Hitlers Parteigenossen

Die Mitglieder der NSDAP 1919-1945
 
 
Campus (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 24. Juni 2020
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  • 584 Seiten
 
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978-3-593-44360-7 (ISBN)
 
Zwischen 1919 und 1945 schlossen sich über zehn Millionen Menschen der NSDAP an, am Ende des Zweiten Weltkriegs war jeder zehnte Deutsche Parteigenosse. Doch wer konnte Mitglied werden und wer nicht? Wann wuchs die NSDAP, die Deutschland während der NS-Diktatur ab 1933 als einzige zugelassene Partei beherrschte, und wann stagnierte ihre Mitgliederzahl? Welche Motive bewogen die Neumitglieder zum Eintritt? Konnte man aus der NSDAP auch wieder austreten? Wie sah die soziale Zusammensetzung der Partei aus? Auf der Basis des mit Abstand größten Datensatzes aus der Zentralen NSDAP-Mitgliederkartei - einer Stichprobe von mehr als 50.000 Personen der Jahre 1925 bis 1945, die das Deutsche Reich samt den angeschlossenen und annektierten Gebieten umfasst - sowie einer Stichprobe früher NSDAP-Mitglieder für die Jahre 1919 bis 1922 untersucht Jürgen W. Falter, einer der renommiertesten Parteienforscher, die NSDAP auf Herz und Nieren - und stellt dabei vertraute historische Gewissheiten zur Disposition. . erste umfassende Monografie zur Mitgliederstruktur der NSDAP . Standardwerk zur Geschichte des Nationalsozialismus
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Jürgen W. Falter ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Universität Mainz. Er war dort von 1993 bis 2012 Inhaber des Lehrstuhls für Innenpolitik und Empirische Politikforschung. Seit 2001 ist er Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz.
Inhalt Vorwort 9 1. Wer durfte NSDAP-Mitglied werden? 17 1.1 Die »historische Minorität« 17 1.2 Von der Bewegungs- zur Regimephase 19 1.3 Die Aufnahmepraxis in der Bewegungsphase 23 1.4 Die Mitgliedsnummer zählt 30 1.5 Die Aufnahmepraxis zwischen 1933 und 1937 34 1.6 Sonderaktionen 40 1.7 Weitgehende Öffnung 1937 43 1.8 Aufhebung der Aufnahmesperre 1939 und erneute Schließung der Partei ab 1942 48 2. Mitgliederbewegungen 55 2.1 Zur Periodisierung 60 2.2 Die Mitgliederentwicklung in den einzelnen Beitrittsperioden 64 2.2.1 Die frühe (NS)DAP 64 2.2.2 Weitere Expansion in der Verbotszeit 65 2.2.3 Die Entwicklung von der Wiedergründung bis zur Reichstagswahl 1930 68 2.2.4 Von der Reichstagswahl 1930 bis zur Machtergreifung 70 2.2.5 Von der Machtergreifung bis zur Schließung der Partei am 1. Mai 1933 74 2.2.6 Die erste Schließungsphase vom 1. Mai 1933 bis zum 19. April 1937 76 2.2.7 1937 bis 1942: Erst weitgehende, dann vollständige Aufhebung der Mitgliedersperre 82 2.2.8 Zur Diskrepanz von Antrags- und Eintrittsdatum 85 2.2.9 1942 bis 1945: Erneute Schließung der Partei 89 2.3 Exkurs: Parteigenossen im Krieg 90 2.4 Der Zusammenhang von Mitgliederzuwachs und Wahlentwicklung 95 2.5 Austritte und Wiedereintritte 98 2.6 Regionale Ausbreitung 104 2.6.1 Hochburgen und Diasporagebiete der NSDAP 110 2.7 Zusammenfassung 112 3. Zur Demographie der NSDAP-Mitglieder: Geschlecht, Alter, Familienstand, Ortsgröße und Konfession 115 3.1 Geschlecht 115 3.2 Alter und Eintrittsgenerationen 123 3.3 Familienstand 138 3.4 Ortsgröße 142 3.5 Der konfessionelle Kontext 152 3.6 Austritte 163 3.7 Zusammenfassung 173 4. Soziale Trägerschichten 176 4.1 Die Wahl der NSDAP durch verschiedene Berufsgruppen 178 4.2 Die berufliche Zusammensetzung der NSDAP-Neumitglieder 181 4.2.1 Ergebnisse zur Berufsstruktur der frühen NSDAP 182 4.2.2 Exkurs: Wasserscheide September 1930? 