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Roman
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2011
  • |
  • 349 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-0484-5 (ISBN)
 
Jahrelang hat der Charmeur Zaki seine Familie mit seinem kleinen Laden über Wasser gehalten. Jetzt will er den Laden schließen und endlich auch die eigenen Träume ausleben. Aber da ist Delphine, seine Schwiegertochter, die aus ihrer Ehe ausbrechen will und sich nach leidenschaftlicher Liebe sehnt - ausgerechnet mit ihm! Und sein Enkel Lucky braucht Zaki und seinen Laden mehr denn je.

Drei Menschen und ihre Sehnsüchte. Und keiner von ihnen ahnt, wie wahr das Sprichwort ist: Sei vorsichtig mit deinen Wünschen - sie könnten in Erfüllung gehen.
1. Aufl. 2011
  • Deutsch
  • Deutschland
  • 1,45 MB
978-3-8387-0484-5 (9783838704845)
3838704843 (3838704843)
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Die wunderbare Bestimmung des Luhith »Lucky« Khalil


Das ist Luckys Augenblick, und der Augenblick ist alles. Es ist nicht die Erwartung und nicht die Erinnerung, es ist jetzt. Es ist sein stilles Gebet, das sich den Gebeten der Abertausenden anschließt, die auf den Fernsehschirm starren, eine Hand um das Bierglas, die andere vor dem offenen Mund. Es ist die unbenannte Macht, die alle Besessenen dazu bringt, dieses weiße T-Shirt zu tragen oder Laken mit dem roten Kreuz aus dem Fenster zu hängen. Es ist das Murmeln und Flüstern von allen, ihr Singen, Schreien und Jubeln, das in den Äther aufsteigt und von den Radiowellen eingefangen wird, das der Wind und die Wolken aufnehmen, das sich in der wirbelnden Atmosphäre über dem Stadion sammelt - ein Tornado der Hoffnung, der sich auf ihn konzentriert, den letzten Mann auf dem Feld, denn er ist der eine Mann, dessen Fußbewegung allein alle englischen Träume wahr werden lassen oder zerstören kann. Er ist der Mann, der die Aufgabe für Millionen übernimmt. Der Augenblick ist alles - pack ihn, Lucky, er gehört dir.

Er rennt und tritt zu, sein linker Fuß am Ball, der Ball jagt wie ein Geschoss auf das Tor zu, und dann ist da nichts als dieser Augenblick. Süßer als die aufkeimende Erwartung, mächtiger als die zufriedene Erinnerung an das, was war. Möglich, dass es später Pressekonferenzen geben wird, Paraden und vielleicht Dokumentarfilme oder sogar Enttäuschung; vielleicht hielte sein Name Einzug in die Geschichtsbücher oder würde aus ihnen verbannt. Doch jetzt gibt es nur die vollkommene Stille, und er steht breitbeinig im Mittelpunkt der sich wie rasend drehenden Welt.

Es gibt nur dich und den Augenblick. Und du hast es gut gemacht, mein Sohn.

Lucky schreckt aus dem Schlaf auf, völlig verschwitzt und keuchend, fast schon schluchzend. Er hat eine Bestimmung - schlimmer noch, er hat einen Traum. Dieser weckt ihn nachts auf, so erschreckend ist er. Er quält ihn, weil er sich so realistisch anfühlt, er leckt das Blut von seinen aufgebissenen Lippen, während er vor dem weißen Punkt auf einem Spielfeld in einem anderen Land steht, das für alle Zeiten England sein wird, und blickt den gesichtslosen Gegner an, von dem er weiß, dass er genauso aussieht wie er selbst. Der Traum quält Lucky so sehr, dass er nach dem Aufwachen vor Enttäuschung schluchzt, weil es nur ein Traum war. Dieser Traum gehört nur ihm allein - niemandem hat er etwas davon erzählt, er ist so sonderbar, dass er nicht wagt, ihn jemandem zu erzählen. Dieser Traum ist so abenteuerlich, so übernatürlich und so unerreichbar, dass er ebenso gut träumen könnte, er wäre Gott. Er träumt, dass er eines Tages diesen Treffer für England erzielt. Er träumt, dass sein linker Glücksfuß eines Tages die Weltmeisterschaft für England gewinnt.

