Die Diplomatin

Thriller
 
 
Blanvalet (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. April 2020
  • |
  • 688 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-26940-1 (ISBN)
 
Neuausgabe von »#KillTheRich - Wer Neid sät, wird Hass ernten«

Die Diplomatin Conrada van Pauli hat eine große Aufgabe vor sich: Ein achtloser Online-Post hat dazu geführt, dass sich die Armen gegen die Reichen erheben. Es kommt zu Unruhen, Demonstrationen und Anschlägen auf der ganzen Welt. Straßenschlachten und Polizeigewalt bestimmen das tägliche Leben - alles dokumentiert unter dem Hashtag KillTheRich. Nun ist es an ihr - zusammen mit dem alternden indischen Starjournalist Bimal Kapoor - einen globalen Bürgerkrieg zu verhindern. Während Conrada nach Brasilien reist, um sich ein Bild der Lage zu machen, verfolgt Bimal eine Spur, die nach Frankreich führt. Doch beide haben sich mächtige Feinde gemacht, die vor nichts zurückschrecken werden ...

Ein komplexer Politthriller, der Sie mit auf eine atemberaubende Hetzjagd um die Welt nimmt - frisch, klug und hervorragend recherchiert!

Dieser Roman ist bereits unter dem Titel »#KillTheRich. Wer Neid sät, wird Hass ernten« erschienen.

weitere Ausgaben werden ermittelt
Lucas Fassnacht wurde 1988 in Dieburg geboren; zurzeit wohnt er in Nürnberg, nachdem er in Erlangen Altgriechisch, Germanistik und Linguistik studiert hat. Neben seiner Arbeit als Autor gibt Fassnacht Workshops für Kreatives Schreiben. Er veranstaltet regelmäßig Literatur-Shows in Nürnberg und Erlangen. Von März bis November 2015 leitete er eine Poetry-Slam-Werkstatt mit Mittelschülerinnen und -schülern der Nürnberger Südstadt, welche mit der Kamera begleitet wurde. Der entstandene Dokumentarfilm »Südstadthelden« feierte Anfang Oktober 2019 Premiere im Rahmen des Internationalen Nürnberger Filmfestivals der Menschenrechte.

1. Kapitel

Vier Wochen später. Brüssel, Belgien; Mittwoch, 20:13 Uhr UTC+2

Conrada van Pauli spannte das Klettband um ihr rechtes Hosenbein und zog die Warnweste über ihren Blazer. Dann setzte sie ihren Fahrradhelm auf und straffte dessen Kinnriemen. Ihre Kollegen verspotteten sie seit jeher für den Aufwand, aber das störte sie nicht. Sie fand, wenn sie schon Bürokratin war, durfte sie das auch zeigen.

Conrada schob ihr Rad aus der Tiefgarage in die Brüsseler Dämmerung. Der Verkehr auf dem Schuman-Kreisel war überschaubar, die Rushhour war bereits einige Stunden vorüber. Das letzte Abendrot verabschiedete sich hinter ihrem Rücken. Conrada schwang sich auf den Sattel. Sie hatte den wohl repräsentativsten Heimweg, den es auf der Welt zu finden gab. Zuerst durchquerte sie den Parc du Cinquantenaire. Er hatte zum fünfzigsten Jahrestag von Belgiens Unabhängigkeit angelegt werden sollen, pünktlich zum fünfundsiebzigsten hatte man ihn dann fertiggestellt.

Conrada verließ den Park durch den Triumphbogen und fuhr auf die Avenue de Tervueren, wobei sie die kanadische Botschaft links liegen ließ. Ab jetzt wurde es afrikanisch. Sie passierte nacheinander die Botschaften von Äthiopien, Togo, Uganda und Nigeria.

Als Nächstes kam sie vorbei am Verlagshaus von New Europe, der Zeitung mit dem unbequem gründlichen Blick, außerdem an der Verbraucherschutzorganisation ANEC und an der europäischen Niederlassung des WWF. Die Straße führte sie am Parc de Woluwe vorbei, die Kastanien flüsterten bereits vom Herbst. Später am Abend würde sie noch zwei oder drei Runden laufen. Sie brauchte Bewegung wie Häftlinge ihren Hofgang. Bei der Botschaft von Ruanda bog sie ab in die Rue des Fleurs. Eine Minute später erreichte sie ihr neues Zuhause; einen Quader, dessen erster Stock vorgelagert war und so die Veranda überdachte. Hinter den riesigen Fenstern brannte Licht, doch waren die Vorhänge zugezogen.