189 4.2.3 Berufsstruktur der NSDAP-Mitglieder 1925 bis 1945 191 4.3 Ein näherer Blick auf die Berufe der Neueintretenden 206 4.3.1 Die Arbeiter 206 4.3.2 Die Mittelschicht 222 4.3.3 Die Selbständigen und Freiberufler 261 4.3.4 Die Neumitglieder ohne eigenen Hauptberuf und Mithelfende Familienangehörige 275 4.3.5 Arbeitslose 283 4.4 Generationenthese versus Volksparteithese 292 4.5 Zusammenfassung 300 5. Der Sonderfall Österreich 306 5.1 Ein Blick auf die frühe österreichische NSDAP: Ein Forschungsstandbericht 308 5.2 Anmerkungen zur Datenlage 312 5.3 Die Jahre der Illegalität 1933 bis 1938 312 5.4 Die österreichische NSDAP nach dem Anschluss 314 5.4.1 Eine demographische Analyse der österreichischen Parteimitglieder 324 5.4.2 Die soziale und berufliche Zusammensetzung der österreichischen NSDAP-Mitglieder 336 5.5 Generationen- oder Volkspartei? 352 5.6 Die Mitgliederrekrutierung hemmender und begünstigender politischer Kontext 353 5.7 Fazit 355 6. Der Reichsgau Sudetenland 361 6.1 Vorgeschichte, Anschluss und Mitgliederentwicklung 361 6.2 Demographie 366 6.3 Berufliche Zusammensetzung 374 6.4 Zusammenfassung der Ergebnisse für den Sudetengau 390 7. Die NSDAP-Mitglieder in den Millionenstädten Berlin, Hamburg und Wien 393 7.1 Zur Mitgliederentwicklung 403 7.2 Zur Demographie der NSDAP-Neumitglieder 411 7.3 Berufs- und Sozialstruktur 417 8. Eintritts- und Austrittsmotive 425 8.1 Materiallage und Forschungsstand 433 8.2 In den Entnazifizierungsakten des Gaus Hessen-Nassau genannte Beitrittsmotive 449 8.3 Motive des Parteiaustritts und der Inaktivität von Mitgliedern der »Alten Garde« 463 8.4 Allgemeine Erklärungsmodelle 467 9. Fazit und Diskussion der Ergebnisse 473 9.1 Wichtige Ergebnisse dieser Studie 474 9.1.1 Mitgliederentwicklung 474 9.1.2 Die Entwicklung in Österreich und im Sudetenland 476 9.1.3 Generation und Beruf 478 9.1.4 Motive 480 9.2 Welche Erklärungsversuche greifen? 482 9.3 Idealisten, Karrieristen und Opportunisten 485 9.3.1 Anmerkungen zur Kollektivschuldthese 486 9.3.2 Kollektivschuld der NSDAP-Mitglieder? 488 9.4 Mentale Nachwirkungen des Nationalsozialismus 491 9.5 Ist politischer Extremismus ein zwar unwillkommenes, aber unvermeidliches Kind gesellschaftlicher Modernisierung? 497 Anhang 505 Anmerkungen 528 Literatur 573
Vorwort Als ich 1991 mein Buch Hitlers Wähler veröffentlichte, war dem eine zwölf Jahre dauernde Forschungsreise vorausgegangen, die zwar Unterbrechungen und Ausflüge in andere politikwissenschaftliche Regionen aufwies, aber doch beachtlich lang war. Diesmal sind »nur« siebeneinhalb Jahre seit meiner ersten Beschäftigung mit dem Projekt vergangen, dessen Ergebnisse hier vorgestellt werden. Diese ­Reise wurde allerdings, anders als die zu den Wählern der NSDAP, kaum durch größere Exkursionen unterbrochen. Streng genommen begann die Expedition in das ­weite Gebiet der NS-Mitgliederforschung allerdings schon in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Ich hatte das Glück, durch die freundschaftliche Verbindung mit dem damaligen Direktor des Berlin Document Center (BDC), ­Daniel Simon, direkten Zugang zu den Beständen des BDC zu bekommen. Das war für (West-)Berliner Hochschullehrer wegen der außerordentlich restriktiven Handhabung von Genehmigungen durch die zuständige Senatsverwaltung ansonsten praktisch unmöglich. Sein Nachfolger, David Marwell, selbst Historiker, ermöglichte es mir dann, gemeinsam mit einem amerikanischen Kollegen, dem Soziologen William Brustein, der damals an der University of Minnesota lehrte, aus der zentralen NSDAP-Mitgliederkartei eine sehr große Stichprobe von rund 42.000 Fällen zu