< und der >Gesellschaft der Leute<
Hans-Georg Soeffner 081

Emotionale Reflexivität - Paradoxien der Emotionalisierung
Sighard Neckel 0117

III. Stabilität und Krise - Wandel von Gesellschaftsgestaltung
Konflikttheorie und Gesellschaftsbildung: Europäische Integration durch soziale Konflikte
Thilo Fehmel 0133

Paradoxes Europa: Zur (Eigen-)Dynamik der Eurokrise
Maurizio Bach 0159

Vertrauen in der Krise - Vertrauen als Verantwortungszuschreibung
Jenny Preunkert 0175
IV. Wissen und Macht - Systemzwänge und ihre Grenzen
Beyond Structure and Agency to Structuration and Semiosis: Reflections on Complexity Reduction, Societalization,
and Potentiality
Bob Jessop 0199

Gestaltungsfunktionalismus
Uwe Schimank 0221

Akteurszwang und Systemwissen: Das Elend der Wachstumsgesellschaft
Stephan Lessenich 0243
V. Autonomiegewinne und Gesellschaftskritik
Autonomiegewinne und Gesellschaftskritik
Georg Vobruba 0265
Autorinnen und Autoren 0283
Einleitung:
Autonomiegewinne als Bezugspunkt sozialer Theorie und Praxis
Thilo Fehmel
"Im gewöhnlichen Leben handeln wir nicht nach Motivation, sondern nach Notwendigkeit, in einer Verkettung von Ursache und Wirkung; allerdings kommt immer in dieser Verkettung auch etwas von uns selbst vor, weshalb wir uns dabei für frei halten. Diese Willensfreiheit ist die Fähigkeit des Menschen, freiwillig zu tun, was er un-freiwillig will. Aber Motivation hat mit Wollen keine Berührung; sie läßt sich nicht nach dem Gegensatz von Zwang und Freiheit einteilen, sie ist tiefster Zwang und höchste Freiheit."
Musil (1981 [1932]: 1421)
1. Zwang und Freiheit
Der Begriff der Willensfreiheit steht seit einigen Jahren im Zentrum der neurobiologischen Debatte um Handlungsmotive und Handlungsimpulse. Als Robert Musil seinem Mann ohne Eigenschaften in den frühen 1930er Jahren den oben zitierten Gedanken eingab, kann er von dieser neurobio-logischen Debatte noch nichts gewusst haben. Er muss andere Zwänge gemeint haben, die dem Paradox der unfreiwilligen Willensfreiheit zugrunde liegen. Bekannt ist, dass Musil seit den 1920er Jahren zunehmend unter dem Einfluss der sozialpsychologischen Feldtheorie Kurt Lewins stand, die Handeln und Verhalten über Relationen zu einer aus Kraftfeldern bestehenden Umwelt erklärt (Innerhofer, Rothe 2010). Der physikalischen Sprache entlehnt, besteht der Grundgedanke eines Feldes in der Vorstellung eines Raumes, in dem Kräfte und ihre Wechselwirkungen zu bestimmten Effekten führen und in dem gegebene Ob- bzw. Subjekte diesen Kräften und Wechselwirkungen ausgeliefert sind. Felder, selbst unsichtbar, manifestieren sich durch die beobachtbaren Effekte, die sie hervorrufen. Und Felder werden als dynamisch vorgestellt: erstens sind ihre Grenzen unscharf und flüchtig, weil die im Feld waltenden Kräfte und Wechselwirkungen nach außen hin abnehmen; zweitens sind die Kraftverhältnisse in ihrem Inneren spontan nur stabil unter der sehr unwahrscheinlichen Bedingung der Stabilität aller beteiligten relevanten Kräfte; drittens sind aufgrund dieser prinzipiellen Instabilität und bei (vermeintlich) ausreichendem Wissen um die Wechselwirkungen der Kräfte in einem Feld diese Effekte steuerbar, das heißt willentlich stabilisier-, aber auch änderbar durch Beeinflussung mindestens einer beteiligten Kraft, und zwar zumeist durch Zuführung oder Abzug entsprechender Ressourcen.
Nicht wenige Soziologinnen und Soziologen können der begrifflich-theoretischen Anleihe bei der Physik etwas abgewinnen - der Feldbegriff erfreut sich in der Soziologie zunehmender Beliebtheit. Gemeinsam ist diesen Ansätzen die explizite Überzeugung, dass das Handeln sozialer Ak-teure von deren sozialer Umwelt abhängig ist: soziales Agieren steht unter dem Einfluss sozialer Strukturen; Handeln ist strukturell begrenzt. Damit aber heben sich die expliziten soziologischen Feldtheorien kaum ab von soziologischen Theorieansätzen, die den Feldbegriff nicht bemühen: das Verhältnis von "Handeln und Strukturen" (Schimank 2000) lässt sich über (fast) alle Theoriegrenzen hinweg als die "Masterfrage der Soziologie" bezeichnen (Lessenich, in diesem Band). Darin, wie diese Masterfrage beantwortet wird, unterscheiden sich die vielen Ansätze jedoch zum Teil erheblich. Das Verhältnis von Subjekt und System, von Akteur und Feld, von Individuum und Gesellschaft ist alles andere als geklärt. Das belegen auch einige der in diesem Band versammelten Beiträge.