Dass sie im vornehmsten Viertel Brüssels ein Haus gekauft hatten, hielt sie fast für anmaßend, aber Hermann hatte sich nicht umstimmen lassen. Conradas Ehemann war Mitglied des Europäischen Parlaments und darüber hinaus zum Quästor gewählt worden, zu einem der fünf Zuständigen für die Arbeitsbedingungen der Abgeordneten. Es schien ihm nur angemessen, wenn sich diese verantwortungsvolle Aufgabe in seiner Wohnsituation widerspiegelte. Die Diskussion darüber, ob ein Parteimitglied der Allianz der Sozialdemokraten nicht eher dem solidarischen Gedanken gerecht werden sollte als dem eigenen Statusbewusstsein, suchte Conrada seit Längerem nicht mehr.

Sie schob das Fahrrad in die Garage. Hermanns Dienstlimousine stand darin, er war also immer noch nicht wieder ganz bei Kräften. Sie hängte ihren Helm an den Fahrradlenker. Beim Zahnarzt hatte sie eine Studie gelesen, dass Radfahrer ohne Helm seltener in Unfälle verwickelt waren. Als Erklärung hieß es, ohne Helm fahre man vorsichtiger, und die anderen Verkehrsteilnehmer nähmen mehr Rücksicht. Conrada schüttelte lächelnd den Kopf. Was für ein Unsinn.

Sie betrat die Diele und zog die Schuhe aus. Für eine Niederländerin war sie nicht besonders groß, aber Absätze trug sie trotzdem nicht, ihre Füße schmerzten so schon genug. Sie stellte die Schuhe ins Regal und räumte auch die von Emilia auf. Ihre Tochter hatte ein Talent dafür, mit minimalem Aufwand größtmögliche Unordnung zu schaffen.

Sie hörte den Fernseher. Es geschah selten, dass jemand zu Hause war, wenn Conrada von der Arbeit kam. Das Parlament hatte seinen Sitz in Straßburg, gewöhnlich nahm Hermann den Weg nach Brüssel höchstens am Wochenende auf sich. Emilia war nur deshalb nicht im Internat, weil morgen Feiertag und dementsprechend schulfrei war.

Conrada ging ins Wohnzimmer. Hermann lag auf der Couch, umgeben von Grippostad-Packungen, zerknüllten Papiertaschentüchern und der Aura des ermatteten Mannes. Sie küsste ihn rasch auf die Glatze und ließ sich neben ihn aufs Sofa fallen.

»Pass auf, dass du dich nicht ansteckst«, brummte er.

»Nach zwei Wochen? Geht's dir besser?« Sie redeten Deutsch miteinander. Hermann verstand zwar etwas Niederländisch, aber Conradas Deutsch war fließend, sie hatte in Heidelberg studiert. In Heidelberg hatte sie auch Hermann kennengelernt.

»Na ja.« In Hermanns Schoß lag sein Tablet, er öffnete das E-Mail-Programm. »Emilia hat gekocht. Ist noch was in der Küche.«

Conrada bemerkte den Geruch gebratener Zwiebeln.

»Wo ist sie denn?«

»Oben, denke ich.« Er überflog die neuesten Nachrichten in seinem Posteingang. Conrada saß eine Weile unschlüssig neben ihm. Als er sie nicht weiter beachtete, ging sie nach oben und klopfte an Emilias Zimmertür.

»Bist du da?«, fragte sie. Mit ihren Töchtern sprach sie Niederländisch, auch wenn Emilia Französisch am liebsten war.

»Komm rein«, ertönte es von innen. Emilia war gerade in die elfte Klasse vorgerückt. Die Neigung, ihre Einrichtung in rosa Tönen zu gestalten, hatte sie schon länger verloren. Seit Kurzem hatte sie eine neue Vorliebe: schwarz.

»Hey, Maman«, sagte sie.

»Hallo, mein Schatz.« Conrada betrat das Zimmer. Emilia lag auf dem Bett vor ihrem Laptop und schaute eine Serie.

»Störe ich?« Conrada musterte die schwarze Netzstrumpfhose, die ihre Tochter trug, verkniff sich jedoch einen Kommentar.

Emilia schüttelte den Kopf und klappte den Laptop zu. »Hast du meinen Auflauf probiert? Ich glaub, ich hab ihn zu lange im Ofen gelassen. Papa sagt, dass er gut geworden ist, aber der schmeckt ja gerade nichts.«

»Ich probier ihn gleich.«

»Ich hab mir überlegt, dass ich Oma zum Geburtstag einen Kuchen backe. Kannst du mir da helfen?«

Conrada versprach es. Sie ging wieder nach unten, sie wollte Emilia nicht zu lange behelligen.