ziehen. Tatsächlich bestand diese Mitgliederkartei aus den überlieferten Beständen von zwei verschiedenen, unterschiedlich aufgebauten Karteien, nämlich der ursprünglich geographisch gegliederten sogenannten Gau- oder Ortskartei, die nach dem Kriege zu Entnazifizierungszwecken in alphabetischer Form neu organisiert wurde, und der immer schon alphabetisch aufgebauten Reichskartei. Brustein und ich waren, unterstützt durch eine große Zahl von studentischen Hilfskräften und wissenschaftlichen Mitarbeitern, die ersten, die aus beiden Karteien eine umfassende zufallsgesteuerte Auswahl ziehen konnten. Der an sich schon aufwendigen Erhebung der Daten, die nun nicht mehr, wie meine allerersten Arbeiten an den Mitgliederkarteien, direkt an den mehr als 7.500 Karteikästen vorgenommen werden konnte, schloss sich der extrem zeit- und personalaufwendige Prozess der Datenbereinigung und der Kodierung der auf den Mitgliedskarten enthaltenen Informationen an. So wurde aus den Vornamen der Parteimitglieder das Geschlecht ermittelt, wurden aus Tausenden von Berufsbezeichnungen unterschiedliche, analytisch auswertbare Kategoriensysteme gebildet. Das war zum einen eine an der Berufszählung von 1925 orientierte Berufsklassifikation, dazu zählten aber auch die von Michael Kater und Detlef Mühlberger entwickelten, sehr differenzierten sozialen Schichtungsschemata mit bis zu 30 Kategorien. Codiert wurden die 42.000 Mitglieder unserer Stichprobe auch nach Wirtschaftsabteilungen und nach den einzelnen Wirtschaftsgruppen, in denen die NSDAP-Mitglieder als Arbeiter, Angestellte oder Selbständige tätig waren. Ferner wurde versucht, zwischen Angestellten- und Beamtenberufen zu unterscheiden und die selbständigen Kaufleute und Handwerker von den unselbständigen zu trennen. Nicht minder aufwendig war die Synchronisation der auf den Karteikarten angegebenen Geburts- und Wohnorte mit den Gemeinden und Kreisen des in meinem früheren Projekt über die Wähler der NSDAP aufgestellten Wahl- und Sozialdatensatzes. Aus dieser nicht Monate, sondern Jahre dauernden Sisyphusarbeit resultierte dann ein weltweit einmaliger integrierter Datensatz mit mehr als 42.000 Mitglieder- und Sozialdaten zur NSDAP. Unser Erkenntnisinteresse war damals auf die Jahre 1925 bis 1933 begrenzt. Für die Zeit danach gab es einerseits schon eine von dem deutsch-kanadischen Forscher Michael Kater erhobene - allerdings auf die Gaukartei beschränkte - Stichprobe, deren Auswertung er in seinem 1983 publizierten Werk The Nazi Party niederschrieb. Dieses Buch ist bis dato das Standardwerk über die berufliche und demographische Zusammensetzung der NSDAP. Ebenfalls bei der Erhebung unserer Stichprobe nicht berücksichtigt wurden von uns die rund 75.000 österreichischen NSDAP-Mitglieder, welche sich der Partei bis zu ihrem Mitte 1933 erfolgten Verbot durch die Wiener Regierung angeschlossen hatten. Dieses nicht unbedeutende Segment von NSDAP-Mitgliedern wurde durch den österreichischen Historiker Gerhard Botz abgedeckt, der wie Kater seine Stichproben aus der Gaukartei erhob, sodass seinerzeit für uns kein Grund zu bestehen schien, dessen Arbeit zu verdoppeln. Nachträglich gesehen war das ein vermeidbarer, allerdings nicht mehr zu behebender Fehler, ebenso wie die Tatsache, dass wir bestimmte auf den Mitgliedskarten enthaltene Informationen wie den Tod oder den Ausschluss von Parteigenossen bei der Aufnahme der Daten nicht berücksichtigten. Aus den damals von uns erhobenen Daten resultierten diverse Publikationen des Verfassers und William Brusteins, die teils allein, teils in Kooperation publiziert wurden. Ein weithin beachtetes