Lucky wischt sich über die feuchte Stirn und tritt seine Bettdecke weg. Leise macht er das Fenster auf und blickt hinaus auf die vom Mond erleuchtete Straße, still und leer in den frühen Morgenstunden. Es hat geregnet, und er sieht sein Spiegelbild verschwommen in der Pfütze auf dem Bürgersteig, wo sich das Wasser in einer Vertiefung im Pflaster gesammelt hat, über die sich sein übereifriger Vater bereits häufiger beim Gemeinderat beschwert hat. Er stellt sich vor, wie das Spiegelbild aufspringt und wie Peter Pans Schatten davonläuft, sodass er die Straße entlang hinter ihm herjagen müsste, um es wiederzubekommen. Er wünschte, er könnte jetzt die Straße entlangrennen, einen Ball treten und ihn verfolgen, während er rollt. Er ist noch keine fünfzehn Jahre alt, doch schon jetzt fühlt er sich gefangen in seiner Bestimmung, seinem Traum. Sogar seine Poster bedauern ihn: Prinzessin Leia in schimmerndem Weiß mit ihrer starken Waffe, die ihr über der Schulter hängt, und Darth Vader in glänzendem Schwarz, der ein Lichtschwert schwingt, die beiden Zwillingswächter an seiner Seite. Beide scheinen mit einer Mischung aus Stolz und Sorge zu sagen: »Das ist deine Bestimmung, Lucky«, als ob es etwas wäre, dem er niemals entkommen könnte. Er beobachtet, wie sein wässriges Spiegelbild zersplittert und mit den ersten Regentropfen verschwindet. Dann dreht er sich um, um wieder ins Bett zu gehen, hält aber inne, als er zwei Gestalten im Türrahmen stehen sieht, deren Umrisse durch das Licht hinter ihnen scharf gezeichnet sind: eine Frau mit braunem, geflochtenem Haar, eingehüllt in helles Tuch, und ein dunkler Dämon in düsteren Gewändern, das Gesicht einer undurchschaubaren Maske gleich. Schnell blickt er zu den Postern, ob die Gestalten noch dort und nicht vom Papier ins Zimmer gesprungen sind. Danach schaut er noch einmal flüchtig zu dem Paar in der Tür und schlüpft zurück ins Bett.

»Ihr könntet wenigstens anklopfen, verdammt«, knurrt er seine Eltern böse an, bevor er das Gesicht auf dem Kissen wegdreht und sie damit zum Gehen auffordert. Sein Vater, ein dunkelhäutiger Bengale mit einer glänzenden Kappe aus korrekt geschnittenem Haar, gut gebaut, doch mit leichtem Bauchansatz, verknotet den Gürtel seines pechschwarzen Morgenrocks.

»Ich hab dir ja gesagt, Delphine, es ist nichts«, brummt er und zuckt wegen der Unverschämtheit seines Sohnes nur mit den Schultern, weil er ausnahmsweise zu müde ist, um ihn deshalb zurechtzuweisen. »Ich habe am Vormittag eine ziemlich wichtige Besprechung. Ich gehe wieder ins Bett.«

Delphine setzt sich zu ihrem Sohn auf die Bettkante, die cremefarbene Seide ihres Morgenrocks fällt bis zu den Knöcheln und die Zöpfe baumeln ihr mädchenhaft über die Schultern. Ihre Mutter hatte sich die Haare für die Nacht immer geflochten, und sie behält diese Gewohnheit bei, obwohl sie sich damit, wenn sie sich ab und zu selbst betrachtet, bevor sie ins Bett geht, und dabei ihre Zöpfe und ihr ungewohnt ungeschminktes Gesicht sieht, ein kleines bisschen lächerlich vorkommt. Sie streichelt über Luckys Haar und erinnert sich an die flaumige Vollkommenheit seines runden Kopfes, als er noch ein Baby war. »Hattest du einen bösen Traum?«, fragt sie. Dabei ist ein Hauch ihres ursprünglichen französischen Akzents zu hören, der ihrer Stimme einen besonderen Charme verleiht, den die meisten Leute nicht einordnen können. Lucky sagt nichts, und sie fühlt sich einen Moment hilflos. Wehmütig denkt sie an die Zeit, in der sie ihn über den schlimmsten cauchemar allein mit der sanften Berührung ihrer Hand und einem Streicheln seiner Stirn mit ihren Lippen wie durch Zauberei hinwegtrösten konnte. Ich sollte loslassen, denkt sie - nicht zum ersten Mal und nicht nur bei einer solchen Gelegenheit. Als ob loszulassen so einfach wäre. Sie schließt das Fenster gegen das zunehmende Geprassel des Regens und verlässt dann das Zimmer.