An ihrer älteren Tochter, Theresa, hatte Conrada schmerzlich erfahren, dass es möglich war, zu wenig Zeit für die eigenen Kinder zu haben und ihnen zugleich zu wenig Freiraum zu lassen. Theresa hatte der Mutter noch immer nicht verziehen, dass sie ihr vor ein paar Jahren verboten hatte, durch Europa zu trampen. Inzwischen absolvierte sie über Projects Abroad einen Freiwilligendienst in Tansania. Conrada hoffte, dass sich nach dem Jahr in der Ferne ihr Verhältnis wieder verbessern würde.

Sie ging ins Schlafzimmer und zog sich ihren Jogginganzug an, dann holte sie sich aus der Küche etwas von dem Kartoffelauflauf und setzte sich wieder zu Hermann ins Wohnzimmer.

»Hast du mitbekommen, was Guterres gesagt hat?«, fragte er. »Die P5 sollten die Vorschläge berücksichtigen, weitere ständige Sitze im Sicherheitsrat zuzulassen.«

Der Sicherheitsrat war das einzige Gremium der UN, das rechtsverbindliche Beschlüsse verabschieden konnte. Die Permanent Five, seine fünf ständigen Mitglieder, lagen sich nicht nur regelmäßig in den Haaren, sondern verfügten jeweils über ein Vetorecht, mit welchem sie jeglichen Beschluss blockieren konnten. Es war kaum verwunderlich, dass die Vereinten Nationen nicht besonders ernst genommen wurden.

»Lass uns nicht über die Arbeit reden«, bat Conrada.

»Guterres ist wirklich ein anderes Kaliber als Ban«, fuhr Hermann fort. »Der Mann ohne Eigenschaften hätte sich nie so direkt in die Politik eingemischt. Und Guterres landet solch ein Pfund.«

Hermann hatte recht: Ban Ki-moon, der ehemalige Generalsekretär der UN, war nicht bekannt gewesen für seine medienwirksamen Äußerungen. Ein UN-Generalsekretär war nicht nur Verwaltungsbeamter, sondern auch Repräsentant. Ban war regelmäßig vorgeworfen worden, sich in ersterer Rolle einzurichten. Conrada war recht angetan von den forschen Vorstößen von António Guterres - doch welche Früchte sie tragen würden, musste sich noch zeigen.

Im WDR lief eine Reportage über private Zugunternehmen. Conrada war keine Verfechterin von deutschem Fernsehen, aber selbst die Belgier schauten kein belgisches.

»Ich sage dir«, meinte Hermann, »wenn er sich zu so einer Aussage hinreißen lässt, dann liegt einiges im Argen bei denen.«

Emilias Auflauf war nicht nur verbrannt, sondern außerdem versalzen, Conrada stellte ihren Teller auf den Beistelltisch. »Willst du Wein?«, fragte sie.

»Vielleicht war es auch einfach wieder zu lange ruhig«, überlegte Hermann. »Wer heutzutage politisch aktiv ist und zwei Wochen keine Krise zu bestehen hatte, beginnt sich zu langweilen. Aber ich habe auch was verpasst. Bei uns im Parlament hat Gabi einen Antrag der Rechten verteidigt. Gegen Militäreinsätze im Ausland. Das musst du dir mal vorstellen. Die Vorsitzende der Kommunisten unterstützt den Klassenfeind. Griechische Verhältnisse.« Er schnaubte. »Und das jetzt - keine zwei Wochen vor den Neuwahlen in Frankreich. Ich sage dir, Le Pen gewinnt das Ding noch.«

Während die Deutsche Bahn berüchtigt für ihre Verspätungen war, erklärte der Fernseher, konnten die privaten Unternehmen in puncto Pünktlichkeit gute bis glänzende Zahlen vorlegen. Selbst der Kommentator schien beeindruckt. Conrada holte Wein und zwei Gläser.

Hermann schaute auf. »Wolltest du nicht joggen gehen?«, fragte er mit Blick auf ihren Trainingsanzug.

»Nur ein Glas.«

Je größer das Netz, desto komplexer seien die Abläufe, bemühte sich ein DB-Sprecher um Verständnis. Conrada füllte die Gläser, gab Hermann eines, sie stießen an.

»Auf deine Genesung«, sagte sie.

»Es ist die Ablehnung«, erklärte Hermann bestimmt. »Linke wie Rechte speisen ihre politische Motivation aus der Ablehnung des Mainstreams. Und sie fahren ja gut damit. Realpolitik ist ein...

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