Ein weißes Land

Roman
 
Sherko Fatah (Autor)
 
Random House ebook (Verlag)
1. Auflage | erschienen am 12. September 2011 | 480 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-06093-0 (ISBN)
 
Von Bagdad nach Berlin: Die Reise eines jungen Arabers durch eine Welt, die ihre Unschuld verliert
Bagdad in den 1930er Jahren. Der junge Araber Anwar versteht nichts von den politischen Wirren seiner Zeit. Er träumt von schönen Häusern, von fernen Reisen und vielleicht ein bisschen von der Schwester seines jüdischen Freundes. Er träumt davon, ein »Jemand« zu werden. Doch dann gerät er mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs unter den Einfluss der »Schwarzhemden «, der faschistischen Jugendorganisation im Irak. Ein bitter wahres Märchen nimmt seinen Lauf, ein Abenteuerroman mitten durch die Katastrophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.


Sherko Fatah wurde 1964 in Ost-Berlin als Sohn eines irakischen Kurden und einer Deutschen geboren. Er wuchs in der DDR auf und siedelte 1975 mit seiner Familie über Wien nach West-Berlin über. Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte. Für sein erzählerisches Werk hat er zahlreiche Auszeichnungen erhalten, zuletzt den Großer Kunstpreis Berlin der Akademie der Künste und den Adelbert-von-Chamisso-Preis 2015, außerdem den Aspekte-Literaturpreis für den Roman 'Im Grenzland'. Er wurde mehrfach für den Preis der Leipziger Buchmesse (2008 mit 'Das dunkle Schiff', 2012 mit 'Ein weißes Land') nominiert und mit 'Das dunkle Schiff' auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2008 gewählt.
Deutsch
0,65 MB
978-3-641-06093-0 (9783641060930)
3641060931 (3641060931)
weitere Ausgaben werden ermittelt

1.

Ich sitze hier und beobachte dich wie einen Fremden. Aber ich kenne dich. Vielleicht werde ich es dir nie sagen: Ich kenne dich, ich kenne dich gut. Es ist einige Jahre her. Es ist eine Ewigkeit her. Lange genug, um mich nicht mehr zu erkennen. Aber wie auch, du schaust mich nicht an, du schaust nie jemanden direkt an. Du bist der wichtige Doktor aus dem fernen Deutschland. Und ich, was bin ich schon? Der Bote, den du nicht brauchst, der dir lästig ist. Aber würdest du mich anschauen, dann wüsstest du es sofort. Wir waren uns einmal so nahe wie zwei eingesperrte, verängstigte Hunde, wir hatten den gleichen Dreck in unseren Mäulern, und in jener fernen, kalten Nacht war unsere Angst eine, wir waren ein furchtsames Tier mit zwei Köpfen. Wir haben den Tod gesehen, wie er leibhaftig über die morastige Erde schritt. Seine schmutzigen Stiefel ließen den feuchten Boden schmatzen. Er war schmal von Gestalt, hatte einen großen Kopf mit hoher Stirn. Er sprach deine Sprache. Du hast ihn sicher nicht vergessen. Niemand kann das. Aber vielleicht willst du ihm nur einfach um keinen Preis je wieder begegnen, und sei es nur in der Erinnerung, im Gesicht eines Überlebenden aus jener Zeit. Ich verstehe dich, ich verstehe dich gut, du wichtiger Mann.

Und doch, Gottes Wege sind unerforschlich, bist du hierhergekommen. Du hättest überall hingehen können nach dem Krieg. Aber nein, du bist hier, vor meinen Augen, und allein dein Anblick bringt mir die alte Furcht zurück, die uns beide einmal umschlossen hielt wie eine Faust.

Ich rutschte auf dem Holzstuhl herum, den mir der Doktor am ersten Tag hingestellt hatte. Wortlos, ohne Gruß oder eine andere Regung erledigte dieser hochgewachsene, drahtig wirkende Mann die Sache selbst. Er ließ mich, den Boten, einfach mitten im Krankensaal stehen und kam nach kurzer Zeit mit dem Stuhl zurück. Nah am Fenster stellte er ihn ab. Als er wieder an mir vorbeiging, wies er nur hinter sich.

Ich sah ihm nach, als er aus dem Saal verschwand. Wir hatten kein Wort gewechselt, obwohl wir einander verstanden hätten. Ich hatte geglaubt, Dr. Stein sei mit den hiesigen Sitten vertraut. Die natürliche Autorität, mit der er sich bewegte und kurze Anweisungen auf Englisch gab, die ruhige Art, in der er seine Hände hob, um wie ein erstarrter Dirigent zu warten, bis jemand vom Personal ihm die Gummihandschuhe von den Händen zog, all das hätte mich nie zweifeln lassen an der Kompetenz des Arztes. Doch dieser Mann verstand nichts. Anstatt mich mit dem Zettel loszuschicken, auf dem Dinge notiert waren, die er brauchte, ging er selbst in den Basar. Ich war erstaunt, als er mit den kleinen Paketen zurückkam, sich mir vorsichtig näherte und die Sachen hinhielt wie Geschenke. Doch ich sollte sie nur verwahren, bis der Doktor am frühen Abend nach Hause ging.

Das war nicht richtig. Es war beleidigend. Ich sah es ihm nach. Schließlich war dieser Mann hier ein Fremder. Er konnte nicht wissen, dass jeder Fremde, noch dazu ein so wichtiger wie er, Anspruch auf jemanden hatte, der seine Einkäufe erledigte, seine Briefe holte oder wegbrachte oder ihn zu Leuten führte, die er besuchen wollte. Er hätte es lernen können, wenn er nur einmal gefragt hätte. Dann aber, dachte ich und wiegte den Kopf, hätte er vielleicht auch mehr erfahren, als ihm lieb war. Er hätte mich erkannt, und alles, was wir gesehen hatten, wäre in diesem Augenblick anwesend gewesen, hätte den Raum zwischen uns erfüllt.