Doch zunächst zurück zu Robert Musil. Bemerkenswert an Musils Zitat ist die additive anstelle der üblicherweise adversativen Konjunktion: nicht vom Gegensatz Zwang versus Freiheit ist die Rede, sondern von der Ein-heit, die Zwang und Freiheit bilden. Dieser contradictio in terminis, diesem Bild der Einheit der Gegensätze werden nun nicht mehr alle Soziologinnen und Soziologen der Gegenwart unvoreingenommen folgen wollen. Dabei ist Musils Behauptung einer untrennbaren Dualität von Zwang und Freiheit keineswegs als strukturkonservativ im normativen Sinne zu verstehen, und sie ist auch weniger paradox als sie klingt. Sie wird verständlich, wenn man in den philosophischen und wissenschaftstheoretischen Diskursen der Vor- und Zwischenkriegszeit nach dem Gegenstück sucht, von dem sich diese Einheit aus Zwang und Freiheit abgrenzt bzw. abgrenzen lässt. Fündig wird man, wenn man sich vergegenwärtigt, dass das 19. und das beginnende 20. Jahrhundert die Epoche des massiven Aufstiegs und der Profanisierung der Naturwissenschaften war (Whitehead 1988 [1925]). Die fortwährende Entdeckung von Naturgesetzen - und die rapide "Veralltäglichung" des Wissens um sie - ließen es opportun erscheinen, auch für das menschliche Zusammenleben derartige Gesetzmäßigkeiten zu vermuten. Hinweise darauf gibt es viele, auch unter "Klassikern" des Faches: etwa Durkheims (2008 [1893]) mechanische, nicht von ungefähr an kalte Apparaturen erinnernde, und organische, an das Bild biologischer Organismen anknüpfende Solidarität; Simmels (1992 [1894]) auf die physikalischen Kraft- und Feldvorstellungen zurückgehenden Wechselwirkungen als Form der Vergesellschaftung; oder auch die bis heute nicht gänzlich überwundene naturalistische Perspektive auf wirtschaftliche Zusammenhänge (vgl. dazu Vobruba 2012) bis hin zur Rede von den Naturgesetzen der Nationalökonomie (Dühring 1866). Diese naturalistische Perspektive, diese Erklärungsdominanz der Naturkausalität ist es, von der sich die Vorstellung einer Einheit aus Zwang und Freiheit abgrenzt. Der Unterschied liegt im Verhältnis der Freiheit zum Zwang: Naturgesetzen kann man nicht entrinnen; Strukturzwängen schon. Denn: "Die vollkommenste soziale Regel-mäßigkeit, die man feststellen mag, ist immer noch kein >Gesetz<" (Drill 1916: 13). Die Freiheit gegenüber strukturellen Zwängen, so begrenzt sie auch sein mag, ist das Gegenstück zur Unfreiheit gegenüber dem natur-gesetzlichen Zwang.
Was darin zum Ausdruck kommt, ist Kontingenz als die Geschäfts-grundlage der postnaturalistischen Soziologie: Bei Handlungsmotiven und Handeln zeigen sich unbestritten regelmäßige Muster, und diese Muster sind ebenso unbestritten (auch) Effekte der herrschenden sozialen Struk-turen und der in einer Gesellschaft dominierenden instrumentellen Rationalität (Taylor 1995: 109). Doch Handlungsmotive und Handeln sind keineswegs vollends den herrschenden sozialen Strukturen unterworfen. Akteure verfügen vielmehr über Freiheitsgrade in ihrem Handeln, und hier nicht zuletzt über die Freiheit, nein: über die Möglichkeit, die herrschenden Strukturen und damit die Handlungszwänge, die von diesen Strukturen ausgehen, infrage zu stellen, zu ignorieren und zu verändern. Handeln ist strukturgeprägt - und prägt Strukturen (vgl. Schimank 2013: 25f.). Freilich gilt das nicht für jeden sozialen Akteur in gleicher Weise. Man wird sagen können, dass das Musil'sche Verständnis der Einheit von strukturellem Zwang und struktureller Freiheit ein relationistisches und gradualistisches ist: für jeden sozialen Akteur lässt sich in einer angebbaren Situation - bzw. in einem Feld oder einem Sozialraum oder einem Handlungsrahmen und was dergleichen Kontext-Termini mehr sein mögen - bestimmen, wie "frei" er handeln kann bzw. wie begrenzt und strukturell erzwungen sein Handeln ist.

