Der Weg nach Los Angeles

Roman
 
 
Aufbau Verlag GmbH
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 4. Dezember 2017
  • |
  • 268 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8412-1422-5 (ISBN)
 
»John Fantes Romane gehören zum Besten, was die amerikanische Literatur je hervorgebracht hat.« Charles Bukowski 50 Jahre nach seinem Tod erschien Fantes erster Roman um sein Alter Ego Arturo Bandini, einen so größenwahnsinnigen wie stolzen Italo-Amerikaner, der das Glück im Kalifornien der 30er Jahre sucht. Alex Capus hat das Originalmanuskript aufgespürt und Arturo Bandini neu zum Leben erweckt. Anfang der dreißiger Jahre, ein Vorort von Los Angeles: Nach dem Tod seines Vaters muss sich der 18-jährige Arturo Bandini in einer heruntergekommenen Fischfabrik sein Brot verdienen. Doch er hat den Alltag und den endlosen Kleinkrieg zu Hause satt. Er liest Schopenhauer und Nietzsche und träumt von Höherem: Er möchte Schriftsteller werden. Und dafür muss er nach Los Angeles gelangen. Schnell schließt der Leser diesen arroganten, bös-witzigen und doch so sehnsuchtsvollen jungen Mann in sein Herz. Und träumt seinen großen Traum mit ihm. Der Roman erschien nicht mehr zu Fantes Lebzeiten, zu provokant waren Thema und Sprache für das Amerika der dreißiger Jahre. Erst 1985 wurde er veröffentlicht, bei Blumenbar nun erstmals in gebührender Übersetzung. »Fante erzählt mit so viel Liebe und Humor, dass man seine Figuren sofort ins Herz schließt.« Martin Becker, Deutschlandfunk
1. Auflage
  • Deutsch
  • 4,12 MB
978-3-8412-1422-5 (9783841214225)
3841214223 (3841214223)
weitere Ausgaben werden ermittelt
John Fante, geb. 1909 in Denver als Sohn italienischer Einwanderer, zog als Mittzwanziger nach L.A. In einer Stadt, die aus Filmträumen bestand, war er mehr als fehl am Platz, und so entstand sein unnachahmlicher Stil aus innerer Zerrissenheit, Großmut und erlösenden Rachegelüsten. Sein erster Roman "Warte auf den Frühling, Bandini" wurde 1938 veröffentlicht, im Jahr darauf folgte "Warten auf Wunder". Er starb 1983 an einer Folge seiner Diabetes-Erkrankung. Posthum verlieh man ihm den PEN Award für sein Lebenswerk.

3


Ich wachte auf, als meine Schwester nach Hause kam. Mein Kopf schmerzte, und am Rücken hatte ich eine Art Muskelkater, dessen Ursache mir bekannt war - ich hatte zu viel an nackte Frauen gedacht. Die Uhr auf dem Radio zeigte elf. Mona zog ihren Mantel aus und ging auf den Kleiderschrank zu. Ich empfahl ihr, sich von der Schranktür fernzuhalten, falls ihr das Leben lieb sei. Sie lächelte herablassend und trug ihren Mantel ins Schlafzimmer. Ich wälzte mich herum, schwang meine Füße auf den Fußboden und fragte Mona, wo sie gewesen sei. Sie gab keine Antwort. Ihre Gewohnheit, mich wie Luft zu behandeln, trieb mich zur Weißglut. Ich hasste sie nicht, aber manchmal wünschte ich mir, sie zu hassen. Sie war ein hübsches Mädchen, sechzehn Jahre alt und ein wenig größer als ich, mit schwarzem Haar und schwarzen Augen. Einmal hatte sie an der High School einen Preis für die schönsten Zähne gewonnen. Ihr Hintern hatte die Form eines italienischen Brotlaibs, schön rund und genau richtig. Auf der Straße hatte ich schon oft gesehen, wie die Jungs ihr auf den Hintern guckten. Aber Mona war kühl, und ihr Gang war eine Enttäuschung. Meiner Schwester gefiel es nicht, wenn Männer ihr hinterherschauten, das war für sie eine Sünde. Zumindest sagte sie das. Sie fand es ekelhaft und peinlich.