Während Delphine am Morgen ihre Haare aus den Zöpfen befreit und sie in lockeren Wellen über den Rücken fallen lässt wie ein Filmstar aus den Vierzigern, hat Lucky bereits seine Frühstücksflocken und eine Scheibe Toast vertilgt und steuert auf die Tür zu. Gerade als er die Küche verlassen will, kommt sie herein. Er sagt unvermittelt: »Bye, Ma!«, küsst sie mehr aus Gewohnheit als aus Zuneigung und rennt mit einem Ball unter dem Arm die Stufen zur Straße nach unten. Während sie den Kaffee aufsetzt, kann sie sehen, wie er den Ball sorgfältig in der nassen Kuhle des Bürgersteigs platziert, ihn die vornehme, von Bäumen bestandene Straße entlangkickt und verfolgt. Jinan kommt zu ihr in die Küche - geduscht, angezogen und für sein sehr wichtiges Meeting gerüstet. Sein braunes Gesicht ist so gut geschrubbt, dass es nahezu glänzt, sein Haar sieht unglaublich glatt aus.

»Ist Luhith schon weg?«, fragt er.

»Mhm«, bejaht Delphine unverbindlich und kümmert sich um den Kaffee, um das unausweichliche Gespräch über »den Jungen« zu vermeiden, das Jinan morgens immer so gern zu führen scheint.

»Warum ist er schon so früh gegangen?«, bohrt Jinan weiter.

»Training?«, mutmaßt Delphine vorsichtig. Sie weiß, dass kein Training ist, denn das findet montags, mittwochs und natürlich samstags statt.

»Das sollte lieber ausfallen, verdammt. Wie viel Training braucht der Junge denn noch? Es geht doch nicht um Höchstleistungen. Kick den Ball, der Ball geht ins Tor, wer die meisten Tore schießt, hat gewonnen«, sagt Jinan und kommt für sein Lieblingsgesprächsthema in Fahrt. »Es ist doch nicht so, als ob er für den schwarzen Gürtel in Karate oder so was trainieren würde. Etwas Nützliches.«

Delphine seufzt und fragt sich, ob sie die Küche verlassen soll, damit die Diskussion beendet ist, bevor es mit »Als ich in seinem Alter war .« weitergeht. Sie räuspert sich, um Jinan zu unterbrechen. »Und wo ist dein Meeting heute Morgen? Wirst du abgeholt?«

»Berkeley Square. Nein, ich fahre selbst«, antwortet er knapp, nicht gewillt, sich ablenken zu lassen. »Das Problem mit Luhith ist, dass er nicht weiß, was er will. Als ich in seinem Alter war, wusste ich genau, was ich wollte .«

»Ja, ich weiß«, sagt Delphine trocken, und Jinan bricht betreten ab. Seine Frau ist sechs Jahre älter als er, und als er noch ein vierzehnjähriger Schüler war, war sie bereits eine zwanzigjährige Frau, eine unerreichbare Göttin, die zur Welt der Erwachsenen gehörte. Sie hatte ihn den Hamlet in einer Schulaufführung spielen sehen. Herrgott noch mal, manchmal brachte ihn Delphine dazu, sich so zu fühlen, als wäre er nicht älter als Lucky, obwohl er mittlerweile ein einigermaßen erfolgreicher Jurist mit einem sechsstelligen Gehalt und einem sehr wichtigen Meeting war.

»Also, ich gehe jetzt...

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