Für eine weitere Überlegung im Kontext von Zwang und Freiheit bietet sich Robert Musil als Stichwortgeber an. Sein Werk gilt als Seismographie der frühen Moderne. Im Mann ohne Eigenschaften verarbeitet Musil inhaltlich wie stilistisch seine Wahrnehmung der gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit als bar fast jeder Ordnung und ersichtlichen Kausalität, als hochdynamisch, diskontinuierlich, subjektiviert, polyzentrisch - und angesichts dieser Eigenschaften als kaum noch überschaubar. Musils (vermeintlich) konturloser Protagonist ist der Spiegel und gleichsam die Personifizierung einer zunehmend als konturlos wahrgenommenen Gesellschaft. Der Roman stellt das Anschauungsmaterial zur Verfügung für das, was seither unzählige Male beschrieben wurde: Die Abkehr von absolutistischen Weltbildern und Gesellschaftsbegründungen - nicht zuletzt ausgelöst eben durch die fortschreitende Verwissenschaftlichung des Blicks auf Natur und Ge-sellschaft - treibt einen Prozess des Aufbrechens "objektiver" Strukturen voran, in dem "das Undiskutierte zur Diskussion" gestellt wird, in dem also die - ja immer diskursiv vermittelte - Struktur einer Gesellschaft vom Zustand der Doxa in den Zustand der Heterodoxie der Meinungen, Weltanschauungen, Handlungsbegründungen, Gestaltungsbemühungen und Lebensweisen übergeht (Bourdieu 1979: 331f.; 1998: 286f.). Angetrieben von der um sich greifenden grundsätzlichen Überzeugung von der Gestaltbarkeit der sozialen Verhältnisse (Evers, Nowotny 1987; Dux in diesem Band) treten subjektive Erfahrungsräume und Erwartungshorizonte immer weiter auseinander (Koselleck 1989 [1976]). Das ermöglicht Kontroversen und eröffnet Handlungsräume. Es beinhaltet aber auch die zunehmende Eigenverantwortung des Subjekts für seine Selbstverortung innerhalb dieser Vielfalt handlungsleitender Weltinterpretationen. In der individualisierenden Befreiung des Subjekts aus traditionalen Strukturen, aber auch in der damit einhergehenden "Verpflichtung zur Selbstbestimmung" (Wagner 2009: 15), im "Zwang zur Freiheit" (Sartre 1952), eben in der Musil'schen Parallelität und Einheit von "tiefstem Zwang und höchster Freiheit" liegt die Besonderheit der Moderne.
Daraus ergibt sich - wenn man so will: zwangsläufig -, dass sich die in diesem Band versammelten Beiträge durchweg mit dem Verhältnis von Zwang und Freiheit in der modernen Gesellschaft beschäftigen. Sie tun dies, indem sie (mit unterschiedlichen Foki) die keineswegs konfliktfreie Aus-weitung von Diskurs- und Handlungsräumen beim Übergang zur Moderne nachzeichnen (Dux, Bohmann, Soeffner), sich theoretisch-konzeptionell mit den Problemen bei und Folgen von Gestaltungsbemühungen in entwickelten modernen Gesellschaften auseinander setzen (Jessop, Schimank, Lessenich, Vobruba) und/oder diese Gestaltungsversuche und Gestaltungsfolgen in je spezifischer Perspektive näher ausleuchten (Neckel, Fehmel, Bach, Preunkert).

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