Ergebnis der gemeinsamen Datenerhebung ist das Buch von Brustein, The Logic of Evil, in dem er nachwies, dass das Beitrittsverhalten der Arbeitermitglieder der NSDAP, von denen wir viel mehr in unserer Stichprobe vorfanden als ursprünglich angenommen, durchaus rationalen Kriterien folgte. Aus der Feder des Verfassers selbst stammte eine Untersuchung der jungen Mitglieder der NSDAP, ferner der sogenannten Märzgefallenen, gemeint sind diejenigen, die sich nach der Märzwahl 1933 kurz vor Schließung der Partei noch rasch der Partei anschlossen, sowie eine Überprüfung gängiger Theorien über die Massenbasis des Nationalsozialismus. Durch meinen Anfang 1993 erfolgten Wechsel von der Freien Universität Berlin an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz kam die Arbeit mit den Mitgliederdaten zunächst zum Erliegen. Ursachen dafür waren der anders gewidmete Lehrstuhl, andere, nun wieder stärker gegenwartsbezogene Forschungsinteressen und die Vorstellung, dass eigentlich das Wichtigste über die Mitglieder der NSDAP inzwischen gesagt sei, dass folglich der Grenznutzen zusätzlicher Forschung über dieses Thema vergleichsweise gering sei. Während meiner Tätigkeit als Inhaber des Mainzer Lehrstuhls für »Innenpolitik und das politische System der Bundesrepublik« befasste ich mich nur noch in zwei kleineren Publikationen mit den Mitgliedern der NSDAP: nämlich den bereits erwähnten »Märzgefallenen«, die ich zum Gegenstand meiner Mainzer Antrittsvorlesung machte, und einer zusammen mit dem leider viel zu früh verstorbenen deutsch-britischen Forscher Detlef Mühlberger durchgeführten Untersuchung über die NSDAP-Mitglieder in Stadt- und Landkreis Wetzlar. Erst nach meiner Entpflichtung als Lehrstuhlinhaber im Jahre 2012, der sich unmittelbar die Ernennung zum Senior-Forschungsprofessor anschloss - eine seltene, nur an ganz wenige rheinland-pfälzische Emeriti vom jeweiligen Wissenschaftsminister verliehene Bezeichnung, die mehr als einen Ehrentitel darstellte, weil sie das weitere Verbleiben an der Universität und die Nutzung von deren Infrastruktur sicherte -, griff ich das so lange liegen gebliebene Thema wieder auf. Grund war die mittlerweile gewachsene Erkenntnis, dass wir bei weitem nicht genug und schon gar nicht alles über dieses Forschungsgebiet wussten. Weder waren die genaue Zahl der NSDAP-Mitglieder zu bestimmten Zeitpunkten oder auch ihre exakte Gesamtzahl bekannt, noch gab es vertiefte Kenntnisse über die berufliche und soziale Zusammensetzung der Partei, über die aus der Partei wieder Ausgetretenen, von denen es gut eine Dreiviertelmillion gab, oder über die mehr als 500.000 sudetendeutschen Parteimitglieder, um nur einige der offenen Fragen zu nennen. Um auch über die Zeit nach 1933 genauere Aussagen machen zu können, zogen wir - nunmehr im Bundesarchiv in Berlin, an das die Daten des BDC übergeben worden waren - zwei weitere Stichproben aus den beiden Mitgliederkarteien, eine proportional aufgebaute und eine disproportional gegliederte, mit deren Hilfe wir auch stichhaltige Aussagen über Jahre mit geringen Eintrittszahlen bekommen wollten. Mit Hilfe einer großzügigen Forschungsförderung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und einer erheblichen Zuwendung der Deutschen Forschungsgemeinschaft waren wir in der Lage, nochmals etwas mehr als 10.000 zusätzliche Fälle für die Jahre 1934 bis 1945 zu erheben. Im Gegensatz zu der früheren Erhebung wurde die Auswahl anhand der verfilmten Mitgliedskarten vorgenommen. An die Originalkarteikarten kamen wir nun nicht mehr heran, da die Gefahr der Zerstörung oder des Unbrauchbarwerdens durch