So aber saß ich tagein, tagaus auf meinem Stuhl am Fenster, starrte in den Saal oder auf den Hof des Krankenhauses hinaus und wartete. Jedes Mal, wenn der Doktor erschien, fuhr ich zusammen und richtete mich auf, weil ich erwartete, beansprucht zu werden. Und jedesmal war es eine kleine Enttäuschung, wenn es nicht geschah.

Manchmal an diesen langen Nachmittagen fragte ich mich, ob ich mich nicht doch irrte. Ob ich den Mann, den ich von früher kannte, einfach nur wiedererkennen wollte in diesem Arzt aus Europa. Ich hatte nur mit wenigen Menschen über meine Erlebnisse gesprochen. Als ich zurückkehrte, war meine Fähigkeit zu berichten oder gar zu erzählen erloschen. Wem auch hätte ich davon erzählen sollen, wie eine Welt in Trümmern versank, während hier, in meinem Land, alles beim Alten war. Die vertrauten Gassen und Straßen, die gewohnte Hitze und Langsamkeit, nichts hatte sich verändert. Niemand hätte mir geglaubt, was ich gesehen hatte. Ich wusste es im Moment, da ich den Fuß auf heimatlichen Boden setzte. Obwohl ich die Hitze des Feuers noch auf den Wangen, der Stirn fühlte, sprang mir, als ich endlich wieder in meiner Sprache sprechen konnte, etwas an den Hals, ja, genau so fühlte es sich an. Was immer es war, es würgte mich, wenn ich reden wollte. Doch niemand vermisste meine Worte. Es wären nur Worte des Boten Anwar gewesen, die allem, was gewiss erscheint, nichts hinzufügen konnten, keinen Zweifel, keine wichtigen Informationen, nichts.

Als ich begriff, dass ich in dieser neuen Rolle das Stummsein nicht mehr zu spielen brauchte, sondern mühelos, auch sprechend beibehielt, war ich erleichtert. Noch im Krieg hatte ich geglaubt, ich würde auch deshalb durch die endlose Weite und zerstörten Städte wandern, um jemandem in der Heimat davon berichten zu können. Alles, so dachte ich, sei in mir bereit für diese Begegnung. Dann aber, als es so weit war, sagte ich kaum etwas.

Es ist, als suche man einen Menschen, dem man sein Herz ausschütten kann, warte in Wahrheit aber auf Gott. Was sind ein paar Worte zu einem Satz verknüpft, was können sie sein in den Ohren eines Fremden. Nein, was ich brauchte, war ein Vertrauter. Es musste jemand sein, der nicht nur die Worte verstand, sondern sie auffing und zum Leben erweckte. Jemand, der ein Summen hörte, aber die Musik vernahm. Nur ein solcher hätte es mir möglich gemacht zu reden, und vielleicht habe ich insgeheim erwartet, ihm doch noch zu begegnen. Und da schien er nun vor mir zu stehen.

Manchmal kam der Doktor in den Raum und warf mir einen Blick zu, als hätte er vor, mich nun doch einmal mit einem Auftrag zu betrauen, sei sich aber noch nicht sicher. Immer hob ich leicht den Kopf und wartete. Einmal stand das Fenster hinter mir offen. Der heiße Wind wehte Sand und vertrocknete Grashalme herein. Drei Betten standen im Raum, aber sie waren leer und offen, die weißen Vorhänge zurückgeschoben. Der Wind ließ die Vorhänge erzittern wie den Kittel des Arztes und den Handtuchstapel auf dem Metalltisch neben ihm. Der Wind strich sogar über das Fell einer Katze, die plötzlich aus dem Korridor hereingeschlüpft war, nun verharrte und den Kopf zurückzog, als hätte sie sich im Zimmer geirrt. Im Maul trug sie die Reste einer Nachgeburt aus dem Kreisssaal.

Eine warme Brise ließ mich tief einatmen. Er ist es, dachte ich unvermittelt, kein Wahngebilde könnte mich so täuschen. Er hat schon viele graue Haare und geht schon leicht gebeugt. Sein Gesicht wirkt nicht alt, aber ernst und abweisend. Dennoch ist er es. Und auch er, so glaubte ich plötzlich zu wissen, hat seinen Vertrauten nicht gefunden seit damals. Auch er hat nicht berichtet.

Der Arzt trat auf mich zu, ging umständlich um den Stuhl, reckte sich ächzend und schloss das Fenster. Ich rührte mich nicht, bis er fertig war. Ich hätte ihm geholfen, wenn ich gewusst hätte, was er wollte. So blickte ich der Katze nach, die mit ihrer Beute aus dem Zimmer floh, und wischte mir den Staub von den Schultern, unschlüssig, was ich tun sollte.

Am Abend stand ich auf und streckte mich, als wäre mein Werk vollbracht. Gern hätte ich dem Doktor gesagt, dass ich nun gehen müsse, doch wagte ich nicht, nach ihm zu suchen. Stattdessen schlich ich aus dem Raum in den dunklen Korridor, ging an den fleckigen Wänden entlang bis zum gläsernen Windfang und durch die Eingangstüren auf den weiten Hof hinaus. Das Krankenhaus war ein Neubau, doch die Mauern waren bereits dunkel geworden und alles, was sie umschlossen, schien uralt zu sein.

Niemand hatte mich gehen sehen. Wahrscheinlich war der Doktor sogar erleichtert, als er spät am Abend den leeren Stuhl sah. Ich schob die Hände in die Taschen meines alten Jacketts und ging den Hügel...

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