Manchmal ließ sie ihre Schlafzimmertür offenstehen, dann konnte ich sie beobachten. Manchmal guckte ich auch durchs Schlüsselloch oder versteckte mich unter ihrem Bett. Ich sah, wie sie sich rückwärts vor den Spiegel stellte und ihren Hintern betrachtete, wie sie mit den Händen darüberstrich und den Rock straffte. Mona trug ausschließlich enganliegende Röcke. Bevor sie sich auf ihre kühle und gezierte Weise auf einen Stuhl setzte, wischte sie jedes Mal die Sitzfläche ab. Ich hatte schon oft versucht, ihr das Zigarettenrauchen beizubringen, aber sie wollte nicht. Auch hatte ich mehrfach versucht, ihr in Fragen der Lebensführung und der Sexualität mit gutem Rat zur Seite zu stehen, aber dann sagte sie immer, ich sei komplett verrückt. Sie war genau wie mein Vater damals, sehr reinlich und arbeitsam, zu Hause wie in der Schule. Sie kommandierte meine Mutter herum. Mona war klüger als Mamma, aber an meine intellektuelle Brillanz reichte sie nicht heran, nie und nimmer. Sie kommandierte alle herum, nur mich nicht. Nachdem mein Vater gestorben war, hatte sie auch mich herumzukommandieren versucht, aber ich hatte es mir nicht gefallen lassen - nicht von meiner eigenen Schwester. Also beschloss sie, dass es bei mir sowieso nicht der Mühe wert war. Ab und zu ließ ich mich dann doch von ihr herumkommandieren, aber nur, um meine mentale Flexibilität unter Beweis zu stellen. Mona war sauber wie Eis. Wir bekämpften einander wie Hund und Katze.

Ich hatte etwas an mir, das ihr nicht gefiel, das sie abstieß. Vermutlich ahnte sie etwas von den Frauen im Kleiderschrank. Hin und wieder gab ich ihr einen scherzhaften Klaps auf den Hintern, das machte sie wahnsinnig wütend. Einmal griff sie zum Fleischermesser und jagte mich damit durch die Wohnung. Danach sprach sie zwei Wochen kein Wort mehr mit mir und sagte unserer Mutter, sie würde nie wieder mit mir reden und auch nicht mehr am selben Tisch wie ich essen. Schließlich kam sie darüber hinweg, aber ich habe nie vergessen, wie besinnungslos wütend sie damals war. Sie hätte mich abgeschlachtet, wenn sie mich erwischt hätte.

Einmal, als ich noch ein Kind war, hatte ich eine Klapperschlange beobachtet, wie sie gegen drei Scottish Terrier kämpfte. Sie hatte sich auf einem Felsen gesonnt, als die Hunde sie erwischten und in Stücke rissen. Die Schlange hatte keine Chance, aber sie kämpfte tapfer und kontrolliert, bis jeder der drei Hunde ein tropfendes Stück ihres Schlangenkörpers davongetragen hatte. Nur der Schwanz und drei Rasseln blieben zurück, und der Schwanz zuckte immer noch. Ich fand die Schlange auch in diesem traurigen Zustand noch wunderbar. Ich ging zu dem Felsen hinüber, der ein bisschen blutverschmiert war, steckte einen Finger in das Blut und kostete davon. Dann weinte ich um die Klapperschlange, ich würde sie mein Leben lang nie vergessen. Aber wäre sie noch lebendig gewesen, hätte ich mich nicht in ihre Nähe getraut. Ganz ähnlich wie mit dieser Schlange ging es mir mit meiner Schwester und meinem Vater.

Meine Schwester war hübsch und herrisch. Sie hätte eine großartige Ehefrau abgegeben, wenn sie nur nicht so kühl und fromm gewesen wäre. Wenn ein Mann bei uns vorbeikam und sich mit ihr verabreden wollte, ließ sie ihn immer abblitzen. Sie stand dann in der Tür und ließ ihn nicht mal in die Wohnung kommen. Mona wollte Nonne werden, das war das Problem. Bisher hielt unsere Mutter sie davon ab, aber am Tag ihrer Volljährigkeit wollte sie Ernst machen. Der einzige Mann, den sie lieben konnte, war der Menschensohn, und der einzig mögliche Bräutigam Jesus Christus. Meiner Meinung nach klang das alles nach Nonnenkram, ohne Hilfe von außen wäre Mona nicht auf solche Ideen gekommen.

Ihre Grundschuljahre hatte sie bei den Nonnen in San Pedro verbracht, und später war sie, weil mein Vater kein Geld für eine katholische High School hatte, auf die Wilmington High gekommen. Aber gleich nach dem Abschluss war sie zu den Nonnen nach San Pedro zurückgekehrt, und seither verbrachte sie all ihre Tage dort. Sie korrigierte Klassenarbeiten und unterrichtete im Kindergarten, und abends trieb sie sich in der Kirche am Hafen von Wilmington herum und dekorierte den Altar mit Blumen aller Art. Das hatte sie auch heute Abend gemacht.

Sie kam im Morgenmantel aus dem Schlafzimmer.