starke Abnutzung zu groß erschien. Anders als in der Erhebung von 1989 bemühten wir uns, alle auf den Karteikarten wiedergegebenen relevanten Daten zu erfassen, also auch die Nachricht über den Tod eines Mitglieds, seinen Ausschluss aus der Partei, aber auch Namenswechsel aufgrund von Eheschließungen usw. Die Ziehung erfolgte dabei nach einem analog strukturierten Ziehungsplan wie 1989. Eine exakte Duplikation des Ziehungsverfahrens von 1989 war angesichts der geänderten Zugangsform zu den Mitgliedskarten nicht mehr möglich. Dem schloss sich eine wiederum eher Jahre als Monate dauernde Phase der Datenbereinigung, Kodierung und Synchronisation der Mitglieds- mit den Wahl- und Sozialdaten sowie zusätzlich der Anpassung der leicht unterschiedlich aufgebauten Datensätze von 1989 und 2012 an. Parallel dazu bemühten wir uns, ein Malheur, das sichtlich bei der Bearbeitung der Daten entstanden war, nach Möglichkeit wieder auszubügeln. Im Rahmen von Codierungsarbeiten waren von der Minnesota-Gruppe aus der von ihr gezogenen Stichprobe bestimmte Merkmale aus dem Datensatz herausgelöst, bearbeitet und dann wieder eingefügt worden. Da aber mittlerweile bei der Bearbeitung anderer, im Datensatz verbliebener Merkmale es sichtlich zur Streichung einiger über den Datensatz verstreuter Fälle kam, passte nun plötzlich, ohne dass dies jemand merkte, die Fallstruktur des Datensatzes und der herausgeschnittenen und wieder eingefügten Merkmale nicht mehr zusammen. Es kam zu Strukturverschiebungen bei bestimmten Personenmerkmalen, sodass nun mehrere Merkmale nicht mehr den Personen, zu denen sie ursprünglich gehörten, sondern anderen zugeordnet wurden. Das Malheur bestand darin, dass dieser Fehler erst über 20 Jahre später von uns entdeckt wurde, als wir bei einer Datenüberprüfung die (konsekutiv vergebenen) Mitgliedsnummern mit dem Eintrittsdatum korrelierten und nicht die zu erwartende hohe positive Korrelation, sondern eine Nullkorrelation herauskam oder, anders ausgedrückt, kein positiver statistischer Zusammenhang, sondern ein nahezu perfekter Nicht-Zusammenhang. Da waren aber schon diverse Publikationen, teilweise solche des Verfassers, teilweise von William Brustein und seiner Mitarbeiter inklusive seines Buches The Logic of Evil, in der Welt. Wie sich herausstellte waren diese Strukturverschiebungen auf die 28.000 Fälle des Minnesota-Teils der Erhebung begrenzt. Der rund 13.000 Stichprobenfälle umfassende Berlin-Teil war nicht davon betroffen. Eine Nachberechnung der bis dahin veröffentlichten Untersuchungen anhand der Daten des Berlin-Teils zeigte Gott sei Dank keine gravierenden Verzerrungen der Ergebnisse, sodass die in den Publikationen der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts veröffentlichten Forschungsresultate nicht grundlegend revidiert werden mussten. Wenn es überhaupt Verschiebungen gab, bezogen sich diese auf nur wenige Prozentpunkte und betrafen nicht die Substanz der Aussagen. Die fast ein dreiviertel Jahr dauernde Bereinigung dieses wahrhaft gravierenden Datenfehlers war nur möglich, da ein großer Teil der Originaldatensätze noch auf sogenannten Floppy-Disks erhalten war, die allerdings wegen des allmählich fortschreitenden Entmagnetisierungsprozesses nicht mehr alle perfekt lesbar waren. Meiner damaligen Mitarbeiterin, Kristine Khachatryan, gelang es, den Datensatz bei Verlust nur relativ weniger Fälle wieder in seiner ursprünglichen, korrekten Form zu rekonstruieren, sodass wir damit unbesorgt arbeiten konnten. Dieser neue, erweiterte Datensatz, der sich aus dem ursprünglichen Berlin- und Minnesota-Datensatz und der Mainzer Erhebung zusammensetzt, erlaubte es, die Fragestellung um Aspekte zu erweitern, die Michael Kater aufgrund der Tatsache, dass er bei der Ziehung seiner rund 18.000 Fälle umfassenden Stichprobe nur fünf zentrale Merkmale erhoben hatte, nicht bearbeiten konnte. Gerhard Botz dagegen, der gleich mehrere Stichproben österreichischer NSDAP-Mitglieder aus der Gaukartei des BDC gezogen hatte, nahm von Anfang an alle auf den jeweiligen Karten verzeichneten Merkmale auf, was es ihm ermöglichte, sehr differenzierte Auswertungen über die Zusammensetzung der österreichischen Parteimitglieder durchzuführen. Auch Detlef Mühlberger führte eine Reihe von Untersuchungen über die soziale Zusammensetzung der NSDAP-Mitglieder durch, wobei seine Datenauswahl allerdings jeweils regional begrenzt blieb. Zu nennen ist schließlich noch als eine ernst zu nehmende, allerdings relativ unbekannt gebliebene Studie zu den NSDAP-Mitgliedern die amerikanische Dissertation von J. Paul Madden aus dem Jahre 1976. Seine Stichprobe zog er anders als Botz und Kater aus der alphabetisch geordneten Reichskartei. Dabei wählte er einen stichprobentheoretisch recht eigenwilligen Weg, indem er eine Gesamterhebung bestimmter Buchstaben vornahm, was angesichts der regionalen Klumpung einzelner Familiennamen und damit auch bestimmter Berufe tendenziell zu Verzerrungen führen konnte. Überdies weisen seine Publikationen zum Thema, nicht zuletzt bedingt durch seine doch recht begrenzte Kenntnis der deutschen Sprache, manche groteske Übersetzung bestimmter Berufsbezeichnungen auf. Ebenso auf sprachliche Probleme dürfte seine sehr fehlerhafte Aufteilung der Arbeiterschaft zurückzuführen sein, bei der er den Facharbeiteranteil in der Bevölkerung wie auch unter den NSDAP-Mitgliedern gravierend unterschätzt. Der im Verlauf der zurückliegenden Jahre erarbeitete Datensatz, der sich wie erwähnt aus einem Berlin-Teil, einem Minnesota-Teil und einem Mainzer Teil zusammensetzt und den wir deswegen der Kürze halber MBM-Datensatz genannt haben, ermöglicht die Bearbeitung einer Vielzahl differenzierter Fragestellungen, die in diesem Band angesprochen und soweit möglich beantwortet werden. Dazu gehören zunächst einmal genauere Ausführungen über das Mitgliederwachstum der NSDAP, und zwar sowohl insgesamt als auch regional gegliedert. In die NSDAP eingetreten sind unseren Berechnungen nach zwischen 1925 und 1945 rund 10 Millionen Mitglieder, wieder ausgetreten sind im gleichen Zeitraum über eine Dreiviertelmillion Parteigenossen. Am Ende des Krieges gab es rund 9 Millionen registrierte Parteimitglieder. Allein in Österreich traten der NSDAP bis 1945 gut 700.000 Personen bei, im Sudetenland waren es mehr als eine halbe Million. Sehr differenzierte Analysen lassen sich auf der Grundlage des MBM-Datensatzes hinsichtlich der demographischen Zusammensetzung der Partei durchführen, was in einem eigenen Kapitel geschieht. Das vielleicht wichtigste Ergebnis ist der weit überproportionale Anteil von Personen unter den Beitretenden, die zwischen 1900 und 1915 geboren wurden, der sogenannten Kriegskindergeneration. Diese Generation dominiert nicht nur unter den bis zur Machtergreifung Eingetretenen, sondern auch unter den »Märzgefallenen« und selbst noch unter den österreichischen »Illegalen« und den 1938 in die NSDAP aufgenommenen sudetendeutschen Mitgliedern. Dagegen spielt die in der Literatur oft angesprochene Frontkämpfergeneration, worunter hier die zwischen 1880 und 1900 Geborenen verstanden werden, im Vergleich dazu keine so starke Rolle unter den NSDAP-Beitretenden.

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