»Wie geht es Jehova heute denn so?«, fragte ich. »Was hält er von der Quantentheorie?«

Sie ging in die Küche, um sich mit Mutter über die Kirche zu unterhalten. Sie diskutierten die Frage, ob fürs Dekorieren des Altars rote oder weiße Blumen besser geeignet seien.

»Jahve«, sagte ich. »Wenn dir Jahve das nächste Mal über den Weg läuft, richte ihm bitte aus, dass ich ein paar Fragen an ihn hätte.«

Sie redeten weiter.

»O Herr und heiliger Jahve, sieh diese frömmelnde und scheinheilige Mona zu deinen Füßen, diese idiotische, sabbernde Persiflage ernsthaften Tiefsinns. Ach Gott, wie heilig sie ist, barmherziger Gott, wie heilig!«

»Hör auf, Arturo«, sagte Mamma. »Deine Schwester ist müde.«

»O heiliger Geist. O aufgeblasene Dreifaltigkeit, errette uns von der Weltwirtschaftskrise. Wähle Roosevelt. Erhalte uns den Goldstandard. Schmeiß Frankreich raus, aber lass uns drin!«

»Arturo, lass gut sein.«

»O Jehova, könntest du in deiner endlosen Wandlungsfähigkeit nicht ein paar Münzen für die Familie Bandini zusammenkratzen?«

»Schäm dich, Arturo, schäm dich.«

Ich stieg auf das Sofa und schrie: »Ich lehne die Gotteshypothese ab! Nieder mit der Dekadenz betrügerischen Christentums! Religion ist Opium fürs Volk! Alles, was wir sind oder jemals zu werden hoffen, verdanken wir dem Teufel und seinen verbotenen Früchten!«

Da stürzte sich meine Mutter mit dem Besen auf mich. Ihre Beine verhedderten sich am Stiel, während sie mir drohend das strohige Ende des Besens vors Gesicht hielt. Ich schob den Besen beiseite, sprang vom Sofa und riss mir das Hemd vom Leib, dann baute ich mich mit nacktem Oberkörper vor meiner Mutter auf und senkte den Kopf vor ihr.

»Nur zu, lasst eurer Intoleranz freien Lauf! Verfolgt mich! Flechtet mich aufs Rad! Lebt euer Christentum aus. Die gewalttätige Kirche enthüllt ihr blutgeiles Antlitz. Hängt mich auf, bohrt mir glühende Eisen in die Augen! Verbrennt mich auf dem Scheiterhaufen, ihr Christenhunde!«

Mona kam mit einem Glas Wasser. Sie nahm meiner Mutter den Besen aus der Hand und gab ihr das Glas. Mamma nahm einen Schluck und beruhigte sich ein wenig, dann prustete und hustete sie ins Glas und fing an zu weinen.

»Ach Mamma«, sagte Mona, »wein doch nicht. Er spinnt halt.«

Dann sah sie mich an. Ihr Gesicht war wächsern und ausdruckslos. Ich wandte mich von ihr ab und ging ans Fenster. Als ich wieder zu ihr hinsah, schaute sie mich noch immer an.

»Christenhunde«, sagte ich. »Erbsenhirnige Dorfdeppen! Homo Idioticus Americanus! Ihr Schakale, Stinktiere, Wiesel und Esel, alle miteinander! In dieser Familie bin ich der Einzige, an dem die Geißel des Kretinismus vorbeigegangen ist.«

»Du bist ein Trottel«, sagte Mona.

Dann gingen sie ins Schlafzimmer.

»Nenn mich nicht Trottel, du Neurose! Du verklemmte, frustrierte, sabbernde, geifernde Halbnonne!«

»Hast du das gehört?«, sagte meine Mutter. »Wie scheußlich!«

Sie legten sich schlafen. Sie hatten das Schlafzimmer, ich das Sofa. Nachdem sie die Tür hinter sich zugezogen hatten, holte ich die Zeitschriften heraus und legte mich hin. Ich war froh, mir die Mädchen im elektrischen Licht des großen Zimmers anschauen zu können, das war viel besser als im muffigen Schrank. Ich unterhielt mich etwa eine Stunde lang mit ihnen, ging mit Elaine in die Berge und stach mit Rosa in die Südsee, und schließlich versicherte ich ihnen in einer Gruppensitzung, als sie alle um mich versammelt waren, dass ich keine von ihnen den anderen vorzöge und jede ihre gerechte Chance bekommen würde. Aber dann wurde mir das Ganze zu dumm, ich kam mir mehr und mehr wie ein Idiot vor, weil die Mädchen doch alle nur flache, eindimensionale Fotos waren und sich so glichen in Farbe und Lächeln. Eigentlich lächelten sie alle wie die Nutten. Das war doch alles sehr abstoßend. Schau dich nur an, sagte ich zu...

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